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Hallo,
ich bin neu hier. Hatte vor 20 Jahren (Grund unklar) einen Riss und ein Loch in der Netzhaut. Betraf beide Augen. Es wurde gelasert. Der Augenarzt, zu dem ich mind. 2 x jährlich zur Kontrolle gehe, sagte mir seit dem, keine neuen behandlungsbedürftigen Stellen. Ich solle kommen, wenn ich Blitze sehe.

Seit 20 Jahren achte ich auf jede winzige Lichterscheinung. Schließe dann meine Augen zur Kontrolle und blicke in alle Richtungen. Dann sehe ich wieder helle Punkte, etc., mir wird schlecht, Herzrasen, Angstschweiß. Schlafen kann ich seit dem kaum und nur mit Licht und vor dem Fernseher. Ich habe Angst die Augen zu schließen. Ich möchte keine aufleuchtenden Punkte oder ähnliches sehen. Auch tagsüber im Hellen, sehe ich diverse Lichterscheinungen. Denke dann sofort es ist wieder was mit meiner Netzhaut. War auch schon im Netzhaut-Selbsthilfe-Forum, das hat mich aber eher beunruhigt. Habe auch eine Verhaltenstherapie vor 6 Jahren gemacht. Hat aber leider auch nicht wirklich viel gebracht. Wenn ich was aufblinken sehe, hab ich sofort Angst, krieg Panik und muss meine Zwangshandlungen, d. h. Augenkontrolle machen.

Nehme Neurexan mehrmals täglich, hilft aber nicht merkenswert. Ich habe Angst irgendwo hin zu gehen, denn wenn ich was sehe und z.B. im Restaurant bin, kann ich nicht meine Zwangshandlungen machen. Dann wird mir schlecht. Ich gehe zur Toilette und kontrolliere meine Augen. Das beruhigt mich aber auch nicht, da ich bei den Augenkontrollen immer irgendwas sehe. Je mehr ich die Zwangshandlungen ausübe, desto mehr Zwangsgedanken habe ich. Ist ein Teufelskreis. Immer, wenn ich zum Augenarzt fahre, denke ich, jetzt ist wieder was Schlimmes mit meinen Augen. Wenn dann alles okay ist, bin ich total erleichtert. Das hält aber nur bis zur nächsten kleinsten Lichterscheinung an. Kann also kurz nach dem Verlassen des Augenartes sein.

Bin auch schon nach 5 Minuten wieder zum Augenarzt zurück, damit er mir noch mal versichern kann, das alles in Ordnung ist. Trage gerade einen Gummiring ums Handgelenk, an dem ich ziehe und sage dann innerlich STOPP, aber hilft mir gerade auch nicht so wirklich. Entspannen geht nicht, da ich meine Augen nicht freiwillig schließe. Mein Mann ist genervt, wenn ich ihm sage, dass ich wieder eine helle Stelle, aufblitzende Punkte, Flimmern, etc. gesehen habe. Am liebsten würde ich morgens und abens zum Augenarzt gehen, aber das geht ja auch nicht. Ein Augenarzt sagt mal zu mir, ich solle was für mein seelische Gleichgewicht tun und die ganzen Kontrollen führen zu nichts.
Vielleicht hat hier irgendjemand einen Tipp, was ich tun kann.

Liebe Grüße

06.08.2021 09:24 • 09.08.2021 x 1 #1


9 Antworten ↓


moo
Willkommen Sonja,

gemäß Deiner Beschreibung ist auf eine (weitverbreitete) Kombination aus Hypochondrie (Augenkrankheit) und Zwangshandlungen zu schließen. War die Verhaltenstherapie vor 6 Jahren auf dies bezogen? Ich gehe mal davon aus...

Wurden denn im Zuge der VT auch zusätzliche Ursachen für die Zwänge (!) aufgedeckt oder kamst Du zu dem Schluss, dass diese sich ausschließlich auf die Augenthematik beziehen?

Hattest Du also auch schon ähnliche Zwänge oder Zwangsgedanken, bevor Du seinerzeit die Augenprobleme hattest?

Ich selber habe seit ca. 30 Jahren regelmäßig Flimmerskotome und konnte mich inzwischen sehr gut damit abfinden, ganz unabhängig davon, was die Fachärzte darüber sagen.

06.08.2021 10:39 • x 1 #2



Augenkrankheit - deswegen Zwangsstörung entwickelt

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Ich hatte vorher nie Zwangsgedanken oder Zwänge. Denke, dass sich meine Ängste und Zwänge auf meine Augenproblematik beziehen. In der VT wurde (außer ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter, die mich immer als zu dick, etc. bezeichnet hat, der gerne mal die Hand ausgerutscht ist und die mir Zeit meines Lebens nie gesagt hat, dass sie mich mag. Egal was ich tat, es war ihr nie recht. Aber das gehört jetzt glaube ich nicht hierher, oder?).
Flimmerskotome habe ich auch, aber da weiß ich, dass sie nicht gefährlich sind. Ich leg mich dann hin und warte, bis sie vorbei sind. Kommt von meiner Augenmigräne. Das sieht aber alles ganz anders aus , als die diversen anderen Lichterscheinungen, die ich sonst so habe. Diese werden auch immer mehr, je häufiger ich drüber nachdenke. Komme irgendwie nicht zur Ruhe.

06.08.2021 11:02 • x 1 #3


moo
Zitat von Sonja-:
Ich hatte vorher nie Zwangsgedanken oder Zwänge. Denke, dass sich meine Ängste und Zwänge auf meine Augenproblematik beziehen.

Hm, wenn Dir bereits mehrere Augenärzte bestätigt haben, dass Du bzgl. der aktuellen (offenbar nicht alarmierenden) Symptome keine Bedenken zu haben brauchst sondern lediglich regelmäßig zur Kontrolle musst, denke ich schon, dass hinter der Hypochondrie mehr liegt, als die Angst vor einer Erblindung o. ä.

Zitat von Sonja-:
Egal was ich tat, es war ihr nie recht. Aber das gehört jetzt glaube ich nicht hierher, oder?

Das ist m. E. nicht auszuschließen. Der Hintergrund meiner Frage war eben, ob Du die Verhaltenstherapie anlässlich der Augen-Ängste durchgezogen hast?
Dein Verhältnis zur Mutter ist leider nicht selten - nicht nur in der Generation der "Nachkriegsmütter". Da werden schon z. T. heftige nicht verarbeitete Erlebnisse transportiert und wir "kriegen das mit", ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Zitat von Sonja-:
Schlafen kann ich seit dem kaum und nur mit Licht und vor dem Fernseher. Ich habe Angst die Augen zu schließen. Ich möchte keine aufleuchtenden Punkte oder ähnliches sehen.

Es ist für die Entwicklung des Schlaf- und Entspannungshormons (Melatonin) extrem wichtig, nahezu absolute Dunkelheit zu gewährleisten. Ansonsten gelingt die Umwandlung von Serotonin in Melatonin nicht. Zu wenig oder uneffizienter Schlaf beeinträchtig langfristig wiederum die Ausschüttung von Serotonin...ein Teufelskreis.
Es KÖNNTE sogar sein, dass genau DIESER Teufelskreis zu den von Dir geschilderten Symptomen führte oder zumindest mit beiträgt.

Zitat von Sonja-:
Entspannen geht nicht, da ich meine Augen nicht freiwillig schließe.

Diesen Glaubenssatz (und das ist er definitiv!) MUSST Du ablegen. Solange Du derart weitermachst, schwächst Du Dich nur noch mehr. Du musst lernen, mit den Erscheinungen auch bei Dunkelheit und geschlossenen Augen klarzukommen. Wenn Du magst, können wir uns mal eine Art "Kontemplation" über diese Erscheinungen anschauen, damit Du evtl. ein entspannteres Verhältnis dazu entwickelst. Dafür bedarf es allerdings einer gewissen Offenheit. Indem Du Dich an Deinen Glaubenssätzen festhältst (und hier kommt u. U. schon Deine Kindheit ins Spiel), wird diese nie entstehen. Es geht also um einen ersten Schritt.

Zitat von Sonja-:
Ein Augenarzt sagt mal zu mir, ich solle was für mein seelisches Gleichgewicht tun

Und, hast Du seinen Rat beherzigt?

07.08.2021 08:01 • x 1 #4


Ja, die kognitive Verhaltenstherapie habe ich aufgrund der Empfehlung eines Augenarztes gemacht, wegen dieser Angst, die ich ständig habe plus Zwangsgedanken plus Zwangshandlungen.

07.08.2021 12:45 • #5


Wie ist denn der Ablauf einer Kontemplation?

07.08.2021 12:48 • x 1 #6


moo
Zitat von Sonja-:
Wie ist denn der Ablauf einer Kontemplation?


Grundsätzliches zu Kontemplation findest Du im ersten Beitrag in diesem Thema:

erfolgserlebnisse-f59/sammelthread-kontemplationen-fuer-individuelle-probleme-t107790.html

Bzgl. Deiner Augenproblematik versuche ich, morgen einen Vorcschlag zu machen - je nach verfügbarer Zeit...melde mich.

08.08.2021 08:59 • x 1 #7


moo
Guten Morgen @Sonja- ,

im Grunde sollte aus meiner Erfahrung jede Kontemplation auf "Ent-Mein-ung durch Verstehen" hinauslaufen. Indem wir kontemplieren, nehmen wir bereits die direkte Sichtweise ein. Daraus ergeben sich "induktive" Einsichten. Alternativ kann man es auch "weises Erwägen" nennen - das trifft es vielleicht besser.

Konkret auf die Lichterscheinungen könnte das ungefähr so "ablaufen":

- Lege die Begriffe "Lichterscheinung" und "gefährlich" beiseite
- Lass das Sehbewusstsein die optischen Erscheinungen wahrnehmen, ohne ein optisches Äquivalent zu suchen
- Versuche nicht, einen Ursprungsort der optischen Erscheinungen zu definieren ("im Kopf, in meinem Kopf, aus mir", etc.)
- nimm die Gefühle und die Beurteilungen wahr, die der Geist vornimmt
- stimme diesen Gefühlen und Beurteilungen nicht zu, nimm sie lediglich wahr
- sobald Du dies auch nur für wenige Augenblicke zustande bringst, erkenne, dass sowohl die Gefühle und Beurteilungen offensichtlich vergänglich sind
- erkenne auch ihre Unverlässlichkeit, denn ihnen ist offensichtlich nicht zu trauen
- erkenne, dass es deshalb nicht "Du" es bist, der Gefühle und Bewertungen hervorbringt, sondern sie entstehen (und vergehen) aufgrund von Ursachen - nichts weiter
- sie sind "unpersönlich", Nicht-selbst, sie haben nichts mit Dir zu tun
- sie sind Zustände des Geistes - Geistesbewegungen, nichts weiter
- die optischen Erscheinungen sind im Grunde kein Geräusch, sondern "nur dieses", "nur so"
- die Erlebende dieser optischen Erscheinungen ist im Grunde keine "feste", "unveränderliche" Ich-heit, sondern ebenfalls "nur so"

Das ganze dauert vielleicht 2-3 Minuten. Zurück bleibt irgendwann (!) eine Einsicht, die nicht so einfach in Worte zu fassen aber im Geist ein klein wenig "eingeprägt" oder besser "aufgedeckt" wurde: Weder Objekt (Ich) noch Subjekt (optischen Erscheinungen) existieren so, wie wir es glauben. Sie sind ständigem Wandel unterworfen, sind Nicht-selbst und deshalb im Grunde nie zufriedenstellend. Auf das gesamte Leben ausgeweitet, bedeutet es, dass nichts wirklich befriedigend sein kann. Das bedeutet wiederum, dass die Suche nach Glück ein Irrweg sein muss.

Bitte erwarte nicht, dass dies alles einfach so "flutscht" - sofern Du keine Neigung zu diesen Wahrheiten "mitbringst", dürften derlei Übungen ungewohnt, mitunter unerfreulich, ernüchternd, deprimierend etc. sein. Dies ist auch mit ein Grund, weshalb bei vielen Anfängern, die nicht die Gesamtheit dieser Übung überblicken, Ängste und evtl. auch Panik aufkommen. Man bekommt "Angst um sich selber"... Diese sind natürlich völlig unbegründet (von Grund-los!) und genau diese Einsicht sollte Teil der Übung sein.

Noch ein Tipp: Probiere diese Übung erstmals aus, wenn es Dir relativ gut geht. Anfänger können mitunter entmutigt werden, wenn gleich beim ersten Mal Ängste aufkommen. Meditation und Kontemplation sollten idR heiter und gelassen ablaufen. Mach Dir NIEMALS irgendeinen Druck! Fördere lediglich ein "absichtsloses Interesse" - das ist die beste Ausgangsbasis. Lieber zuwenig als zuviel!

Bzgl. dem Einschlafen:

Im Übergang zum Schlaf ist es ja völlig normal, dass Gedankengänge "aus dem Ruder" laufen. Diese "Grifflösung" ist ja ein unabdingbarer Teil des Schlafes; der Geist "löst" die Kontrolle.

Der Schlaf ist ja auch so regenerierend, gerade weil diese Daueranstrengung, nämlich die Anhaftung, gelockert bzw. gelöst wird.

Es ist anfangs etwas schwierig zu verstehen, dass Gedanken eigentlich nichts anderes sind wie normale Sinneseindrücke (wie Farben, Geräusche, Berührungen etc.) - nur handelt es sich um intern gespeicherte Sinneseindrücke. D.h. es Bedarf nicht immer eines externen Impulses, um sie hervorzuholen. Im Übergang zum Schlaf und auch in der Traumphase haben deshalb die gespeicherten Inhalte die "Oberhand" - unser diskursiver Einfluss auf sie ist minimal bis nicht vorhanden. Sie kommen und gehen völlig unvorhersehbar und unkontrollierbar. Das ist ihre Natur.

Und hier kommen wir wieder zum Ego, zum "Ich". Die (verblendete) Kontrollabsicht des anhanftenden Geistes erlebt genau im Übergang zum Schlaf, dass sie gerade nicht kontrolliert, ja gar nicht kann. Es ist fast wie ein Kurzschluss. Das Adrenalin kommt m. E. daher, dass der Körper im Übergang ebenfalls nicht "auf der Höhe" ist. Das vegetative Nervensystem reagiert also auf dieses Erleben über, um überhaupt reagieren zu können. Du kannst es mit einem aprupten Gegenlenken beim Autofahren vergleichen: Wenn Dir ein Hund vor´s Auto läuft, reagierst Du zwar extrem schnell aber nicht wohl dosiert, nicht angemessen. Nicht von ungefähr erfahren wir in solch einer Situation ebenfalls einen Adrenalinschub.

Verstehe bei Deiner Situation bitte nicht die Angst vor Augenproblemen als Auslöser des Adrenalins sondern eben die Adrenalinantwort des Körpers als Ursache für die Angst. Natürlich erleben wir es nahezu gleichzeitig. Die gegenseitige Bedingung wird nur erkennbar, wenn man die Sache genau betrachtet. Irgendwann kontemplierst Du derlei Situationen völlig automatisch. Die Angst ist Begleitumstand des Adrenalinschubs und somit völlig normal.

09.08.2021 08:22 • x 1 #8


vielen lieben Dank für deine Hilfe. Das tut mir gerade so gut, zu wissen, dass du dir Gedanken gemacht hast, wie ich meine Situation verbessern kann.

Ich muss mir das alles, was du mir geschrieben hast, noch mal in Ruhe durchlesen. Dann will ich, wenn ich nicht mehr im Büro bin, die Übungen angehen.
Sollen die Übungen einmal täglich oder öfter ausgeführt werden?

09.08.2021 09:40 • x 1 #9


moo
Zitat von Sonja-:
Sollen die Übungen einmal täglich oder öfter ausgeführt werden?

"Regelmäßig" wäre wichtig. Wenn Dir zeitliche Vorgaben helfen, dann schaff Dir Deine persönliche Routine.
Anfangs würde ich vielleicht in einer relativ "guten Minute" mal die Sache in Ruhe durchdenken. Auch das aufmerksame Lesen dieser Vorlage ist ja schon eine nicht zu unterschätzende Übung. Manche arbeiten zu Beginn ausschließlich damit.
Irgendwann traust Du Dich automatisch mal ans "Eingemachte", also in Deinem Fall an die Anwendung des Gelernten (Gelesenen) im Zuge der Wahrnehmung (hier: der optischen Erscheinungen).

Bedenke: Es geht in der Praxis selber NICHT darum, Dich von einer Problematik zu befreien, sondern alles so zu erkennen, wie es wirklich ist (siehe oben). Es geht immer um direkte Einsicht. Du wirst dabei feststellen, dass beim direkten Erleben das "Ich" leiser wird. Hier wiederum erkennst Du das Grundproblem - die Neigung des Geistes, zu trennen, zu dualisieren.

09.08.2021 09:53 • x 1 #10



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