Servus vs. Moin

Preki,
Zitat von Prekariat: Eigentlich hatte ich das relativ lieblose Elternhaus, einen nur fordernden und mitunter gewalttätigen Vater sowie das jahrelange Schulmobbing hinter mir gelassen. Sozusagen in Eigentherapie, ich kann heute damit umgehen.
Ich dachte auch lange, dass ich mit negativen Erfahrungen aus der Kindheit umgehen kann. Heute kann ich damit umgehen, dass ich damit nicht umgehen konnte, obwohl ich das glaubte.
Zitat von Prekariat: Ich hatte noch nie einen festen Arbeitsvertrag, aus heutiger Sicht war mein Studium ein Griff ins Klo. Der Arbeitsmarkt in meinem Bereich ist eine Katastrophe. Ich hause in einem überteuerten Wohnloch, die Umgebung ist nicht förderlich. Sozialleben? Quasi nicht vorhanden. Nun falle ich in HartzIV und lebe in einer Stadt, in die ich nie wirklich wollte.
Ich habe alle Deine Beiträge jetzt durch und bin da absolut bei Dir. Der Studiengang war falsch
gewählt aber lt. Deinen Aussagen hattest Du streckenweise gute Zeiten
während des Studiums. Das würde ich zumindest - auch im Nachhinein -
wertschätzen. Das hast Du gut gemacht.
Zitat von Prekariat: Ich male mir nun ständig aus, wie ich diesen Albtraum hier hätte hinter mir lassen und in ein neues Leben starten können. Es hätte alles so schön sein können. Aber die Stelle ist weg. Diese Chance in dieser Stadt zu diesen Konditionen wird es nie mehr geben.
Wenn das so ist - und das hast Du mehrmals betont und ich glaube Dir das - dann hake es ab. Sämtliche W-Fragen diesbezüglich sind für´n A. wie man hier in Bayern so lebensecht formuliert...

Abhaken ist kein Hintersichlassen (das ist es ja schon von alleine), sondern ein Aufgeben eines
gegenwärtigen Kampfes. Das was da gerade bei Dir abläuft sind m. E. bereits ausgewachsene Zwangsgedanken.
Zitat von Prekariat: Ich sehe es mittlerweile als *die* Lebenschance, die ich mir mutwillig zerstört habe.
Achtung, Hypothese: Ich übersetze diese Aussage folgendermaßen: "Endlich habe ich ein klar definiertes Bezugsobjekt gefunden, wodurch ich sämtliche Selbstverurteilung rechtfertigen kann!".
Zitat von Prekariat: Kürzlich war ich nach Monaten mal wieder beim Psychiater, den ich damals nach dem Befristungsende aufgesucht hatte. Er empfiehlt das Übliche: Medikamente, Klinik, Psychotherapie. Das Problem ist, dass all das nichts an meiner Lebenssituation ändert. Und ich kann eben nicht mehr damit umgehen. Insbesondere nicht mit der Tatsache, mir diese Stellen- bzw. Lebensperspektive absichtlich verbaut zu haben.
An der
vergangenen Tatsache ändert es nichts. Das hat auch noch keine Therapie oder Medikation geschafft. Die
anderen, viel wichtigeren Möglichkeiten der Therapie kennst Du.
Zitat von Prekariat: Andererseits sehe ich die vertane Chance tatsächlich als die einzige Option, die meinem Leben eine positive Wendung hätte geben können. Das klingt radikal, aber die Gesamtumstände und die bisherigen Erfahrungen insbesondere in meinem beruflichen Umfeld weisen durchaus darauf hin.
Ja, passt, das war´s. Und? Willst Du jetzt "am restlichen Leben krepieren"? Bist Du wirklich die Typ Frau? Nö, so scheinst Du mir nicht gestrickt.
Eins ist bemerkenswert: Du weißt augenscheinlich (!) ganz genau, was Du willst, siehst aber gleichzeitig - ebenfalls ganz genau - dass es keine Chance (mehr) gibt, das zu erreichen.
Merkst was?Zitat von Prekariat: Der extrovertierte Über-Netzwerker bin ich einfach nicht und will es auch nicht sein.
Würde mich auch total ankotzen. Und HH hat mir lediglich dann am besten Gefallen, wenn wir den Freezers im Eisstadion gezeigt haben, wo´s langgeht

Zitat von Prekariat: Umso schwerer fällt es mir allerdings, Dinge zu akzeptieren, für die ich selbst verantwortlich bin.
Aber umso leichter fällt es Dir, die Verantwortung für Selbstverurteilung zu tragen?
Zitat von Prekariat: Zum ersten Mal dann als ein Mensch, der endlich angekommen ist und eine Berufsperspektive hat. Ja, auch Vater hätte sich darüber gefreut.
Ja, so eine Berufsperspektive als Nachkommin ist schon was erfreuliches: Bauchpinselt das (völlig unverdiente!) Vater-Ego, nimmt (vermeintliche!) Verantwortung, macht (vermeintlich!) eigene Versäumnise ungeschehen, liegt ihm nicht lebenslang auf der Tasche. Wer will schon eine Tochter, wenn er stattdessen eine Berufsperspektive haben könnte?
Zitat von Prekariat: Ehrlich gesagt erscheinen mir nun alle anderen Stellen wie die berühmte Resterampe
Lieber restlich zufrieden an einem schönen Ort als restlos unzufrieden über´m zugigen Elbtunnel.
Zitat von Prekariat: Das mit den Selbstvorwürfen ist irgendwie in mir angelegt und hat sicher auch mit Vaters "Erziehung" zu tun. Dass das nicht gesund ist, weiß ich.
Immerhin! Aber Wissen und Praxis sind zwoa Boa Stiefe...
Zitat von Prekariat: Manche sagen, ich sei pessimistisch. Eigentlich war ich aber immer Realist mit Hang zur Melancholie. Oder so ähnlich.
Das macht Dich mir so sympathisch. Bin auch eher Melancholiker, doch das was man gemeinhin als Realität bezeichnet, habe ich zu einem guten Stück "überwunden"... Lebt sich sehr angenehm so. Kleine Brötchen, aber immer genug zu Essen.
Zitat von Prekariat: Was mich mittlerweile aus der Bahn wirft, sind die Lebensumstände. Also Arbeit, Wohnen, Zukunftsperspektiven. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein, nicht umgekehrt", meinte K. Marx. Richtig!
Aber auch:
Zitat von Prekariat: Übrigens beeindruckend, wie sehr die Psyche auch den Körper beeinträchtigen kann.

Zitat von Prekariat: Seitdem ist mein Leben durch die Berufssituation komplett fremdbestimmt, ich konnte mir auch noch nie den Wohnort aussuchen.
Genau das sehe ich als Hauptproblem an. Lass doch einmalig den
Wohnort die
Berufssituation bestimmen. Komm hier in den Süden! Hier kommen auch Überqualifizierte unter...und das meine ich todernst.
Zitat von Prekariat: Deshalb hatte ich ursprünglich die Frage gestellt, was man in meiner für mich ausweglosen Situation denn so machen kann
Falls (!) Dir das nicht zu intim ist, schicke mir eine PN. Mich würde interessieren, welche Berufsalternativen (Quereinsteiger) für Dich in Frage kämen. Tatsächlich kenne ich einige Leute, die mit über 50 noch was völlig anderes ohne jegliche diesbezügliche Ausbildung begonnen haben. Arbeite ehrenamtlich auch aktuell für einige Wochen immer wieder mit derlei Leuten zusammen. Selten habe ich zufriedenere, interessantere Menschen getroffen. Vielleicht kann ich Dir beim "phantasieren" helfen

Zitat von Prekariat: Mir fehlt hauptsächlich aufgrund der ständigen Umzüge auch ein stabiles Sozialleben, denn jedes Mal, wenn ich mir das ein bisschen aufgebaut hatte, musste ich wieder umziehen.
Logisch - absolut unschön und wem würde es da anders gehen. Deshalb: Fokus auf eine Gegend legen, die Dir gefällt und dann einen Masterplan ausarbeiten. Du willst nicht glauben, was alles geht, wenn man sich an die richtigen Leute wendet.
Und jetzt ab ins Café...