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Preisnachlass auf Menschen

Es war Samstag und somit ein günstiger Tag, um noch ein paar Dinge im Gartenmarkt zu besorgen, um das Werk endlich zu vollenden. Matthias schlenderte gelangweilt mit seiner Mutter durch die Reihen in voller Pracht blühender Blumen, Bäume und allem möglichen Zubehör. Als seine Mutter endlich ihre Lieblingsblumen gefunden hatte und damit beschäftigt war, die erstandenen Pflanzen sorgsam in ihren Einkaufswagen zu sortieren, fiel Matthias ein Stand auf, an welchem steinerne Figuren verkauft wurden. Ein älterer, zwar müde wirkender, aber dennoch freundlicher Herr bot seine Ware feil.

Am Rande des Standes hatte der Verkäufer einige Figuren separat auf einem Tisch aufgebaut, an dessen vorderer Kante ein Schild mit der Aufschrift um 50% reduziert, da defekt prangte. Matthias fiel sofort eine schöne Engelsfigur ins Auge. Dem Engel fehlte der rechte Arm. Matthias wurde nachdenklich, denn er war mit seinen gerade mal vier Jahren weiter als viele seiner Spielkameraden, schaute abwechselnd die Figur und sich an, denn auch ihm fehlte das rechte Ärmchen. Viele Leute gingen achtlos an diesem Stand vorüber, einige schauten sich kurz um, in der Hoffnung auf ein echtes Schnäppchen. Der Verkäufer sprach die Leute an und versuchte, seine Ware mit den Worten sehen Sie doch, diesen wunderschönen Engel bekommen Sie zum halben Preis zu verkaufen. Ein junges Paar reagierte höflich und antwortete ihm: ach nein, wissen Sie, wir haben einen prachtvollen Garten, alles vom Feinsten, alles vom Schönsten. Eine kaputte Figur würde das Gesamtbild nur zerstören. Wir würden sie nicht einmal geschenkt haben wollen.

Matthias' Mutter war längst fertig und beobachtete ihren Jungen. Plötzlich drehte er sich um und fragte sie: Mami, kaufst du mir den Engel? Warum möchtest du ausgerechnet diesen Engel haben? fragte sie ihren Liebling. Ja, weißt du, Mami, irgendwie sind wir uns doch sehr ähnlich. Siehst du denn nicht, dass er so ist wie ich? Ja, das stimmt schon, entgegnete sie ihm, aber du bist ein Mensch, du bist mein Kind, und dies ist eine leblose Figur. Das weiß ich, Mami, sagte Matthias selbstbewusst. Mami, ich möchte dich gerne etwas fragen, setzte er an. Seine Mutter ahnte schon, welche Frage nun auf sie zukäme. Die Frage, vor welcher sie sich schon so lange fürchtete. Ihr war jedoch bewusst, dass nun wohl der rechte Zeitpunkt für eine Antwort gekommen wäre. Na, was möchtest du denn wissen?

Also, begann Matthias vorsichtig, war ich auch billiger, weil ich defekt bin, weil mir ein Arm fehlt? Oder hättest du mich, wenn du es vorher gewusst hättest, überhaupt haben wollen? Die Leute eben sagten, dass eine kaputte Figur ihren schönen Garten verschandeln würde. Verschandele ich denn dann nicht auch dein Haus, deinen Garten, unsere Familie, weil ich doch nicht so bin wie Ihr, eben nicht vollständig?

Seine Mutter musste schlucken und um Fassung ringen. Sie wischte sich unauffällig eine Träne aus den Augen. Als sie wieder einigermaßen sprechen konnte, sagte sie auf ihre immerzu liebevolle Art: Matthias, du bist unser Kind, mein Kind. Und egal, ob dir ein Arm fehlt oder beide, und wenn du ohne Beine, stumm, taub oder blind zur Welt gekommen wärst, nichts würde jemals etwas an meiner Liebe zu dir ändern. Den Menschen machen nicht die Äußerlichkeiten aus, sondern die inneren Werte. Das wirst du später irgendwann verstehen. Einen Menschen kann man nicht nach einem Kaufpreis bewerten, ein Menschenleben mit keinem Geld der Welt aufwiegen. Es gibt viele Menschen, denen keine Gliedmaßen fehlen, die nicht krank sind, und dennoch sind sie böse. Und es gibt viele Menschen, die krank sind und trotz oder gerade wegen ihrer Krankheit ihre Mitmenschen schätzen. Jeder Mensch sollte so angenommen werden, wie er ist. Weißt du, ich habe dich Matthias genannt, nicht nur, weil ich finde, dass es ein sehr schöner Name ist, sondern weil er so viel wie ‘Gabe Gottes oder Himmelsgeschenk‘ bedeutet. Und für mich, deinen Vater und deine Geschwister bist du ein wahres Geschenk, welches wir alle zu schätzen wissen und immer gut behüten werden, so, wie man es mit wertvollen Geschenken tut.”

Matthias, der ihr sehr aufmerksam zuhörte, erwiderte zögernd: Dann ist ja alles gut. Ich dachte immer, ich sei weniger wert, und hatte Angst, du könntest mich nicht so lieb haben wie meine Geschwister, die gesund sind. Aber was ist nun, kaufst du mir den Engel? Ich glaube, er würde gerne in meinem Zimmer einziehen, und ich werde ihm dort auch den allerschönsten Platz am Fenster geben, damit er immer Obacht geben kann auf andere Kinder und auf mich.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Mutter und natürlich bekam er seinen Engel.

Dieses geschah vor vielen, vielen Jahren. Heute ist Matthias ein alter, gebrechlicher Mann. Aber seinen Engel hat er heute noch. Der, der ihn durch seine Kindheit und Jugend begleitete. Matthias sah seine Berufung übrigens in der Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen. Seine Hauptaufgabe war zwar, ihnen zu helfen, später trotz ihrer Gebrechen ein einigermaßen selbständiges Leben zu führen. Sein geheimes und über allem stehendes Ziel war jedoch stets, diesen Menschen zu vermitteln, dass jeder Mensch, egal was ihm fehlt, gleich ist. Vielen konnte er dieses Selbstbewusstsein vermitteln.

Und heute? Gerade brachte ihm sein Lieblingskrankenpfleger Tobias sein Mittagessen. Tobias nahm sich immer viel Zeit für den alten Herrn, las ihm etwas vor oder unterhielt sich mit ihm. Nur, wie sollte es auch anders sein, war doch einst Matthias der Lieblingskrankenpfleger von Tobias…?


gewidmet Benjamin S. 2007

24.11.2007 23:50 • 26.11.2007 #1


2 Antworten ↓


...das ist wunderschön... und jedes Wort darin ist wahr...

liebe Grüße
flo

25.11.2007 23:22 • #2


Das tödlichste Gefühl, das man anbieten kann wäre auch Mitleid!

26.11.2007 08:12 • #3