Zitat von GastB:Willst du etwa sagen, dass ein Kind, das von seinen Eltern fast ermordet wird, keine tiefe emotionale Verletzung abbekommt und diese später nicht erst als "Schuld" der Eltern erlebt?
Ja eben, das 'später' ist IMHO ausschlaggebend. Betroffene Kinder lieben ihre Eltern trotzt all der Grausamkeiten, die ihnen durch sie zugefügt werden und entwickeln Schutzmechanismen, die sie vor noch größeren psychischen Schäden schützen. Im späteren Leben, wenn frühere Gefahrensituationen ausbleiben, erweisen sich diese Muster als hinderlich - und das ist unser aller Problem, das aber locker zu lösen wäre, wenn man sich eben die dafür notwendige freie Sicht bewahren könnte. Die wird aber durch Schuldzuweisungen, die sich auf das 'Vergangene' beziehen und eine Hemmung darstellen, getrübt.
Zitat von GastB:Es geht darum, die eigene Wunde zu schließen, die durch die seelische Verletzung entstanden ist, die man durch den anderen erhalten hat.
Das Kind weist keine Schuld zu, der Erwachsene vergeudet aufgrund dessen seine Kräfte. Auch die Emotionen, die er in dieser Lage hegt, sind kontraproduktiv. Selbstmitleid, Gekränktsein, Rachegefühle usw. Das alles verbessert nichts - das tut man eben wenn man weiter leiden will. Die Frage ist, ob das unumgänglich ist, weil wie gesagt, dadurch ein Genesungsprozess gehindert wird. Das 'Verzeihen' ist für mich in dieser Situation nur eine arrogante Pose, weil sie eine Folge der Schuldzuweisung ist, die schon von vornherein nicht angemessen war.
Eine Schuldzuweisung impliziert - außer all der Nachteile die schon im verlinkten Text erwähnt wurden - eine Wertung anhand der eigenen Maßstäbe, d. h. man versucht einen anderen mit der eigenen Problematik zu erschlagen.... anstatt an ihr zu arbeiten - aber da wiederhole ich mich wieder. Es ist m. E. eine Zahn-um-Zahn-Einstellung.
Ich bin kein Christ. 'Verzeihen im Herzen', wie du schreibst - darunter kann ich mir nichts vorstellen. Wenn ich Schuld nicht zuweise, sondern ausblende und mich auf das Verständnis der Ursachen und deren Folgen einschränke, habe ich kein Problem mit Schuld-Vergeben und Schuld-Verzeihen. Das 'Herz' müsste doch in dem Fall kontinuierlich ruhig und unbelastet bleiben.