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Holger-
Hallo, ich bin relativ neu hier und wollte zum ersten mal ein eigenes Thema eröffnen. Ich wäre vor allem daran interessiert, welche Erfahrungen andere damit machen.
Ich bin seit etwa 20 Jahren mit meiner Partnerin zusammen, wir haben zwei Kinder. Schon etwas länger habe ich zudem mit einer generalisierten Angststörung zu tun, die letzten drei Jahre vermehrt.
Ich liebe meine Frau und wünsche mir häufiger, dass wir im Alltag miteinander kuscheln, uns mal umarmen oder knutschen, aber sie distanziert sich immer mehr und möchte hiervon kaum noch was wissen. Auch eine Paarberatung hat hier nur zur Lösung geführt, dass ich eben vorerst mit einem Minimalkonsens lebe. Sprich hin und wieder Küsschen, ab und zu mal Sex. Aber doch auch einiges an Distanz.
Mir fällt das doch schwer, da ich ein sehr körperlicher und sinnlicher Mensch bin und Nähe mich erdet. Vor allem, wenn ich mich ängstlich und besorgt fühle.
Mich würde interessieren, wie ihr das so in eurer Partnerschaft erlebt, wie du mit solchen Schwierigkeiten umgehst, falls du Ähnliche hast.
Entschuldigt bitte, wenn ich nicht auf alle Rückfragen antworten kann, ich bin nur hin und wieder zeitlich in der Lage, schnell zu antworten. Aber eure Erfahrungen interessieren mich. Danke und schreibt gerne! P.S. Wo ist eigentlich der Button, mit dem ich mich persönlich bei jemandem für einen Beitrag bedanken kann?

20.10.2022 16:28 • 14.11.2022 x 1 #1


79 Antworten ↓


Grace_99
Du brauchst körperliche Nähe wenn du dich ängstlich fühlst. Kann ich verstehen. Dadurch ist die Beziehung aber nicht auf Augenhöhe sprich: Mann, Frau sondern Mama und Kind.

Hätte ich als Frau auch keine Lust zu.

Machst du eine Therapie?

20.10.2022 16:36 • x 1 #2



Partnerin distanziert sich zunehmend

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Holger-
Ich habe geschrieben, dass mich Nähe erdet, vor allem (nicht nur), wenn ich mich gerade ängstlich fühle. Ich finde das gut, mir bewusst zu sein, was mir gut tut, unter anderem und auch in schwierigeren Phasen. Ich wäre wirklich daran interessiert wie andere Menschen aus dem Forum damit umgehen, wenn ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit gerade nicht erfüllt sein wollen. Kennt ihr solche Phasen? Wie geht ihr damit um? Danke für konstruktive Antworten!

20.10.2022 19:09 • x 1 #3


JniL
Eine Lösung habe ich nicht ausser sich damit zu arrangieren. Ich brauche (? Vielleicht nur hätte gern) auch viel mehr körperliche Nähe aber bekomme sie nicht. Phase ist es keine, war schon immer so und ich habe es in Kauf genommen.

20.10.2022 22:22 • x 2 #4


Ich habe wohl eher erlebt, wie es deiner Frau jetzt geht. Mein Mann war depressiv und ich hatte selbst Probleme bis über beide Ohren. Sein Bedürfnis nach Nähe konnte ich nicht mehr erfüllen, es war mir alles zu viel und ich habe mich von ihm zu wenig unterstützt gefühlt. Ich konnte einfach nicht mehr! Ich wollte mich trennen, wir haben dann aber doch Paartherapie gemacht. Es ist oft schwierig für uns aber wir sind uns näher gekommen. Wir sind gerade am Austesten, wie wir unsere Sorgen teilen können und uns Nähe zu geben, ohne dem anderen die Verantwortung für unser Wohlbefinden zu geben. Ich kann nur auf Basis meiner eigenen Erfahrung sagen, dass deine Frau vielleicht oft das Gefühl hat, du uberträgst ihr die Verantwortung dafür, dass es dir gut geht. Mutterrolle und Geliebte gleichzeitig zu sein, geht sich aber nicht gut aus. Und vielleicht hängt auch ganz praktisch zu viel Verantwortung an ihr und sie ist in der Mental Load Falle. Wenn du mehr anpackst, kann sie sich besser entspannen und wieder öffnen.

21.10.2022 02:11 • x 4 #5


Holger-
Danke für eure Antworten. Ich versuche tatsächlich gerade, mich besser mit der Situation zu arrangieren und sie auch als Chance, nicht nur als Krise zu sehen. Bestimmt kann ich mir hier mehr Mühe geben, mich wieder selbstfürsorglicher zu verhalten und eigene Kraftquellen zu finden, die meine Partnerin weniger involvieren. Obwohl ich es früher immer sehr toll fand, gemeinsam durch Nähe zu mehr Wohlbefinden und Kraft zu gelangen, aber früher ist eben nicht jetzt gerade!
Überfordere ich meine Frau mittlerweile mit meiner Angststörung, die sie mir mit Sicherheit auch „zwischen den Zeilen“ anmerkt? Vielleicht. Aber ich habe eher das Gefühl, dass sie sich selbst sehr fordert und beruflich stark überlasten lässt, da sie bis vor kurzem an der Uni immer noch ein prekäres Beschäftigungsverhältnis hatte. Mit 47! Hat sich aber jetzt Gott sei Dank geändert. Dieser Stress lässt sie auf Rückzug schalten, kann ich gut nachvollziehen, für
mich mit meinen Verlustängsten aber schwierig damit umzugehen.
Das ist ja auch nur das eine. Innerhalb der Paarberatung hat sie auch geäußert, dass sie mittlerweile etwas genervt ist von meiner Angststörung, da ich darauf ja immer sehr viel Rücksicht nehme und sie eben gerne unterwegs ist und einfach durchzieht. Ich persönlich finde, und das war ja auch das Ziel meiner beiden Therapien, dass es keine Alternative zu einem achtsamen und selbstfürsorglichen Verhalten meinerseits gibt. Wenn ich Ängste und Symptome einfach nur ignoriere, rächt sich das am Ende eh. Aber klar, umgekehrt muss ich dann wohl akzeptieren, dass auch sie sich von innen heraus um das kümmert, was sie benötigt. Manchmal passt es eben gerade nur bedingt zueinander…

21.10.2022 05:54 • x 2 #6


Ich kenne das auch, ziemlich genau so, wie du das beschreibst. Hier sind es Phasen und ich schaffe es langsam, besser damit umzugehen. Tatsächlich macht fordern es noch schlimmer. Ich schreibe gern später noch mehr dazu, jetzt am Handy ist das nicht so günstig.

21.10.2022 06:20 • x 2 #7


moo
Grüß Dich und willkommen @Holger-
Zwei meiner Therapeuten sagten: Beziehungen sollten sich mit den Menschen, die sie führen, mitverändern.
Je nachdem, wie stark die Beziehung mein Erleben und das meiner Partnerin definiert, umso dominanter wirken die Beziehung und unsere Rollen darin auf unsere Selbstwahrnehmung.

Wenn nun z. B. eine Beziehung am Anfang sehr körperlich war, tritt bei einem physischem Rückzug einer Person ein Mangelgefühl beim Gegenüber auf. Die vordergründige Frage wäre nun, was diesen Rückzug auslöste. @Aaaa ´s Schilderung der mentalen Überlastung finde ich da übrigens sehr einleuchtend, aber natürlich für Dich nicht unbedingt erfreulich. Das jedoch nur, wenn Du aus ihrem Vorschlag (mehr anzupacken) eine ungewünschte Anforderung an Dich herausspürst. Denn eigentlich findet man hierin ein große Chance. Nur sehen wir die vor lauter Leid nicht.

Wir Ängstler etablieren im längeren Verlauf mitunter eine starke Anhänglichkeit (Abhängigkeit?) an unseren Partner. Er ist meistens der erste (einzige?) Adressat für unsere Ängste. Die körperliche Nähe wirkt hier aus meiner Erfahrung tatsächlich, wie @Grace_99 es ausdrückt auf einer Mutter-Kind-Ebene, gerade weil sie nonverbal wirkt und somit die rationale Seite unserer Persönlichkeit ausblendet. Das ist völlig folgerichtig, denn Angst als generalisierte Störung ist ebenfalls rational nur schwer zu begreifen. Sie berührt (und rührt von) tieferen Wesensschichten her. Nicht umsonst wirken z. B. Ma ssagen, Sauna etc. in dieser Hinsicht oft leidlindernd. Doch, so meine Überzeugung, kann das nicht die Lösung, sondern allenfalls eine kurzzeitige Erleichterung sein und führt idR in einen nicht unerheblichen Missbrauch... Ein hartes Wort?

Missbrauch bedeutet, etwas, was man ursprünglich aus reiner Spaß an der Freud getan hat, nun gezielt zu tun, um eines konkreten Effektes willen. Wenn man möchte, kann man dies hier herauslesen:
Zitat von Holger-:
Ich habe geschrieben, dass mich Nähe erdet, vor allem (nicht nur), wenn ich mich gerade ängstlich fühle.

Das würde umgekehrt bedeuten, dass Du ohne die (körperliche) Nähe entwurzelt bist. Und genau hier würde ich ansetzen: Was hat (z. B. auch in Eurer Beziehung!?) dazu geführt, dass sich das so verhält?
Zitat von Holger-:
Ich finde das gut, mir bewusst zu sein, was mir gut tut, unter anderem und auch in schwierigeren Phasen.

Ein - zugegeben ziemlich provokatives - Beispiel dafür: Ich habe auch gelernt, was mir gut tut (und schwierige Phasen leichter macht): A lkohol, Zigarren, Literatur, Spielsucht, Sportsucht uvm.
Das mag sich unverhältnismäßig anhören, doch im Grunde ist Missbrauch in großer Bandbreite aktiv - von psychisch subtil bis körperlich tödlich.

Ich möchte deshalb nicht für ein Leben in Askese votieren aber unbedingt erwähnen, dass Angststörungen ein Hinweis auf Missbrauch sein kann (und sehr oft ist!). Sie melden uns ein Ungleichgewicht, das wir selber wahrnehmungstechnisch entwickelt haben. Ebenso haben wir unsere Antwort darauf etabliert: wegschauen, ignorieren, verleugnen und vor allem ablenken.

Zitat von Holger-:
Ich wäre wirklich daran interessiert wie andere Menschen aus dem Forum damit umgehen, wenn ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit gerade nicht erfüllt sein wollen. Kennt ihr solche Phasen? Wie geht ihr damit um?

Indem ich Bedürfnisse grundsätzlich hinterfrage, egal wie vertraut und logisch sie mir erscheinen.

Bedenke: Bedarf bedingt Erfüllung. Bedürfnisfreiheit befreit...

Das liest sich nach einem langen, beschwerlichen Weg. Dies jedoch nur, wenn keine echte Hinterfragung der Bedürfnisse stattfindet. Sofern man hier fündig wird, kann sich vieles sehr zügig und erheblich ändern.

21.10.2022 06:34 • x 8 #8


Holger-
Danke für die ausführliche Antwort, moo. Da lässt sich lange drüber nachdenken. Wenn ich mich selbst hinterfrage, ob meine Bedürfnisse mittlerweile übergegangen sind in Bedürftigkeit, so ist das bestimmt möglich. Eine Beziehung ist ja immer auch ein Kreislauf wechselseitiger Erwartungen, und je weniger man eine bestimmte Erwartung/ einen Wunsch nicht erfüllt kriegt, umso mehr klammert man sich an genau diesen Wunsch. Zumindest kenne ich das so von mir. Und da liegen dann Erwartung, Enttäuschung und Leid auch nah beieinander.
Auf der anderen Seite versuche ich auch immer, nicht alles zu psychologisieren. Deshalb ein paar ganz banale, naive Fragen dazu. Wo sonst kann ein Mensch sein grundlegendes Bedürfnis nach körperlicher Nähe stillen als in seiner Partnerschaft? Ist es nicht ganz selbstverständlich, dass ein Abflauen des Bedürfnisses nach Nähe auf nur einer Seite der Partnerschaft bei der anderen zu Mangelerfahrung und Leid führt? Ist Askese in diesem Fall eine Lösung oder eine Prävention aus Erwartungsängsten heraus? Bin ich durch asketische Übungen wirklich weniger bedürftig oder täusche ich mich damit über wichtige elementare Grundanliegen hinweg?
Verstehe mich bitte nicht falsch. Ich arbeite auch daran und übe mich darin, die Situation zu akzeptieren, aber wenn ich ehrlich zu mir bin, würde ich mir definitiv die altvertraute Nähe zwischen uns wünschen. Allerdings gehören dazu natürlich zwei!
Nun noch ein paar Worte zur Mutter-Kind-Ebene. Da Angststörungen oftmals zu etwa 2/3 aus frühkindlichen Erfahrungen herrühren, haben kindliche Erfahrungs- und Handlungsanteile hier immer Bedeutung. Das haben sie aber auch in anderen Situationen, die wir ungern hinterfragen und gerne normal erachten. Beispiel: das Händchenhalten eines frisch verliebten Paares, usw.. Wer wollte hier darauf hinweisen, das uns dieses Verhalten eigentlich im wesentlichen aus einer kleinkindlichen Phase heraus bekannt ist. Ergo: Bedürfnisse nach Nähe, nach Kuscheln, nach Zweisamkeit sind früh gelernt und ein Leben lang normal, solange sie uns etwas geben. Ich für meinen Teil möchte gerne darauf achten, nicht zu hohe oder falsche Erwartungen darein zu setzen, aber schön bleiben sie trotzdem.

21.10.2022 12:00 • x 2 #9


Hallo Holger

gibt es in deinem Leben vielleicht einen guten Kumpel oder gute Freundin, die dir vielleicht auch Mal mit körperlicher Nähe zur Seite steht? Ich meine das jetzt nicht im ero. Sinne, sondern einfach im alltäglichen Umgang miteinander: Jemanden, der einen wortwörtlich Mal an die Hand nimmt, wenn man Leitung braucht. Oder eine Umarmung zur Begrüßung, wenn man sich freut, wenn man leidet, weint, lacht etc.
Eine Person, bei der man sich einfach wohlfühlen kann.

Viele bezeichnen Ihren Partner bzw. Partnerin als „besten Freund“. Das mag schön und gut sein, aber wenn es im Getriebe Mal harkt, dann hat man direkt weder den Partner noch den besten Freund mit dem man sprechen kann - oder, wie in deinem Fall, der einen einfach Mal 10 Sekunden länger in den Arm nimmt.

21.10.2022 13:13 • x 3 #10


Holger-
@Ostseemädchen
Das ist ein guter Gedanke. Wir sind vor einigen Jahren umgezogen, alte und enge FreundInnen wohnen seitdem weiter weg. Auch meine Schwester, die mir sehr nahe ist, lebt in meiner alten Heimat. Von daher habe ich hier vor Ort nur einen einzigen engen Freund, mit dem ich das Gefühl von echter Nähe entwickele. Quasi eine platonische Art des Umarmtseins. Das bedeutet mir sehr viel. Danke für deine Erweiterung des Blickwinkels.

21.10.2022 13:45 • x 3 #11


Holger-
@yes_please
Würde mich freuen, wenn du später noch ein paar Zeilen schreibst…

21.10.2022 13:48 • #12


Holger-
@moo
Hallo moo, #9 ist für dich geschrieben.

21.10.2022 14:55 • x 1 #13


Holger-
@moo
Sehe gerade, du hast ihn schon gelesen…

21.10.2022 14:57 • #14


Lieber @Holger-
ich werde mal versuchen, ein bisschen was zusammenzufassen, wie es bei mir war und was mir hilft. Meine Beziehung ist viel kürzer als deine, aber es gab immer wieder mal ein Nähe-Distanz-Ungleichgewicht. Besonders wenn mein Partner beruflich viel um die Ohren hatte (wie bei deiner Partnerin auch), hat er sich zurückgezogen. Ich habe lange gebraucht, um das auch nur irgendwie zu verstehen. Es war dann so wie du beschreibst. Kaum Zärtlichkeiten/Nähe, vielleicht mal ein Küsschen zur Begrüßung/Verabschiedung, das war's. Abends einfach umdrehen und einschlafen. Auch Gespräche gingen kaum.

Im Zusammenhang mit Nähe und Distanz in romantischen Beziehungen habe ich öfters die Empfehlung der Bücher von David Schnarch bekommen (es gibt zwei auf Deutsch, wobei ich die nicht auseinanderhalten kann). Ich habe sie jeweils angefangen, aber aus irgendeinem Grund nicht zu Ende gelesen (der Stil und die Wortwahl sind etwas gewöhnungsbedürftig). Was ich aber auf jeden Fall mitgenommen habe ist, er wird nicht müde das zu wiederholen:
- Es gibt in jeder Beziehung immer ein Ungleichgewicht. Manchmal ist es größer, manchmal geringer ausgeprägt, aber es ist eigentlich unmöglich, dass zwei Personen ganz genau das selbe Bedürfnis nach Nähe haben.
- Es ist immer die Person mit dem geringeren Bedürfnis, die bestimmt. Natürlich bestimmt diese Person nicht aktiv, aber das ergibt sich aus der Natur der Sache.

Etwas anderes, was für mich wichtig war/ist, ist mir zu sagen: Mein Partner ist nicht dafür verantwortlich, meine Bedürfnisse zu befriedigen.
Ich finde es ganz wichtig, mir das immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Bezüglich der Bedürfnisse finde ich auch den Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) hilfreich. Da wird auch festgehalten, dass Bedürfnisse unabhängig von einer bestimmten Person, einem bestimmten Ort, einer bestimmten Zeit. Wenn du sagst, du hast das Bedürfnis nach Nähe mit deiner Partnerin, dann ist das in dem Sinn kein Bedürfnis. Klar, du wünscht dir das, das darfst du auch und das will ich dir nicht absprechen. Du darfst den Wunsch natürlich auch äußern, aber wie oben gesagt, sie ist nicht dafür veranwortlich. Falls es dich interessiert, kannst du das ganz einfach per Google recherchieren.

In meinem Fall war ganz klar, dass je mehr Bedürftigkeit - das hat moo (glaube ich) gut gesagt - ich gezeigt habe, umso mehr zog er sich zurück. Er konnte und wollte nicht für mein Wohlbefinden verantwortlich sein. Zu Recht!

Was mir geholfen hat und immer noch tut: mich nicht so sehr auf die andere Person fokussieren. Mir obiges in Erinnerung rufen. Eigene Aktiviäten planen, etwas für mich tun. Das können nun für jede Person unterschiedliche Dinge sein. Schwimmen gehen, spazieren, Freund:innen treffen, einen Kurs besuchen, tanzen gehen, allein einen Film anschauen oder ein Buch lesen.

Wichtig ist: keine Forderungen an die andere Person stellen, vor allem, wenn diese schon zu verstehen gegeben hat, dass sie die Wünsche (im Moment) nicht erfüllen kann.

Mittlerweile gehe ich ganz gut damit um. Tatsächlich sind wir gerade wieder in so einer Phase, in der er sich zurückgezogen hat. Da merke ich auch ganz schnell, dass ich wieder sehr auf ihn fokussiert war und wahrscheinlich zu viel erwartet. Wobei zu viel immer was anderes bedeuten kann, aber mehr, als er aufbringen kann. Ich habe dann aktiv versucht, wieder mehr aus eigenem Antrieb zu machen. Nicht meine Wochenenden frei halten, um in seiner Nähe zu sein, sondern selbst etwas zu unternehmen. Oder auch einfach zu Hause nicht zu warten, dass er zum Kuscheln kommt, sondern einfach direkt anfangen ein Buch zu lesen, was im Garten zu machen....

Ach ja, ganz wichtig ist für mich auch: die (gefühlte) Ablehnung ist nicht persönlich zu nehmen. Sehr schwierig, aber ich weiß mittlerweile, dass es solche Phasen gibt und die nicht unbedingt was mit mir zu tun haben. Dazu auch der wichtige Merksatz: Ich kann die Situation nicht ändern, aber ich kann meinen Umgang damit ändern.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu wirr durcheinander. Habe während des Schreibens gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, das klar rüberzubringen.

21.10.2022 15:06 • x 4 #15


moo
Danke, Holger, für die ebenso ausführliche Antwort. Möchte noch kurz (haha... ) darauf eingehen.

Zitat von Holger-:
Eine Beziehung ist ja immer auch ein Kreislauf wechselseitiger Erwartungen, und je weniger man eine bestimmte Erwartung/ einen Wunsch nicht erfüllt kriegt, umso mehr klammert man sich an genau diesen Wunsch.

Aber muss das so sein? Wäre es nicht befreiend, diese Erwartung/diesen Wunsch abzuschwächen bzw. auflösen zu können?

Zitat von Holger-:
Auf der anderen Seite versuche ich auch immer, nicht alles zu psychologisieren. Deshalb ein paar ganz banale, naive Fragen dazu. Wo sonst kann ein Mensch sein grundlegendes Bedürfnis nach körperlicher Nähe stillen als in seiner Partnerschaft?

Ja, ich halte auch wenig davon, Instinkt gegen Ratio aufzuwiegen oder gar gegeneinander auszuspielen.
Ich kann wohl nur für mich sprechen, aber mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe war schon seit jeher moderat bis sehr gering. Alles über´s Händchenhalten hinausgehende vermisse ich schlicht nicht. Von daher bin ich, was dieses menschliche Grundbedürfnis angeht, eindeutig ein ebenso banaler Gegenentwurf der Natur . Das bedeutet natürlich nicht, dass ich es in irgendeiner Art verurteile.
Allerdings stelle ich nüchtern fest, dass es sich aus meiner Veranlagung heraus bzgl. körperlicher Nähe gewissermaßen leichter lebt. Im Gegenzug stoße ich folgerichtig auf Probleme, wenn dauerhafte körperliche Nähe unumgehbar wird (z. B. in beengten Lebenssituationen/Wohnverhältnissen. Das ist z. B. etwas, woran ich regelmäßig aktiv arbeite.

Zitat von Holger-:
Ist es nicht ganz selbstverständlich, dass ein Abflauen des Bedürfnisses nach Nähe auf nur einer Seite der Partnerschaft bei der anderen zu Mangelerfahrung und Leid führt?

Doch, das finde ich nachvollziehbar.

Zitat von Holger-:
Ist Askese in diesem Fall eine Lösung oder eine Prävention aus Erwartungsängsten heraus? Bin ich durch asketische Übungen wirklich weniger bedürftig oder täusche ich mich damit über wichtige elementare Grundanliegen hinweg?

Zwar habe ich explizit nicht für Askese plädiert, obwohl sie mir bei manchen Charakteren als durchaus angemessen und heilsam erscheint (ich bin z. B. streckenweise solch ein Typ, gerade weil ich ein ziemlich sinnlicher Mensch bin - allerdings vorwiegend in Sachen Geschmacks-/Hörsinn und Gedanken).

Ich selber habe diesbezüglich zwei Vorgehensweisen: a) Geistiges Ergründen durch Kontemplation (siehe auch mein Kontemplations-Thread) und b) Übung in Enthaltsamkeit. Je nach Thema/Lebensaspekt versuche ich eine dafür passende Gewichtung dieser beiden Wege zu finden. Das ist nicht immer einfach, aber im Laufe der Zeit lerne ich hier meine Strukturen immer besser kennen und handle / denke / fühle irgendwann nahezu automatisch entsprechend. Mein Maßstab für die Trefflichkeit meiner Entwicklung ist dabei immer die Leidminderung und nicht die Freudmaximierung. Simpler ausgedrückt: wenn es weniger weh tut, bin ich auf dem richtigen Weg. Es muss nicht zwingend gut tun (!).
Ich strebe also nicht das Gegenteil von Leid an sondern dessen Abschwächung bzw. Auflösung. Allein dieser Ansatz ist in meinem Fall für sich bereits sehr heilsam.

Zitat von Holger-:
Verstehe mich bitte nicht falsch. Ich arbeite auch daran und übe mich darin, die Situation zu akzeptieren, aber wenn ich ehrlich zu mir bin, würde ich mir definitiv die altvertraute Nähe zwischen uns wünschen. Allerdings gehören dazu natürlich zwei!

Es würde mich sehr interessieren, ob Du schon mal von Deiner Frau konkret erklärt bekommen hast, wie sie selbst mit ihrer diesbezüglichen Bedürfnislosigkeit leben würde, wenn sie gleichzeitig wüsste, dass Du gut damit klarkommst.

Aus meinen Suchttherapien habe ich eine ganz entscheidende Einsicht mitgenommen, die ich inzwischen geradezu induktiv anwende: ich sehe im Nicht-Brauchen viele ganz konkret erlebbare Vorteile statt lediglich die Abstinenz von einem Suchtmittel bzw. einer anderweitigen Kompensationshandlung. Ich sehe vieles buchstäblich aus anderen Augen, fühle mich mit der Umwelt stärker eins und mag die Menschen insgesamt sehr viel mehr als früher.

Zitat von Holger-:
Ergo: Bedürfnisse nach Nähe, nach Kuscheln, nach Zweisamkeit sind früh gelernt und ein Leben lang normal, solange sie uns etwas geben. Ich für meinen Teil möchte gerne darauf achten, nicht zu hohe oder falsche Erwartungen darein zu setzen, aber schön bleiben sie trotzdem.

Und am schönsten sind sie, wenn eben keine (große) Erwartungshaltung dahinter steht. Stell Dir aber hingegen mal probehalber vor, wie es für Euch wäre, wenn beide diese Nähe/Kuschelei etc. nicht bräuchten. Wo wäre der Unterschied zu der Zeit, also Ihr beide sie noch brauchtet und Euch gegenseitig gern gabt?

Heutzutage wird in der Öffentlichkeit körperliche Distanz in einer Beziehung weitestgehend negativ bewertet. Das berühmte Kuschelhormon wird zum Allroundrezept gegen Burnout, Ängste, Depression etc. hochgelobt. Ich finde das absolut zu kurz gedacht und viel zu verallgemeinernd. Außerdem wird damit z. T. enormer Druck auf Menschen ausgeübt, die eben nicht diese Nähe brauchen, ja sogar eine gewisse Distanz wünschen.

21.10.2022 15:08 • x 5 #16


Zu den Bedüfnissen noch kurz eine Ergänzung: Ich würde nicht sagen, dass körperliche Nähe ein menschliches Grundbedürfnis ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen und hat dadurch ein Bedürfnis nach sozialen Beziehungen. Aber das Bedürfnis nach körperlicher Nähe ist, denke ich, sehr individuell - wie ebenfalls @moo oben schon dargestellt hat

21.10.2022 15:17 • x 5 #17

Sponsor-Mitgliedschaft

Holger-
@yes_please
Ganz lieben Dank für die Anregungen, damit kann ich viel anfangen! Ich versuche das ganz ähnlich wie du, meinen Fokus wieder mehr auf mich selbst zu richten, wenn ich spüre, dass meine Partnerin nicht wirklich von innen heraus gerade ähnliche Bedürfnisse hat wie ich. Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, wie wichtig das ist, weil man gerade Nähe eben nicht erzwingen kann. Da meine Partnerin dazu neigt, es anderen Recht machen zu wollen, dabei innerlich aber stetig abgeneigter und trotziger reagiert (was sie nicht gut verbergen kann), verschärft das die Lage eben auch von ihrer Seite her.
Aber wie du und moo vollkommen richtig anmerkt: niemand anderes als ich selbst trägt am Ende die Verantwortung dafür, dass es mir gut geht. Hier ja auch, wenn ich mich selbstverantwortlich fühle (oder zumindest mich dafür entscheide), gebe ich mir die Handlungsmacht zurück, meinen Alltag entsprechend zu gestalten. Alles andere bedeutet wechselseitige Abhängigkeit. Und nicht Nähe.
Ich mache eine Menge Dinge für mich selbst und genieße das auch sehr, ins Kino und auf Konzerte gehen, malen und musizieren, und und und. Da ich leider nicht mit mir selbst kuscheln kann, weiß ich mir hier manchmal nicht zu helfen, aber da fällt mir bestimmt noch was ein. Danke nochmal.

21.10.2022 16:00 • x 2 #18


moo
Zitat von Holger-:
Da ich leider nicht mit mir selbst kuscheln kann, weiß ich mir hier manchmal nicht zu helfen, aber da fällt mir bestimmt noch was ein.

Auch wenn es sich vielleicht etwas befremdlich anhört: Wer Phantasie hat, dem kann die (vermeintliche) Realität nichts anhaben.

21.10.2022 16:04 • x 3 #19


Holger-
@moo

21.10.2022 19:12 • #20



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Dr. Reinhard Pichler