Hallo Ninschn.
Zuerst einmal:
Zitat:Da bewundere ich dich, dass du das geschafft hast!
Danke für das Kompliment, aber es ist unverdient. Es ist nicht so, dass ich bezüglich dieser Ohnmachstangst wirklich aktiv etwas getan hätte. Das ist einfach durch jahrelange Erfahrung immer besser geworden, bis es dann jetzt so gut wie ganz verschwunden ist. Ich bin ja immerhin auch schon 33. Und als ich so alt war die du, da war ich gerade voll damit beschäftigt, meine Vermeidungsstrategien zu perfektionieren und hatte das Schlimmste noch vor mir.
Zitat:Deshalb denke ich auch jedesmal "Vielleicht ist mir ja diesmal WIRKLICH übel und ich muss erbrechen".
Verstehst du was ich meine?
Ja. Vielleicht muss ich ja diesmal erbrechen, weil ich was falsches gegessen habe. Vielleicht kipp ich diesmal um, weil ich zu wenig gegessen, zu viel geraucht, zu lange Zuhause rumgesessen, mich zu zu wenig bewegt und deshalb Kreislaufprobleme habe. Usw. Kenn ich.
Zitat:Vielleicht müsste ich einfach einmal erleben, wie sich richtige körperliche Übelkeit anfühlt.
Das ist Blödsinn, mal ganz direkt gesagt, und von dir wahrscheinlich auch nicht wirklich ernst gemeint. Geht ja ganz einfach. Du musst dich nur besaufen. Aber wenn es überhaupt etwas ändern würde, dann wohl eher ins negative.
Zitat:Es muss im Gehirn einfach ein Schalter umgelegt werden und es muss zu 100% begriffen werden, dass das, wovor man so große Angst hat nicht passieren wird.
Dazu habe ich mir seit gestern Abend etwas ausführlichere Gedanken gemacht. Ich glaube, ich war sehr lange Zeit auf der Suche nach einem großen Schalten, den ich umlegen kann, und dann wird alles gut. (Bin nicht sicher, ob du das so meinst, aber schreib mal weiter.) Die letzten Jahre weniger wegen Ohnmachtsangst, sonder wegen meiner vielfältigen anderen Probleme, also in erster Linie Kontakt- und Redeangst. Und erst seit relativ kurzer Zeit bin ich dabei,
wirklich zu begreifen, dass dieser eine große Schalter nicht existiert. (Wissen tu ich das schon lange. Aber etwas wissen und wirklich wissen sind ja zwei verschiedene Dinge.) Jetzt habe ich mir das so vorgestellt, dass es nicht ein großer Schalter ist, sonder sehr viele, also wirklich richtig viele kleiner Schalter. Und diese Schalter stehen auf übergeben oder umkippen, und jedesmal, wenn man in eine Angstsituation gerät und das worst-case-szenario ausbleibt, wird austomatisch einer dieser Schalter umgelegt. Aber es sind halt wirklich sehr viele Schalter. Also
Zitat:Ich habs bei mir auch schon 100e Male gesehen, dass ich nicht erbrechen musste
reicht nicht. Vielleicht wirds ab dem 1000sten Mal besser. Aber: Besser
wird es.
Ich denke, diese Angst kann man nicht durch nachdenken lindern, und wahrscheinlich auch nicht durch reden. Man kann diese Angst nicht kontrollieren oder bekämpfen. Und man kann wahrscheinlich auch den Grund nicht finden. Diese Angst entspringt dem Unterbewusstsein, und darauf haben wir keinen Zugriff. Das Gute daran ist, dass die gleichen unterbewussten Mechanismen, die es unmöglich machen, diese Angst zu bekämpfen, letztlich auch für die Heilung sorgen. Man muss einfach wieder und immer wieder in die Angstsituationen hineingehen. Jedesmal wird einer dieser Schalter umgelegt, egal ob man es will oder bemerkt. Gegen den Heilungsprozess kann man sich ebenso wenig wehren wie gegen die Krankheit.
Langer Rede kurzer Sinn: Mein Rat ist, mach es nicht so wie ich, als ich so alt war wie du. Wirf deine Vermeidungsstrategien in den Müll, und versuche, gezielt auf Angstsituationen zuzugehen. Ärger dich, dass es dir in diesen Situationen total beschissen geht, und freu dich gleichzeitig, dass du der Heilung wieder einen Schritt näher gekommen bist. Lass die Zeit und dein Unterbewusstsein für dich arbeiten.
Ich hoffe, dieser Text war jetzt nicht zu lang. Wenn doch, dann sag es und ich fasse mich das nächste Mal kürzer. (Oder versuche es zumindest )
lg ichwersonst