Zitat von domi89:Ich habe gemerkt dass ich einige Charaktereigenschaften habe die ich auch an anderen Menschen kritisieren würde.
Hi Domi, mal davon abgesehen, dass Du mir - zumindest hier im Forum - sehr sympathisch bist...: Oft erkennt man an anderen Menschen leichter die Dinge, die einem selber unbewusst sind. Das gilt übrigens nicht nur für "negativ" bewertete Eigenschaften.
Aus meiner Erfahrung sind nicht die positiven oder negativen Eigenschaften selber wirklich relevant sondern die
Bewertung an sich. Ich traue mich wetten, dass auch bei Dir ständig ein stiller Kommentator am Werk ist, der kritisiert oder lobt (auch Lob ist Bewertung und somit "
wertend"!). Diese weit verbreitete Variante der Grübelei ist sehr typisch für unseren Kulturkreis, für die Menschheit insgesamt. Trotzdem ist "der wertende Geist" m. E. einer der entscheidenden Faktoren für die Probleme von uns allen. Bereits bei der Bestimmung und Interpretation unseres Gewichtes bei der Geburt erfahren wir (noch unbewusst) die erste Bewertung in unserem Leben. Sogar
vor der Geburt geht das z. T. schon los...
Es ist also kein Wunder, dass sich die Wertung als prägender Charakter über zahlreiche Generationen in unserem Geist und damit auch in unsere Selbst-Wahrnehmung stabil verankert hat. Nur die wenigsten Menschen erkennen (und spüren) das Leid, das im Grunde daraus erwächst und noch weniger sind in der Lage, sich um diesen Aspekt ihres Erlebens (und damit ihres Lebens) zu kümmern. Das ist verständlich, denn es ist ja nicht so, dass das Kritisieren einfach so abgelegt werden kann, wie ein zu klein gewordenes Kleidungsstück: Wir
SIND kritisch!
Die Kritiksucht (nach innen wie außen) ist den meisten menschlichen Wesen inhärent und somit ein wesentlicher Teil ihres Selbst-Bildes. Eine Veränderung kann also nur durch eine grundlegende Infragestellung der eigenen (!) Wahrnehmung und Bewertung selber eingeleitet werden.
Eine hocheffektive und außerdem äußerst spannende Methode ist das "reine Beobachten":
Der ernsthafte Versuch, die Dinge direkt und unmittelbar so zu sehen, wie sie wirklich sind. Das erfordert zu Anfang etwas Geduld, ist aber sehr lehrreich. Dabei wird man sich dem eigenen Erlebensablauf bewusst und lernt "sich" buchstäblich "richtig" kennen. "Das Richtige" hat nämlich in Wahrheit nichts mit "gut" oder "schlecht" zu tun. Die längerfristigen Folgen sind u. a. mehr geistige Freiheit und soziale Flexibilität und - überraschenderweise - oft deutlich mehr Selbstliebe.