Zitat von sunflower2000:Hallo ihr Lieben,
vielen Dank nochmal für eure Antworten und dir Sixmilesoff speziell für die Nachfrage. Es ist einiges in den letzten Monaten passiert, leider nicht so wie ich es mir gerne erhofft hatte und dennoch denke ich, dass dies alles zu meinem großen Vorteil geschehen musste. Ich bin nicht mehr mit dem besagten Mädchen befreundet.
Die Verhältnisse zu mir und ihr hatten sich ein paar Wochen nach meinem Beitrag hier einigermaßen, bis sehr gut erholt. Nachdem wir uns wieder mehr trafen, außerhalb der Schule endlich mal wieder über ernste Gespräche unterhielten und sogar einen gemeinsamen Ausflug ins nächste Bundesland unternahmen, beruhigte sich auch allmählich mein Herzgefühl. Mir ging es wirklich besser, ich fing an ihre Fehler nach und nach zu vergessen, glaubte daran dass dies nur eine Phase war und hatte danach sogar noch ein Gespräch mit ihr, in welchem ich dessen ungeachtet trotzdem nochmal wissen wollte, wieso sie sich „einstig“ als Freundin derart miserabel verhielt. Zur Antwort kam überraschenderweise das, was auch ich mir immer wieder als Ausrede einberufen habe: Pubertät, neue Bekanntschaften/Interessen, etc …
Aufgehört mit ihrem neuen Lebensstil hatte sie aber nicht, wenn nicht sogar den wilden Freundeskreis des anderen Mädchens immens vergrößert. Ab Anfang Julie verfiel sie wieder in ihren alten Mustern, wurde sogar noch schlimmer, kam zu keine einzigen Verabredungen mehr, meldete sich auch nicht ab, ließ mich buchstäblich wie bestellt und nicht mehr abgeholt einfach so stehen. Mitte Julie sollten wir ein bedeutsames Referat in Spanisch halten, wir drei (ich, sie und ihre „Neue“) waren gerade inmitten der Vorbereitungen als ein kurzer aber relativ heftiger Streit zwischen mir und dem anderen Mädchen entfachte. Letztendlich riss mir der Geduldsfaden, am Ende der Stunde versuchte ich dann nochmal mit ruhigem Unterton das Missverständnis zu klären, doch brachen beide plötzlich in lautes Gelächter auf und meinten vor versammelter Klasse das ich mich verziehen konnte. Ab da kam es so, wie ich es erwartet hatte, einsame Schulstunden als auch Pausen und jede Menge Gefühlschaos.
Es brauchte lange bis ich verstand, dass nicht ich die schlechte Freundin war, sondern sie allein. Wer weiß, vielleicht passte unsere Chemie von vorne rein auch einfach nicht oder war schlichtweg nicht ausreichend, was mir allerdings aufgrund paar vermeintlich schöner Momente nicht klar vor Augen lag. Ich weiß nur, dass diese kaputt gegangene Freundschaft keine zum hinterher trauern ist, aber eine die mich für die nächste Zeit mit Sicherheit noch seelisch verfolgen wird. Ein paar Tage nachdem sich unsere Tage trennten herrschten total eigenartige Gefühle in mir, wie eine Art Höhenflug, mal war es mir total egal alleine im Pausenhof rum zu laufen und manchmal kam ich bewusst zu spät zur Schule, denn jedes Mal wenn ich das Klassenzimmer betrat, bekam ich wahrlich Atemnot und Panikattacken. Es fällt mir zwar unheimlich schwer darüber zu sprechen, aber leider fing ich dann doch mit Selbstverletzung an. Meine Eltern bemerkten dies nach einem Konflikt, der daraufhin noch mehr ausartete, danach jedoch kam ich an dem Punkt, an welchem ich selbst auf professionelle Hilfe bestand. Von der Schule wurde ich mit dem Attest eines anerkannten Psychologen befreit, ungefähr zwei Wochen lang, gleich im Anschluss folgten dann die Sommerferien. Dies ist jetzt acht Wochen her, mittlerweile bin ich 18-Jahre alt und besuche zweimal wöchentlich meine Therapiestunden. In den Ferien habe ich mich besonders stark mit meiner schulischen Zukunft auseinandergesetzt, ein Wechsel auf eine andere Schule wurde ebenso in Anbetracht gezogen, ich entschloss mich aber für das Bleiben. Die Lehrer waren durch das schriftliche Attest natürlich informiert, mit meiner Klassenlehrerin besteht fast täglich Kontakt. Dank ihrer Stimme in einer Konferenz wird für mich speziell in der kommenden Oberstufe eine ganz neue Klasse zusammengewürfelt. In knapp einer Woche beginnt dieses Jahr, ich bin zwar gespannt, habe aber auch Angst. Ich denke das mich dieses Erlebnis ziemlich fertig gemacht und trotzdem ebenso meine Augen geöffnet hat. Ich denke beispielsweise überhaupt nicht mehr an die schönen oder schlechten Tage mit diesem Mädchen, wir hatten eine gemeinsame Lieblingsband, heute kann ich ihre Musik wieder völlig entspannt anhören. Die Therapiestunden werde ich wohl trotzdem noch regelmäßig besuchen.
Hallo Sunflower,
danke für deine Antwort. Es ist gut, dass du - wenn auch auf Umwegen - endgültige Klarheit über diese Freundschaft gewonnen hast. Gut ist auch die offensive Umgehensweise mit deinem Problem, also dass deine Lehrer Bescheid wissen, du deswegen in eine andere Klasse kommst und die Schule nicht wechseln musst. Am besten ist aber, dass du durch deine Therapiestunden weiterhin Rückenwind bekommst, denn du wirst deiner Freundin im neuen Schuljahr immer mal wieder über den Weg laufen. Es ist wichtig, dass du dich mithilfe deiner Therapie für solche Situationen wappnest. Ich stelle mir das nicht ganz leicht vor, wenn ich mich da hineinversetze. Wie findest du zu einer Verhaltensweise, die einerseits nicht die einer "beleidigten Leberwurst" (ähhh, ich brauche dringend einen passenden veganen Ersatz für diese Redewendung

!?) ist, andererseits aber unmissverständlich ausschließt, dass sie sich dir wieder nähert, sobald sie dich als ihren Pausenclown braucht? Jeglichen Rückfall zu vermeiden ist enorm wichtig für deine weitere Erholung. Leider ist es so, dass man jemandem, den man wirklich mochte, auch gerne nochmals glaubt, sie/er habe sich geändert, wenn sie es nur mit genügend süßen Worten beteuern. Das spricht ja auch für deine Fähigkeit, anderen zu verzeihen. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass sie jemals die Wahrheit sagt? Gib dem Schutz deiner Gesundheit und deines Selbstwertgefühls auf jeden Fall Vorrang, egal was passiert, denn beides brauchst du unbeschädigt für neue Freundschaften in deinem Leben, die dann den Namen auch verdienen.
Klar stimmt es, dass sich Wege von Freunden in diesem Altersabschnitt manchmal trennen. Es wäre unrealistisch zu denken, dass Interessen sich nicht ändern können und damit auch oft der Freundeskreis. Es ist aber die Art und Weise, wie es geschieht, die den Unterschied macht. Die Art und Weise, wie etwas endet, bestimmt, wie ich später daran zurückdenke. Es ist ziemlich schwer, positiv an etwas zurückzudenken, das für den anderen offensichtlich nicht denselben Wert darstellte wie für mich. Woran ich positiv zurückdenken könnte, wäre aber allemal die Lehre, die ich aus dem Ganzen für mich gezogen habe. Auch der Vergleich des eigenen Lebens mit einem Zug und den ein- und aussteigenden Menschen hat natürlich etwas. Andererseits sind Freunde aber mehr als nur flüchtige Reisebekanntschaften, oder sollten es zumindest sein.
Wenn ich beginne, mir jemanden vertraut zu machen, beginne ich auch ein Stück weit Verantwortung für sie/ihn zu übernehmen. (Aus "Der kleine Prinz") Diesen Gedanken fand ich auf Anhieb schön, und von diesem Anspruch würde ich auch nicht abrücken wollen, so unmodern er vielleicht klingt. Diese Verantwortung bedeutet nicht, dass man zeitlebens aneinanderhängen muss wie Kletten, sie bedeutet nur, dass einem, bei allem was geschieht, nicht egal sein kann, wie es dem anderen damit geht. Diese Verantwortung beinhaltet für mich auch, dass ich Veränderungen bei Freunden eine Zeitlang begleite und beobachte, nicht aus Eifersucht, sondern aus Fürsorge (worauf lässt er/sie sich da ein?). Wenn ich dann merke, dass das zwar nicht "meins" ist, aber für den Freund ungefährlich, ziehe ich mich teilweise zurück, ganz ohne Groll. Es gibt womöglich trotzdem noch andere Gemeinsamkeiten, Schnittstellen, an denen die Freundschaft weitergehen kann.
Sollte man aber den Freund nicht warnen, wenn er sich zum Beispiel plötzlich in Kreisen bewegt, in denen Dro.konsum gang und gäbe ist? Ich wähle bewusst ein krasses Beispiel, bei dem es auf der Hand liegt, dass man da nicht einfach zusieht. Schwieriger wird es, wenn die Interessenbereiche einfach "nur" seicht sind, denen sich ein Freund plötzlich zuwendet. Sollte man hier nur zugucken? Der Freund merkt selbst gar nicht, wie sein Gehirn schrumpft, je länger er sich (ausschließlich) mit banalen Dingen beschäftigt. Das ist das latent Gefährliche an Interessen, die nach außen zunächst ganz harmlos wirken. Selbst merkt man es natürlich, wenn er/sie plötzlich zu Themen von Interesse nichts Eigenes mehr beizusteuern hat, sondern höchstens noch Allgemeinplätze von irgendwelchen Stammtischen oder irgendeine triviale Küchenphilosophie. Wie sehr sich das Gehirn verändert durch Menschen, die man darauf Einfluss nehmen lässt, ist erwiesen. Deswegen würde ich im Zweifelsfall ganz sicher lieber allein sein wollen als in der Not Fliegen zu fressen, wie man das dem Teufel nachsagt.
Ein/e Freund/in und hat Wertschätzung für dich, ist an deiner Weiterentwicklung interessiert, auch wenn sie ihn/sie zeitweise "überholt" und möchte selbst kein Gehirn haben wie eine Eintagsfliege, weil sie/er länger mit dir zusammen sein möchte. Du spürst bei ihm/ihr diese gewisse Verbindlichkeit, nicht das Gefühl, nur für eine bestimmte Zeit eine gewisse Funktion für sie/ihn erfüllen zu sollen, wie ich das allein dem Wort "Netzwerke" schon von weitem anrieche.

Dieser Pragmatismus verhindert das Schönste, das einem Menschen passieren kann, nämlich eine völlig uneigennützige Freundschaft. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich hatte fast ausschließlich diese Art Vollwertfreundschaften in meinem Leben. Ich sage "hatte", denn es handelt(e) sich entweder um Menschen, deren Leben sich so veränderte, dass ich mich daraus zurückzog, um es nicht zu stören, oder um Menschen, die ich durch den Tod verlor. Da ich altmodisch bin und auch nicht über die Maßen extrovertiert, habe ich nicht für Freundeslisten gesorgt, weshalb ich jetzt etwas belämmert in lauter große leere Krater gucke um mich herum. Aber keine Sorge, ich bin ganz zuversichtlich, dass ich zur gegebenen Zeit wieder jemand Seelenverwandtem begegne, und wenn es erst im Altersheim ist.

GvlG,
Sixmilesoff