Hallo MxMellie,
ich halte das auch für einen nachvollziehbaren "Wunsch".
Eine psychische Erkrankung kann leichter zu akzeptieren sein, wenn man sie auf eine eindeutige Ursache zurückführen kann. Es erleichtert die Akzeptanz und mindert das Gefühl, sich anderen Menschen gegenüber rechtfertigen zu müssen, die diese Erkrankung vielleicht nicht verstehen.
Außerdem hat der Mensch ein Bedürfnis nach Erklärung. Hilflosigkeit kann man ganz schwer aushalten, bei vielen Menschen ist es sogar das am schwersten zu verkraftende Gefühl. Und wenn wir Sachen vermeintlich verstehen, fühlen sie sich für uns "berechenbar" an. Lieber ist etwas "schlimm, aber erklärbar" als "schlimm und unerklärlich". Denn Letzteres gibt dem "Schrecken" eine größere Dimension. Das Gefühl von "ausgeliefert und ohne Einfluss zu sein" ist ein ganz schwieriges.
(Wenn wir eine Erklärung haben, einen "Schuldigen", eine Erklärung, dann können wir uns die Welt um uns herum erklären, sie wird berechenbar. Dann fühlen wir uns nicht ausgeliefert. (Damit meine ich jetzt nicht "Menschen ausgeliefert sein", sondern "der Welt", dem "Universum", dem "großen Ganzen", (wie auch immer man es nennen will) ausgeliefert sein). Auch wenn es auf den ersten Blick paradox erscheint, fühlt der Mensch sich auch lieber "schuldig" als "hilflos ausgeliefert". Darum entwickeln Menschen manchmal Schuldgefühle für etwas, wofür sie gar nichts können, weil die Alternative "ohne jeden Einfluss zu sein" noch viel schlimmer ist.)
Und oftmals ist es dann ja so, wie hier auch schon geschrieben wurde: Man erfährt im Rahmen der Therapie, wie sich das, was einem als Kind tatsächlich widerfahren ist, vielleicht sogar sehr negativ ausgewirkt hat, obwohl man es für "nicht so schlimm" hielt.
Welche Erfahrungen, die man vielleicht sogar als "gar nicht so schlimm" abgelegt hatte, trotzdem große Schäden verursachen konnten. Wie unterschiedlich "sensibel" Kinder auf Dinge reagieren, welche protektive Faktoren sie vielleicht in ihrem Umfeld hatten oder halt auch nicht. Das erklärt sich nur nicht so leicht wie ein (singuläres) "schlimmes Ereignis", dafür braucht man etwas Wissen in Bezug auf Entwicklungspsychologie, Komplex-Trauma etc.
Ich bin Dir sehr dankbar für Deinen Beitrag und Deine Einsicht in Deine eigenen Gedanken und Gefühle.
Zuerst bin ich etwas zusammengezuckt, als ich anfing, Deinen Beitrag zu lesen.
Das hat einfach damit zu tun, dass ich schon viele Menschen erlebt habe, die aus ihrem Bedürfnis nach Erklärung heraus angefangen haben, genau so einen
Zitat von MxMellie: Wettstreit ist, von wegen "wer musste am schlimmsten leiden"
vom Zaun zu brechen. Gerade im stationären Bereich ist das leider nicht ungewöhnlich.
Trigger
Da haben Mitpatienten wirklich angefangen, ihre Leiden miteinander zu vergleichen und sich gegenseitig mit ihren "Erzählungen" (ich wähle mal einen möglichst neutralen Begriff) zu übertreffen. Und ich glaube, ich muss nicht erwähnen, wozu das führen kann.
Es ist auf jeden Fall schlimm, auch wenn es wiederum nicht böswillig ist, sondern ebenfalls einer Erkrankung entspringt. Trotzdem schlimm.
Darum bin ich inzwischen dankbar für jeden, der ganz klar sagt "ich kann nicht sagen, wo meine Erkrankung herkommt" und nicht einen anderen Weg wählt.
Ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen und verstehe, was Du meinst. Und ich weiß von vielen Mitpatienten, denen es ähnlich geht wie Dir. Du bist mit diesem Wunsch also definitiv nicht allein. Das Gute ist, dass Du schon verstehst, was da in Dir vorgeht, da bist Du bereits vielen Patienten weit voraus und hast schon einige Schritte auf der "Erkenntnisleiter" erklommen

!
LG Silver