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hereingeschneit
Zitat von moo:
Also kein Widerspruch, sondern nur einen Schritt weiter gegangen.

Der Gedanke kam mir gestern auch noch, dass ihr einfach weiter seid, weil ihr das Ich schon mehr losgelassen habt. Und dann kam mir die Frage, ob man das überhaupt kann.
Ich kann mir vorstellen (zumindest meine ich das), wie ich wäre ohne ich, aber dennoch hatte ich das Gefühl dass ich doch immer ich bin, weil es hier auf Erden gar nicht anders sein kann. Also bin ich doch nicht soweit?

Vielleicht habe ich nur einen anderen Ansatz oder wir gehen doch verschiedene Wege. Aber das ist letztendlich nicht wichtig, denn alles ist gut.

22.11.2022 09:34 • x 2 #81


MaKaZen
@hereingeschneit

Es gibt das weltliche Ich und das überweltliche Selbst. Das Selbst überdauert den Tod, war schon vor diesem Leben da. Es ist der konsistente Teil unserer Persönlichkeit, ist ständiger Begleiter in allen den gelebten Leben und in all den zukünftigen Leben. Du findest das Selbst in den Selbst-Wörtern wie Selbstliebe, Selbstachtung, Selbstwert, Selbstvertrauen, etc.

Das Selbst entwickelt sich, möchte sich komplett entfalten können, ist irgendwann pure Liebe. Das Ich hilft dem Selbst auf die Sprünge. Es ist eine Art Versuch und Irrtum, es experimentiert, probiert aus, ist neugierig, ...

Das Ich hat auf Grund der irdischen Natur die Neigung, sich zu vergrössern, sich an Dinge zu klammern wie Geld, Ruhm, Macht, Beziehung, schöne Dinge, etc. Es besteht eine Art Kampf zwischen dem Ich und dem Selbst. Das Ich möchte Sicherheit und das Selbst möchte sich entwickeln.

Je 'höher' entwickelt das Selbst ist, umso weniger kann das weltliche Ich dominieren. Ist das Selbst komplett entwickelt, gibt es dieses 'klammernde' Ich nicht länger. Es ist dann ein völlig normales weltliches Ich, dass es braucht, um auf der Welt zu überleben, um Geld zu verdienen, eine Wohnung zu haben, sich ernähren zu können, sich erholen zu können, etc.

22.11.2022 10:39 • x 1 #82


A


Sammelthread Kontemplationen für individuelle Probleme

x 3


moo
Meine Ansichten über Ich und Selbst liegen da schon etwas anders als bei MaKaZen, denn ich glaube an kein Selbst, das den Tod überdauert bzw. höher als ein Ich, ein Ego steht. M. E. nach ist sogar genau diese Überzeugung Teil unserer Verblendung, ebenso die Ansicht, dass da ein Kampf zwischen Ich und Selbst stattfände.

Vielleicht liegen wir aber doch nicht so weit auseinander , denn ich sehe es tatsächlich so, dass karmische Neigungen, die sich über die Erlebensrunden hinweg entwickeln und verändern, die nächste Runde (mit-)bestimmen. Insofern gibt es ein Kontinuum aber keine Persönlichkeit oder Überpersönlichkeit sondern eher einen Konditionalnexus (ich weiß, seltsames Wort). Oder, etwas simpler formuliert - es gibt Erleben, aber keinen, der erlebt.

Unsere abendländische Sprache (und damit unser Denken) macht es oft sehr schwer, ohne Subjekt und Objekt zu sein. Jeff Shore hat dazu mal ein paar sehr kluge Vorträge im Buch Being without Self zusammengefasst.

Zitat von hereingeschneit:
Der Gedanke kam mir gestern auch noch, dass ihr einfach weiter seid, weil ihr das Ich schon mehr losgelassen habt. Und dann kam mir die Frage, ob man das überhaupt kann.

Ich sehe das so: Etwas, das so, wie man sich das vorstellt, gar nicht existiert, kann auch nicht losgelassen werden. Nicht mal die Vorstellung über ein Ich, also die Persönlichkeitsansicht, kann losgelassen werden. Sie kann höchstens lose gelassen werden, d.h. es ist ja nicht mal eine Persönlichkeitsansicht, sondern eine Persönlichkeitssicht (wie durch eine Brille sehen wir aus uns in die Welt). Wir sehen uns sozusagen von Grund auf falsch - daher der Daseinskonflikt, das Leiden an sich.

Es geht also nicht um loslassen sondern immer um Einsicht, um Verstehen - und letztlich um Bezeugung dieser Einsicht.

Zitat von hereingeschneit:
Aber das ist letztendlich nicht wichtig, denn alles ist gut.

Ganz genau. Nur erkennen wir das zu selten. Mein Weg ist, dies immer wieder in allem zu erkennen und in dem Maße schwindet nach und nach unsere Anhaftung an die Konstrukte Ich und Welt.

23.11.2022 07:48 • x 3 #83


MaKaZen
Zitat von moo:
Vielleicht liegen wir aber doch nicht so weit auseinander , denn ich sehe es tatsächlich so, dass karmische Neigungen, die sich über die Erlebensrunden hinweg entwickeln und verändern, die nächste Runde (mit-)bestimmen. Insofern gibt es ein Kontinuum aber keine Persönlichkeit oder Überpersönlichkeit sondern eher einen Konditionalnexus (ich weiß, seltsames Wort). Oder, etwas simpler formuliert - es gibt Erleben, aber keinen, der erlebt.


Es gibt keine Abkürzung in Sachen 'Nirvana'. Du kannst dir das theoretisch schon so vorstellen, doch in der Wirklichkeit wirst du immer wieder mit deinen negativen Gefühlen konfrontiert. Negative Gefühle erlebt dein Ich und zeigt damit den Weg auf, dein Selbst zu stärken. Der Weg, das Ego zu transzendieren, halt ich für eine Illusion. Das Ego ist weder gut noch schlecht, es ist einfach da.

Ich weiss echt nicht, warum immer diese Idee im Universum der Gedanken herum geistert, dass das Ego überwindet werden sollte, um sich irgendwie zu befreien. Wenn es keinen gibt, der erlebt, gibt es auch kein Erleben und wäre pures Nicht-Sein. Wenn du etwas erlebst, ist hier auf der Erde in unserem menschlichen Körper immer das Ich beteiligt.

23.11.2022 09:03 • x 1 #84


MaKaZen
frei-Sein

Freiheit ist ein zerbrechliches Gut, denn all zu schnell lässt sich der Mensch 'verführen'.
Manipulation bedingt zwei Parteien, Einheit ist das Versprechen, Kampf das Mittel und Erschöpfung die Folge.
Abkehr von Manipulationen heisst Verzicht auf Einheit.

Freiheit ist ein hohes Gut, denn sie ist schwer zu erlangen und dauert ewig.
Innere Freiheit ist nicht von dieser Welt, ein Zustand ohne jegliche weltliche Anhaftungen.
Durch sie sind wir wortlos mit der Transzendenz verbunden.

Freiheit ist ein spielerisches Gut, leicht, verträumt, locker und entspannt.
Das Erleben von Freiheit findet auf allen Ebenen statt, von den Gedanken bis zu den Emotionen.
Der Wunsch, frei und gelöst zu sein, sitzt tief in uns allen drin.

Freiheit ist ein erstrebenswerte Gut, denn sie ist Anfang und Ende der Suche.
Freiheit kann nur im Innen gefunden werden und der Weg ist lang.
Ist das Frei-Sein integriert, hört die Welt der Worte auf und du findest dich in der Stille wieder.

30.11.2022 09:44 • #85


hereingeschneit
Mir wird in letzter Zeit immer mehr bewusst, dass es keine Freiheit hier auf Erden gibt. Wir sind immer an Gesetze gebunden. An Naturgesetze und an menschgemachte Gesetze.

Bei den Gesetze von den Menschen, kann es schon mal vorkommen dass die Konsequenz ausbleibt, dass man sich vorbeischummeln kann, aber bei den Naturgesetzen ist das nicht möglich. Da schlagen die Konsequenzen gnadenlos zu. Da gibt es auch keine Gnade, nur ein ist.

Wenn also jede Entscheidung, alles was wir tun oder nicht tun, Einfluss hat auf das was passiert, wie frei sind wir dann wirklich?

Oder muss man erst mal unter die Lupe nehmen, was Freiheit für einen selbst bedeutet?
Ich für meinen Teil habe auch die Freiheit angestrebt und sie in den letzten Jahren ziemlich ausgelebt. Mein Ego war groß dabei mir zu sagen, was ich will und vor allem was ich nicht will. Nun muss ich leider mit den Konsequenzen zurecht kommen, die nicht ausgeblieben sind.

Freiheit ist nur Schein, ein Versuch sich vor der Verantwortung zu drücken. (zumindest bei mir)

30.11.2022 10:47 • x 1 #86


MaKaZen
Zitat von hereingeschneit:
Freiheit ist nur Schein, ein Versuch sich vor der Verantwortung zu drücken. (zumindest bei mir)

Es geht mir um innere Freiheit, ist was anderes als was du beschreibst.

30.11.2022 10:51 • #87


hereingeschneit
Zitat von MaKaZen:
Es geht mir um innere Freiheit, ist was anderes als was du beschreibst.

Die innere Freiheit kann aber entstehen, wenn man die Freiheit nicht mehr im außen sucht. Wenn ich erkenne, dass es außen keine Freiheit gibt und dann es auch noch schaffe, das zu akzeptieren und anzunehmen, mich danach zu richten, dann werde ich innerlich frei sein.

30.11.2022 10:59 • x 1 #88


MaKaZen
@hereingeschneit
Bin mir nicht sicher, ob deine Formulierung so stimmt. Im Aussen gibt es keine dauerhafte Freiheit und keine dauerhafte Nähe. Der Mensch, der im Aussen überwertig die Freiheit sucht, hat Angst vor der Nähe und der Mensch, der im Aussen die Nähe sucht, hat Angst vor der Freiheit. Da ich ursprünglich der Mensch bin, der früher die Nähe angestrebt hat, ist die innere Freiheit der Schlüssel. Für einen Menschen, der die im Aussen die Freiheit anstrebt, ist die innere Nähe der Schlüssel.

30.11.2022 21:44 • x 1 #89


Liucid
Zitat von hereingeschneit:
Oder muss man erst mal unter die Lupe nehmen, was Freiheit für einen selbst bedeutet?

Wahrscheinlich.
Für mich ist Freiheit ja eigentlich 'lediglich', mich in jedem Augenblick des Lebens zwischen ja oder nein entscheiden zu können. (Eben diese Sache mit dem 'freien Willen', die uns Menschen so sehr am Herzen liegt.)

Die 'Rahmenbedingungen' und die Konsequenzen, die meine einmal getroffenen Entscheidungen zur Folge haben, tangieren diese aber prinzipiell nicht. Ich muss eben nur jedes Mal auf's Neue erwägen, ob ich dann damit auch leben kann.
Also finde ich deinen Gedanken, dass Freiheit eher im 'Inneren' als im 'Äußeren' zu suchen oder zu finden ist, gar nicht mal verkeht. Denn ich denke auch, dass die Gründe, die wir außen suchen und ggf. den 'Umständen' in die Schuhe schieben, womöglich eher als 'Rechtfertigung' dafür dienen (sollen), uns gewissermaßen zumindest teilweise vor der (eigen)Verantwortung für unsere Entscheidung zu drücken.

30.11.2022 21:47 • x 1 #90


hereingeschneit
@MaKaZen
Ich glaube wir haben eine unterschiedliche Vorstellung, was Freiheit bedeutet. Ich hätte die nie mit Nähe, oder nicht Nähe, in Verbindung gebracht.

Ich verstehe das unter Freiheit

Zitat von Liucid:
Für mich ist Freiheit ja eigentlich 'lediglich', mich in jedem Augenblick des Lebens zwischen ja oder nein entscheiden zu können. (Eben diese Sache mit dem 'freien Willen', die uns Menschen so sehr am Herzen liegt.)

Natürlich bezieht das auch Entscheidungen ein, ob, wann und mit wem man seine Zeit verbringen möchte, wie nah mir jemand kommen darf oder soll, aber ich kann mich mit Nähe oder auch ohne Nähe frei fühlen, je nachdem, was für ein Typ Mensch ich bin.

Du hast dir Gedanken über Freiheit gemacht, und ich in letzter Zeit auch. Beide haben wir für uns selbst etwas herausgefunden, was für uns wichtig ist zu erkennen. Also alles ist gut.
Und die Leser können das für sich mitnehmen, was für sie passt.

30.11.2022 22:25 • #91


moo
Atem-Kontemplation Nr. 1

Eine bei manchen Menschen gut wirkende Atem-Kontemplation möchte ich hier vorstellen. Es geht hier darum, Probleme, gleich welcher Art, mit der Atmung zu verbinden. Als Zwischenschritt folgt die Vereinigung mit dem Problem und als Endziel die Öffnung (Lösung) des Konfliktes.

Zuerst versuchen wir, den Atem als eine Medaille mit zwei Seiten zu verstehen und zu erleben:

1. Einatmung
2. Ausatmung

Dabei sollten wir an den Punkt gelangen, wo die verbale (diskursive) Unterscheidung (Trennung) von Innen/Hinein und Außen/hinaus als im Grunde nutzlos und überflüssig erkannt wird.

- Einatmung wird erlebt als einfach so
- Ausatmung wird erlebt als einfach so.

Dabei soll keine Zwangsgleichmachung erfolgen sondern vielmehr eine unmittelbare Anerkennung der jeweiligen Eigenheit. Wir lassen sowohl Ein- als auch Ausatmung so stehen, wie sie jeweils sind und erleben in dieser Weise so etwas wie übergeordnete Einheit. Kreative Geister könnten dazu auch Heit sagen...

Dies ist für sich schon eine großartige Einsichtsübung, die sich in vielen Fällen beruhigend auswirken kann - sowohl geistig als auch körperlich. Eine ruhige, nicht-kontrollieren-wollende Gewahrsamkeit stellt auf natürliche Weise eine Ausgeglichenheit von Geist und Körper her. In der Folge wirkt sich das auch längerfristig auf Gefühle, Wahrnehmung und geistiges Gestalten aus.

Nun zur eigentlichen Übung hinsichtlich Problemen:

Ein Problem hat idR mehrere Aspekte, die sehr oft nicht leicht zu benennen sind. Es ist ein Mix aus der Thematik an sich, den beteiligten Personen/Objekten/Geräuschen/Erlebnissen, den damit verbundenen Bewertungen, Gefühlen und Emotionen. Oft mischen sich damit assozierte Aspekte aus Vergangenheit und Zukunft mit unter. Und letztlich betreffen sie mich, also das Ego.

Wir verbinden nun diesen - diffusen - Mix mit der Einatmung. Das mag anfangs schwierig erscheinen, denn der Eindruck könnte entstehen, dass man das Problem in sich aufsaugt. Doch wenn die o. g. Vorschaltübung halbwegs stabil etabliert ist, hat man bereits eine etwas andere Einstellung zu Innen und Außen.

Es geht also nicht darum, etwas (die Problematik) herunter zu schlucken, sondern es zu verinnerlichen und dies auch zu akzeptieren. Denn, da es ein bereits ein (chronisches) Problem ist, wurde es ja schon längst ein Teil von uns. Es geht hier lediglich um das Akzeptieren dieser Tatsache:

Mit der Einatmung sagen wir vollumfänglich Ja (zu diesem Problem). Das ist alles.

Erst wenn dieses Prinzip ganzheitlich erlebt (verstanden) ist, können wir uns irgendwann an die Ausatmung wagen. Wenn die Einatmung sinnbildlich die Diagnose darstellt, steht die Ausatmung für die Therapie bzw. Heilung.

Wie im medizinisch gedachten Prinzip auch, muss eine Therapie immer erst nach der Diagnose erfolgen, denn sie baut auf den Erkenntnis derselben auf. Therapie erfolgt insofern mit der Diagnose. Da die Erkenntnisse im Falle der eben geschilderten Einatmung/Akzeptanz höchst individuell sein werden, kann hier keine konkrete Handhabung der Ausatmung empfohlen werden. Sie wird sich letztlich organisch entwickeln und hängt nicht unwesentlich von unserem bisher manifestierten Charaktertyp ab.

Jedoch mag man dabei folgende Leitplanken versuchen, zu entwickeln (letztlich wird es ein Erkennen sein):

a) die Objekte (des Problems) sind nicht strikt von mir getrennt
b) ich bin nicht strikt von den Objekten (des Problems) separiert
c) ich bin weder Opfer noch Täter
d) die Objekte (des Problems) sind weder Täter noch Opfer.

Mit der Ausatmung entlassen wir die Komponenten des Problems (dorthin, wohin sie gehören). Wir befrieden sie. Insbesondere die Vorstellung eines Ichs, das unter dem Problem leidet, entlassen wir.

Die geschilderte Prozedur mag sich einerseits abstrakt und umständlich lesen und für viele Menschen wird dies auch zutreffen. Sie ist natürlich kein Universalmittel, des jedem entspricht. Andererseits mag es einen (oder besser mehrere) Versuch(e) wert sein. Zu lernen gibt es immer was und sei es die Einsicht, dass das eben nicht funktioniert. Wenn dem so ist, könnte man darauf aufbauend seine Schlüsse ziehen und zumindest intellektuell versuchen, hinter der Übung einen - potenziell heilenden - Sinn zu erkennen.

28.12.2022 11:54 • #92


moo
Zeit-Zeugen

Da mir immer wieder auffällt, wie selten sich die Angehörigen sehr unterschiedlicher Altersgruppen in der Öffentlichkeit wahrnehmen (z. B. durch Blickkontakt oder Gruß), stelle ich mal folgende These auf: es macht den Unterschied, wieviel Restlaufzeit man auf dem Lebenskonto hat.

Der junge Mensch vertritt (vielleicht unbewusst) die Haltung: Oh je - dieser Mann hat höchstens noch 20 Jahre zu leben - was soll ich mit dem noch gemeinsam haben? Es lohnt nicht, sich mit ihm in irgendeiner Weise zu befassen.

Der alte Mensch hingegen, denkt (vielleicht sogar bewusst) in etwa so: Ja mei, was will ich mit dem jungen Spund anfangen? Der hat ja nahezu keine Lebenserfahrung. Jeder Kontakt zu dieser Spezies kann zu nix führen.

Diese grob vereinfachten Haltungen sind es, die ungefähr das ausdrücken, was ich gemeinhin unter Generationskonflikt verstehe. Doch in der öffentlichen Diskussion wird über den Zeitkontofaktor nur selten gesprochen. Erwähnt werden vorwiegend soziale, wirtschaftliche, kulturelle und mitunter religiöse Faktoren. Dies sind alles sichtbare, also objektive Aspekte, doch der Zeitaspekt ist unsichtbar, er zieht sich durch unser Erleben von Ich und Welt, von Lebensbeginn und Lebensende: wir fühlen uns jung oder alt - ohne eigentlich zu wissen, was das jeweils ist, war bzw. sein wird.

Und wie es sich bei Konten so verhält: wir kalkulieren damit. Wer viel auf der Kante hat, fühlt sich sicher, wer wenig hat, fürchtet seinen baldigen Bankrott. Es ist dieses Soll-Haben-Denken, das unsere Gesellschaft inzwischen äußerst dominant bestimmt. Ordentlich Haben ist positiv, viel Soll ist negativ. Und da wir selten zwischen Kontoständen und deren Inhaber unterscheiden, gilt dies natürlich auch für den Kontobesitzer.

25.01.2023 12:36 • x 1 #93


hereingeschneit
Zitat von moo:
Da mir immer wieder auffällt, wie selten sich die Angehörigen sehr unterschiedlicher Altersgruppen in der Öffentlichkeit wahrnehmen (z. B. durch Blickkontakt oder Gruß), stelle ich mal folgende These auf: es macht den Unterschied, wieviel Restlaufzeit man auf dem Lebenskonto hat.

Meinst nicht, dass das damit zusammenhängt, ob man die Leute kennt oder nicht?
Meistens kennt man halt mehr Personen in der gleichen Altersgruppe.


Zitat von moo:
Ordentlich Haben ist positiv, viel Soll ist negativ. Und da wir selten zwischen Kontoständen und deren Inhaber unterscheiden, gilt dies natürlich auch für den Kontobesitzer

Das kann ich mir gut vorstellen, allerdings nicht auf den Altersunterschied begrenzt. Eher bei Geld oder Wissen.

25.01.2023 13:55 • x 1 #94


MaKaZen
Zitat von moo:
wir fühlen uns jung oder alt - ohne eigentlich zu wissen, was das jeweils ist, war bzw. sein wird.


Hallo moo

Ich finde die obige Aussage der springende Punkt. Ich fühle mich selbst noch jung, hab viele Inhalte gemeinsam mit jüngeren Menschen: Ziele, Spass, Motivation, Ehrgeiz, Offenheit, Ausgeglichenheit, Gewissenhaftigkeit, Altruismus, etc. Alt fühlen würde ich mich, wenn die vorher genannten Attribute nicht wären und statt dessen mangelnder Antrieb, Lustlosigkeit, Verschlossenheit, Kränkbarkeit, überkritische Denken, Kälte, etc. vorherrschen würden. Mir reicht es, mich jung zu fühlen und ich mach keinen Unterschied zwischen dem Alter, weil es immer 'lebendige' Menschen gibt, egal ob biologisch jung oder alt.

Gut möglich, dass ältere Mensch die Tendenz haben, sich gegenüber der Welt zu verschliessen, haben schliesslich schon viel Negatives erlebt. Jünger Menschen sind da offener, kann man auch mal anquatschen, Small Talk halten, etc.

25.01.2023 15:24 • x 1 #95


moo
Zitat von hereingeschneit:
Meinst nicht, dass das damit zusammenhängt, ob man die Leute kennt oder nicht? Meistens kennt man halt mehr Personen in der gleichen Altersgruppe.

Ich meinte das generell gesellschaftlich, also nicht auf Bekannte bezogen.

Zitat von MaKaZen:
Ich fühle mich selbst noch jung, hab viele Inhalte gemeinsam mit jüngeren Menschen: Ziele, Spass, Motivation, Ehrgeiz, Offenheit, Ausgeglichenheit, Gewissenhaftigkeit, Altruismus, etc.

Schön, MaKaZen, dass Du wieder vorbeischaust ! Ich bin mir zwar nicht so sicher, dass die von Dir genannten Attribute unbedingt auf junges Personal zutreffen.

Zitat von MaKaZen:
Alt fühlen würde ich mich, wenn die vorher genannten Attribute nicht wären und statt dessen mangelnder Antrieb, Lustlosigkeit, Verschlossenheit, Kränkbarkeit, überkritisches Denken, Kälte, etc. vorherrschen würden.

Ebenso hier - aber gut, das ist Deine Ansicht und die hat ihre Bedingung, ebenso wie meine. In Summe würde ich sagen, dass ich z. B. hier im Forum so ziemlich die gegensätzliche Wahrnehmung habe.

26.01.2023 10:54 • x 1 #96


hereingeschneit
Zitat von moo:
Da mir immer wieder auffällt, wie selten sich die Angehörigen sehr unterschiedlicher Altersgruppen in der Öffentlichkeit wahrnehmen (z. B. durch Blickkontakt oder Gruß),

Dieser Satz vermittelt mir, dass du die Leute beobachtest und dabei feststellst, dass wenn Blickkontakt hergestellt oder gegrüßt wird, es eher Menschen gleichen Alters sind. Also je größer der Altersunterschied ist, umso weniger nimmt man sich wahr (grüßt sich)
Ist meine Interpretation dieses Satzes so richtig?

Wenn ja, dann wäre meine Erklärung/Vermutung hierfür eben nicht der Altersunterschied, sondern der Bekanntheitsgrad.

26.01.2023 11:09 • x 1 #97

Sponsor-Mitgliedschaft

K
Ich habe den Eröffnungsbeitrag gelesen und finde diesen Thread sehr gut. Ich habe hier und da reingelesen und der ganze Faden gefällt mir sehr gut. Der TE sollte - und tut er hoffentlich - seine sprachlichen Fertigkeiten beruflich nutzen, das wäre ein Geschenk an die Welt.

Was wir eingangs beschrieben finden ist, die Achtsamkeitsmediation, die das sich absichtslose offene Hinwenden zu einem Meditationsgegenstand oder einfach unserem Meditationserleben zum Ziel hat. Ich fand das immer lustig, wenn ich in Meditationslehrbüchern gelungene Formulierungen vorfand, wie Autoren gekonnt auf den Punkt brachten, dass das Ziel der Achtsamkeitsmeditation die Ziellosigkeit sein soll. Das hat mich immer leicht irritiert, aber natürlich, ja, das geht! Für westlich orientierte Gehirne ist das schon schwerer, aber trotzdem eine machbare Aufgabenstellung. Aber ohne Einübung dieser Haltung sind solche Prozesse nicht zu leisten.

Ich persönlich meditiere eigentlich nicht mehr. Ich würde gerne. Aber aufgrund einer Erkrankung ist es mir fast nicht möglich. Vielleicht komme ich eines Tages wieder dorthin. Das ist nicht ausgeschlossen. Auf jeden Fall ist Meditation - für mich - eine wirklich große Bereicherung gewesen. Selbst das bloße Lesen über Meditation in guten Büchern zur Meditation bringt einem schon so viel.

Man muss auch wirklich sagen - auch wenn es hier nicht ganz zum Thema passt - , es gibt so viele kluge Menschen, mit einem großen Herzen, Überblick über das große Ganze, mit einem unendlich reichen Erfahrungsschatz und einem natürlichen Talent, um ihre Eindrücke und Erkenntnisse sprachlich für andere Menschen exakt aufzubereiten und zusammenzufassen. Manche wirken literatrisch und schreiben Texte, Bücher, manche nehmen heute in der Digitalisierung ihre Podcasts auf oder schreiben Blogs. Wir kommen an ganz viele Inhalte sogar gratis oder relativ günstig. Ich glaube, wir sollten alle mehr davon Gebrauch machen, als uns den ganzen Tag mit Symptomen zu quälen.

An einem Tag kann ich lesen, fernsehen, mich fortbilden, eine E-Mail an Freunde schicken, spazieren gehen und über fünf Witze lachen. Das hat locker in einem Tag Platz. Und was macht man? Sich quälen und Sorgen machen, Tag um Tag. So gehen ganze Leben drauf. So viel Verständnis ich auch habe für meine eigenen leidvollen Gefühle und die von anderen, sie tun uns in der Regel nicht gut. Sie sind wichtig als Indikator dafür, was fehlt oder falsch läuft. Sie müssen auch in irgendeiner Weise versorgt werden. Aber wenn sie uns unser ganze Leben klauen und kaputt machen, dann ist zu viel Aufmerksamkeit auf sie gelegt.

Deshalb denke ich, muss man sich auch ein Stück weit zwingen, sich wieder anderen Inhalten und anderen Informationsquellen zuwenden als nur noch psychologisch ausgerichteten Impulsgebern.

Der Sinn eines Selbsthilfe-Forums besteht für mich darin, Wege zu finden, wie man aus dem Elend und Leid herauskommen kann, und nicht, wie man immer tiefer reinschlittert und das noch im Kollektiv tut.

Was tun die tibetischen Mönche? Sie meditieren und sie tun das viel und oft. Aber was tun sie sonst noch? Sie tun ihr Tagwerk. Sie konzentrieren sich während der Medtation auf diese. Aber davor und danach arbeiten sie zielgerichtet und fokussiert ihre tägliche To-do-Listen ab. Alles zu seiner Zeit.

Ich denke, das Wichtige, was man bei aller Selbstfindung immer wieder leisten muss, ist, dass man Grübelprozesse stoppen lernt. Denn die tun uns nun mal - erwiesenermaßen - überhaupt nicht gut. Sie führen auch nicht zu Gesundung oder Heilung.

Ein ruhiger Geist und eine weise Wachheit sind der Ausgangspunkt für ein besseres Leben. Das ist die Basis, die man sich aufbauen muss. Und auf der Basis wird dann aufgebaut, was wir unser Leben nennen.

Der Kern der Achtsamkeitsmeditation ist die Offenheit und Neugier auf alle Erfahrungen, die einem in der Achtsamkeitsmeditation begegnen. Man ist zur wertfreien Neutralität angehalten, was nicht leicht ist.

Ein schönes Buch dazu, warum westliche Psychotherapien so oft gescheitert sind, soll Ilene Smith geschrieben haben. Es ist mir empfohlen worden, aber ich habe es selbst noch nicht gelesen. Vorgenommen habe ich es mir, aber ich habe so viele Bücher zur Zeit auf meiner Liste.... Die werde ich nicht alle schaffen.

Sie sagt, dass unsere Nervensystem durch Gefühle funktioniert und nicht durch Gedanken. Das sehe ich auch so. Darum scheint mir genau diese Achtsamkeitsmeditation viel sinnvoller als das, was wir aus den typisch deutschen traditionellen Psychotherapien kennen, wo es immer wieder ums Reflektieren geht. Das bringt nach meiner Ansicht - und der Ansicht vieler Profis - nichts. Psychische Erkrankungen sind kein intellektuelles Problem. Also kann ich sie nicht mit Nachdenken wirklich verändern. Aus dem Grund lehne ich psychodynamische Therapien ab. Das ist meine Erkenntnis.

Kein Mensch sagt, dass wir unseren Verstand brach liegen lassen sollten, auch ich nicht. Er soll und darf arbeiten. Er kann uns auch helfen. Aber nur er allein kann uns nicht in ein glückliches Dasein führen. Diese Macht hat er nicht. Er kann nur dabei helfen, dass wir so ein Leben bekommen, dass wir uns glücklich und zufrieden f ü h l e n.

Gestern 09:28 • x 4 #98


moo
Liebe @Kosmos,

ganz herzlichen Dank für Deinen hilfreichen und erklärenden Beitrag. Solch eine Einschätzung über Sinn und Wert von Kontemplation, Gewahrsamkeit, Achtsamkeit etc. vor dem Hintergrund westlicher Psychotherapieformen fehlte in dem Thread bislang. Ich schätze Deine verständliche Ausdrucksweise sehr - auch in vielen Deiner anderen Beiträgen, die ich regelmäßig verfolge.

Ein Bekannter von mir arbeitet mit MBSR nach Kabat-Zinn, doch leider ohne den - m. E. notwendigen - Hintergrund des buddhistischen Grundlehrgebäudes. Kurzfristig hat das nach seinen Aussagen hervorragende Effekte (im Vergleich zur angeblich so schnell zielführenden KVT), doch ich bezweifle, dass dieser Effekt lange anhält, sofern nicht der Befreiungskontext mitvermittelt wird. Letzterer ist, wie Du so trefflich anmerkst, eigentlich das Fundament, das sich im Zuge der Arbeit herausbilden (oder besser: ersichtlichen) soll.

Da für die meisten Westler die Hürde Anatta (Nicht-Ich, Nicht-Selbst, Leerheit) zu hoch erscheint, ersehe ich die Herangehensweise über die Nicht-Dualität zumindest als chancenreich für viele hiesige Charaktere an. Es geht letztlich um dasselbe, nur eben nicht so radikal in der Formulierung. Nicht selten kommt ja nach einiger (intellektueller!) Beschäftigung damit die Frage auf: Was wird dann aus mir, wenn es mich nicht gibt? ...

Gestern 09:58 • #99


K
@moo

Ich mag Deine Texte. Das ist für mich so wie wenn ich ein schönes Musikstück höre... Das emotionalisiert einen einfach, ohne dass man sich dagegen wehren könnte. Ich mag Deine feine Beobachtunsgabe und wie Du Deine Erkenntnisse dann für andere sprachlich zum Ausdruck bringst. Wenn man Deine Texte liest, dann ist es, wie wenn man einem Künstler beim Malen zusieht. Er arbeitet mit Pinsel die Farben filigran und gestochen scharf auf die Leinwand und zaubert so nach und nach Schritt für Schritt ein Bild auf das *beep* Weiß. Es ist wie Magie. Und der Thread hier hat mich ein Stückchen weit verzaubert.

So und danke für das nette Kompliment. Wenn ich getriggert bin, dann schreibe ich total verdreht, verwunden und verschwurbelt und verkanntet. Das ist kein Vergnügen für den Leser. Mea culpa und sorry dafür!

Aber wenn ich es schaffe, mich runter zu regeln, dann bemühe ich mich um eine eingermaßen klare Aussage. Aber ich war schon besser. Mir wurde früher oft vorgeworfen, dass ich überheblich wäre und arrogant, nur weil mich das Studium geprägt hatte, auch sprachlich. Letztlich war es ja nur so, dass man im Hamsterrad der Welt gefangen war und sich bemüht hat, professionell seine Frau zu stehen. Dass das auch Nebenwirkungen haben kann, ist eben der leidige Teil der Veranstaltung. Daher habe ich mich dann privat wieder auf eine einfachere, laxe Sprache eingependelt, mit der man weniger Konflikte an Land ziehen sollte. Aber auch das ist nicht garantiert. Denn wenn man es den einen recht macht, dann kritisieren andere. Wenn man nicht ganz so eloquent auftritt, wie man könnte, dann wird man schnell für dumm gehalten. Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass man es nicht allen gleichzeitig recht machen kann und somit versuche ich heute, einen Mittelweg zu gehen, der für die meisten Menschen erträglich bis gangbar ist.

Und ja, die westliche Denkweise ist eine andere als die der tibetischen Mönche und anderer asiatischen Vorstellungen.

Ich glaube auch, dass alle formellen und auch informellen Achtsamkeitsübungen nicht annähernd den gleichen Effekt haben, wenn man die grundsätzliche Lehrer dahinter nicht verstanden hat. Ich habe das Buch Glück hier und es half und hilft mir schon seit langer Zeit mit dieser Welt zurechtzukommen. Es hat mir viele Aha-Momente vermittelt. Aber ob ich dieses Buch verstanden hätte, wenn ich nicht zuvor von jemandem in die buddhistische Denkweise eingeführt worden wäre, wage ich zu bezweifeln. Der Buddhismus ist nicht eine Religion wie wir im Westen sie definieren würden, wie Christentum, Islam oder Judentum, sondern es ist eine Anleitung wie man mit sich selbst und der Welt umgehen muss, um Leid zu verringern und weniger Leid zu erleben. Ich sage immer, Buddhismus und Yoga sind Handlungsanleitungen für den Umgang mit uns selbst, während die anderen Religionen eher so eine Art moralischen oder ethischen Kodex predigen. Im Christentum wird der Mensch als unvollkommen angesehen, der sich erst entwickeln muss, geprüft wird. Im Buddhismus betrachtet man jedes Kind, das zur Welt kommt, so wie ist, als richtig. Das ist eine grundsätzlich andere Haltung, die wir schon am ersten Tag auf die Kinder loslassen. Man sieht, das sind zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und das zieht sich durch das ganze Leben durch.

Wir schauen auf andere Länder und Sitten oft herab, in Wirklichkeit sind sie uns aber oft voraus. Aber sie sind uns eben nicht in allen Bereichen voraus. Und da wir nur auf unsere Werte und Statussymbole schauen, fühlen wir uns überlegen. Wir sind es aber nur im Moment in Bereichen wie Wirtschaft, Technik, politische Strukturen, Wohlfahrt. Das kann sich aber wieder ändern.

Und ja, es gibt eben kein festes ICH. Selbstwertstörung, was zu 80 % bei Patienten in psychosomatischen Kliniken gesehen wird, beruht auf der Vorstellung, dass man ein Ego hätte, dass man ein Ich hätte. Dabei haben wir das nicht. Wir sind ein Wechsel von Bewusstseinszusänden, von Gefühlsanflutungen und von Körperwahrnehmungen. Unsere Psyche ist eher das Außen eines Berg-und Talfahrt-Karussells und glauben aber, wir wären das fixe Zentrum in der Mitte des Karussells. Und das ist eben der Irrtum. Und wenn sich Menschen mit einer Selbstwertstörung angegriffen fühlen, dann ist es, als ob sie das Zentrum im Karussel verteidigen müssten. Das hilft aber nicht. Sondern eigentlich müsse man im Außen arbeiten, wo die Wagen sind und die sich drehen und auf und ab schwingen. Das meint der Buddhismus, wenn er seine Schüler lehren will, wie man stabil bleibt. Wir müssen diese Gefühlszustände und Bewusstseinszustände kennenlernen und erkennen lernen und sie dann wahrnehmen und dann steuern. Das meint der Buddhismus, um emotionale Stabilität zu erlangen. Das war Jahrtausende so. Und es funktioniert. Das ist bewiesen. Wenn man das mal verstanden hat, dann kann man sich auch auf dieses Auflösen des Ichs einlassen. Wenn man gelernt hat, dass man gar keine Ego hat, dass man verteidigen könnte bzw. dass dessen Verteidigung nicht oder so nicht möglich ist, da es nicht existiert, verlieren diese ganzen Diskussionen um Auf- und Abwertung oder innere Kritiker einfach ihren Sinn.

Daher ist vieles, was die westliche Psychotherapie erfunden hat und als Lösungsansatz verkauft hat, schlicht Unfug. Und deshalb lasse ich mich auf solche Diskussionen gar nicht ein. Das ist mir alles zu veraltet und auch zu ineffektiv. Ich sehe da vieles eher als konraproduktiv. Und manche Therapeuten schaffen es wunderbar, ihre Patienten in noch tiefere Grübelprozesse zu lotsen, in denen dann Emotionen hochgeholt werden, die sie selbst nie aushalten und besiegen könnten.

Wir haben auch viel an Wissen dazu gewonnen, neue Methoden sind in Arbeit. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir veraltete ineffektive Therapiemethoden und dieses ewige Analysieren von Verhalten oder Emotionen langsam einmotten können. Einen Teil wird man immer wieder noch davon brauchen, weil Menschen eben auch mit dem Verstand an ihre Problematik herangehen müssen und sollen und werden. Wir haben ein Bedürfnis danach, dass wir verstehen, was mit uns passiert. Aber wir brauchen sicher weitaus mehr als nur Reden und logisches Verstehen, sonst passiert das, was immer passiert: Man sitzt in der Therapiestunde und ist total erwachsen und vernünftig, zeigt seine Schokoladenseite und kaum ist man aus der Praxis des Therapeuten herausgegangen, schon schießen die Tränen in die Augen, weil der Rest vom Menschen eben nicht bekommen hat, was er gebraucht hätte. Und so sieht der Heilungsweg eben nicht aus.

Da ich andere Erfahrungen gesammelt habe und auch aber früher die gleichen wie andere User und Patienten kann ich sehr genau unterscheiden zwischen dem, was wirklich hilft, und dem, was nur den Schein von wirksamer Hilfestellung ist.

Was man sagen kann, ist, dass auch die meisten Profis heute die Problematik verstanden haben und dass sehr eifrig nach Lösungen gesucht wurde, auch viele gefunden wurde und dass - zumindest ist es bei uns so - sich die KV und die Landespsychotherapeutenkammer und viele andere Institutionen und die jüngeren Therapeuten heute anstrengen, eine moderne und wirksame Therapieszene für die Betroffenen zu schaffen. Es war nicht so erfolgreich, wie man es lange verkauft hat. Das haben die Profis inzwischen selbst gemerkt. Und die Qualität der Therapien und Behandlungen steigt von Jahr zu Jahr. Die sind aufgewacht. Und aufwachen tun die nur dann, wenn sie informierte und kundige, mündige Patienten antreffen, die das Neueste vom Neuen einfordern und suchen.

Leider habe ich nicht Dein malerisches Geschick, mit Worten und Sätzen zu zeichnen, um Bilder vor dem geistigen Auge zu erschaffen, aber mein eher sachliches und oft auch überzeichnendes digitales Zeugnis meiner Erfahrungen ist, denke ich, zumindest hier und da informativ und manchmal auch ein wenig überraschender vom Mainstream abweichender Input. Ich persönlich bin immer auf der Suche nach Impulsen, war schon immer ein Reiz-Junkie. Das ist auch ein Teil unserer Zeit heute, wir wollen das Neue, das weckt unser Interesse. Ich finde, dass ist auch ein Zeichen dafür, dass man noch vital ist und wieder gesund leben will. Ich habe mich lange genug verkrochen und meine Wunden geleckt. Irgendwann muss damit auch mal wieder Schluss sein. Das Leben - so denke ich - hat mich wieder.

Ich schau' mir ab und zu Comedian an. Da kam Alain Frey, er ist ja aus der Schweiz. Manche seiner Witze zünden prima, andere sind eher nicht so der Brüller. Aber ich fand sehr lustig, als er von den seltsamen Fähigkeiten mancher Tiere erzählt hat. Es gibt einen Frosch, der hat als Überlebenstaktik, dass er sich den ganzen Winter physiologisch total ausschaltet. Das Tierchen ist sozusagen biologisch tot. Und wenn der Frühling kommt, wird es wieder lebendig. Und Alain Frey hat dann diesen Frosch gespielt und hat gemeint: Der Frosch kommt zu sich, steht auf, schau sich um und sagt: WER IST JESUS?!.

Und ich glaube, sowas in der Art erlebt man auch nach psychischen Erkrankungen, wenn man gesünder wird, wenn man langsam wieder auftaut und wieder lebt. Man hält eine Menge aus. Und dann muss man ins Leben wieder eintauchen. Dabei hilft es, sich an Menschen zu orientieren, die das Leben und sich selbst feiern können, aber in einer spielerischen Weise, die sich selbst nicht zu ernst und nicht zu wichtig nehmen, die fünfe grade sein lassen. Nicht alles und jedes, was uns gegen den Strich geht, ist auf dieser Welt, um uns zu ärgern oder zu verletzten. Das gehört einfach zum Leben dazu. Das ist wie beim Autofahren. Ab und zu hupt halt einer, weil es ihm selbst grade nicht so toll geht.

Es macht echt Spaß bei Dir zu lesen. Ein schönes Talent hast Du, dass einem was gibt. Es hat so eine heitere, wärmende Note. Sehr liebenswert, das Ganze! Es könnte was mit Deiner Persönlichkeit zu tun haben.....

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