@Schlaflose, die Rechnung "Kinderlose sparen dem Staat Geld" ist etwas einseitig. Ja, Kinder kosten bis 25 Bildungs- und Familienleistungen. Dieselben Personen zahlen aber über ihr Erwerbsleben ein Vielfaches davon wieder ein. Lohnsteuer, Sozialabgaben, Mehrwertsteuer. Netto ist eine durchschnittliche Erwerbsbiografie deutlich positiv für den Staatshaushalt. Genau das ist der Mechanismus, ohne den der Sozialstaat nicht funktioniert. Wenn man also "ersparte Kinderkosten" gegen den Sozialstaat aufrechnet, müsste man fairerweise auch ansetzen, was dem System fehlt, weil diese Personen keine zukünftigen Beitragszahler hervorbringen. Tut man beides, landet man beim Trittbrettfahrer-Punkt, den @Pauline333 weiter oben angesprochen hat.
@Islandfan, drei Punkte zu Deinem Beitrag:
Zur "Freiwilligkeit": Kinder sind freiwillig, das stimmt (hoffentlich!). Genauso freiwillig nimmt aber die Gesellschaft die Arbeit dieser Kinder später in Anspruch. Im Pflegeheim, im Krankenhaus, an der Supermarktkasse, im Handwerk, usw. Wenn Freiwilligkeit das Kriterium sein soll, gilt sie in beide Richtungen. @Pauline333 hat auf eine reale ökonomische Asymmetrie aus privaten Kosten und sozialisiertem Nutzen hingewiesen. "Wer Kinder will, soll halt nicht jammern" geht an dem Argument vorbei.
Zu Akademikerinnen: Akademikerinnen in Deutschland haben im Schnitt rund 1,4 Kinder, die Kinderlosenquote liegt bei ca. 25 % (vs. ~16 % bei Frauen ohne Hochschulabschluss, BiB-Daten). Das ist aber keine Naturkonstante. In Schweden, Frankreich oder Tschechien ist der Bildungs-Fertilitäts-Gap deutlich kleiner als bei uns, weil Krippe ab Jahr eins, Ganztagsschule, bezahlbare Mieten in Ballungsräumen und Elternzeit für beide Geschlechter selbstverständlicher sind. Wo die Strukturen passen, schrumpft der Spalt. Wo nicht, klafft er. Das ist exakt mein Punkt von vorhin gewesen.
Zum "Prekariat brütet, Mittelschicht arbeitet": Das ist die These, die zwar rhetorisch funktioniert, statistisch aber nicht und zudem so einige Gruppen an Menschen problematisch stigmatisiert. Der Großteil der Bürgergeld-Empfänger sind nicht "die nicht arbeiten". Es sind Alleinerziehende, Aufstocker (etwa 800.000 Menschen, die arbeiten und trotzdem nicht über die Runden kommen), Erwerbsunfähige, Kranke, Pflegende. Erwerbsfähige, gesunde Langzeitarbeitslose ohne Vermittlungshemmnisse sind ein kleiner Bruchteil. Die Geburtenrate in Bürgergeld-Haushalten ist nicht dramatisch höher als im Durchschnitt. Die durchschnittliche Bedarfsgemeinschaft hat 1,8 Personen. Das Bild der "Hartz-IV-Großfamilie mit fünf Kindern" gibt es, ist aber statistisch eine Randerscheinung, kein Trend. Der jüngste starke Anstieg der Empfängerzahlen ist fast vollständig durch ukrainische Geflüchtete erklärbar (Sondereffekt seit 2022, Rechtskreiswechsel SGB II). Davor war die Zahl jahrelang rückläufig. Die Arbeiterhaushalte der 70er hatten ihre höhere Kinderzahl nicht, weil "die Gesellschaft sie auffing", sondern weil Frauen bis dahin kaum andere Lebensentwürfe offenstanden. Bildungsbeteiligung, Pille, Erwerbsquote. Mit der Modernisierung ist die Geburtenrate in allen Schichten gesunken, nicht nur in den oberen.
Das heißt nicht, dass es keine Probleme mit Bildungsvererbung, Langzeitbezug oder Generationenarmut gäbe. Die gibt es, und sie sind ernst. Aber die Erzählung "die einen arbeiten, die anderen vermehren sich auf deren Kosten" verpackt zwei reale Probleme in eine moralisch aufgeladene Geschichte, die so nicht zutrifft. Wenn man die Sozialstaatsdebatte ehrlich führen will, muss man das mit Fakten tun, nicht mit Vorurteilen.