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miricale

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Hallo zusammen,

ich (w27) bin neu hier und habe mich im Forum angemeldet, da ich nicht mit bekannten Menschen über meine Angst reden kann. Das Thema steht ja schon im Betreff. Es ist so, dass ich mich vor fast allen Menschen verstelle, da ich Angst davor habe abgelehnt zu werden, wenn ich einfach so bin wie ich bin.

Da ich das Verstellen schon seit meiner Jugend praktiziere, gelingt es mir sehr gut und ist seit langer Zeit ein Teil von mir. Lange Zeit hat es mich auch nicht gestört. Ich war sogar sehr stolz darauf, das so gut hinzubekommen. Die Menschen in meiner Umgebung halten mich für einen sehr offenen, kommunikativen, hilfsbereiten und kritikfähigen Menschen mit viel Selbstvertrauen, den kaum etwas aus der Ruhe bringen kann. Als solcher wollte ich auch immer gesehen werden, da es mir das Leben oft angenehm und einfach machte. Seit einiger Zeit fühle ich mich in dieser Rolle jedoch gar nicht mehr wohl, da ich sie als sehr anstrengend empfinde. Ich habe immer häufiger das Bedürfnis, diese Rolle aufzugeben und einfach so zu sein wie ich bin ... insbesondere bei Menschen, die ich sehr mag und bei denen ich den Eindruck habe, dass sie es in Ordnung finden würden, wenn sie wüssten wie ich eigentlich bin. Ich traue mich das jedoch nur sehr sehr selten und wenn ich einmal ansatzweise aus meiner gespielten Rolle herauskomme, fühle ich mich ganz furchtbar und habe unheimliche Angst davor, dass sich meine Ehrlichkeit als Fehler erweisen und mich die Person wegen meiner wahren Eigenschaften ablehnen könnte. Ich denke dann immer sehr lange darüber nach, wie ich etwas formulieren soll und auch darüber, wie meine Ehrlichkeit wohl bei der Person ankommt. Mit diesen Gedanken kann ich ganze Nächte verbringen. Oftmals ärgere ich mich dann auch darüber, dass ich nicht doch einfach den "leichteren" Weg gegangen bin. Ehrlich gesagt wünsche ich mir im Moment nichts mehr, als zu manchen Menschen einfach ehrlich sein zu können und zu merken, dass sie mich trotzdem mögen. Ich kann mich aber nicht wirklich dazu durchringen.

Offen, kommunikativ und hilfsbereit bin ich tatsächlich und ich kann auch Kritik annehmen, nur nehme ich sie mir viel zu sehr zu Herzen und habe dann immer das Gefühl einfach alles falsch zu machen, obwohl ich im Grunde weiß, dass das nicht stimmt. Ich bin insgesamt sehr ängstlich, habe überhaupt kein Selbstvertrauen und bin sehr schnell aus der Ruhe zu bringen. Ich bin sehr sensibel, verletzlich, unheimlich leicht zu enttäuschen und fühle mich eigentlich nur dann einigermaßen wertvoll, wenn man mir dieses Gefühl von außen vermittelt (selbst dann nicht immer). Obwohl mir meine sensible Seite insbesondere im Berufsleben eine sehr große Hilfe ist (ich arbeite in einem sozialen Beruf) und mich karrieretechnisch auch schon weit gebracht hat, kann ich sie nicht gut als Teil von mir akzeptieren und wünsche sie mir oft weg.

Des Weiteren neige ich seit meiner Jugend sehr stark dazu, andere Menschen für Eigenschaften und Kompetenzen zu idealisieren, die ich mir für mich selbst auch wünsche. Das betrifft fast immer Menschen, die älter und erfahrener sind als ich und bei denen ich das Gefühl habe, etwas von ihnen lernen zu können. Diese Idealisierung erschwert die Kommunikation oft zusätzlich und führt dazu, dass ich noch intensiver über alles, was ich sage und mache nachdenke, da mir die Meinung dieser Menschen natürlich in ganz besonderen Maße wichtig ist. Ironischerweise sind es oft genau die Leute, in deren Gegenwart ich mich traue doch mal der Mensch zu sein, der ich bin. Gespräche mit diesen Menschen sind dann für mich aber unheimlich emotional und in hohem Maße angstbesetzt, was ich natürlich dann zu verstecken suche. Ist es mir einmal gelungen, mein wahres Ich zu zeigen, habe ich das Bedürfnis immer mehr von mir zu erzählen, unterdrücke dieses Bedürfnis aber aus Angst vor Ablehnung meistens wieder. Das alles ist unheimlich anstrengend und ruft derzeit sehr starke negative Gefühle in mir hervor, mit denen ich manchmal gar nicht mehr umzugehen weiß.

Geht es hier jemandem auch so und hat vielleicht ein paar Tipps, wie ich meine Angst in den Griff bekommen könnte?

Liebe Grüße

14.04.2019 16:15 • 18.04.2019 #1


4 Antworten ↓


juwi

juwi


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Erstmal herzlich willkommen hier bei uns!

Ich kenne Vieles von dem, was du da beschreibst.
Solange du noch Zugang zu deinem eigentlichen Ich hast, ist es gut. Bei mir ist es so, dass ich den längst verloren habe und nur noch aus Fassade bestehe, zumindest gegenüber Menschen im realen Leben. Hier im Forum ist es besser, und ja, tatsächlich mache ich mich dadurch angreifbar und werde auch angegriffen. Die Angst ist also real. Hast du denn nur Angst davor, abgelehnt zu werden, wenn du dich so gibst, wie du wirklich bist, oder ist dir Ablehnung tatsächlich schon begegnet?

14.04.2019 16:53 • x 1 #2


miricale


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Zunächst einmal vielen Dank für das herzliche Willkommen und für deine Antwort!

Ich habe nicht nur Angst davor, abgelehnt zu werden, ich habe diese Ablehnung auch schon erfahren ... und zwar immer genau dann, wenn ich mich mal getraut habe, mich so zu zeigen wie ich bin. Ich war vor vielen vielen Jahren auch mal mit jemandem zusammen, dem ich mit meinen Eigenschaften eine wunderbare Angriffsfläche geboten habe und der das auch sehr ausgenutzt hat (was mir damals nicht klar war, aber heute klar ist, ist dass dieser jemand ein Bilderbuch-Narzisst ist). Während der Ausbildung hatte ich ferner einen Mentor, der mir immer gesagt hat, ich dürfe zwar natürlich so sein, solle es aber nicht so offen zeigen. Aber auch darüber hinaus habe ich Angst, dass man sich bei Menschen wie mir denken könnte "so jemand ist mir viel zu anstrengend". Und obwohl mir mein Charakter im Berufsleben dienlich ist, denke ich mir, dass das insgesamt keine Eigenschaften sind, die in unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft besonders gefragt sind. Gefragt sind doch letztlich eigentlich immer diejenigen, die absolut selbstsicher und überzeugend auftreten und keine Herausforderung scheuen. Auftreten kann ich so zwar auch, aber ich bin es einfach nicht...

Wie ist das denn bei dir? Gibt es denn noch Menschen in deinem realen Leben, die dich so kennen wie du bist oder tatsächlich nur noch hier im Forum?

14.04.2019 17:27 • #3


juwi

juwi


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Nur noch im Forum, um ehrlich zu sein, ich bin sonst völlig isoliert, habe durch meine psychische Erkrankung Job, Bekannte, Freunde, alles verloren. Begegne ich draußen Menschen, umgibt mich ein dickes Schutzschild. Obwohl ich mir nichts sehnlicher als Kontakte wünsche. Größer als dieser Wunsch ist aber die Angst vor Ablehnung, Scheitern, Schmerz.

Immer so zu tun, als sei man selbstsicher etc., macht auf Dauer krank. Habe früher im Job auch immer alles gegeben und wider meine Natur gehandelt, irgendwann war das Spiel aus. Da muss man echt aufpassen.

14.04.2019 17:33 • x 2 #4


Jan_

Jan_


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Wir alle nehmen je nach Umfeld und Anforderungen verschiedene Rollen ein und setzen Masken auf.

Insbesondere im beruflichen Umfeld und mit uns unbekannten Personen ist eine gewisse Distanz auch durchaus angebracht.

Schön dass du Personen hast bei denen du das Gefühl hast dich öffnen zu wollen.
Das das aus Mangel an (positiven) Erfahrungen angsteinflößend ist ist natürlich verständlich.
Gleichzeitig ist es auch eine super Chance eine Freundschaft zu vertiefen. Weg von etwas oberflächlichem hin zum Offenbaren von Schwächen. Das bietet nicht nur dir die Möglichkeit dich in diesem Zustand etwas wohler zu fühlen, sondern auch der Gegenperson dich besser kennen zu lernen und ggf. zu investieren, dich zu unterstützen, was der beidseitigen Freundschaft auch nur zuträglich ist!

Überlege dir ruhig mal ob du offener damit umgehen möchtest. Du kannst durchaus auch deine Unsicherheit diesbezüglich ansprechen; eröffnen damit dass du gerne etwas mehr von dir und deiner Persönlichkeit und Unsicherheiten offenbaren möchtest, und/oder Freundschaft vertiefen möchtest, und was die andere Person davon hält. Das kann als Vorwarnung für die andere Person dienen, dass dir dies sehr wichtig ist, und du entsprechende positive Rückmeldung benötigst. Wenn dies dann sehr positiv und offen aufgenommen wird bringt dies vielleicht auch leichter dazu was dich dann gerade beschäftigt mitzuteilen.
Und wenn nicht ist das auch nicht schlimm. Du kannst immer sagen: "Super, aber jetzt fühle ich mich gerade nicht dazu in der Lage.". Alles kann, nichts muss.
Und wenn du es nicht schaffst kommt bestimmt wieder eine Gelegenheit. Oder du schaffst dir die Gelegenheiten, in dem du entsprechende Treffen in passender Umgebung anbietest/vereinbarst, etc.

Letztlich fehlt dir nur etwas positive Erfahrung und Zuversicht. Es ist völlig in Ordnung wenn du dich unsicher fühlst.
Sich zu öffnen heißt immer auch sich verletzbar zu machen. Aber es bietet auch viele Chancen, in vielerlei Hinsicht.
Man wird auch mal verletzt. Wenn man das akzeptiert kann man aber "einfach" trotzdem weiter machen und weiter versuchen. Die nächste Chance wieder nutzen und es wieder versuchen.

Wenn du möchtest kannst du auch versuchen Angst und Unsicherheit als (positive) Aufregung und Vorfreude um zu interpretieren.
Freude etwas neues auszuprobieren, sich zu öffnen, Möglichkeiten zu eröffnen.
Das funktioniert in der Regel besser als sich versuchen zu beruhigen, weil diese Emotionen sehr viel näher beieinander sind.

18.04.2019 19:58 • #5



Dr. Reinhard Pichler