Hallo @Agoraphobie,
also, fehlendes Engagement in der "Forumarbeit" kann Dir keiner vorwerfen

- erstmal herzlichen Dank!
Zitat von Agoraphobie: Wie kannst du das nachvollziehen? Hast du das auch durchlebt?
Ja, insbesondere nach meinem Burnout waren nahezu alle Reize und jegliche Weite völlig überlastend für mich. Ich konnte keine 100m mehr gehen, ohne der Ohnmacht nahe zu sein, auch nicht in Begleitung.
Vorschlag: Aus dem bisher Gesagten wagen wir nun eine gemeinsame
objektive Interpretation, d. h. wir schauen auf das Leben einer "Anderen" (wir nennen Sie "Agora"

) und mutmaßen über die Zusammenhänge. Ich bitte Dich, Dir sämtliche Gedanken erstmal ganz objektiv anzuschauen und zu prüfen, ob das aus Deiner Sicht stimmig sein könnte. Fühle Dich bitte niemals angegriffen oder durchleuchtet - auch nicht von Dir selber.
Bilde Dir einfach nur ein Urteil.Wir beginnen beim
Themenbereich 3 (Elternhaus in Kindheit und Jugend):
Agora war die Erstgeborene in einer Mehrgenerationenfamilie, was für die frühen 2000er Jahre nicht (mehr) so üblich war. Von daher stand sie von Beginn an im Fokus nicht nur ihrer Eltern sondern auch von Großeltern, Onkel und Tante. Das prägte früh in ihr die Erkenntnis,
"im Mittelpunkt jeglicher Aufmerksamkeit zu stehen". Sie lernte nie, mal alleine, unbeobachtet, unbehütet zu sein. Einer von den vielen Erwachsenen, die sie alle als "ihr" Kind, Enkel etc. betrachteten, war
immer zugegen. Das führte bereits in ihrer Eigenwahrnehmung zu einem Alleinstellungsmerkmal (im Vergleich zu anderen Kindern, Jugendlichen).
Dies ging bis ins junge Erwachsenenalter, d. h. insbesondere die Pubertät gestaltete sich für sie schwierig, da diese ja die Funktion der
Loslösung und Verselbständigung eines Menschen
als Individuum hat.
Die (Groß-)Familie blieb deshalb ihr Bezugs- und Reibungsschauplatz mit der Folge, dass die Verwandten sozusagen die Rollen der eigentlich naturgemäß notwendigen außerfamiliären Kontakte einnahmen. Hierdurch wurde eine "
Vergrößerung der Welt" und somit eine entsprechend
zukunfts- und außenorientierte Lebensperspektive zu einem nicht unerheblichen Teil
verhindert.
Agora´s Beziehung zum "Sippenhaus" (anstatt Elternhaus) wurde damit immer ambivalenter: Einerseits war sie sich einer gewissen Unselbständigkeit aufgrund der Überbehütung bewusst und gab deswegen - z. T. unterbewusst - dieser Sippe die Schuld daran. Zugleich aber auch sich selbst, weil sie sich dafür schämte, solch undefinierte, "schlechte Gefühle" gegenüber ihren "Wohltätern" zu hegen als auch dafür, "irgendwie zu feige" gewesen zu sein, sich frühzeitig aus dieser Verbindung zu lösen.
Hinzu kam die von ihrer Mutter im wahrsten Sinne
vorgelebte Rolle als Frau in diesem Sippengefüge. Dergestalt verfestigte sich unbewusst die Aussicht, dass sie (Agora) als Ehefrau und Mutter mal sehr viel zu leisten haben wird.
Insgesamt kann man dieser Lebensphase folgende Überschriften geben:
Hemmung von Entwicklung. Erstarrung. Zukunftsangst. Gefangenheit. Themenbereich 1 (Kritik an der Gesundheit):
Dass Agora in diesem Sippenhaus sozusagen "krank" wurde, liegt auf der Hand. Wer ab dem Alter von 10 Jahren durch stetige Überzuwendung dominiert wird, tut sich schwer mit der Entwicklung. Je nach Grundkonstitution (Erbanlagen) zehrt in dieser
Wachstumsphase (!) der Eingriff von zu vielen hierarchisch übergeordneten Personen - ungeachtet deren evtl. gut(gemeint)en Absichten - sprichwörtlich "an der Substanz". Agora wirkte schwach, dünn und das wurde sowohl interpretativ als auch verbal als "krank" formuliert. Dass für diese (Nicht-)Entwicklung eigentlich in hohem Maße die Sippe die Verantwortung trug, wurde niemals in Erwägung gezogen. Im Gegenteil - man machte ihr auch noch Vorwürfe, die unverblümt vermittelten: "Da kümmern wir uns alle so um Dich und Du "funktionierst" einfach nicht so wie geplant!"
Agora verinnerlichte diese Rückmeldungen im Laufe dieser im wahrsten Sinne prägenden Jahre als Glaubenssatz: "
Ich muss mich vor diesen Verurteilungen schützen, indem ich versuche, anders zu wirken". Sie lernte unbewusst, dass ihre wahre Wesenheit nicht akzeptiert wurde. Dies führte folglich zu
Unvertrauen in "die Welt", diffuser Angst, Misstrauen in die eigene Körperlichkeit, Gesundheit und vor allem Entwicklungsfähigkeit.
Themenbereich 4 & 2 (Zuhause & die Welt da draußen):
Mit dem Umzug der Kernfamilie in einen anderen Ort erfolgte eine relativ späte (örtliche!) Loslösung von der Sippe, die ja auch in nahezu vollumfänglichem Umfang "Heimat" und "Sicherheit" bedeutete, trotz aller o. g. Ambivalenz. Welche Gründe auch immer zu dieser Trennung geführt haben
(was noch zu klären wäre), Agora fühlt sich seitdem in irgendeiner Weise "verantwortlich". Genau kann sie das nicht zuweisen, doch irgendwie ist die "alte Heimat" (und deren "Bewohner") nun
wiederum ambivalent: Einerseits bedeutet sie "Sicherheit" (was Agora jedoch allmählich als Irrtum erkennt), andererseits eine immense "Altlast" (im wahrsten Sinne des Wortes - die "alten" Zeiten und die Menschen, die sie ausmachten, werden - zutreffenderweise - als lästig empfunden).
Agora will endlich loslassen können, sich neu erfinden, hinaus in die Welt, sie selbst sein. Und gleichzeitig spürt sie die sprichwörtlichen Fesseln, die sie halten -
daheim halten. Das gilt nicht nur für das alte Daheim sondern auch in zunehmendem Maße für das aktuelle (örtliche) Daheim.
Heimat verbindet Agora nun verzweifelt vorwiegend mit dem örtlichen Zuhause. Aufgrund des nur schwachen Selbstvertrauens übersieht sie das befreiende, lebendige Potenzial, das genau in dem
Gegenteil liegt: in der "Welt da draußen" - und zwar sowohl örtlich als auch mental.
Sie haftet an dem Zuhause wie eine Ameise, die an einer Zimmerdecke entlangläuft: Sie meint zu "sterben", wenn sie loslässt und gleichzeitig leidet sie unter diesem Anhaftungskonflikt.
Nun muss die Einsicht reifen: Die
bestimmende Schnittstelle zwischen Heimat und Welt, Innen und Außen, Sicherheit und Gefahr, Anhaften und Loslassen
bin Ich...
"Wohin ich meinen Blick lenke, sind ICH UND WELT".Liebe @Agoraphobie,
wenn Du den Text in Ruhe durchgehst, wirst Du Widersprüche zu Deinem Erleben wahrnehmen und weitere Fragen oder Ideen tauchen auf. Da können wir dann gerne weiterarbeiten, sofern Du es als zielführend erachtest.
Es mag auch sein, dass diese Interpretationen Dir nicht ganz unbekannt vorkommt. IdR sollte derlei im Zuge Deiner stationären Therapien irgendwie mal zur Sprache gekommen sein. Doch im glaube, wenn Du das mal ein wenig sacken lässt, wird sich Dein "übergeordnetes Thema" als "Ungewissheit vor dem entscheidenden Schritt", "Angst vor dem
eigenen Leben" o. ä. herausstellen. Du wirst lernen, die
Eigenheit als nicht fremd zu erkennen.
Hierzu weitere Anmerkungen:
Der "entscheidende Schritt" sind in Wirklichkeit
viele kleine Schritte und einige davon bist Du ja bereits gegangen! Die Anmeldung und Mitarbeit hier im Forum sind vielleicht ein etwas wesentlicherer, wenn Du es
willst. Ein Abitur zu bestehen und zu studieren sind wahrlich ein Pfund, worum ich Dich ganz ehrlich ein klein wenig beneide - übersieh das z. B. bitte nicht.
Ich gehe davon aus, dass es Dir aktuell nicht möglich ist, eine eigene Wohnung oder WG finanziell zu stemmen aber
irgendwie müssen Voraussetzungen geschaffen werden, dass Du Dich
wirklich daheim zuhause fühlen kannst (und nicht nur Nachts, wenn alle schlafen). Fordere und schaffe
Dein Reich!
Desweiteren würde ich ernsthaft erwägen, vorerst
nicht mehr in die alte Heimat zu fahren. Das ist kein vermeidendes Verhalten, sondern notwendiger Selbstschutz. Es ist nicht Deine Aufgabe, irgendwie das Bindeglied der Sippe zu sein o. ä. Mache Dich von
unverhältnismäßigen Verantwortlichkeiten frei. Wenn Dich deswegen jemand anjammert, sage, dass Du das nicht
gegen ihn/sie tust, sondern
für Dich und meine es bitte auch so!
Bzgl. Deiner Gesundheit:Ohne in überstürzten Aktionismus zu verfallen möchte ich Dir das Buch von Julia Ross "Was die Seele essen will" (1) ans Herz legen. Mach dort mal den Stimmungsfragebogen-Test und lies Dir die entsprechenden Kapitel durch. Die Nebennieren sind bei Dir eindeutig ein Thema, das Du näher beleuchten solltest. Eine testweise Gabe von GABA wäre in jedem Fall mal anzuraten. Dazu bzgl. Angststörung (was ich bei Dir eher anzeigt finde als eine Phobie!) von Roger Baker "Wenn plötzlich die Angst kommt" (2).
In diesem Zusammenhang wäre auch das Thema HPU mal in Erwägung zu ziehen. Buchtipp: "HPU und dann...?" von Dr. J. Kamsteeg (3). Außerdem von Kyra Kauffmann "Der Histamin-Irrtum" (4) sowie "Ein Lob der Magensäure" von Jonathan Wright (5), denn ich denke, Du musst Dich um die oberen Verdauungsorgane kümmern. Denke, die Reihenfolge der Lektüre (1-5) bringt Dich ausreichend auf den Wissensstand, um Dir selber helfen zu können. Ärzte haben ihre Grenzen, was die Behandlung von indviduell-komplexen Symptomen angehen und es gibt Dir Sicherheit, endlich mal Deine eigene "Herrin" diesbezüglich zu werden.
Überstürze dabei nichts und integriere dies alles Stück für Stück in einen umstrukturierenden Masterplan der kommenden Jahre.
Abschließend: Das Leben ist nicht so groß wie man es vielleicht einschätzt. Man selbst ist nicht so klein, wie man vielleicht glaubt. Einschätzung und Glaube - vergiss beides und gehe los...!