Zitat von Sunrise7: Da ich in einem Wohnheim wohne versuche ich jeder männlichen Person aus dem Weg zu gehen, nicht zu grüßen, nicht zu schauen, weil mir sonst schlimme, manchmal sexuelle Gedanken in den Kopf kommen und für mich alles fremdgehen ist.
Willkommen @Sunrise7 !
Das ängstliche Vermeiden des Blickkontaktes
schafft den Nährboden für (vermeintlich) "schlimme" bzw. sexuelle Gedanken: Die Vermeidung erzeugt ein Vakuum, eine Weder-noch-Bubble, die Raum bietet für Spekulationen jeglicher Art. Somit wird also genau das Gegenteil von Sicherheit erreicht - nämlich Unsicherheit durch Ungewissheit.
Bewusst Kontakte zu ermöglichen und dabei zu lernen, dass derlei Kontakte absolut ungefährlich sind, verhindert das oben beschriebene Vakuum.
Zitat von Sunrise7: Danach vertiefe ich mich in diese Gedanken und glaube langsam daran dass ich meinem Freund mit jemandem fremd gegangen bin.
"Was man
oft im Geist erwägt,
dahin neigt sich der Geist." Dies ist einer der Grundmechanismen des Denkens und somit auch des zwanghaften Denkens. Im Gegensatz zu Zwangshandlungen (die idR auf Zwangsgedanken basieren) ist das Vermeiden von Zwangsgedanken noch schwieriger. Dabei muss man aber bedenken, dass auch ihnen der Nährboden entzogen werden kann. Man arbeitet also in der Therapie nicht direkt an den Zwangsgedanken sondern am "Milieu" derselben. Eine Milieuarbeit besteht insbesondere darin, dass man (echte!)
Erlebnisse ermöglicht, die imstande sind, das Denken (und damit das Zwangsdenken)
grundsätzlich zu regulieren. Beispiel siehe oben (Blickkontakt zu Nachbarn).
Zitat von Sunrise7: Zurzeit habe ich den krankhaften Gedanken das ich ihn mit meinem Direktor fremdgegangen bin, und ich hab immer das Gefühl ich sollte Bestätigung suchen und andere Leute oder die betroffenen Leute fragen weil ich sonst keine Ruhe bekomme.
Ein Klassiker der Zwangsmechanismen: Das Auf- und Entladen des Konfliktes - die Gedanken erzeugen den Konflikt, das Reden darüber entspannt ihn. Betroffene müssen verstehen, dass die
Inhalte der Konflikte zweitrangig sind. Maßgeblich für den Erhalt des Zwangs ist das hier im Beispiel beschriebene "Auf und Ab": Wo kein Konflikt, da keine (notwendige) Konfliktlösung, da kein Zwang.
Du musst diesen Mechanismus
verstehen! Mit diesem Verständnis
während eines laufenden Konfliktes (und dessen Lösung) relativiert sich Deine "Eingebundenheit" in das jeweilige Thema. Du wirst Betrachter des Konfliktes und bist nicht mehr Teil oder gar Opfer des Konfliktes.
Zitat von Sunrise7: Ich liebe meinen Verlobten sehr und möchte ihn nicht verlieren. Mein einziger Wunsch ist es die Gedanken und Ängste loszuwerden und aufhören mich selbst so sehr zu hassen.
Wer sich selber hasst kann notwendigerweise keinen anderen lieben - er kann höchstens abhängig von ihm werden und das ist keine Basis für eine Partnerschaft. Wer sich hasst, kann sich nicht vorstellen, dass er von jemand anderem geliebt wird.
Problem: Der zwanghafte Geist
integriert Beziehung/Partnerschaft in den Zwangskreislauf. Dabei wird der Partner nach und nach ein Zwangs
objekt. Das gilt es, frühzeitig zu verhindern und ihn hierüber aufzuklären.
Das Therapieren von Zwängen kannst Du ambulant oder stationär machen, wenn Du meinst, Hilfe zu brauchen. Ich an Deiner Stelle würde mich zuerst selber um das Verständnis von Zwängen generell bemühen. Je besser Du sie selber verstehst, umso schwächer werden sie. Zu beachten ist jedoch: Kein Mensch ist vollständig frei von Zwängen. Wir müssen Dinge tun und denken, sonst funktionieren wir auf Dauer nicht. Allerdings gibt es eben Auswüchse, die schlicht unangemessen und somit pathologisch werden. Wer zu übermäßigen Zwängen neigt, muss nach meiner eigenen Erfahrung lebenslang achtsam bleiben - aber nicht ängstlich. Letztlich haben wir es stets im Griff, sofern wir denn wollen.