Liebe Anke,
ich kenne die Gefühle, die du beschreibst, sehr gut. Aber ich bin den langen Weg gegangen, im Heute anzukommen und die Verluste von früher angenommen und integriert zu haben. Ich habe heute nicht mehr das Bedürfnis, mich in irgend jemandes Schoß geborgen wie ein Baby zu fühlen.
Sich selbst zu lieben - diesen Ausspruch mag ich in dieser Wortwahl gar nicht so gerne, auch wenn er fast schon zu einem Standard-Ausspruch geworden ist. Mir gefällt besser, sich selbst annehmen und für sich sorgen, sich selber mögen, Verständnis für sich selbst zu haben.
Und Verständnis hat viel mit Verstehen zu tun. Ich habe gelernt, mich selbst zu verstehen inklusive meiner Geschichte. Und das hat eine ganz große Last samt Schuldgefühlen von mir genommen. Meine Bedürfnisse heute sind nicht mehr die des damaligen Kindes, sondern die eines erwachsenen Menschens, der natürlich auch Bindung und Zugehörigkeit braucht. Aber nicht in dem Ausmaß und nie in der idealisierten Form wie es offen gebliebene Kindheitsbedürfnisse hervor rufen.
Ich sehne mich auch nicht nach dem Partner, der mich bedingungslos liebt, sondern ganz einfach nach einem sinnvollen Leben, wozu ein paar Menschen gehören, denen man nahe steht und umgekehrt. Daher wird es auch schwer für mich, demnächst gar keine Familie mehr in meiner Nähe zu haben. Ich denke, das wäre für fast jeden ziemlich schwer, das hat mit alten Kindheitsbedürfnissen nichts zu tun, weil Menschen immer soziale Wesen sind, auch wenn sie erwachsen sind.
Ich denke auch nicht, dass andere besser sind, bessere soziale Fähigkeiten haben oder sonstwie lebenstüchtiger sind. Ich bin wie ich bin mit all meinen Anlagen und Fähigkeiten, vor allem mit meiner Geschichte, die nicht so lustig war und ich konnte nicht mehr tun als ich tat, um auf die Herausforderungen des Lebens zu antworten.
Wenn es denn sein muss, wieder vor einer neuen großen Herausforderung zu stehen, werde ich auch mit dieser irgendwie umgehen lernen. Ich habe in keinster Weise vor, etwas zu tun, das ich nicht tun will oder mich sozial anders zu verhalten als authentisch. Aber ich mache mir bereits Gedanken, wie ich in der neuen Situation für mich sorgen kann, um ein erfülltes Leben zu führen.
Ich könnte mich alleine gelassen fühlen (das bin ich dann ja auch) und dem Trübsal verfallen. Und ich gestehe mir das sicherlich auch eine Zeitlang zu, weil ich nicht perfekt bin und auch keine Maschine, die von Logik gesteuert ist. Das Sachliche ist immer das eine - das Emotionale das andere.
Aber ich denke, ich werde schon Möglichkeiten auftun, denn das Beste, was ich gelernt habe, ist, dass ich wirklich für mich sorgen will. Vielleicht engagiere ich mich im Tierschutz oder sonstwo zusätzlich, denn ich möchte nur mit Menschen zusammen sein, die an dasselbe glauben wie ich - zumindest in einem wichtigen Bereich. Denn ich muss mich bald mehr sozial selber versorgen und das kann ich nur auf die Art, die mir zusagt. Am besten eben so, dass ich etwas Sinnvolles tue und zugleich Kontakte zu anderen habe, die das auch sinnvoll finden.
Ich möchte nicht darauf warten oder hoffen, dass mich jemand anderer "versorgt", ich fühle mich erwachsen und alt genug, mein Leben selbst zu steuern. Ich bin froh, mit den Jahren immer mehr erkannt zu haben, wofür ich wirklich einstehen möchte und diese Treue sich selbst gegenüber ist die beste Treue, die es gibt.
Das schließt nicht aus, dass wir alle andere Menschen und Lebewesen brauchen. Ich habe meine zwei Tiere und das tut mir sehr gut, bringt Leben in mein Zuhause und ist einfach ganz anders als wäre ich da ganz für mich. Aber darauf zu hoffen, dass andere Menschen wie von Zauberhand ins eigene Leben treten und damit alle Probleme gelöst sind - das glaube ich nicht mehr. Ich kann nur das tun, was zu mir und meinem Leben passt.
Lange, lange Zeit dachte ich auch, nur wenn ich dies und das hätte (glückliche Beziehung, tolle Freundschaften,...) könnte mein Leben gut laufen. Aber so ist das ja gar nicht. Es läuft umso besser, je weniger man davon zutiefst abhängig ist. Und je handlungsfähiger man wird, weil man nicht mehr von alten Bedürfnissen gesteuert ist.
Ich glaube, du bist auf einem guten Weg, aber er wird noch lange weiter gehen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, es ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, sich wirklich von alten inneren Mängeln und Prägungen zu befreien. Das bedarf unendlicher Hartnäckigkeit und ganz großer Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber - und nicht zuletzt den Mut, die alten Schmerzen wieder zu fühlen, damit sie endlich heilen können. Aber der Weg lohnt sich auf jeden Fall.
Du bist nicht schlechter als andere. Bedenke, dass die meisten Menschen ohne soziale Eingebundenheit, Status oder was weiß ich was noch gar nicht überlebensfähig wären. Aber die sehen das nicht, denn das käme erst zum Tragen, wenn sie das alles verlieren würden.
Liebe Grüße
Evelyn