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Hallo, mein Name ist Jens, ich bin 42 J. und leide seit ca. 20 J. an einer Sozialphobie.
Bis zu meinem 22. Lebensjahr lief alles normal, ich hatte Freunde, Bekannte, auch mal eine Freundin usw.
Ich wurde weder in den Schulen gemobbt noch in der Ausbildung.
Ich muss dazusagen, dass ich als Kind angefangen habe zu stottern, nicht stark, ich kam gut klar und mit der Pubertät wars so gut wie ganz weg.

Mit 21, 22 J. kam es dann zurück, klassischer Rückfall. Ab da begann ich mich zu verändern. Ich wollt nicht auffallen und baute somit Vermeidungsstrategien auf. Wörter austauschen, Sätze umbauen, Reden vermeiden.
Das alles wurde immer schlimmer, das Stottern hat sich verstärkt und meine Angst genauso.
Ich konnte so einigermaßen noch arbeiten gehen, wurde da aber schon komisch angeguckt. Lange war ich auch nicht bei den Firmen, ich konnte aufgrund des starken Stresses in mir nicht die volle Leistung abrufen, war fahrig, überfordert mit allem und bekam dann die Kündigung.

Natürlich bekam ich dann auch so gewisse Reaktionen von Arbeitskollegen zu spüren, die spürten natürlich, dass ich unsicher bin und demzufolge wurde ich dann teilweise wie der letzte Idiot behandelt.
Ich fraß das alles in mich rein, sagte Ja und Amen zu allem, was mich noch fertiger machte.
Früher hätte ich mich gewehrt und da wäre das auch nicht in dem Ausmaß passiert, da ich eine ganz andere Ausstrahlung hatte und nicht wie ein unsicheres Opfer wirkte, das manche dazu verleitet, sich aufzuspielen und den anderen zu unterdrücken oder sich damit zu profilieren vor anderen.

Auf jeden Fall wurde alles immer schlimmer, ich konnte immer weniger und schaffte auch keine Arbeit mehr. Ich wurde arbeitslos, nahm nur noch hier und da ein paar 1- Euro-Jobs an, die ich auch kaum noch schaftte psychisch und deswegen abbrechen musste.

Kurzum: Ich bin seit ca. 18 J. arbeitslos, bis auf die Maßnahmen, das waren vllt. 4, 2 davon konnte ich zu Ende machen. Ich habe, seitdem das bei mir anfing, mir nichts mehr gesucht: keine Freunde, Bekannten, Freundin, nichts! Also so gut wie 20 J!

Um ehrlich zu sein, wenn ich meine Familie nicht hätte, wäre ich schon längst nicht mehr da. 20 J. auf gut Deutsch gesagt nur Scheße erlebt, nichts bewerkstelligt, nichts auf die Kette gekriegt, vegetiert triffts auf den Punkt, mich klein ge macht vor Deppen die mir geistig und vllt. auf physisch unterlegen gewesen sind uuu.

Das ganze Verhalten frisst das Selbstwertgefühl auf, man fühlt sich wertlos, wie der letzte Depp, kriegt nichts auf die Reihe und weiß nicht wie man da rauskommt. Klar weiß ich das, aber ich kanns aufgrund der Angst nicht umsetzen, mein Körper übernimmt dann sozusagen die Kontrolle.

Bei mir ist es so, dass ich, wenn ich in herausfordernde Situationen komme, anfange zu zittern, das geht über den ganzen Körper bis ins Gesicht, die Stimme zittert ebenso. Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren oder kaum noch, ein Fluchtverhalten baut sich auf, Gedankenrasen im Kopf und ein linkischer Gang. Wenns hart kommt stolpere ich dann teilweise, was für andere aussieht als hätte ich einen Schaden. Mein Körper verspannt sich dann, die Muskeln spannen sich an, dass ich teilweise nur noch so laufen kann. Belastend.

Ich hab mich auch vom Typ verändert, ich habe mir im Laufe der Zeit eine Mauer aufgebaut die niemanden ranlässt und alles abwehrt. Nur bin ich damit auch eingemauert. Das hat sich alles automatisiert. Ich wirke abweisend, von der ganzen Körpersprache her. Auch gucke ich dann verbittert, man kann sagen ich habe so einen bösen Blick, den ich auch nicht unbedingt mitkriege. Ich merke nur die Reaktionen der Leute, die mich dann, wenn sie sich trauen, fragen ob ich was gegen sie hätte oder Leute bauen sich auf weil sie denken ich wäre ein Schläger. Das hab ich auch schon mehrfach gehört, dass ich wie ein Schläger aussehe. Dabei hab ich nichts gegen die Leute, es ist einfach ein automatisierter Selbstschutz, weswegen viele auch denken ich hätte etwas gegen sie und mich meiden. Auch in der Famile bei Gesprächen bin ich kurz angebunden, aufbrausend, abweisend. Ich merk das schon gar nicht mehr so richtig. Reden tue ich soweiso nur selten.

Ich krieg das alles nicht abgebaut, was ich natürlich gerne will.

Zu meinen Medikamenten die ich bisher nahm: Ich glaub bisher waren es 4, 2 weiß ich nicht mehr, die anderen waren Lyrica und Citalopram. Das Lyrica nahm ich nur kurz, das Citalopram nehme ich seit 7 J. Es hilft mir schon etwas, die Stimmung ist nicht mehr so im Keller, man ist nicht mehr so schlecht gelaunt. Das Einzige was mir missfällt ist, dass man schlechter sieht, schlecht lesen kann usw.

Zur Therapie: Ich bin seit 7 J. in psychotherapeutischer Therapie. Zuerst war es Verhaltens- dann bis jetzt Gespächstherapie. Geholfen hats mir nicht. Das Amt hat mich schon zu 3 Amtsarztbesuchen geschickt, die kamen zu dem Schluss, dass ich vermindert arbeitsfähig bin. Das letze zu dem , dass ich keine 2h am Tag mehr arbeiten gehen kann. Folglich bekam ich die Aufforderung EM-Rente zu beantragen. Das tat ich und die Sache ist in Arbeit. Jetzt habe ich um eine Medizinische Reha gebeten, wurde abgelehnt, weshalb ich Widerspruch eingelegt habe.

Kennt einer einen ähnlichen Werdegang und kann mir zu irgendwas raten? Vllt. auch in Verbindung zu Medikamenten die hinsichtlich der Phobie etwas bewirken? Danke schon mal im Voraus.

21.07.2019 13:06 • 02.08.2019 x 1 #1


10 Antworten ↓


Ja, hier ich. Ich kann dir dazu aber leider nichts raten..
Ich denke, dass man den sch. nie wieder los wird, wenn man das so extrem hat..
Bin zehn Jahre jünger als deiner einer und "schieß mich tot" habe keine Lust noch 10, ja auch nur 5, 3, 2, 1 so zu leben.

21.07.2019 13:42 • x 1 #2


Miami
Ich kann Dir auch nichts raten möchte Dir aber was sagen.

In einer großen Runde habe ich jemanden erlebt der extrem stark stotterte.
Und dem wurde alle Zeit der Welt gegeben und die komplette Aufmerksamkeit lag (im positiven Sinne) auf dem was er sagte.

21.07.2019 14:04 • x 1 #3


@Miami und wie geht's weiter?

21.07.2019 15:22 • #4


Hallo,
etwas erschütternd, so was zu lesen.
Durch die vielen Jahre hast Du natürlich viel Kraft verloren.

Es ist fraglich, ob SSRI (Citalopram) bei Ängsten wirklich passen und ob sie nicht das Gegenteil bewirken.
Laut einer schwedischen Studie aus 2015 (PET Untersuchung) haben Leute mit Sozialphobie zu viel Serotonin. Und die Serotonintransporter sind über aktiv, um den hohen Serotoninspiegel zu beseitigen. Immerhin droht sonst ein Serotoninsyndrom.
In dem Artikel wird leider nichts dazu gesagt, ob SSRI (die den Spiegel ja weiter erhöhen) zu meiden wären.

Ich habe mich etwas mit den Details beschäftigt. Man hofft wohl auf das - langfristige - Eintreten einer Downregulierung postsynaptischer Serotoninrezeptoren.

Willst Du nicht mal etwas neues ausprobieren?
Buspiron zB?

Allerdings kann das Absetzen des Citalopram schwieriger werden.

Warum denn nicht doch mal Hypnose versuchen? Selbst, wenn die Wirkung nach einiger Zeit nachlassen sollte...
Und ganz sicher könnten Hypnotiseure auch intensiver suggerieren, dass es länger bzw. ewig anhält.

https://www.rtl.de/videos/kann-bernd-fu...0b8f0.html

Natürlich macht diese Sozialphobie Dich depressiv. Es wäre sinnvoller, diese Phobie zu therapieren.

Gib Dir selbst noch eine Chance!

21.07.2019 15:32 • x 1 #5


Miami
Zitat von DanDanDan:
@Miami und wie geht's weiter?


Da gibt's kein weiter, ich kannte ihn nicht.

Ich fand es einfach bemerkenswert.

Sorry, wenn es am Thema vorbei war.

21.07.2019 15:35 • #6


Danke für die Antworten. Ich will dazuschreiben, dass sich alles schlimm liest, aber ich bin nicht so weit unten, dass ich wie andere z. B. nicht einkaufen gehen kann usw. Das geht bei mir alles und man sieht mir eigentlich auch nichts an. Natürlich geht es aber bei mir auch nicht, wenn ich eine Panikattacke habe.

Es sind halt die bestimmten Situationen die bei mir die Angstsymptome auslösen und dann kann es wie oben geschrieben zu den Reaktionen des Körpers kommen.

Wegen meines Stotterns habe ich schon viel getan nach langem Vor-mir-Herschieben. Ab 2009 7 J. ambulante Therapie bei ca. 6 Logopäden. 2017 eine Stotterintensivgruppentherapie an der Ostsee.
Bis dahin war ich immer der Meinung, dass mein Stottern mein Problem sei, aber mein Therapeut meinte, dass es die Phobie ist, was ich mittlerweile auch so sehe.

Das Citalopram wurde mir damals von meinem Psychotherapeuten empfohlen, es hellt schon etwas die Stimmung auf, trotzdem wäre ich bereit auf ein anders Medikament umzusteigen, welches vllt. in meinem Fall mehr Wirkung zeigt. Ich werde mir Buspiron mal vormerken.

21.07.2019 18:07 • #7


Miami
Hallo Jens,
Buspiron hört sich interessant an. Aber in dem Artikel den ich gerade gelesen habe stand das es mehrere Wochen dauert bis es wirkt und nur etwa 4 Monate eingenommen werden soll?

21.07.2019 18:27 • x 1 #8


Zitat von Miami:
Da gibt's kein weiter, ich kannte ihn nicht.Ich fand es einfach bemerkenswert.Sorry, wenn es am Thema vorbei war.



ok

21.07.2019 18:47 • #9


Kimsy
Hallo Jens,
Mir gehts so ähnlich wie dir. Die SP hat mich auch voll im Würgegriff. Ich bin etwas älter als du und leide schon sehr lange daran. Ich habs auch nicht geschafft davon loszukommen und weiss auch net mehr weiter. Irgendwie ist man gefangen in den dysfunktionalen Gedanken, weder Therapie noch Medikamente haben geholfen...und jetzt ist noch die Depression dazu gekommen

21.07.2019 20:13 • x 1 #10


Na, das ist doch mal ein Thread, wie (fast) auf mich zugeschnitten. Hab` auch so ziemlich alles, was hier bereits geschrieben wurde. Ich stottere, doch halt, es ist zu 90 % Situationsabhängig, seit über 50 Jahren. Das führte dazu, dass ich so gut wie nie spreche, schicke meistens meine Frau vor. Ja, ich hab` ne Frau. War purer Zufall. Gäbe es sie nicht, wäre ich schon längst weg. Gibt sonst niemanden, für den es sich lohnt zu leben.

Vor 5 Jahren kamen noch dissoziative Krampfanfälle und Amnesien dazu. Das volle Programm. Medis nehme ich Valpro gegen die Anfälle, nehme aber nichts mehr zum Thema Psyche, früher mal Doxepin, das brachte nichts, ließ mein Gesicht nur aufschwemmen. Da lässt sich meine Seele nicht auf`s Glatteis führen. Auch ich habe keine Lösungsansätze für dich Jens, nur den Hinweis darauf, dass du nicht alleine mit deinen Problemen bist. Danke, dass du sie mit uns teilst.

02.08.2019 21:03 • x 4 #11




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