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tschick
Hallo ,

Da ich in letzter Zeit wieder weniger mit mir selbst und meinen Gefühlen klar komme dachte ich, es könnte mir vllt. ein bisschen helfen hier im Forum zu schreiben. Ich weiß das nur ich selbst meine Probleme lösen kann, aber ich würde mich auch sehr gerne austauschen mit anderen.

Da ich mittlerweile eine erwachsene Frau bin, möchte ich nicht meine Vergangenheit für alles verantwortlich machen, aber ich denke das viele meiner Probleme auch daher kommen bzw. damals angefangen haben.
In meiner Kindheit habe ich fast nur Streit erlebt, meine Eltern haben sich täglich gestritten und ich habe auch nie erlebt, das sie mal liebevoll oder respektvoll miteinander umgegangen sind. Mein Vater war selten zu Hause, er lebte fast nur für seine Arbeit und für ihn war der Erfolg alles was zählte, jemand der nicht studiert hat oder Karriere machte, war für ihn ein Versager. Er ging oft sehr herablassend mit meiner Mutter um.
Als ich noch klein war, konnte er auch nicht sehr viel mit mir anfangen oder wusste oft nicht wie er mit mir, als Kind, umgehen sollte.
Kurz vor der Scheidung meiner Eltern, da war ich ca. 8,9 Jahre alt, habe ich oft mitbekommen, wie meine Mutter ihren Freund zu uns nach Hause eingeladen hat während mein Vater nicht da war. Sie war damals Alk. und saß oft in Kneipen rum, manchmal hat sie mich auch mitgenommen, ich wurde dann quasi abgeladen und langweilte mich oft stundenlang, ihr war das damals glaube ich ziemlich egal. Es gab auch Abende, an denen sie nach Hause kam und ich habe ihre Haare gehalten weil sie sich in der Badewanne übergeben musste oder nicht mehr stehen konnte.
Eines Tages hat sie dann in einer nächtlichen und heimlichen Aktion ihre Sachen eingepackt und mich mitgenommen, wir sind bei ihrem neuen Freund eingezogen. Ich weiß noch, das ich damals tagelang geweint habe weil ich nicht von meinen Freunden weg wollte.
Ab da wurde dann alles nur noch schlimmer, ich habe natürlich den neuen Freund meiner Mutter erstmal nicht akzeptiert oder ihn als neuen Vater gesehen, so wie er das gerne gehabt hätte. Er reagierte darauf immer sehr aggressiv mir gegenüber, drohte mir mit Schlägen, beschimpfte mich oft als behindert oder warf mir vor, das nur ich das Problem bin, gäbe es mich nicht würde die Beziehung mit meiner Mutter viel einfacher sein. Er hat mir verboten Freunde nach Hause einzuladen und ist bei jeder Kleinigkeit ausgerastet.

Meine Mutter hat dazu nie etwas gesagt, sie hat das einfach so hingenommen, war immer auf seiner Seite, egal wie er mich behandelt hat. Natürlich haben die beiden sich dann auch bald täglich und heftig gestritten, das ganze ging jahrelang so.
Dazu kam, das mein Vater meine Mutter in Briefen beschimpft hat, kein Unterhalt zahlte etc.
Des öfteren hat er mich abgefangen, auf meinem Heimweg aus der Schule, beim einkaufen oder wenn ich draußen mit Freunden spazieren war. Er hat mir dann immer eine Szene gemacht, egal wer es mitbekommen hat. Da ich irgendwann eine Angst vor ihm und seinen Ausbrüchen entwickelte, hab ich ihn nicht mehr besucht und immer wieder den Kontakt abgebrochen.

Daraufhin folgten jahrelange Beschimpfungen von ihm, egal was ich tat, es war nie gut genug.
Als ich dann 15 war, sagte er zu mir, er schämt sich dafür eine Tochter wie mich zu haben, nun behandelte er auch mich wie den allerletzten Dreck, redete mir ein ich wäre psychisch behindert,zurückgeblieben und würde es nie zu was bringen.
Ich muss dazu sagen, ich war nie ein schwieriges Kind, auch in der Pubertät habe ich nie was schlimmes angestellt oder sonstiges. Ich war bis dahin eine gute Schülerin, aber ab der 8. Klasse ging es bergab und alles wurde mir zu viel. Ich wurde immer verschlossener, konnte mich kaum mehr konzentrieren, hatte zu nichts mehr Energie, nur noch schlechte Noten, wurde zur Außenseiterin und auch gemobbt da ich mich so verschlossen habe.
Als ich mit 17 dann meine Schule mit einem schlechten Abschluss beendete, wollte ich nur noch von zu Hause weg, bin wochenlang bei Freunden untergekommen. Die Jahre darauf bin ich dann an einen falschen Freund geraten, die erste große Liebe. Als der mich nur ausgenutzt und schließlich fallen gelassen hat, dachte ich in meinem jungen Alter, kein Mensch auf dieser Welt mag mich, was muss ich für ein abstoßender Mensch sein.
Daraufhin kamen immer mehr Selbstzweifel, schließlich begann bei mir die Magersucht die mich bis vor einem Jahr noch begleitet hat.Es war fast das einzige, das mir das Gefühl gegeben hat, jemand zu sein, mich unter Kontrolle zu haben.
Als ich mit 18 dann vorhatte, in eine eigene Wohnung zu ziehen, passierte meiner Mutter ein Unfall mit über 2 Promille, sie lag monatelang im Koma, man wusste lange Zeit nicht ob sie wieder aufwachen wird, auch danach hat sie nie eingesehen das sie ein Problem hat. Heute geht es ihr aber zum Glück wieder besser.

Über die Jahre habe ich oft versucht, den Kontakt zu meinem Vater zu erhalten, er hat aber immer wieder angefangen, mich nieder zu machen, fing an, meinen Freund zu terrorisieren, drohte mit der Polizei, wollte mir Dinge verbieten und behandelte mich wie ein kleines Kind obwohl ich mittlerweile eine erwachsene Frau bin.
Vor ein paar Jahren startete ich noch einen Versuch, ich lud ihn in meine Wohnung ein auf Kaffee und Kuchen, hab alles blitzeblank aufgeräumt und war auch sehr nervös. Kaum ging er nach dem Treffen zu meiner Haustüre hinaus, bombadierte er meine Mutter mit Anrufen, sagte zu ihr ich würde angeblich in ganz schlimmen Zuständen leben, machte wieder mich und alles drum herum nieder. Nach diesem Vorfall war ich so niedergeschlagen, das ich mir gesagt habe, ich will meinen Vater nie wieder sehen, ich kann das nicht mehr ertragen da es mich so fertig gemacht hat.
Nun vor einem Jahr ist er an Krebs verstorben. Ich hatte keine Möglichkeit mehr mich mit ihm auszusprechen oder mich zu verabschieden.

Irgendwie fühle ich mich bis heute sehr oft verloren, schwach.
Ich fühle mich oft minderwertig, weniger wert als alle anderen, rede mir oft ein das ich nichts im Leben verdient habe. Mir fällt es sehr sehr schwer anderen Menschen zu vertrauen oder eine engere Bindung aufzubauen, oft verfolgen mich schlechte Gedanken und Ängste vor Ablehnung etc.
Seit 3 Jahren bin ich in einer Beziehung, meistens sehr glücklich, mein Freund ist immer für mich da und baut mich auf. Trotz allem verfolgen mich auch da ständige Zweifel, oft unbegründet. Ich kann irgendwie nicht annehmen, das es jemand gut mit mir meint oder mich so nimmt wie ich bin.
Ich kann auch sehr schlecht mit Druck und Stress umgehen und traue mir selbst sehr wenig zu.
Vor einem Jahr habe ich beschlossen, endlich mein Abitur nachzuholen, die Jahre davor hab ich es nur vor mir her geschoben, war wie gelähmt von dem Gedanken das ich es garnicht erst versuchen sollte, da ich es ja eh nicht packe.
Mich macht es fertig mich ständig so zu fühlen und mir selbst im Weg zu stehen, ich möchte endlich richtig leben.

Ich habe auch Zeiten in denen ich mich gut und stark fühle, viel Sport mache und in die Natur gehe, mir neue Ziele setze, doch nach einer Weile komme ich immer wieder an diese Tiefpunkte.
Würde mich sehr über Antworten oder Ratschläge/Erfahrungen freuen.

LG

19.01.2021 20:10 • 19.01.2021 x 1 #1


3 Antworten ↓


silence-
Hi, hört sich doch an wie aus dem Psychologiebuch. Ich glaube du weißt schon genau woher deine Probleme kommen und es wäre auch verwunderlich wenn du die nicht hättest. Ich denke du ordnest das alles schon recht gut ein und kannst gute Fortschritte machen. Ein Buch das ich dir dazu empfehlen kann ist: "Das Kind in dir muss Heimat finden"

Ich finde es tapfer wie du das alles bisher gemeistert hast!
Und bei dem was du alles meistern musstest wäre sicher auch eine Therapie hilfreich. Da gibt es ja viele Übungen um wieder sein Selbstwertgefühl zu stärken usw..

Viel Erfolg auf jeden Fall!

19.01.2021 20:24 • #2



Ängste und mangelndes Selbstwertgefühl hindern mich

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Icefalki
Die ewige Suche nach Liebe, die dir verwehrt wurde und du bist trotz allem so stark.

Defizite ? Natürlich, ist auch nicht verwunderlich, dir wurde massives Unrecht angetan.

Was jetzt bleibt ist aufstehen und dich neu orientieren. Bleib nicht bei diesem Traumata hängen, sondern lerne. Lerne jeden Tag dich neu zu entdecken und hab Geduld.

Den Mist hast du überlebt und das hier bedeutet, du bekommst das hin:
Zitat von tschick:
Ich habe auch Zeiten in denen ich mich gut und stark fühle, viel Sport mache und in die Natur gehe, mir neue Ziele setze,

19.01.2021 20:38 • #3


Liebe tschick,
genauso bei mir, fast bis ins Detail. Es ist kein Wunder, dass es dir so geht. Es muss nicht so bleiben. Du musst aus dem "magischen Kreis" deiner Familie (damit meine ich Eltern und Geschwister) austreten, ganz bewusst und eine neue eigene Grundeinstellung einnehmen. Ich habe alles mögliche hinter mir, darunter Verurteilungen, Schuldzuweisungen, mehrjährige Kontaktabbrüche, Hilfsversuche, Erklärungsversuche, Verzeihen, Lassen. Ein langer Weg. Spiele die dir zugewiesene Rolle nicht mehr, kündige das Engagement, die Bezahlung war ohnehin vergiftet. Der Applaus ebenfalls. Natürlich kannst du Abitur machen, du kannst machen was du willst und worauf du Lust hast. Trenne dich innerlich von diesem Mann (Vater), dieser Frau (Mutter) und eventuellen Schwestern und Brüdern. Dann entsteht eine neue Ebene des Umgangs miteinander, im Fall weiteren verletzenden Verhaltens kann von einem Umgang auch abgesehen werden. Es besteht keine Pflicht, das Theaterstück weiter mitzuspielen, keine! Bleibe nur einem Menschen treu: Dir.
Und lass dich nie mehr negativ beeinflussen, nur positiv! Darauf hast du ein Recht, es ist ein Lebensrecht.
Ganz liebe Grüße

19.01.2021 20:44 • x 1 #4