nervling

nervling

43
4
11
EMDR steht für Eye Movement Desentizitation and Reprocessing was eine Desensibilisierung und ein Wiedererleben traumatischer Erlebnisse bedeutet.
Der Patient soll bei einer EMDR Therapie unter Anleitung des Therapeuten Erinnerungen an das Trauma wachrufen. Der Therapeut setzt wechselseitige Impulse z.B. durch Klopfen auf die Knie oder der Patient muß mit den Augen Bewegungen von rechts nach links und zurück folgen. Durch die Verbindung der Erinnerung mit diesen Reizen gab es wissenschaftlich erwiesen hervorragende Erfolge bei der Aufarbeitung und Überschreibung von Traumata.
PTBS -> Posttraumatische Belastungsstörung
Habt Ihr Erfahrungen damit gemacht ? Welche?

27.05.2017 11:47 • 18.08.2019 #1


4 Antworten ↓


schnapper

schnapper


1067
17
256
Das ist ja ne sehr allgemeine Beschreibung hier. Wie läuft das denn genauer. Muss da erst eine intensive Stabilisierung erfolgen, Ehe emdr Techniken angewandt werden?

13.08.2019 16:56 • #2


silverleaf

silverleaf


8
Hallo Ihr Lieben,

ich habe Erfahrungen mit EMDR gemacht. Viele Traumatherapeuten sehen EMDR als die beste Behandlungsmethode für Traumatisierungen. Im Detail gehen die fachlichen Meinungen auseinander, sobald es um den Bereich komplexe PTBS geht. Ich weiß, die komplexe PTBS ist aktuell im ICD 10 keine eigene Erkrankung, sondern läuft unter PTBS, aber das wird sich ja mit dem ICD 11 ändern.

Der Grundgedanke ist folgender:
Das Traumagedächtnis funktioniert ganz anders als das "normale" Gedächtnis, was zur Folge hat, dass traumatische Erinnerungen von unserer Psyche nicht verarbeitet und "abgelegt" werden können. Die Erinnerungen werden in Fragmenten ungeordnet gespeichert, können aber nicht verarbeitet werden. EMDR hilft der Psyche dabei, diese Fagmente wieder miteinander zu verbinden und in Beziehung zu bringen, dadurch kann die Psyche diese dann verarbeiten und endgültig "ablegen", wodurch dann die Traumafolgesymptomatik abnimmt (diese Darstellung ist natürlich stark verkürzt, sorry dafür, aber das Thema ist unglaublich komplex).
Dies geschieht durch bilaterale Stimulation, zumeist über die Augen. Der Therapeut sitz in einem bestimmten Abstand vor einem, hält zwei Finger hoch, die man fokussiert, und bewegt diese dann hin und her, man folgt den Fingern mit den Augen (ca. 30x). Das ist quasi der Kern der EMDR-Behandlung.
Dann macht ma eine kurze Pause, der Therapeut stellt eine oder mehrere Fragen, dann geht es weiter mit dem nächsten Set an Augenbewegungen. Dann wieder Pause, nächsts Set, usw., bis zu einer Stunde lang oder noch länger.

So viel zur reinen Handlungsebene. Das Ziel ist, mit diesen Bewegungen dafür zu sorgen, dass die empfundene Belastung durch eine Erinnerung abnimmt. Gedanklich/emotional passiert Folgendes:
Man wählt eine belastende Erinnerung aus, die man behandeln möchte. Diese Erinnerung ruft man sich ins Gedächtnis, möglichst genau. Man erzählt diese dem Therapeuten, der hört sie sich an, dann bespricht man, wie hoch der empfundene Grad an Belastung ist (dieser soll in der Behandlung sinken). Man leitet daraus eine belastende Grundüberzeugung ab: z.B. Ich bin hilflos, Ich bin ausgeliefert,... und beziffert konkret, wie stark man von diesem Gedanken überzeugt ist (meist ein hoher Wert), dann erarbeitet man eine hilfreiche Gegenüberzeugung, z.B. Ich bin handlungsfähig, Ich kann mich wehren, Ich kann mich schützen,... oder so ähnlich. Auch hierfür wird wieder ein Wert ermittelt, wie stark man an diese Überzeugung glaubt (meist ein sehr geringer Wert). Dann beginnt konkret die Behandlung: man setzt sich in Position, erzählt dem Therapeuten wieder von der Situation, taucht gedanklich und emotional so tief wie möglich in die Szene ein. Dann kommt die Aufforderung "Bitte schauen Sie auf meine Finger" und das erste Set beginnt. Nach dem Set kommt meistens die Frage "Was ist jetzt da?" . Man spricht über die aufkommenden Emotionen, beschreibt, wie sich die Szene vor dem inneren Auge verändert oder was auch sonst immer gerade in einem passiert. Das variiert sehr stark. Dann geht es weiter, nächstes Set, nächste Pause, usw., usw.
Der Therapeut erstellt ein Protokoll der Sitzung, welches man im Nachhinein zusammen ansieht. Im Verlauf der Behandlung ist es meistens so, dass die negative Emotion zunächst stark zunimmt, man diese auch da sein lässt, und irgendwann kommt der Punkt, an dem die Belastung zurückgeht. Am Ende schaut man sich nochmal die beiden Überzeugungen an und gibt erneut eine Einschätzung ab. Im Idealfall ist die negative Überzeugung zurückgegangen und die positive Überzeugung hochgegangen.
Die bilaterale Stimulation kann auch über Klopfen des Therapeuten auf die Arme erfolgen, aber der Klassiker sind die Augenbewegungen.

Soweit erstmal zur Durchführung, ich schicke das hier erstmal ab und schreibe dann einen weiteren Post, in welchem ich meine konkreten Erfahrungen schildere.

Vor 1 Stunde • #3


silverleaf

silverleaf


8
Es ist erwiesen, dass EMDR gerade im Bereich der "einfachen" Traumatisierung (wie z.B. nach einem Unfall, einem Überfall o.ä.) super Resultate erzielt. Inwieweit sich auch komplexe Traumatisierungen für EMDR eignen, ist etwas umstritten.

Ich habe mehrere Anläufe genommen, meine komplexe PTBS mittels EMDR behandeln zu lassen. Es ist eine sehr intensive Erfahrung, so viel kann ich auf jeden Fall sagen.
Bislang musste jeder Versuch bei mir abgebrochen werden, weil ich zu stark dissoziiere, und dann geht es nicht. Ich habe die Vorbereitungen durchlaufen, verschiedene Erinnerungen ausgewählt und aufgeschrieben, mit dem Therapeuten besprochen, eine Auswahl getroffen, die konkrete Sitzung für eine Erinnerung vorbereitet, dann kam der Tag X, wir haben angefangen und mussten meistens so nach dem dritten oder vierten Set abbrechen. Jetzt arbeiten wir erstmal ganz klassisch gesprächstherapeutisch weiter und werden einen neuen Versuch wagen, wenn ich stabiler bin. Für mich ist aktuell das biographische Material zu belastend, um es aushalten zu können, in der erinnerten Situation zu verbleiben. Für mich ist es eine Überforderung, in die Situation voll "hineinzugehen", was aber auch daran liegt, dass es halt ein Komplextrauma ist. Meine Psyche hat über Jahrzehnte hinweg seinen eigenen Weg gefunden, mit den belastenden Erinnerungen umzugehen, und von dem Mechanismus "will" sie nicht ablassen.

Aber selbst in diesen kurzen Sequenzen habe ich schon gemerkt, wie intensiv diese Erfahrung für die Psyche ist, es ist ganz schwer zu beschreiben, was diese bilaterale Stimulation konkret bewirkt, ich glaube wirklich fest daran, dass EMDR auch für mich irgendwann der Weg zur Heilung sein wird, ich muss nur noch besser darin werden, die Erinnerungen zu tolerieren, diesbezüglich stehe ich trotz jahrelanger Therapie (ambulant und stationär) noch ganz am Anfang.

Ich habe bei Mitpatienten mitbekommen, wie toll diese Therapieform bei ihnen wirkt, die meisten Patienten sind hellauf begeistert, wie schnell sich massive Verbesserungen einstellen und die symptomatische Last quasi von jetzt auf gleich massiv nachlässt.

Vor 47 Minuten • #4


silverleaf

silverleaf


8
Zur Frage der vorangehenden Stabilisierung:

Da gehen die Meinungen der Therapeuten auseinander. Im Wesentlichen gibt es zwei Grundüberzeugungen:

1) Der Patient muss erst stabil sein, dann kann die EMDR-Behandlung beginnen, alles andere wäre fahrlässig und nicht zu verantworten.

2) Der Patient muss nicht stabil sein, durch die Behandlung erfährt er sowieso eine vorübergehende Destabilisierung, die die vorangegangene Stabilisierung dann eh aufhebt, es wird viel zu viel wertvolle Therapiezeit auf Stabilisierungen verwendet, man muss dem Patienten auch die Möglichkeit geben, Fortschritte machen zu können, sonst tritt man ewig auf der Stelle, wenn man den Patienten nur in Watte packt, hilft man ihm auch nicht.

Wer recht hat, kann ich nicht sagen, ich glaube, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Ich würde es auf jeden Fall ausprobieren, die meisten Patienten kommen super mit der EMDR zurecht.
Persönlich bin ich der Meinung, dass eine solche Behandlung im Idealfall stationär durchgeführt werden sollte, um für eventuelle anschließende Krisen einen Ansprechpartner zu haben. Ist man ambulant gut betreut, geht es sicherlich auch zu Hause, vorausgesetzt, man ist nicht alleine und hat die Möglichkeit, per Telefon an professionelle Hilfe heranzukommen (z.B. durch einen ambulanten psychiatrischen Pflegedienst).

LG Silver

Vor 32 Minuten • #5




Auch interessant

Hits

Antworten

Letzter Beitrag