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Nutzen oder Schaden durch professionelle Helfer?

201812.07




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Hallo, alle zusammen,

inzwischen habe ich als Forums-Neuling an so vielen Stellen eurer Beiträge Übereinstimmungen mit meinen Erfahrungen gefunden, was gescheiterte Kontaktbemühungen angeht, dass mich nun mehr denn je diese Frage beschäftigt:

Wann fangen die Damen und Herren Psychotherapeuten mal an, die Bedeutung ihres Lieblingswortes "Verantwortung" auf ihr eigenes Verhalten Klienten gegenüber anzuwenden? Hätte mir jemals einer von ihnen z. B. gesagt: "Es tut mir sehr leid, dass Sie immer wieder auf derart oberflächliche Menschen stoßen, die sich ohne jede Begründung aus dem Kontakt zurückziehen. Mehr als sich bemühen, kann niemand - auch Sie nicht. Dafür, wie andere mit Ihnen umgehen, sind Sie n i c h t verantwortlich", dann wäre ich zumindest ernst genommen worden. Das hat aber keiner gesagt. Stattdessen gab es Begegnungen wie diese:

Therapeutin: "Wie kommt es, dass Sie keinen Partner haben? Kann es sein, dass Sie gleichgeschlechtlich sind?" Wäre es so, hätte ich kein Problem damit, mich dazu zu bekennen. Wieso auch? Doch ich habe ein großes Problem damit, mich in die nächstbeste Schublade stecken zu lassen, um allen bequem Denkenden den Blick über den Tellerrand zu ersparen. Trotz meiner Verneinung (schließlich weiß ich ja wohl, dass ich mich in der Vergangenheit schon in Männer verliebt hatte - nur die natürlich nicht in mich und dass ich für Frauen derartige Empfindungen nicht hege) hielt die Therapeutin - von meinen weiteren Erläuterungen ebenfalls gänzlich unbeeindruckt - an ihrer Überzeugung fest.

Von einem anderen Therapeuten durfte ich mir anhören, meine Isolation sei selbst gewählt - und das nach zahlreichen Gesprächen, in denen ich wohl deutlich genug bekundet hatte, unter der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu leiden - danke, auch!

Die sich aus der psychotherapeutischen Leitthese "J e d e r ist für sein Leben selbst verantwortlich" (vergleichbar mit "jeder ist seines Glückes Schmied") ergebende Allgemeingültigkeit verrät, dass weder individuelle Voraussetzungen für das Entstehen einer belastenden Lebenssituation noch deren Art in irgendeiner Weise eine Rolle spielen. Hilfesuchende wissen nicht, wie sie selbständig aus der Misere finden, ansonsten würden sie ja keine Hilfe suchen. Therapeuten hingegen müssten das eigentlich wissen, da sie den Klienten die Gestaltungsfähigkeit des jeweils eigenen Lebens (eben als "Glücksschmiede") suggerieren. Es bleibt also die Frage offen, weshalb die Wissenden zu keiner Zeit ihre Weisheit an mich weitergegeben haben - was genau ich als "Glücksschmied" denn bitte hätte veranlassen können, Interessensverbündete zu finden, Menschen mit einem gewissen sozialen und kreativen Niveau - abseits unserer Spaßgesellschaft. Befürchten prof. Helfer, sich eine "Verzierung abzubrechen", wenn auch sie gelegentlich ihre Ahnungslosigkeit einräumen, statt diese hinter verletzenden Reaktionen (wie in meinen genannten Beispielen) zu verbergen? (Partnersuche stand für mich übrigens nie im Vordergrund; ich wäre schon mit weniger zufrieden gewesen: ein/e zuverlässige/r Freund/in hätte mir gereicht...)

In der Dro. an Schulen wirken oft ehemalige Abhängige mit. Diese Leute wissen, wovon sie reden. Haben dagegen Psychotherapeuten irgendeine Vorstellung, wie es sich anfühlt, wenn ...

...jede Bemühung, in der Gesellschaft eine passende Nische zu finden, mit einer Niederlage endet?
...einem nicht geglaubt wird?
...Hochsensiblen fortwährend signalisiert wird, dass sie sich ändern müssen, um gesellschaftsfähig zu werden?

Alle diese Helfer leben in wunderschön geordneten Verhältnissen, sind sozial integriert. Da können sie es sich ja durchaus schon mal leisten, gegenüber einem Klienten, der sich immer wieder vergeblich bemüht hat, sein "Glück zu schmieden" großkotzig zu behaupten: "Hätten Sie jemals in Ihr Leben soviel Energie gesteckt wie in die Umsetzung Ihres Sterbewunsches...." oder: "Warum sollen Sie denn nicht ohne Kontakte leben können? Sie müssen lernen, Kraft ausschließlich aus sich selbst zu schöpfen"...Schade nur, dass die jüngsten Erkenntnisse etwas ganz anderes aussagen, nicht wahr?

Gerne getroffen wird auch diese Aussage: "Man kann i m m e r nur sich selbst ändern und niemals andere." - Wozu haben wir dann ein Strafgesetz und die Justiz? Im Gegensatz zu körperlichem Leid, das jemandem zugefügt wurde, liegt die Verantwortung für erlittenes psychisches Leid stets bei den Opfern - damit die "Täter" sie nicht übernehmen müssen!

Ich würde mich über Antworten freuen.

Quasinemo

Auf das Thema antworten

10 Antworten ↓
Danke3xDanke



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Irgendwo in einer stadt
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  12.07.2018 13:09  
Ouch. Schest wohl recht gutes pech bei den therapeuten gehabt zu haben. Ist auch leider glückssache. Daher habe ich mich anfänglich gleich bei 4 einscchreiben lassen.

Bei mir war die isolation als selbstschutz und grundlegendes verhalten abgetan.. Was übrigens stimmt. Wenn man als kind eingetrichtert bekommt (Komma) das man nichts wert sei und alles nur kapput macht (komma) dann bleibt der gedanke des allein sein müssens kleben. So wars oder ists bei mir. Doch therapeutin X zeigte mir das wohl doh was in mir steckt. Und darauf kann man aufbauen.

Also nicht aufgeben und weiter suchen. Es lohnt sich! Sry übrigens für die defekte komma-Taste

Danke1xDanke


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  12.07.2018 13:53  
Leider, und so ist es in jedem Bereich, gibt es sowohl auch hier gute und schlechte Therapeuten.

Habe auch einmal schlechte Erfahrungen machen müssen. Ganze 3 mal war ich dort und habe dieser Dame dann gesagt, dass ich mehr davon hätte, mit meiner Freundin Kaffee zu trinken, als mich von ihr "therapieren" zu lassen. So war es auch! Sie war PERMANENT während des Gespräches damit beschäftigt auf die Uhr zu schauen, die sie genau vor sich hingestellt hatte und nach Beendigung der "Therapie" war es so, dass ich das Gefühl hatte, sie würde noch nachschieben, damit ich ja schnell genug den "Saal" verlasse. Habe ihr dann gesagt, wenn sie eine GUTE Therapeutin wäre, hätte ich das als Patientin gar nicht bemerken dürfen. War aber nicht die einzige, die mit ihr nicht klar kam. Somit wird es wohl nicht NUR an mir gelegen haben. Im Nachhinein, ist schon einige Jahre her, kann ich mich nur darüber amüsieren.


ABER, es gibt nicht nur solche, sondern Gott sei Dank auch andere. Die Chemie muss einfach stimmen. Somit kann ich mich den Worten von Mademyberg nur anschließen.

Liebe Grüße

Danke2xDanke


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  12.07.2018 20:40  
Kommt auf die Probleme an aber in vielen Fällen halte ich eine Therapie für unnötig. Ich war in einer und mir wurde erfolgreich geholfen, wobei ich mir selbst mehr geholfen habe. Der Therapeut hat mir nur insofern geholfen als er mir wie ein Freund mit Rat zur Seite stand. An meinen Problemen selbst konnte er wenig machen.



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Bayern
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  14.07.2018 12:02  
YesItsMe0 hat geschrieben:
Kommt auf die Probleme an aber in vielen Fällen halte ich eine Therapie für unnötig. Ich war in einer und mir wurde erfolgreich geholfen, wobei ich mir selbst mehr geholfen habe. Der Therapeut hat mir nur insofern geholfen als er mir wie ein Freund mit Rat zur Seite stand. An meinen Problemen selbst konnte er wenig machen.


Dafür ist die Therapie ja auch da.
Die Hoffnung eine Therapie, oder Psychopharmaka würden die Probleme einfach wegzaubern, scheint mir zu weit verbreitet.
Ein Leidensdruck durch Angst o. Depressionen ensteht ja durch die Unfähigkeit damit zurechtzukommen und dafür sollten Mittel und Wege gezeigt werden damit umzugehen.

In der Hinsicht muss man sagen, es gibt auch schlechte Patienten. Welche dann, mal einfach ausgedrückt, aktiv gegen die Therapie arbeiten und sich beschweren es würde nichts helfen.

Danke1xDanke


2694
9
Essen
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  14.07.2018 12:12  
YesItsMe0 hat geschrieben:
Kommt auf die Probleme an aber in vielen Fällen halte ich eine Therapie für unnötig. Ich war in einer und mir wurde erfolgreich geholfen, wobei ich mir selbst mehr geholfen habe. Der Therapeut hat mir nur insofern geholfen als er mir wie ein Freund mit Rat zur Seite stand. An meinen Problemen selbst konnte er wenig machen.


Syllogismus hat geschrieben:
Dafür ist die Therapie ja auch da.
Die Hoffnung eine Therapie, oder Psychopharmaka würden die Probleme einfach wegzaubern, scheint mir zu weit verbreitet.
Ein Leidensdruck durch Angst o. Depressionen ensteht ja durch die Unfähigkeit damit zurechtzukommen und dafür sollten Mittel und Wege gezeigt werden damit umzugehen.

In der Hinsicht muss man sagen, es gibt auch schlechte Patienten. Welche dann, mal einfach ausgedrückt, aktiv gegen die Therapie arbeiten und sich beschweren es würde nichts helfen.

Genauso. Es mag sicherlich schlechte Therapeuten geben.
Aber ein guter Therapeut bringt dem Klienten bei, sich selbst zu heilen. Gibt das Werkzeug dafür an die Hand. Es gibt reichlich Patienten, die erwaten ein Wunder. Ich habe 3 Psychotherapien und knapp 8 Jahre gebraucht, bis ich meine Angststörung im Griff hatte. Man muss auch Geduld haben. Und dran bleiben. Und dem Therapeuten gegenüber ganz konkrete Ziele formulieren. Und Hausaufgaben machen. Psychotherapie ist ein Fulltimejob. Arbeit Arbeit Arbeit. Über Jahre.



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Irgendwo in einer stadt
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  14.07.2018 12:40  
DDas stimmt. So und nicht anders. Als beispieel lass ich mal ein prroblem los.

Mein unterbewustsein\Innereskind schreit und will umbedingt annerkannt und geliebt werden. Es fühlt sich extrem einsam und verstossen.

Wieso: weil ich in der kindheit absolut keinen positiven kontakt mit liebe hatte. Ich wurd nur weggeschickt, geschlagen, angeschrien oder ignoriert.

DDie ursachen meiner probleme in der gegenwart? Meine selbstschutzstrategien! Damals brauchbar, heute überflüssig und eher störend.

Lösung: das bewuste, logisch denkende "erwachsene Ich" stärken. Das innere kind ttrösten. Und es nicht die oberhand gewinnen lassen. "das war alles schlimm. Ja. Aber heute, jetzt, ist es vorbei. Du Darfst sein!" quasi mir bewust machen, dasses vergangenheit ist, und es nun anders ist. Die selbstschutztrategien dafür ablegen.

Und nun: Das problem der therapeutinX: Es ist mein kind! MEINS! Nicht ihrs. Mein unterbewustsein. Mein selbstschutz und meine aufgabe mich zu trösten. Ich würde hier gerne metaphorisch was fragen. Beim elternsprechtag. Kommen da die eltern oder der therapeut?

Danke1xDanke


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6****
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  14.07.2018 13:14  
Quasinemo hat geschrieben:
Hätte mir jemals einer von ihnen z. B. gesagt: "Es tut mir sehr leid, dass Sie immer wieder auf derart oberflächliche Menschen stoßen, die sich ohne jede Begründung aus dem Kontakt zurückziehen. Mehr als sich bemühen, kann niemand - auch Sie nicht. Dafür, wie andere mit Ihnen umgehen, sind Sie n i c h t verantwortlich", dann wäre ich zumindest ernst genommen worden


Die sagen so etwas nicht, weil es völlig unrealistisch, dass es immer an den anderen liegt. Kann mal vorkommen, aber wenn es die Regel ist, muss man sich schon selbst eingestehen, dass es an einem selbst liegt. Der Verdacht liegt nahe, dass du zu hohe Ansprüche an die Mitmenschen hast und sie damit dazu treibst, sich von dir zurückzuziehen. Und damit ist man dafür verantwortlich, auch wenn man keine Schuld in dem Sinn hat, weil man halt anders tickt.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Aufgrund meiner sozialen Phobie und ängstlichen (vermeindenden) Persönlichkeitsstörung habe ich auch Probleme mit Kontakten, aber ich habe nie den anderen die Schuld dafür gegeben. Es liegt an mir und ich akzeptiere es.



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Hamburg
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  16.07.2018 20:54  
Quasinemo, ich finde es unheimlich gut und zutiefst fundiert, was du schreibst. In der Psychotherapie hat es in den letzten Jahren genau wie in unserem Bildungssystem einen krassen Paradigmenwechsel gegeben. Hieß es früher "mach kaputt, was dich kaputt macht", so wird heute alles an dich selbst zurück gegeben
Das ist Neoliberalismus in seiner reinsten Form





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  24.07.2018 12:05  
Es freut mich für dich, dass du mit der erlebten Situation so gut umgehen konntest und (nach meiner Überzeugung) auch richtig damit umgegangen bist. Ja, oftmals fragt man sich, wieso Leute ausgerechnet einen Helfer-Beruf gewählt haben...

LG





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  24.07.2018 12:44  
Schlaflose hat geschrieben:
Die sagen so etwas nicht, weil es völlig unrealistisch, dass es immer an den anderen liegt. Kann mal vorkommen, aber wenn es die Regel ist, muss man sich schon selbst eingestehen, dass es an einem selbst liegt. Der Verdacht liegt nahe, dass du zu hohe Ansprüche an die Mitmenschen hast und sie damit dazu treibst, sich von dir zurückzuziehen. Und damit ist man dafür verantwortlich,


Ja, ich habe den Anspruch an alle Mitmenschen, die bei mir fehlerhaftes Verhalten erkennen, mir konkret zurückzumelden, w a s ich denn falsch mache, damit ich eine Chance bekomme, an mir zu arbeiten. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, dass es schon i r g e n d e t w a s sein wird (denn so schlau bin ich selber). Ja, ich habe speziell an Therapeuten den Anspruch, dass sie mir den W e g zeigen, es nicht dabei belassen, mich nur auf die Anklagebank zu setzen (auch das kann ich selber) und - vor allem habe ich kein Problem damit, an diesen Ansprüchen festzuhalten, weil ich weiß, dass meine Mitmenschen - auch du - solche Ansprüche haben.



Dr. Reinhard Pichler

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