Zitat von silkySmooth:Ich hab mir auch schon lange Gedanken darüber gemacht, wie all diese sozialen Probleme entstanden sind, zumal mein Therapeut auch erklärt hat, dass das i.d.R. immer wenige traumatische Auslöser hat, aber so was kann ich meiner Vergangenheit beim besten Willen nicht finden.
Das ist ebenfalls sehr typisch, da die Leute klassisch denken, es muss irgendetwas "außergewöhnliches" aufgetreten sein, ggf. etwas Schlimmes oder eben etwas, was einen in eine emotionale Notlage zu einem bestimmten Zeitpunkt brachte.
DEM ist nicht so!
Das Gegenteil davon bewirkt exakt dasselbe.
Zitat von silkySmooth:Ja, moderate Überbehütung mütterlicherseits kommt schon hin. Meine Eltern haben mich sehr jung bekommen, waren noch mitten im Studium, allerdings kam meine erste Schwester schon 2,5 Jahre später und der Aufmerksamkeitsfokus war erst mal weg (bin allerdings auch nicht vernachlässigt worden). Im weiteren Verlauf war mein Vater dann nicht sehr beliebt bei uns Kindern, weils seinerseits größtenteils nur Verbote und Ärger gegeben hat. Zwar konnte er auch lieb und aufopfernd, aber eben nicht wirklich oft. So waren wir dann schon alles Mama-Kinder, ja, und weil meine Eltern auch viel zu tun hatten, war ich auch ziemlich oft bei Großeltern, hab mich da allerdings auch sehr wohl gefühlt.
Darüber hinaus waren meine Eltern immer bemüht, mir das Tor zur Welt aufzustoßen und ich bin als Kind (freiwillig) durch alle möglichen Kurse, Vereine und Musikschulen geflogen. Das wundert mich eigentlich am meisten. Auf andere Kinder zuzugehen ist mir zwar schon so schwer gefallen, seitdem ich denken kann und es waren eigentlich immer die anderen, die auf mich zugekommen sind, aber dass ich es dadurch nicht irgendwann mal gelernt hab oder sich sonst irgendeine Verbesserung eingestellt hätte, ist eigentlich wirklich strange.
Es geht absolut NICHT darum, einen Schuldigen in der eigenen Biographie zu finden.
Denn was würde das genau bringen?
Es geht vielmehr darum, endlich zu dem Punkt zu kommen, an dem man sein eigenes Leben lebt und nicht das der Eltern.
Die Eltern haben alles richtig gemacht. Hätte sie damals es besser gewusst und gekonnt, hätte sie anders gehandelt.
Trotzdem haben sie es selber vielleicht in ihrer Kindheit nicht anders erlebt und so setzt sich die "Kette" weiter fort. So lange, bis einer in den Generationen sie bricht.
Zitat von silkySmooth:Ich bin mir auch gerade nicht sicher, ob du den Kontrollverlust nicht missverstehst. Ich verliere da nicht vollends die Kontrolle. Ich bin mir sogar relativ sicher, dass man mir in den meisten Fällen so gut wie nichts von meiner Unsicherheit ansieht. Trotzdem hab ich das Gefühl, dass alles klappen muss, sobald ich diese Grenze überschreite.
Ich verstehe das schon sehr gut

Keine Sorge. Wäre es dramatischer bei Dir, wäre das Problem ja ggf. schon viel früher und dramatischer aufgetreten.
Und wie Du schon schreibst, ist es ja DEIN Gefühl. Es ist fast IMMER NUR das eigene Gefühl, auch bei Ängsten, Depressionen was auch immer.
Zitat von silkySmooth:Wenn ich mich zu einem Unisportkurs anmelde und dann mit Ausrüstung auf dem Sportplatz erscheine, kann ich ja nicht einfach mitten drin umdrehen und wieder gehen, wenn mich die Situation doch mal vollends überfordert. Danach muss ich also selbstsicher und aktiv sein und irgendwie Anschluss finden. Das meine ich damit. Ab einem gewissen Punkt gibts kein Zurück mehr und ich muss es ums Verrecken bis zum Ende durchstehen, egal was kommt - das macht mir eben Angst. Und dass soziale Situationen hochdynamisch und absolut unvorhersehbar sind, macht es nicht einfacher.

Wie geschrieben, erkenne ich da ein Muster, was man eben in relativ vielen Büchern über das Thema wiederfindet. Angst vor Kontrolle, Kontrollverlust, dem Punkt des No-Returns usw.
Und wie ich schon schrieb, kann man mit Verhaltenstherapie sicher eine Menge erreichen, aber ursächlich liegt das Problem woanders und das gilt es zu erkennen, herauszufinden und anzugehen mit der geeigneten Therapieform, die meiner Erfahrung nach eben nicht Verhaltenstherapie heisst. Was genau vorliegt, kann man nur im 1 zu 1 Therapeutengespräch klären und auch angehen, ggf. eine Bindungsstörung (siehe Deine Aussage über die Kindheit).
Es muss aber auf jeden Fall eine Therapieform sein, die ausreichend die Gefühle mit in die Therapie integriert und darauf abhebt, was eben die bekannten schulmedizinischen Methoden (z.B. Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Therapie usw.) nicht tun.