Zitat von woko: Was bin ich?
Diese Fragen kann ich nicht beantworten und das zieht mich runter.
Meine psychischen Probleme werden nicht besser, wenn ich keine Antworten finde.
Da gibt es verschiedene Antworten. Einerseits bist Du die Summe all dessen, was Dich ausmacht und mit dem Du identifiziert bist. Du kannst bei Deinem Körper anfangen, Deine Einstellungen, Werte, Gedanken, Gefühle, Vorlieben und Abneigungen, vor allem aber auch Beziehungen dazu nehmen und sagen, dass Du insgesamt all das bist.
Die Mischung all dessen ergibt ein inneres Bild. Keine scharf abgegrenzten Konturen, aber doch, in all dem Wechsel, immer wiederkehrende Elemente. Grob gesehen ist das der Blick des Westens auf das Ich, auf das, wer oder was wir sind.
Die spirituellen Teile des Ostens würden eher den Punkt stark machen, dass Du genau das, was oben beschrieben wurde, nicht bist. Warum nicht? Weil es da ja jemanden oder etwas gibt, der all das was oben beschrieben wurde bezeugen kann: Ja, ich weiß von mir, das x mein Lieblingsessen und y mein bester Freund ist und ich die Einstellung z zur aktuellen Politik habe. Alles was Du beobachten kannst, bist Du nicht, denn Du bist es ja, der es beobachtet.
Man könnte nun sagen, das sei einfach die Fähigkeit zur Reflexion, die auch noch zu mir gehört, wie alles was oben beschrieben wurde, aber eben auch, dass dieser Beobachter das eigentliche Ich ist.
Hm, aber wer oder was ist nun dieser Beobachter? Der spirituelle Osten würde dazu auffordern ihn aktiv zu suchen und sagen, dass Du ihn niemals finden wirst. Das ist aber auch genau das, worum es geht, denn Bewusstsein oder Gewahrsein ist ja dennoch da: Du bist, existierst. Und das ehrlich gesagt auch ständig. Es gibt keinen Moment, den Du erinnern kannst, an dem Du nicht warst. Und man kann sagen, dass Du genau das bist, reines Gewahrsein, Bewusstsein. Und dass Du es künstlich einsperrst, wenn Du es auf einen Körper oder bestimmte Rollen, Zuschreibungen beschränkst. Wenn Du all das abstreifst und einen Sinn dafür hast, dass unsere Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Rollen und so weiter sich eher dadurch auszeichnen, dass sie ständig wechseln, statt einen festen Kern (oder auch nur einen Klecks mit unscharfen Konturen) zu bilden, dann bist Du der Einstellung des spirituellen Ostens näher.
Sagst Du, dass Du in all dem Wechsel aber doch immer wiederkehre Elemente erkennbar sind, sich bestimmte Teile Deiner Persönlichkeit nie geändert haben und es wohl auch nicht werden, dann bist Du eher bei der westlichen Einstellung, die wir, da wir hier aufgewachsen sind, natürlich ungleich mehr integriert haben.
(Ist etwas holzschnittartig, da bspw. Kant eine Einstellung vertritt, die sagt, dass alles, was wir als 'echtes, realistisches Außen', also etwa Autos und Bäume wahrnehmen, letztlich nur etwas ist, was in unserem Bewusstsein auftaucht, aus dieser Einstellung ist dann irgendwann der Konstruktivismus entstanden und die offene Frage, inwieweit das was beobachtet eigentlich Teil der Welt ist oder verschieden davon, das erinnert an den spirituellen Osten, ohne ganz damit identisch zu sein.)
Schöne Frage, ich kann verstehen, warum Dich das umtreibt.