Zitat von Susanne05: Kann auch sein. Hab mich grade mal versucht so reinzuversetzen.
Ist möglich. Könnte man fast schon Mitgefühl haben. Vielleicht hab ich deshalb immer verziehen.
Kanns aber bis heute nicht vergessen und würdes auch niemals bei jemandem machen.
Liebe Susanne
🌈 ja, also, ich denke, ich verstehe Dich. Ich bin ziemlich fest davon überzeugt, dass er nicht weh tun möchte. Nach dem, wie ich ihn erlebe und was ich mir aus dem von ihm Gesagten zusammen setzen kann, fühlt er sich endlos überfordert und mir unterlegen. Er hat das Gefühl, dass ich grundsätzlich alles sage, was ich denke, immer. Dass er aber durch seine Einschränkungen seine Anliegen überhaupt nicht artikulieren kann und deshalb permanent auf der Strecke bleibt.
Zum Beispiel hatte er mal gesagt, ich kann und ich will Dir dabei nicht helfen. Da haben wir dann nochmal drüber gesprochen. Ich habe gesagt, wieso möchtest Du immer diese Abweisung da mit ausdrücken. Er sagte, das sei völlig falsch angekommen. Das "ich will nicht" beinhaltete, wenn ich das tue, werde ich in einen Zustand kommen, in dem ich gar nichts mehr kann und meine Alltag nicht mehr bewältigen kann, gar nicht. Und er würde spüren, dass er da nah dran sei und davor hat er große Angst, dass er einfach gar nichts mehr kann. Und darauf bezog sich das "ich will nicht", ich will in so einen Zustand nicht kommen.
Es ist aus seiner Perspektive betrachtet so, er hat zur Zeit gar kein soziales Netzwerk, dass ihn auffängt, nur seine Kollegen und sein Chef. Es sind überhaupt keine Freunde da. Ich habe über 20 Freunde etwa, die regelmäßig entweder hierher kommen, mit denen Austausch da ist, gemeinsame Aktivitäten, Gespräche. Ich bin da im Gegensatz zu ihm total gepuffert. Er muss Angst haben, wegen seiner Probleme seine Arbeit zu verlieren. Ich arbeite seit 17 Jahren in dem gleichen Bereich, habe totale Sicherheit und Stabilität, seit 12 Jahren habe ich meine Praxis und einen sicheren Klientenkreis. Ich bin finanziell unabhängig und verdiene das vierfache von ihm. Ich habe in allen Lebensbereichen und wirklich jeden Tag Selbstwirksamkeitserleben, er hat das definitiv nicht. Er macht erstmalig eine Therapie, ich habe vier Langzeittherapien abgeschlossen und bin deshalb viel geübter darin, meine Gefühle zu benennen, zu spüren, darüber zu sprechen. Ich kann in den Therapien offen über mich sprechen, mache keine Geheimnisse, er kann das nicht. Er lässt definitiv so viel aus, dass er von Schuldgefühlen erschlagen sein muss und wie gelähmt. Allein dass er seine Töchter so im Stich lässt und sich kein bisschen kümmert, nie Unterhalt gezahlt hat. Bei ihm ist ein riesiges Schweigen. Ich habe viele Aktivitäten, die mir Spaß machen, er nicht. Ich kann Bücher lesen und das genießen, er kann nicht mal ein paar Seiten lesen, weil er sich auf nichts konzentrieren kann durch sein permanentes Gedankenchaos. Das einzige, wo er abschalten kann, ist schlafen.
Ich sehe, dass er kaum Kompensationsmöglichkeiten hat für seine Probleme und ich sehr viele.