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Hallo an alle,

ich habe mich erst heute hier registiert, fand das Forum über Google.
Meine Geschichte ist nicht gerade einfach, meine Situation ebenso wenig.

Ich war fast zwei Jahrzehnte Alleinerzieherin, tat mich sehr schwer damit und fühlte mich oft überfordert. Meine ganzen Lebenspläne gingen den Bach runter. Mein Mann studierte noch, als wir zusammen waren und als unser Kind drei Jahre alt war und er mit dem Studium fertig wurde, ging er. Wir hatten geplant, dass ich nach seinem Abschluss für ein paar Jahre noch zu Hause beim Kind bleibe und Psychologie studiere, weil das immer mein Wunsch war.
Ich interessierte mich immer dafür und durfte es nicht studieren, weil meine Familie dagegen war. Ich sollte lieber in einer Bank arbeiten oder Lehrerin werden (wie meine Schwester). Doch später blieb ich immer auf der Suche nach einem Job, der mir wirklich zusagt - und habe ihn nie gefunden.

Durch mein Leben alleine mit Kind musste ich alle Pläne ad acta legen. Ich kam mit diesem Leben aber kaum zurecht. Nicht nur, weil es anstrengend war und sich sehr rasch unser gesamter Bekanntenkreis auflöste, da niemand mit mir als Frau alleine viel zu tun haben wollte (davor waren wir ja paarweise zusammen gewesen), sondern auch, weil ich selbst als Mensch das ständige Alleinsein und die gesamte Verantwortung für alles als schwere Bürde empfand.

Solange ich in einer Partnerschaft lebte, ging es mir ziemlich gut, aber alleine nicht mehr. Was mir vor allem einholte, war meine eigene Kindheit. Ich bin in einer Familie mit viel Gewalt aufgewachsen und hatte irgendwie den Status des "Sündenbocks", weil ich lebhafter und eigensinniger war als meine Geschwister. Entsprechend der Behandlung, die ich erfuhr, war mein Selbstwertgefühl niedrig und alleine bekam ich Depressionen.

Mit einigen Therapien und eisernem Willen habe ich mich durch diese Jahre gekämpft. Mit mehr Krisen als ein Mensch je in seinem Leben braucht. Mein Kind war dazu noch ebenso lebendig und eigensinnig wie ich es als Kind war und das machte die Sache noch schwerer. Ich wandelte immer am Rande des Zusammenbruchs. Dennoch hat es sich gelohnt, weil es ihm heute gut geht und sein Leben einfach gut läuft.

Ich selbst bin aber tatsächlich einige Monate nach seinem Auszug zusammen gebrochen - Burnout. Einige Partnerschaftsversuche sind komplett gescheitert während meiner Alleinerzieherzeit, niemand hat mich je wirklich verstanden (einschließlich mir selbst). Was ich jedoch zum Glück erreicht habe, ist es, einen sicheren und mittelmäßig interessanten Job zu haben, der es mir auch erlaubt, nicht Vollzeit zu arbeiten, weil ich genug verdiene.

Im Laufe all der Jahre und der immer stattfindenden Reflektion und Aufarbeitung meiner Altlasten, ist mir nach und nach klarer geworden, was mit mir los ist. Ich bin hochbegabt (mir ist dieser Ausdruck egal, aber zumindest habe ich einen hohen IQ), bin sehr dünnhäutig und spüre mehr als mir oft lieb ist und ich wurde in all dem weder erkannt noch gefördert. Ich bekam hauptsächlich Prügel, weil ich "vorlaut" war.

Nun lebe ich seit 7 Jahren alleine und bin genau so alleine wie schon seit über 20 Jahren. Ich bin nicht unbeliebt - weder im Job noch in meiner Umgebung - aber ich habe keine tiefer gehenden Kontakte, obwohl mir das sehr, sehr wichtig wäre. Ich brauche das einfach - den Austausch, das Verstandenwerden, das Interesse. Und ich gebe es umgekehrt auch gerne.

Aber meine Chancen mit 50 Menschen zu treffen, die mich überhaupt verstehen könnten, ist sehr gering. Ich habe immer das Gefühl, einen Gutteil von mir nicht mit ihnen ausdrücken zu können, weil sie damit nichts anfangen können. Ich bin zu tiefgehend, denke zu viel nach, kann manche Dinge auch viel besser (das wird nicht abgelehnt, aber ich finde niemand auf Augenhöhe) und so lebe ich dahin in Phasen, wo ich recht gut damit zurecht komme und mich allerlei befasse, das mich interessiert - und dann wieder in Phasen, wo ich am Leben verzweifle.

Ich war auch nie ein Gruppenmensch, weil mich Gruppengeist nicht anspricht und es mir in Gruppen auch oft zu oberflächlich zugeht. Ja, wäre ich selbst zufrieden und wären meine Bedürfnisse nach menschlicher Beziehung erfüllt, käme ich wohl auch damit klar. Aber so ist es ja nicht.
Vorgezogen habe ich mein Leben lang jedoch immer intensivere menschliche Beziehungen mit wenigen.

Kurse an VHS usw. hab ich schon alle hinter mir. Entweder finde ich dort gar keinen Anschluss oder er bleibt zu distanziert., weil keiner Lust auf engere Freundschaft hat. Oder weil es überhaupt nicht passt. Was mir fast immer fehlt, ist die gleiche Augenhöhe. Durch den Umstand, dass ich meine Lebenspläne nicht verwirklichen konnte, bin ich in einem Umfeld, wo ich eigentlich im Grunde nicht hin passe. Über Smalltalk gehen die Gespräche kaum hinaus. Ich verstehe mich zwar mit einigen Kollegen sehr gut, aber das ist weit entfernt von Freundschaft.

Mein Mann war übrigens auch hochbegabt und wir konnten unheimlich gut miteinander reden. Seither vermisse ich das. Mein nun erwachsenes Kind hat kaum Zeit, studiert, ist voll eingesetzt. Ich möchte mich auch keinesfalls an ihn "hängen".

Ich lebe einfach weiter mit dem Gefühl, am falschen Platz zu sein und manchmal weitet sich dieses Gefühl so aus, dass mir vorkommt, ich lebe auf dem falschen Planeten. Ich weiß, dass das nur Gefühle sind, die aufkommen, wenn es mir nicht so gut geht. Aber das ist eben auch öfter der Fall.

So viele Faktoren, wie bei mir zusammen kommen, sind nicht einfach. Dass ich hier jetzt darüber schreibe, hat den Grund, dass ich mal wieder in einer nicht so Phase bin. Ich weiß, dass mir niemand helfen kann und alle Tipps und Ratschläge nichts bringen. Aber ich wollte einfach einmal ausdrücken, wie es mir geht und einfach gehört werden. Es ist so schwer, immer mit allem alleine zu sein.

Evelyn

28.03.2010 13:55 • 15.06.2011 #1


26 Antworten ↓


Liebe Evelyn,

von mir wirst Du jetzt keine Tipps hören. Ich denke, Du weißt selbst, wie man Menschen kennenlernen und Kontakte knüpfen kann. Deine Probleme bewegen sich auf ganz anderer Ebene. Ich glaube nicht, dass es an Deiner Hochbegabung alleine liegt, wenn diese Deine Situation auch mit Sicherheit nicht einfacher macht. Ich vermute, Du sehnst Dich nach etwas ganz anderem, vielleicht "einfach" nach einer verwandten Seele, die ohne große Worte ähnlich denkt und fühlt wie Du. Ja, solche Menschen gibt es und manchmal begegnen sie einem sogar. Aber oft genug eben nicht oder wir merken es nicht und die Zeit war noch nicht reif.
Ich kann Deine Empfindungen in vielerlei Hinsicht nachvollziehen und vielleicht habe ich deswegen auch keinen Ratschlag. Und ich möchte jetzt hier auch nicht auf die spirituelle Ebene abrutschen. Ich weiß, dass gerade hochbegabte Menschen sehr oft Probleme mit Beziehungen haben. Und damit meine ich alle Beziehungen. Und das liegt meines Erachtens eher daran, dass hier emotional und sozial gesehen oft Defizite bestehen. Womit ich in keinem Falle sagen will, dass Du diese hast! Ganz im Gegenteil meine ich eher, dass Du Deinen Blickwinkel davon ablenken solltest, dass Deine Einsamkeit von dem IQ herrührt und davon, dass Du niemanden auf Augenhöhe findest. Ich ahne, dass das eher daran liegt, dass Du Dich auf einer anderen Ebene mit anderen Bedürfnissen befindest, die Du weder formulieren kannst, noch dass sie jemand verstehen kann, der Dir nicht "im Geiste verbunden ist". Denn beispielsweise habe ich "nur" einen durchschnittlichen IQ und trotzdem sehr ähnliche Schwierigkeiten.

Mehr kann ich Dir jetzt gar nicht sagen.

Ich wünsche Dir viel Kraft!

28.03.2010 14:56 • #2



Viele Faktoren führen zu Einsamkeit

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Liebe Lilly,

ich wollte nicht, dass mein Posting so rüber kommt, dass sich das Leben um den IQ dreht - ganz bestimmt nicht. Es sind so viele Faktoren, die mich machen wie ich (geworden) bin.
Aus meiner Not bin ich öfter Partnerschaften eingegangen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren, denn ich wurde nicht verstanden, die Interessen waren unterschiedlich und eigentlich wollten diese Männer nur meine einfühlsame und hingebungsvolle Seite (die sie ja echt gut fanden!) und den Rest nicht. Ich sollte mich wie sie bei langweiligen und geistlosen Zusammenkünften mit Bekannten amüsieren, natürlich auch ihre männliche Überlegenheit anerkennen usw. usw. Ein Drama nach dem anderen, was ich da erlebt habe. Und wenn ich offen über mich redete, verstanden sie mich nicht.
Ja - die verwandte Seele zu finden, wäre schön. Aber möchte das nicht jeder? Und ist es nicht viel zu hoch gegriffen? Mir würde es schon 100x besser gehen, wenn ich in einem Umfeld leben und arbeiten würde, wo ich hin passe. Meine Arbeit unterfordert mich intellektuell und langweilt mich seit Jahren. Aufgrund meiner Leistung bin ich auch da "anders" als andere und habe keine Ansprechpartner, denn ich habe die Arbeit meiner Vorgängerin komplett umstrukturiert und brauche nur ein Drittel der Zeit dafür.
Ich komme mir oft vor wie ein Rennpferd in einer viel zu kleinen Koppel und weit und breit sind keine anderen Pferde in Sicht.

Evelyn

28.03.2010 15:32 • #3


„... aber ich habe keine tiefer gehenden Kontakte, obwohl mir das sehr, sehr wichtig wäre. Ich brauche das einfach - den Austausch, das Verstandenwerden, das Interesse.“

Einer der Sätze die Du geschrieben hast war obiger. Er sagt aus was Du bräuchtest, sagt mir aber auch, dass Du das Gefühl hast, es ohne dieser Voraussetzung nicht schaffen zu können.
Jeder Mensch braucht das was Du aufgezählt hast. Jeder Mensch braucht Bestätigung. Nur nicht jeder Mensch versteht dasselbe darunter.

Gefangen zu sein unter einer Glocke macht einsam.
Der Kopf sagt Dinge wie „Na klar kannst Du den Ausbruch schaffen!“. Nur lässt sich der Ausbruch von unter der Glocke kaum auf der zerebralen ebene alleine realisieren.
Das Gefühl sagt dummerweise etwas anderes. Du kannst es nicht allein schaffen, also brauchst Du jemanden der Dir auf gleicher Augenhöhe begegnet, der Dir nichts sagen muss (wenn er der richtige ist, wird er das gar nicht erst versuchen) sondern Dir einfach nur das Gefühl zu geben, dass er in der Lage ist Dich zu verstehen.

Solange Du aber niemanden dergleichen findest, kannst Du es nicht schaffen. Das lese ich aus dem zitierten Satz heraus.
Nach meiner Überzeugung gibt es mit Sicherheit Menschen die Deinen bewussten oder unbewussten Vorstellungen entsprechen. Ebenso sicher bin ich mir aber auch, dass die nicht leicht zu finden sind. Und ich vermute außerdem, dass eine Zäsur in Deinem Leben die Suche erleichtern würde. Nicht das Finden wäre sicherer: Das bleibt eine Glücksache.
So trivial es sein mag – es ist vielleicht auch eine Geschmacksfrage – aber der Vergleich mit dem Versuch, das Rauchen aufzugeben, der viel schwerer funktioniert solange man die gleichen Angewohnheiten in der gleichen Umgebung nicht aufgibt, könnte ein wenig verdeutlichen was ich meine...

Ich denke nicht, dass ich Dir viel neues sagen konnte. Mein Ziel war es nur, Dir gegebenenfalls eine Bestätigung zu liefern, einerseits dafür dass es richtig ist ausbrechen zu wollen und andererseits dafür, dass es nicht Deine Schwäche ist, wenn Du wegen der Gefühle das nicht umsetzen kannst was Dein Kopf für machbar hält.

28.03.2010 16:14 • #4


Das hast Du sehr schön ausgedrückt, pharago!

L.G.

28.03.2010 16:18 • #5


Hallo Pharago,

ich weiß nicht, was du unter Ausbrechen verstehst. Ich habe schon so viel versucht, so viel in meinem Leben verändert, bin umgezogen, fühle mich hier auch wohl und kenne fast alle Nachbarn. Ich habe zwei Freundinnen, mit denen ich mich öfter zu Unternehmungen treffe - so alle vier bis acht Wochen. Ich habe übers Web Kontakte geknüpft und versucht, meine Talente mehr zu leben, was ich auch nach wie vor tue.

Und dann geht es mir eine Weile damit wirklich gut. Bis wieder der Einbruch kommt, weil mir einfach etwas fehlt, zu viel fehlt. Da gibt es ganze Wochenenden, wo ich kaum mit Menschen spreche. Nicht, weil ich nicht möchte, sondern weil niemand da ist. Ich verbringe Silvester seit Jahren alleine und habe deshalb mit den zwei Freundinnen so etwas wie eine Vorsilvester-Feier eingeführt, wo ich sie 2 Tage vorher zu mir einlade. Denn direkt zu Silvester haben beide keine Zeit, sie sind nicht einsam, haben viel mehr soziale Kontakte und eine davon lebt auch nicht alleine.

Ich bemühe mich so sehr, das Beste aus allem zu machen und irgendwann erwischt es mich wieder und ich fühle so große Traurigkeit und Einsamkeit, dass ich es kaum aushalte. Obwohl ich sehr viel aushalte, aushalten musste in meinem Leben. Ich erhole mich auch immer wieder, bin ein Stehaufmännchen. Aber es tut sehr weh, wenn ich in solchen Phasen bin.

Ich habe mir schon überlegt, mir eine ehrenamtliche Arbeit zu suchen, ich habe auch ein Patenkind in Burma, das ich unterstütze. Aber das geht nur, wenn es mir gut geht, sonst fehlt mir die Energie, der Antrieb - kurz die Kraft dazu.

Evelyn

28.03.2010 19:04 • #6


Ich wollte euch nur erzählen, dass ich heute am Abend das Buch von Peter Schellenbaum "Die Wunde der Ungeliebten" wieder heraus gekramt habe. Es ist schon vor 20 Jahren geschrieben worden, doch halte ich es für nach wie vor mehr als aktuell. Ich hatte es schon lange nicht mehr in der Hand und war beim Lesen der ersten Seiten bereits wieder fasziniert.

Er beschreibt so klar die Auswirkungen von kindlichem Liebesmanko für das gesamte Leben und wie es uns unbewusst steuert. Ich werde das Buch jetzt wieder lesen, denn obwohl ich um diese Mechanismen weiß, bemerke ich doch, dass ich zwar schon einen langen Entwicklungsweg gegangen bin, aber wohl noch immer nicht weit genug.

Das zeigen mir diese Phasen auf, die immer wieder einen Einbruch nach sich ziehen.

Ich möchte das Buch zusammen fassen und auf meinen Blog stellen und werde euch davon berichten, wenn ich damit fertig bin. Ich glaube, dass viele damit sehr viel anfangen werden können - gerade hier in diesem Forum.

Es ist so ein langer Weg, sich von alten Lebensmustern zu befreien, so unendlich lange. Natürlich kommt es bei jedem darauf an, wie viele Verletzungen er erlitten hat und wie intensiv diese waren. Dennoch ist es wohl so, dass in unserer Zivilisation keiner davon ausgenommen ist. Falls doch, ist das schon ein extremer Sonder(Glücks)fall.

Mit dieser Aufgabe jetzt geht es mir ein Stück weit besser. Ich will das nicht nur für mich lesen, sondern auch anderen zugänglich machen. Es ist nur ein Angebot, ich will mich damit niemand aufdrängen. Aber ich habe auch das Buch "Der sensible Mensch" zusammen gefasst und das war für so viele hilfreich. Mir macht so etwas große Freude, da kann ich wenigstens auf Umwegen noch meine Leidenschaft für Psychologie ausleben.

Evelyn

28.03.2010 22:48 • #7


Hallo Evelyn,

Deine ersten Texte klingen sehr traurig, Du scheinst ja vielen Extremen in Deinem Leben begegnet zu sein (Gewalt, Hochbegabung, 20 Jahre Alleinerziehend). Das ist allein schwer zu bewältigen udn ich bekam beim Lesen das Gefühl als würdest Du vor allem eins vermissen: die Geborgenheit, bei jemandem zuhause zu sein, der einen in vielen Facetten versteht. In manchen Phasen steht man darüber und manchmal kann man nur noch heulen ... Und es klingt so als hast Du bisher das Leben gelebt, das gar nicht für Dich vorgesehen war, das Dir gar nicht entspricht.

Dann Dein letztes Posting: das klingt sehr spannend! Ich denke, es ist auch für andere hilfreich wenn Du solche Bücher zusammenfasst. Wer weiß vielleicht beginnt damit eine neue Herausforderung zB des Schreibens? Dein Schreibstil ist jedenfalls ansprechend (ich bin Laie, aber habe das ja quasi als Zielgruppe gelesen) und es scheint Dir Spaß zu machen, was will man mehr?

Ich bin auf jeden Fall an Deinen Zusammenfassungen bzw Bücher Vorstellungen interessiert.

Die Sonne scheint!

29.03.2010 22:47 • #8


Hallo Sonne,

ich fühle mich gut von dir verstanden. Danke, denn es tut gut, verstanden zu werden. Ja - Schreiben ist für mich sehr wichtig. Ich liebe es. Und ich denke, wenn ich meine Leidenschaft dafür mit jener für Psychologie verbinden kann, dann tue ich das, was endlich zu mir passt.
Denn es stimmt - das Leben, das ich geführt habe, habe ich mir niemals ausgesucht. Es war so schwer, in vielem so freudlos. Ich habe unendlich hartnäckig darum gekämpft, mich von den Folgen meiner traumatisierenden Kindheit samt all ihren Einschränkungen und Lebensmustern, die ich davon mitgenommen habe, zu befreien.

Dabei haben mir einige Bücher sehr geholfen. Ich habe viele gelesen, aber bei weitem nicht alle haben mich wirklich berührt. Aber die, die mich berührt haben und mir Mut gemacht haben, die mich verstehen haben lassen - über die möchte ich schreiben. In meinen Worten und so, wie ich sie begriffen habe.

Ich habe schon ein Buch zusammen gefasst und das kam gut an. Mir kam aber noch nicht der Gedanke, das fortzuführen. Manches schält sich nur mit großer Mühe aus mir heraus. Ich war mal völlig orientierungslos und kannte mich selbst kaum. Je näher ich mir bin, um so mehr drückt sich Echtes und Eigenes aus mir aus. Davor gibt's meist aber ein seelisches Tief, das mich ein bisschen an Geburtswehen erinnert. Erst danach gelingt ein weiterer Schritt.

Evelyn

29.03.2010 23:04 • #9


Hallo Evelyn,

ich glaube es gibt (bei mir und vielleicht auch bei anderen Menschen) Ursachen in der Vergangenheit und Auslöser in der Gegenwart für die schmerzhaften Einsamkeitsgefühle. Ich habe mein ganzes Leben lang darunter gelitten (ich bin über 50 Jahre alt) und es gibt immer noch Tage an denen mich dieses Gefühl mit seiner ganzen Wucht überkommt. Es ist dann so, als wenn mir jemand mit einer Keule auf den Kopf gehauen hat.

Als Jugendlicher konnte ich das nicht verstehen. Ich las viel Franz Kafka. Er beschrieb ja in seinen Romanen diese Verlassenheit, den Hunger und die Beziehungslosigkeit, die ich auch fühlte. Für diese Gefühle habe ich mich lange auch geschämt. Ich habe mich sehr bemüht Beziehungen und Freundschaften zu erhalten und ich bin mit meiner Lebenspartnerin über 30 Jahre zusammen und wir möchten auch zusammen bleiben.

Dennoch gibt es diese schlimmen Tage. Sie sind nicht das Leiden an der Gegenwart, glaube ich. Sie sind ein Leiden aus der Kindheit. Kein anderer Mensch, keine Arbeit und keine Beziehung kann das einmal hinterlassene Loch einer nicht gelungenen Eltern-Kind-Bindung füllen und die Erlösung herbeiführen. Es ist die alte Einsamkeit des Kindes, dessen Eltern die Kommunikation und die Interaktion mit ihrem sehr kleinen Kind (aus welchen Gründen auch immer) nicht herstellen oder ausreichend aufrechterhalten konnten.

Ich denke, dass du mit dem Buch "Die Wunde der Ungeliebten" an der richtigen Stelle suchst. Es hat mit den oft sehr frühen nicht ausreichend gemachten Erfahrungen der Art elterlicher Liebe zu tun, aus der eine Selbstliebe wachsen kann. Als Erwachsener ist die fehlende oder falsche Liebe der Mutter oder des Vaters nicht mehr nachzuholen, glaube ich. Aber man kann lernen mehr mit sich selber in Kontakt zu kommen und dabei die Erfahrung machen, dass dieser Dialog mit sich selbst das Eigene stärkt. Weil Wünsche und Hoffnungen und alle Gefühle zu Gehör kommen dürfen. Man ist nicht mehr so sehr verlassen, weil man sich helfen kann ohne den billigen Trost irgendwelcher Ablenkungen, die wenn sie nicht wirken alles nur noch schlimmer machen.

Viele Grüße und alles Gute

Antony

30.03.2010 15:48 • #10


Hallo Anthony,

ich gebe dir uneingeschränkt Recht. Das Buch habe ich schon vor vielen Jahren gelesen und ich habe auch den Weg beschritten, der darin beschrieben ist. Ich halte ihn für zu 100% richtig. Aber so einen Weg geht man unheimlich lange. Es gibt immer wieder Etappensiege und meine Einsamkeitsgefühle sind mit den früherer Jahre nicht mehr zu vergleichen. Ich glaube auch nicht, dass ich auf der Stelle trete in meiner Entwicklung - es ist nur so, dass vieles noch nicht ausgeräumt ist, dass immer noch weitere Blockaden vorhanden sind, die ich erst entdecken muss.

Es ist aber nie gut, sich in diesen Phasen nur zu verkriechen, sondern gerade der Schritt heraus und darüber zu sprechen, kann eine Initialzündung für weitere Entwicklung sein. Peter Schellenbaums sagt in seinem Buch: "Ungeliebte meinen sich von aller Welt verlassen. Dass sie sich selbst verlassen, wissen sie nicht. Sobald wir aber begreifen, dass der springende Punkt nicht im Verlassenwerden durch andere, sondern in der Selbstverlassenheit, in der Absonderung vom eigenen Wesen liegt, fangen wir an, die Blickrichtung zu ändern."

Besser kann man es kaum ausdrücken, was Einsamkeit verursacht. Aber um das wirklich zu begreifen, braucht es ein gewisses Bewusstesin. Und viele Schritte - immer wieder - um sich wieder zu finden.

Evelyn

30.03.2010 17:25 • #11


Hallo Evelyn!

Du hast geschrieben:

Peter Schellenbaums sagt in seinem Buch: "Ungeliebte meinen sich von aller Welt verlassen. Dass sie sich selbst verlassen, wissen sie nicht. Sobald wir aber begreifen, dass der springende Punkt nicht im Verlassenwerden durch andere, sondern in der Selbstverlassenheit, in der Absonderung vom eigenen Wesen liegt, fangen wir an, die Blickrichtung zu ändern."

Kannst Du mir näher erläutern, was diese Selbstverlassenheit bedeutet, wie sie sich äußert?

Liebe Grüße
Lilly

31.03.2010 16:46 • #12


Ich habe hier die ganze Zeit mitgelesen und mich in vielen Punkten wiedergefunden. Das von Euch angesprochene Buch kenne ich noch nicht, aber dank ein wenig Google-Recherche bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mir das mal zu Gemüte führen sollte. Genauso wie ich zu dem Schluss gekommen bin, dass ich mir wirklich dringend einen Therapeuten suchen muss...
Diese Einsicht kam heute aber völlig unabhängig vom Forum, sondern durch Erlebnisse in der echten Welt. Schon bitter, wenn man einsehen muss, dass einem der schärfste Verstand nicht weiterhilft, wenn innen drin nur noch ein Trümmerhaufen wohnt...

31.03.2010 18:51 • #13


Hallo Lilly,

ich möchte dir deine Frage beantworten, auch wenn das nicht so einfach ist. Unter sich selbst verlassen, versteht Schellenbaum die Abgetrenntheit von seinem lebendigen Selbst.
Die Einsamkeit kommt nicht aus den Umständen alleine, sondern aus einem Mangel an Vitalität - die gebunden in Verletzungen und alten Wunden (die eigentlich so gut wie immer aus der Kindheit stammen, d.h. Eigenschaften, die an einem abgelehnt wurden, obwohl sie zu einem gehören und damit auch zur eigenen Vitalität, lebendige Bedürfnisse, die nicht befriedigt wurden und woran man als Kind sehr gelitten hat und die sich unbewusst später als ein ständiges Verlangen danach, geliebt zu werden, ausdrücken usw. usw.)

Er hat einetiefenpsychologische Therapie entwickelt, die sich darauf gründet, dass man diesen Energiespuren folgt. Da sich alles auch körperlich fest setzt (in Verspannungen, Steifheit, Verkrampftheit) ist es für ihn ein Seele-Leib-Problem, das auch nur über Seele und Leib wieder gelöst werden kann.

Wem Teile seiner selbst fehlen, wer mit inneren Verletzungen lebt, verfügt nicht über seine gesamte Energie, sondern fühlt sich stellenweise leer und antriebslos. Beziehungen sind nicht die richtige Adresse, um diese Gefühle zu überdecken, sondern man muss seine eigenen inneren Defizite aufspüren und durch das Herauslassen der zugehörigen Gefühle wie Wut, Schmerz, Angst usw. werden sie von der Eingefrorenheit befreit. Seine Therapieform setzt auf Mitfühlen des Therapeuten, auf Ermutigung, indem er vorübergehend eine echte Beziehung zum Klienten herstellt, damit ein lebendiger Energiefluss zwischen beiden die Erstarrungen aufweicht.

Verlassen fühlt man sich dort, wo man eigene natürliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Emotionen nicht mehr lebt bzw. leben kann. Er sieht jeden Menschen als Ganzheit an, aber gerade diese Ganzheit ist es, die verloren ging. Durch vorwiegend soziale Unterlassungen und Prägungen.

Im Unterschied zur reinen Psychoanalyse, die nur analysiert und aufdeckt, sieht er gerade in der emotionalen Verbindung zwischen Therapeut und Klient, dem wirklichen Mitfühlen, den Grundstein für den Heilungsprozess. Wobei das Verstehen der eigenen Geschichte natürlich ebenfalls nötig ist. Wichtiger ist aber das Fühlen.

Provokant fragt er: "Wer wagt es schon, sich einzugesten, meine Mutter hat mich nicht (richtig) geliebt, mein Vater hat hat mich nicht (richtig) geliebt oder meine Mutter und mein Vater haben mich nicht (richtig) geliebt?"
Ein Kind kann sich das noch nicht eingestehen, vor allem passiert viel davon schon in der Säuglingszeit und es hat gar keine Worte dafür.

Wie früher noch oft, ließ man zB Babies schreiben, bis sie von alleine irgendwann aufhörten. Das erzeugt bereits ein existenzielles Verlassenheitsgefühl. Babys identifizieren sich noch vollständig mit ihren Müttern und empfinden sich nicht von ihnen als getrennte Person. Wenn sie von ihr verlassen werden, verlässt sie ein Teil ihrer selbst. Und so sieht unsere Welt dann aus, die deshalb für "normal" halten, weil wir nichts anderes kennen.

Ein Mensch, der sich seiner Geschichte bewusst geworden ist, der es wagt, diese alten Schmerzen wieder ins Bewusstsein zu holen, kann daran genesen und die verlassenen Anteile wieder integrieren. Damit wird er "ganz". Er braucht andere nicht mehr, um das Gefühl des Ungeliebtseins abzumildern, er lebt in lebendiger liebevoller Beziehung zu sich selbst. Und damit auch zu anderen.

War jetzt eine extrem komprimierte Zusammenfassung, trifft aber, glaube ich, den Kern.

Evelyn

31.03.2010 21:06 • #14


Zitat von Valaria:
Schon bitter, wenn man einsehen muss, dass einem der schärfste Verstand nicht weiterhilft, wenn innen drin nur noch ein Trümmerhaufen wohnt...


Hallo Valeria,

der schärfste Verstand hilft niemanden bei dem, was auf der Gefühlsebene vorhanden ist. Mit dem Verstand kann man vielleicht erkennen, woraus was resultiert, aber das alleine bewirkt nichts - außer höchstens Verbitterung. Der 2. Schritt muss immer sein, sich diesen Gefühlen zuzuwenden und sie als zu sich gehörig und lange Zeit im tiefsten Untergrund abgeschoben zu haben, zu erkennen. Und sie letztlich an die Oberfläche zu holen.

Ich bin meinen Weg so gegangen und ich kann nur sagen, er lohnt sich doppelt und dreifach. Aber er ist nicht leicht. Man hat nur die Wahl, dass man diese Gefühle dort lässt, wo sie sind und immer wieder im Außen nach Linderung sucht oder man stellt sich ihnen um den Preis, dass die alten Schmerzen (die sehr weh tun können!) einmal noch durchlebt werden. Erst damit kann man sich von ihnen befreien und die Energie fließt wieder.

Evelyn

31.03.2010 21:11 • #15


Hallo Valerie,

ein scharfer Verstand ist etwas sehr positives; auch in der Therapie.

So wie der Verstand (in der Verdrängung) benutzt werden kann Gefühle gar nicht erst hochkommen zu lassen, kann er aber auch helfen schmerzhafte, unbegreifliche Emotionen verständlich zu machen und die Verwirrung aufzulösen. Der Verstand ermöglicht es Emotionen wie z.B. Angst im Zusammenhang mit der eigenen Geschichte und der Gegenwart zu begreifen und das unterstützt unter anderem auch die Bildung eines konstanteren Gefühls für das was man vermisst hat und zu sich selbst.

Man muss selber nur den Mut haben, den Verstand in den Dienst der Therapie zu stellen. Du kannst froh sein, dass du einen guten Verstand hast.

Viele Grüße

Antony

01.04.2010 08:52 • #16


Hallo Antony,

ich sehe das auch so wie du. Nur reicht der Verstand ALLEINE nicht aus. Gut, sogar sehr gut, wenn man ihn hat, aber Wissen und Verstehen sind nur der erste Schritt. Wenn das Fühlen ausbleibt, verändert sich gar nichts - außer dass man weiß, warum es einem schlecht geht.

Und wenn man sich dann wirklich durchgefühlt hat, dann kommt überhaupt erst das tiefgreifende Verstehen und Begreifen, das der Verstand alleine - und sei er noch so scharf - vorher nicht leisten konnte.

Ich kenne Menschen, die sind wirklich hochintelligent, aber das nützt ihnen überhaupt nichts - sie setzen diese Fähigkeit zur Abwehr ein (genau so wie du es geschrieben hast). Doch das tun auch Menschen, die nicht intelligent sind. Darin unterscheiden sich beide nicht. Der Verstand ist nur insoferne ein Vorteil, als er den Weg ebnen kann für diesen Prozess - indem man sich Wissen aneignet und erkennt, dass es überhaupt einen anderen Weg gibt als den bisherigen.

Evelyn

01.04.2010 11:26 • #17

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Hallo Evelyn,

ja, das denke ich auch. Verstand alleine reicht nicht. Emotion alleine wird auch nicht helfen (auch wenn einige Therapeuten das behaupten).

Alice Miller hat das so ausgedrückt:

"Wenn Sie nicht länger versuchen, Ihre Vergangenheit zu verleugnen, sind Sie freier, Ihren Emotionen zu vertrauen. Sie teilen Ihnen, oft unbewusst und oft durch Botschaften des Körpers, Ihre Geschichte mit. Ihr Verstand kann lernen, diese Botschaften zu verstehen und auf diese Weise können Sie die Emotionen in bewusste Gefühle umwandeln. Wenn Sie Ihre Gefühle kennen, verfügen Sie über den besten Schutz in Ihrem Leben. Wenn Sie Ihre Gefühle hingegen bekämpfen, fühlen Sie sich unentwegt in Gefahr, Sie haben Angst vor Ereignissen, die vor Jahrzehnten stattfanden und heute keine realen Gefahren mehr sind."

Wahrscheinlich ist der Verstand eines Menschen auch mehr als die Summe der kognitiven Eigenschaften der linken Gehirnhälfte. Ich denke, wirkliches Verstehen braucht die Fähigkeit zur Selbstreflexion (die ist ohne analytische, kognitive Fähigkeiten nicht vorstellbar) und das "Herz", das emotionale Verstehen. Letzteres ist ist ja, was es mir und vielen anderen oft schwer macht. Wie du sagst: durchfühlen.


Grüße

Antony

01.04.2010 13:21 • #18


Hallo Evelyn,

ich habe deinen Thread erst heute entdeckt, weil ich hier ganz neu bin. Was du schreibst, spricht mich sehr an. Vor allem, wenn du meinst, dass du auf dem falschen Planeten lebst, da musste ich sehr lachen. Das sage ich auch immer!...

Ich glaube, wenn man ein tiefgründiger und sensibler Mensch ist, dann hat man immer mehr Probleme mit Einsamkeitsgefühlen, weil die Mehrzahl der Menschen nun einmal nicht so ist.

Das Buch von Peter Schellenbaum hört sich auf den ersten Blick für mich interessant an, werde es mir bei nächster Gelegenheit bestellen. Kann man die Adresse deines Blogs erfahren? Ich würde gern deine Buchbesprechungen lesen. Wenn ich dir meinerseits was zur Lektüre empfehlen darf, dann fällt mir Barbara Sher ein. Diese Autorin hat mir in letzter Zeit einige Einsichten verschafft. Der Klassiker unter ihren Titeln ist "Wishcraft". Wenn du einigermaßen gut Englisch liest, dann lies es im Original, es ist recht einfach geschrieben.

Ich würde mich freuen, wenn wir E-Mail-Kontakt aufnehmen. Schreib mir doch einfach eine PN!

Gruß
Linus

16.04.2010 21:43 • #19


Es ist heute ein Jahr her, dass ich hier schrieb. Und es ist kein Zufall, dass ich den Faden wieder aufnehme.
In diesem letzten Jahr hat sich viel getan. Ich kann sagen, mir ging es ziemlich gut, aber das verdanke ich vor allem meinem Entschluss, eine Ausbildung in ehrenamtlicher Arbeit zu machen, wo ich telefonische Krisenintervention machen werde. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten fühle ich mich in einer Gruppe wirklich integriert und am richtigen Platz, kann mich ganz einbringen und meine feinfühlige, einfühlsame Seite einbringen. Auch sind meine eigenen (bewältigten) Krisen dabei ein großes Kapital.

Außerdem habe ich eine immer stärkere Beziehung zu meiner Enkeltochter aufgebaut, was vorher nicht so einfach war, weil sie sehr auf ihre Eltern fixiert war und ein scheues Kind ist, das sich nicht schnell an jemand anschließt. Nun aber haben wir einen sehr guten Draht zueinander und sie bleibt auch schon gerne alleine bei mir. Sie ist 3 Jahre alt.

Aber - ironisch oder nicht - wie könnte es anders sein als dass ich nun vor der nächsten ganz großen Herausforderung stehe, die mich nun vor eine Situation stellt, mit der ich vor ein paar Wochen nie gerechnet hätte und die mir viel abverlangt. Vor allem, wenn ich in die Zukunft blicke.

Mein Sohn hat sich entschlossen, mit seiner Familie für vier Jahre nach Amerika zu gehen, weil er dort ein Stipendium angeboten bekam. Realistischerweise ist auch nicht zu erwarten, dass er jemals hierher zurück kommen wird, weil er danach wohl beruflich weitere gute Auslandsangebote bekommen wird.

Das heißt für mich, dass ich zukünftig ganz ohne Familie leben werde müssen. Denn sonst gibt es niemand. Ich verliere nicht nur meinen Sohn, sondern auch meine Enkeltochter. Und auch meine Schwiegertochter, die für mich wie eine (junge) Freundin ist.

Das hat eine Menge Folgen - sowohl im Alltag als auch im Seelischen. Ich verliere damit jegliche Zugehörigkeit zu einer Famile und bin nur mehr auf mich alleine gestellt. Es ist nicht so, dass ich riesige Angst davor habe, dass mir nun niemand mehr helfen wird, wenn ich Handwerkliches brauche oder niemand mehr bitten kann, mir ein schweres Paket von der Post zu holen - das alles lässt sich irgendwie organisieren, notfalls eben geben Bezahlung. Was mir am meisten zusetzt, ist die Aussicht, zu niemandem mehr zu gehören. Nicht mal im weitesten Sinn.

Es gibt da ja in Taschenkalendern oft so einen Eintrag "Im Notfall verständigen...". Ich wüsste nicht mehr, wen ich da angeben sollte. Keiner der Menschen, den ich kenne, auch wenn sie mich mögen, würde diese Aufgabe übernehmen. Es würde auch nicht passen, denn obwohl ich ein paar liebe Menschen kenne, geht die Verbundenheit doch nicht so weit.

Ich werde vermutlich zukünftig auch zu Weihnachten - und nicht nur Silvester - alleine sein und kann nur zutiefst hoffen, dass ich nicht ernstlich krank werde. Denn bald kann ich mich nur mehr auf mich verlassen und da wird niemand mehr sein, der notfalls da ist.

Es ist im Grund ein schreckliches Szenario und da ich niemand zur Last fallen möchte, möchte ich auch niemand in diese Rolle drängen. Darum kann man, wie ich finde, auch niemand bitten. Zumindest habe ich keine so enge Freundin und schon gar keinen so engen Freund, wo das passen würde.

Natürlich werde ich alles so weiter machen wie bisher. Aber es wird noch härter, noch einsamer werden. Man hört immer nur von alten Menschen, die niemand haben und wie tragisch das ist. Dass es das aber auch bei jüngeren gibt, ist nicht so allgemein bekannt. Diesen wird es eher als Mangel an sozialen Fähigkeiten angelastet - den ich bestimmt nicht habe, denn ich bin an sich bei allen möglichen Menschen recht beliebt.

Trotzdem habe ich niemanden, der mir so nahe steht, dass er mich praktisch wie ein Familienmitglied sieht.

Ich werde dieses schwere Schicksal annehmen und hoffe das Beste. Aber manchmal frage ich mich doch, was ich noch alles bewältigen muss in diesem Leben. Gute Zeiten gab es wirklich nur hin und wieder mal zwischendurch, insgesamt war mein Leben ein einziger Kampf.

LG
Evelyn

16.04.2011 22:48 • #20



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Dr. Reinhard Pichler