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MxMellie
Hallo, ich hätte mal eine generelle Frage an die Community. Erwischt ihr euch selbst auch manchmal dabei, dass ihr euch wünscht, ein "richtiges" Trauma erlebt zu haben, als eine Art Berechtigung für Depressionen/Angststörungen/etc.?

Obwohl ihr wisst dass das ja kein Wettstreit ist, von wegen "wer musste am schlimmsten leiden" oder so, weil das ist ja völlig bescheuert. Es gibt immer jemanden, der es irgendwie schlimmer hatte, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ein Trauma "schlimmer" ist oder mehr/weniger Beachtung verdient als das andere, das kommt ja alles auf die Person an.

Ich hab nur sehr oft schon bemerkt, selbst als ich noch ein Kind war, mir gewünscht hab einen schlimmen Unfall oder so zu haben, einfach, weil ich nicht erklären konnte warum ich mich zeitweise depressiv fühle. Ich hatte eigentlich kein furchtbar schlimmes Erlebnis in meiner Kindheit oder auch später, zumindest nichts, was ich als traumatisch bezeichnen würde.
Also, habt ihr manchmal auch diesen Gedanken? Ich wär da mal neugierig.

06.09.2021 21:41 • 07.09.2021 #1


8 Antworten ↓


portugal
Nein. Du meinst Du willst Dich selber bestrafen?

Ps: manch einer weiß gar nicht, dass er ein Trauma erlitten hat. Ich habe es erst viel später eingesehen als meine Psychologin es erwähnte/erklärte.

06.09.2021 21:44 • x 2 #2



Wunsch nach Trauma

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MxMellie
Uff, vielleicht unterbewusst?
Mein Gedanke dahinter war immer, dass ich es einfacher gefunden hätte zu sagen "Meine depressive Stimmung kommt von diesem schlimmen Event XY". Stattdessen hatte ich halt einfach das Gefühl, mich ohne Grund/Berechtigung so zu fühlen.
Aber gut, vielleicht müsste ich nochmal genauer drüber nachdenken, ob da nicht doch irgendwas passiert ist.

06.09.2021 21:52 • #3


portugal
Ach so meinst Du das .. ich glaube, in den meisten Fällen steckt etwas dahinter, wenige haben es eher erblich bedingt.

Ich habe eigentlich noch niemanden kennengelernt, der zufrieden ist und Depressionen bekommen hat.

Man kann auch durch zuviel Stress Depressionen bekommen, man will alles perfekt machen, setzt sich immer mehr unter Druck und dann sagt der Körper stopp.

Es können auch Sachen passiert sein, wie Jobverlust oder Trennung vom Partner, und man dachte, man hat das einigermaßen weggesteckt.

Und irgendwann kommt es dann an die Oberfläche

Ich glaube, es gibt auch Geschehnisse, die man ganz ausblendet und die einem später wieder einfallen
Trigger

sexueller Missbrauch

06.09.2021 22:00 • x 3 #4


cube_melon
Es kann vielfältige Gründe haben warum Du das als Kind so gedacht hast.

Zitat von portugal:
Ps: manch einer weiß gar nicht, dass er ein Trauma erlitten hat. Ich habe es erst viel später eingesehen als meine Psychologin es erwähnte/erklärte.

Das was @portugal schreibt, sehe ich auch so.

Ohne Bezug auf deine Kindheit und nur als Information - es gibt den Mechanismus des Verdrängens. Zudem des das sich ein Kind sich seine dysfunktionalen Eltern schön redet. Dazu gehört auch Gründe zu suchen um die Eltern quasi zu entschuldigen, in dem das Kind einen anderen Sündenbock sucht.

Dein Thema hat breit gefächerte Aspekte.

06.09.2021 22:05 • x 3 #5


portugal
Ich hatte grad an Dich gedacht Cubi, Du kennst Dich da sehr gut aus.

06.09.2021 22:06 • x 2 #6


Du willst kein Trauma sondern du willst eine sinnvolle Erklärung für deine Leiden. Das ist verständlich, wir suchen immer Sinn. Ein Trauma könnte das sein, aber es gibt auch mögliche andere Gründe, zum Beispiel eine schlecht gelaufene Frühkindheit (Epigenetik, Mutter-Kind-Bindung).

06.09.2021 22:08 • x 3 #7


cube_melon
Eine
Zitat von Fauda:
Ein Trauma könnte das sein, aber es gibt auch mögliche andere Gründe, zum Beispiel eine schlecht gelaufene Frühkindheit (Epigenetik, Mutter-Kind-Bindung).


Eine dysfunktionale Kindheit oder Mutter-Kind Bindung kann auch verschiedene Traumata auslösen, wie z.B. ein Bindungs- oder Entwicklungstrauma.

06.09.2021 22:17 • x 3 #8


silverleaf
Hallo MxMellie,

ich halte das auch für einen nachvollziehbaren "Wunsch".

Eine psychische Erkrankung kann leichter zu akzeptieren sein, wenn man sie auf eine eindeutige Ursache zurückführen kann. Es erleichtert die Akzeptanz und mindert das Gefühl, sich anderen Menschen gegenüber rechtfertigen zu müssen, die diese Erkrankung vielleicht nicht verstehen.

Außerdem hat der Mensch ein Bedürfnis nach Erklärung. Hilflosigkeit kann man ganz schwer aushalten, bei vielen Menschen ist es sogar das am schwersten zu verkraftende Gefühl. Und wenn wir Sachen vermeintlich verstehen, fühlen sie sich für uns "berechenbar" an. Lieber ist etwas "schlimm, aber erklärbar" als "schlimm und unerklärlich". Denn Letzteres gibt dem "Schrecken" eine größere Dimension. Das Gefühl von "ausgeliefert und ohne Einfluss zu sein" ist ein ganz schwieriges.

(Wenn wir eine Erklärung haben, einen "Schuldigen", eine Erklärung, dann können wir uns die Welt um uns herum erklären, sie wird berechenbar. Dann fühlen wir uns nicht ausgeliefert. (Damit meine ich jetzt nicht "Menschen ausgeliefert sein", sondern "der Welt", dem "Universum", dem "großen Ganzen", (wie auch immer man es nennen will) ausgeliefert sein). Auch wenn es auf den ersten Blick paradox erscheint, fühlt der Mensch sich auch lieber "schuldig" als "hilflos ausgeliefert". Darum entwickeln Menschen manchmal Schuldgefühle für etwas, wofür sie gar nichts können, weil die Alternative "ohne jeden Einfluss zu sein" noch viel schlimmer ist.)

Und oftmals ist es dann ja so, wie hier auch schon geschrieben wurde: Man erfährt im Rahmen der Therapie, wie sich das, was einem als Kind tatsächlich widerfahren ist, vielleicht sogar sehr negativ ausgewirkt hat, obwohl man es für "nicht so schlimm" hielt.
Welche Erfahrungen, die man vielleicht sogar als "gar nicht so schlimm" abgelegt hatte, trotzdem große Schäden verursachen konnten. Wie unterschiedlich "sensibel" Kinder auf Dinge reagieren, welche protektive Faktoren sie vielleicht in ihrem Umfeld hatten oder halt auch nicht. Das erklärt sich nur nicht so leicht wie ein (singuläres) "schlimmes Ereignis", dafür braucht man etwas Wissen in Bezug auf Entwicklungspsychologie, Komplex-Trauma etc.

Ich bin Dir sehr dankbar für Deinen Beitrag und Deine Einsicht in Deine eigenen Gedanken und Gefühle.
Zuerst bin ich etwas zusammengezuckt, als ich anfing, Deinen Beitrag zu lesen.
Das hat einfach damit zu tun, dass ich schon viele Menschen erlebt habe, die aus ihrem Bedürfnis nach Erklärung heraus angefangen haben, genau so einen
Zitat von MxMellie:
Wettstreit ist, von wegen "wer musste am schlimmsten leiden"

vom Zaun zu brechen. Gerade im stationären Bereich ist das leider nicht ungewöhnlich.
Trigger

Da haben Mitpatienten wirklich angefangen, ihre Leiden miteinander zu vergleichen und sich gegenseitig mit ihren "Erzählungen" (ich wähle mal einen möglichst neutralen Begriff) zu übertreffen. Und ich glaube, ich muss nicht erwähnen, wozu das führen kann.
Es ist auf jeden Fall schlimm, auch wenn es wiederum nicht böswillig ist, sondern ebenfalls einer Erkrankung entspringt. Trotzdem schlimm.

Darum bin ich inzwischen dankbar für jeden, der ganz klar sagt "ich kann nicht sagen, wo meine Erkrankung herkommt" und nicht einen anderen Weg wählt.



Ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen und verstehe, was Du meinst. Und ich weiß von vielen Mitpatienten, denen es ähnlich geht wie Dir. Du bist mit diesem Wunsch also definitiv nicht allein. Das Gute ist, dass Du schon verstehst, was da in Dir vorgeht, da bist Du bereits vielen Patienten weit voraus und hast schon einige Schritte auf der "Erkenntnisleiter" erklommen !

LG Silver

06.09.2021 23:22 • x 2 #9




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Univ.-Prof. Dr. med. Isabella Heuser