Pfeil rechts
70

CoolWater
Hallo Ihr Lieben,

ich bin neu hier und bin beim nächtlichen googlen nach dem Stichwort Einsamkeit auf dem Forum gelandet. Ausgelöst durch eine Kombination aus regnerischem Herbstwetter, Sehnsucht nach tiefen Gefühlen/Verbindungen, Melancholie über längst vergangene Zeiten und einer Prise Selbstmitleid ist mir wieder schmerzlich bewusst geworden, dass ich ein (ver-)einsam(-t)er Mensch bin.

Lange habe ich diesen Gedanken und die damit einhergehenden Negativgefühle aus Selbstschutzt weit verträngt, nicht zugelassen, blockiert. Doch nun bin ich hier und wäre für jede menschliche Unterstützung dankbar . trotz fehlendem Urvertrauen.

Ich bin nun Anfang 30 und habe bis heute keinen wirklichen privaten Freundes-/Bekanntenkreis aufbauen können, mir fehlt ein tieferer Grund und auch die Fähigkeit dazu enge Bindungen aufzubauen. Mir wurde eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert und ich war dafür 3 Monate in einer Tagesklinik - meine Kindheit/Jugend war beschwert, ich habe einen Migrationshintergrund und weder so recht in der deutschen noch in meiner Heimatkultur Anschluss gefunden, da ich als Kind ziemlich isoliert war und schon damals kaum freundschaftliche Bindungen hatte - die Diagnose gibt mir einwenig inneren Frieden, auch wenn sie keine Probleme löst (aktuell nicht mehr in Behandlung).

Seit über zwei Jahren lebe ich ein nach außen hin ein geregeltes Leben, habe erfoglreich eine Umschulung abgeschlossen und gleich im Anschluss einen Job gefunden der mir Spass macht, Kollegen(zum großteil nicht gleichgeschlechtlich, was das private Miteinander etwas kompliziert macht) mit denen ich gut auskomme, einpaar kleine Solo-Hobbies die mir Freunde bringen, keine Schulden, regelmäßig Kontakt zur Familie (mit hohem Konfliktpotential, das aber nur noch gelegentlich eskaliert, wir hatten jahrelang keinen Kontakt da ich meine Eltern zu der Zeit nicht mehr ertragen konnte. und auch heute noch habe ich Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Erwartungen an mich und ihrer konservativen Einstellung). ich sorge und lebe für mich (ganz) allein und vereinsame immer mehr.

Schon lange frage ich mich: Wo sind die Privatabende mit Freunden in denen man zusammen chillt, rumalbert, ausgelassen sein kann? Die Ausflüge mit Bekannten ins Kino, Museum, Konzert? Gemeinsames Essen mit irgendwem? Ein Vertrauter mit dem man seine Sorgen und Freuden teilen kann? Einfach nur ein Freund mit dem man Reden kann?. all das scheint normal zu sein, aber für mich scheint es unmöglich. nach dem Smalltalk ist für mich Endstation, ich weiß einfach nicht wies danach weiter geht.
Ich finde es befremdlich andere zu Nahe an mich ranzulassen, Persönliches über mich zu erzählen, Gefühle/Gedanken zu teilen. meine selbstgebauten Mauern sind hoch und die Türen verschlossen, ich bin es nicht gewohnt Emotionen zuzulassen, viele Dinge gehe ich rational und sachlich an. Nach außen wirke ich wahrscheinlich höflich, aber distanziert, vielleicht sogar schüchtern, im schlimmsten Fall komisch und desinteressiert (mein Interesse an anderen Menschen ist irgendwie vermindert, außer in ganz seltenen Fällen in denen mich ein Mensch komplett fasziniert, dann ist aber auch Gefühlschaos). Meine Außenwirkung spiegelt wahrscheinlich genau das, was ich fühle...aber wie kann ich das ändern? Das Miteinander ist ein Geben und Nehmen, nur wie kann ich lernen zu Geben? Offener zu sein, sodass andere sich auch mir gegenüber öffnen können? Irgendwie stecke ich in einem Teufelskreis fest: Ich habe kein Vertrauen in andere, sodass andere auch kein Vertrauen in mich haben können. ich vertraue mich niemandem an, sodass auch niemand sich mir anvertraut...Wie kann ich Urvertrauen aufbauen?

Soviele Fragen und ich weiß nicht wo und wie ich anfangen soll die Dinge - mich - zu bessern
Wie macht ihr das - Freundschaften schließen?

27.09.2022 00:07 • 02.10.2022 x 8 #1


21 Antworten ↓


W
Die Freundschaften, die ich bislang geschlossen habe (viele waren es nun auch nicht gerade) sind eigentlich immer über einen gemeinsamen Rahmen entstanden (Kindergarten/Schule/Uni) Dort bin ich irgendwann mit solchen Menschen in Kontakt gekommen bin, bei denen ich einfach das Gefühl hatte, die verurteilen mich nicht.
Das Problem ist aber, wenn man sich eigentlich nirgendwo wirklich sicher fühlt und die größte Angst ist, abgewertet zu werden, vertraut man anderen erstmal gar nichts an und zieht sich komplett in sich zurück. Dummerweise leistet man damit gerade dem Vorschub, was eigentlich auf gar keinen Fall eintreten sollte: nämlich der Abstempelung als Weirdo. Bei mir war das bspw. in der Gymnasialzeit besonders schlimm. Ich bin Einzelkind, kannte mich weder mit der Form noch den Inhalten der Kommunikation meiner Mitstreiter sonderlich aus und war einer der Outcasts, die nicht dazu gehörten. Einmal drin in der Mühle, kommt man kaum noch raus und füllt immer die Rolle aus, die einem das autoritäre Korsett des sozialen Umfeldes aufzwängt. Hinzu kamen dann noch massive Minderwertigkeitsgefühle, weil ich komplett unsportlich bin und körperlich einer der schwächsten war, was mir immer das Gefühl gab, jeder könnte mich jederzeit dominieren, wenn er wollte.

Ich hatte meine Freunde spätestens ab da bei wenigen Leuten, die auch Außenseiter waren und wussten, wie sich das anfühlt. Aktiv gesucht habe ich das aber nicht, sondern bin da immer reingestolpert. Dieses Jahr habe ich dann nach einem Verein gesucht, wo ich einen eher alternativen Lebens- und Interessensstil der Mitglieder vermutete und hoffte, auf Gleichgesinnte zu treffen. Geklappt hat das nicht so wirklich. Dennoch könntest du ja mal versuchen, einen solchen zu finden. Irgendeine noch unbekannte Sportart vielleicht oder etwas Kreatives (Malen, Musik, Lyrik bspw.) Bei den üblichen Sachen wie Fußball- oder Schützenverein wirst du da tendenziell wohl eher weniger fündig. Zumindest wenn du auf dem Land lebst so wie ich.

Ich muss dich allerdings warnen. Ein Verein bietet der Erfahrung nach, die ich bislang damit gesammelt habe und auch von Leuten, mit denen ich gesprochen habe eine durchaus geringere Wahrscheinlichkeit auf enge Freundschaften als etwa die Schule oder das Studium. Hauptgrund ist, dass man sich einfach zu selten sieht und das gemeinsame Gut, so sehr du es vielleicht auch schätzt, unverbindlicher ist. Man kann jederzeit konsequenzlos in einen Verein ein- oder austreten und das passiert auch in hoher Fluktuation. Rechne also nicht unbedingt damit, dass du dort in eine Clique finden wirst, die dein Leben verändert. Allerdings kann man seinen Bekanntenkreis schon erweitern und sich dann natürlich über das Vitamin B auch mal nach Leuten umhören, die vielleicht ähnlich gestrickt sind.

27.09.2022 01:40 • x 6 #2


A


Fehlendes Urvertrauen - keine Freundschaften möglich

x 3


TheNiceLife
Ich habe das Gefühl, dass du versuchen solltest emotionale Nähe auszuhalten und irgendwann wird es vielleicht schön oder aushaltbarer. Dass du durch Gefühle durch gehst, die sich erstmal falsch oder befremdlich für dich anfühlen.

27.09.2022 03:51 • x 4 #3


moo
Willkommen @CoolWater

ich würd jetzt gerne sagen kühle Wasser gründen warm...und vielleicht trifft das ja auch zu. Zumindest liest Du Dich nicht gefühlskalt - immerhin! Ein paar Gedanken:
Zitat von CoolWater:
Ich habe kein Vertrauen in andere, sodass andere auch kein Vertrauen in mich haben können. Ich vertraue mich niemandem an, sodass auch niemand sich mir anvertraut..

Kommt keine Kälte rein, geht keine Wärme raus. (Haindling)
Vorwiegend gehst erst mal Du davon aus, dass in Dich kein Vertrauen aufzubauen ist. Dass Du diesen Eindruck wirklich auf Deine Umwelt machst, darfst Du nicht vorwegnehmen. Denn wenn Du Dir nicht vertraust, wäre es vielleicht auch mal angebracht, diesem Vorurteil nicht zu (ver)trauen...

Zitat von CoolWater:
Meine Außenwirkung spiegelt wahrscheinlich genau das, was ich fühle...aber wie kann ich das ändern?

Indem Du die Gefühle änderst, die Du offenbar schon seit einiger Zeit erzeugst.

Zitat von CoolWater:
Wie macht ihr das - Freundschaften schließen?

Indem man die Freundschaften öffnet. Freundschaften sind grundsätzlich da - wir Menschen gehören naturgemäß zusammen. Wir jedoch verschließen uns oft davor, weil wir nicht verletzt oder enttäuscht werden wollen.
Aus meiner Sicht liegt es immer an der eigenen Einstellung zu den Menschen insgesamt, ob man Freundlichkeit ausstrahlt oder nicht. Ein freundlicher Mensch ist grundsätzlich mit der Menschheit befreundet und nicht (nur) mit einzelnen Personen.

Zitat von CoolWater:
Wie kann ich Urvertrauen aufbauen?

Indem man erstmal akzeptiert, dass man - zumindest auf den ersten Blick - lediglich wenig davon hat. Doch man kann das ausgleichen.

Urvertrauen hat, wie der in der Therapie weit verbreitete Begriff schon andeutet, mit der tiefen Vergangenheit zu tun. Ich persönlich beziehe mich da sogar auch auf die Zeit vor dieser Geburt, also es ist etwas, was man mitbringt (oder eben nur wenig davon). Das Elternhaus und die Kultur dort tun ihr Übriges. Allerdings glaube ich ebenfalls, dass es auch karmisch mitgewirkt ist, wo man aufwächst (aber das führt hier wohl zu weit).

Das Urvertrauen kann man m. E. nicht mehr im Nachhinein stärken, aber man kann eine Hypothese bilden: aufbauend auf der Erfahrung, dass wir in diesem Leben schon einiges durch das Leben gelernt haben, kann ich auch das (neue!) Vertrauen lernen. Dieses Neuvertrauen wird - im Gegensatz zum sogenannten Urvertrauen - bewusst erzeugt und erlebt. Es muss mit Stützen, Hilfen und Werkzeugen erworben, gemacht werden. Diese Stützen sind emotionale Intelligenz, Mut, Offenheit und vor allem Demut vor den aktuell herrschenden Verhältnissen.

Mit letzterem meine ich, dass wir nicht von heute auf morgen ein charismatischer Partyhengst werden können, sofern wir uns das nur vornehmen. Nein - wir sind schon weiterhin so, wie wir eben grad sind, aber an unserer Wahrnehmung und den sie bedingenden Gefühlen können wir sehr wohl was ändern.

Dazu gehört Wachheit, Zuhören, Gegenwärtigkeit, Interesse. Auch ein zartes Mögen der Menschen kann durchaus erzeugt werden, indem man sie studiert, sie aus einem anderen, interessierten Blickwinkel aufnimmt. Dazu nimmt man sich im Geiste einen Menschen vor, den man sehr mag und erkennt dann (mit ein wenig Willen), dass ein klein wenig von diesem Potenzial grundsätzlich in jedem Menschen vorhanden ist.

Nähe zu Menschen nimmt man sich nämlich. Sie ist eh oft vorhanden, doch wir greifen nicht zu. Es geht nicht um Heranlassen, sondern um zugreifen, herannehmen, aufnehmen. Das ist eigentlich kein großer Akt und auch gar nicht so anstrengend. Und in diesem Zuge merkt man vielleicht auch: Nahe ist man letztlich weniger dem Anderen, sondern sich selbst im Anderen.

27.09.2022 06:17 • x 7 #4


CoolWater
Hallo @Williams-Christ, @TheNiceLife, @moo, danke für eure Antworten und den Input den Ihr einbringt. Ich fühle mich wie ein vertrocknetes Stück Moos das jedes freundliche und hilfreiche Wort in sich aufsaugt um endlich wieder etwas Farbe anzunehmen.

Zitat von Williams-Christ:
nämlich der Abstempelung als Weirdo.

Deine Erfolgsgeschichte macht mir Hoffnung. Die Stichworte Weirdo und Outcast sind mir allzu vertraut - ich arbeite in der IT und da findet man diesen Typ Menschen bekanntlich häufiger als in anderen Branchen. Wir nehmen das Intern mit Humor und selbst identifiziere ich mich garnicht wirklich gern über diese Wörter, nur vlt. labeln andere einen genau so...da man diesem Typus eben doch irgendwie entspricht.

Zitat von Williams-Christ:
Dieses Jahr habe ich dann nach einem Verein gesucht, wo ich einen eher alternativen Lebens- und Interessensstil der Mitglieder vermutete und hoffte, auf Gleichgesinnte zu treffen.

Diesen Gedanken habe ich auch bereits abgewägt, aber aus organisatorischen Gründen noch nicht realisiert. Ich interessiere mich sehr für einen Kampfsportverein, der aber sehr statische Trainingszeiten hat. Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit kann ich da wsl. nur unregelmäßig aufschlagen und hab Bedenken, dass ich zu schnelll den Anschluss ans Training verliere. Alternativ werde ich mich wsl. im Fitnessstudio anmelden, mehr Flexibilität, vorrangig des Trainings wegen und um rauszukommen. Man kann halt keine Menschen treffen, wenn man den ganzen Tag nur vorm PC hockt - aber irgendwie kenne ich es nicht anders und muss solche ganz grundlegenden Verhaltensmuster ändern/lernen. Mein natürliches Habität ist mein Zimmer, alles andere fühlt sich unnatürlich an, mich Außen zurechtfinden zu müssen macht mir immer ein bisschen Stress und vor allem wenig Freude, ich fühle mich dann immer zur Schau gesetzt, angreifbar und auch ein bisschen verloren, trotzdem dass ich meinen alltäglichen Pflichten(einkaufen, zur Arbeit gehen etc.) gewissenhaft nachkommen kann.

Zitat von TheNiceLife:
Ich habe das Gefühl, dass du versuchen solltest emotionale Nähe auszuhalten und irgendwann wird es vielleicht schön oder aushaltbarer. Dass du durch Gefühle durch gehst, die sich erstmal falsch oder befremdlich für dich anfühlen.

Ja, das habe ich schon versucht. In meinem Leben hatte ich zwei langjähre Partnerschaften und konnte durchaus das Gefühl von Liebe, Geborgenheit und vertrauter Zweisamkeit kennenlernen und auch ausleben. Tortzdem konnte ich das Gefühl einer schwer beschreibbaren und begreifbaren Distanziertheit nicht ablegen, das aufrichtige Vertrauen fehlte auch hier. Ich konnte mich nie zu 100% öffnen und über Themen wie tiefverwurzelte Unsicherheiten und daraus entstehenden Bedürfnissen/Ängste reden - dabei waren meine Partner bisher immer die engsten Vertrauten in meinem Leben. Leider konnte ich mich in der Therapie auch nie gegenüber Themen wie essentielle Unsicherheit, mangelndes Selbstwertgefühl etc. öffnen. Ich habe auch eine starke innere Stimme die mich immer aufpäppelt, wenn die Gedanken doch mal zutief abschweifen, vlt. halte ich mich selbst davon ab diese Themen näher für mich selbst zu ergründen. Mein innerer Monolog ist durchaus freundlich, nur endet er halt immer an der gleichen Stelle..meinem eigenen Horizont, den ich nicht überschreiten kann.

PS: im Laufe des Schreibens habe ich tatsächlich ein zu tiefst unangenehmes Gefühl entdeckt, siehe unten

Zitat von moo:
Willkommen

ich würd jetzt gerne sagen kühle Wasser gründen warm...und vielleicht trifft das ja auch zu. Zumindest liest Du Dich nicht gefühlskalt - immerhin! Ein paar Gedanken:

Kommt keine Kälte rein, geht keine Wärme raus. (Haindling)

Danke Moo, you made my day.
In der Tat, in mir drin schlägt ein warmes Herz...habs nur dick angezogen, schön isoliert, damit sich das Sensibelchen keine Erkältung von außen holt. Harte Schale, weicher Kern ...tja nun muss diese mentale Schale nur von Innen geknackt werden.

Die Einführung von Neuvertrauen finde ich gut und werde genau da einen Grundstein legen und mich auch damit Abfinden, dass mein Urvertrauen eben nur soviel hergibt wie es eben hergibt, immerhin genug um mich in diesem Forum zu öffnen.

Zitat von moo:
Willkommen

Ein freundlicher Mensch ist grundsätzlich mit der Menschheit befreundet und nicht (nur) mit einzelnen Personen.

Dazu gehört Wachheit, Zuhören, Gegenwärtigkeit, Interesse. Auch ein zartes Mögen der Menschen kann durchaus erzeugt werden, indem man sie studiert, sie aus einem anderen, interessierten Blickwinkel aufnimmt.

Diese Worte haben mich wirklich tief bewegt, ich glaube irgendwo hier liegt der Schlüssel zum Außen und einer meiner größten Schwächen, wenn nicht gar DIE Schwäche, die ich in der Realität nie öffentlich zugeben würde...ich bin kein großer Philantroph, anderen Menschen begegne ich mit innerlicher Gleichgültigkeit, zuviel Egal, zuwenig Interesse, keine Gefühlsregung, Kommunikation ein notwendiges Übel, ein Pflichtding das halt dazugehört - keine Leichtigkeit, keine Freude...

Und dann gibt es diese wenigen Ausnahmen, Menschen die meine Aufmerksamkeit wie ein roter Alarmknopf triggern - und BOOM da sind sie die Gefühlsregungen, das Interesse, die Bewunderung, ein Funke der überspringt, die Chemie stimmt - und trotzdem...die Distanz bleibt, keine Verbundenheit, alles schön sachlich.
Verglichen mit solchen Geysiren fühl sich alles wie lauwarmes Wasser an. Ich schwimme ganz unbewusst im lauwarmen Wasser, im Alltagsleben, auf Familienfeiern, auf der Arbeit ... und es ist ok. Mehr kann ich einfach nicht zulassen - vor Angst meine eigenen Gefühle nicht kontrollieren/bewältigen zu können...Soviel Angst, soviel Scham...Bloßstellung, der letzte Depp sein, nakert auf dem Servierteller...ich weiß es ist eine Einstellungssache..aber PFUI...mich streubt es! Ich hasse dieses Gefühl und will/kann mich dem und den anderen nicht einfach schutzlos aussetzen Schon allein der Gedanke daran, wühlt mich total auf. Und hier liegt wohl die Quintessenz des Ganzen.

27.09.2022 11:49 • x 4 #5


moo
Hi @CoolWater,

danke für Deine ausführlichen Rückmeldungen.

Zitat von CoolWater:
Ich konnte mich nie zu 100% öffnen und über Themen wie tiefverwurzelte Unsicherheiten und daraus entstehenden Bedürfnisse/Ängste reden - dabei waren meine Partner bisher immer die engsten Vertrauten in meinem Leben.

Ich wage zu behaupten, dass sich die allermeisten Menschen nicht zu 100% öffnen können und ich bin mir auch nicht sicher, ob das in einer Partnerschaft unbedingt notwendig ist.

Zitat von CoolWater:
Ich habe auch eine starke innere Stimme die mich immer aufpäppelt, wenn die Gedanken doch mal zu tief abschweifen, vlt. halte ich mich selbst davon ab diese Themen näher für mich selbst zu ergründen.

Könnte schon sein. Aber nicht alle Tiefen des Geistes sind per se ergiebig.


Zitat von CoolWater:
Mein innerer Monolog ist durchaus freundlich, nur endet er halt immer an der gleichen Stelle...meinem eigenen Horizont, den ich nicht überschreiten kann.

Den Du nicht überschreiten kannst oder willst?

Zitat von CoolWater:
Harte Schale, weicher Kern ...tja nun muss diese mentale Schale nur von Innen geknackt werden.

Vielleicht die Schale behalten aber durchlässig machen. Knacken ist evtl. zu total und gerade deswegen gefühlt so gefährlich. Deine Schale hat schon seinen Sinn und Wert, nur die Beschaffenheit der Schale würde ich mal ganz sachte angehen.
Wir denken gerne in Schubladen und so gehört auch der Kern in die Schale, aber so muss es nicht sein. So wie sich Innen und Außen bedingen, bedingen sich auch Ich und Umwelt. Wer meint, dass er sich abgrenzt, meint auch, dass er sich öffnen muss. In Wirklichkeit ist doch da gar keine Grenze, oder wo wäre die denn? Dieses duale Denken ist es, dass grenzt - nichts weiter.

Zitat von CoolWater:
...und mich auch damit abfinden, dass mein Urvertrauen eben nur so viel hergibt wie es eben hergibt, immerhin genug um mich in diesem Forum zu öffnen.

Ganz genau! Und das ist m. E. weitaus mehr, als wozu die Mehrheit unserer Gesellschaft in der Lage wäre.

Zitat von CoolWater:
Diese Worte haben mich wirklich tief bewegt, ich glaube irgendwo hier liegt der Schlüssel zum Außen und einer meiner größten Schwächen, wenn nicht gar DIE Schwäche, die ich in der Realität nie öffentlich zugeben würde...ich bin kein großer Philantroph, anderen Menschen begegne ich mit innerlicher Gleichgültigkeit, zu viel Egal, zu wenig Interesse, keine Gefühlsregung, Kommunikation ein notwendiges Übel, ein Pflichtding das halt dazugehört - keine Leichtigkeit, keine Freude...

Schöner und ehrlicher hätte man es wohl nicht sagen können! Aber mach bitte nicht den Fehler und glaube, das wäre jetzt ein Riesen Act, das alles zu entwickeln. Eigentlich geht sowas jederzeit und unmittelbar, wenn Du nur erst mal ehrlich zu Dir bist. Ich habe in der Aufrichtigkeit mein wertvollstes Werkzeug erkannt.

Zitat von CoolWater:
Und dann gibt es diese wenigen Ausnahmen, Menschen die meine Aufmerksamkeit wie ein roter Alarmknopf triggern - und BOOM da sind sie die Gefühlsregungen, das Interesse, die Bewunderung, ein Funke der überspringt, die Chemie stimmt - und trotzdem...die Distanz bleibt, keine Verbundenheit, alles schön sachlich.

Vielleicht (!) deshalb, weil jemand, der Deine alltägliche Egalität (s.o.) durchdringt, auf Dich solch einen Eindruck macht, dass Du Dir ihm gegenüber irgendwie klein und unbedeutend vorkommst. Ich habe aber gelernt, dass das, was wir im Gegenüber bewundern, bereits unser eigener Schatz ist. Erkenne das und die Verbundenheit ist da...

Zitat von CoolWater:
Verglichen mit solchen Geysiren fühl sich alles wie lauwarmes Wasser an. Ich schwimme ganz unbewusst im lauwarmen Wasser, im Alltagsleben, auf Familienfeiern, auf der Arbeit ... und es ist ok. Mehr kann ich einfach nicht zulassen - vor Angst meine eigenen Gefühle nicht kontrollieren/bewältigen zu können...So viel Angst, soviel Scham...Bloßstellung, der letzte Depp sein, nackert auf dem Servierteller...ich weiß es ist eine Einstellungssache...aber PFUI...mich streubt es! Ich hasse dieses Gefühl und will/kann mich dem und den anderen nicht einfach schutzlos aussetzen. Schon allein der Gedanke daran, wühlt mich total auf. Und hier liegt wohl die Quintessenz des Ganzen.

Ich will hier niemanden thematisch verkuppeln, aber vielleicht mag Sir @Spaceman sich hier mal bei Gelegenheit einschalten oder Du siehst mal in sein Tagebuch. Irgendwie glaube ich, könntet Ihr Euch gegenseitig recht wertvoll sein.

27.09.2022 14:58 • x 4 #6


Spaceman
Zitat von moo:
aber vielleicht mag Sir sich hier mal bei Gelegenheit einschalten

Oh, bin ich jetzt in den Ritterstand erhoben worden. Ich schreibe im Laufe des Abends was dazu, auch sehe so einige Überschneidungen.

27.09.2022 16:40 • x 3 #7


moo
Zitat von Spaceman:
Oh, bin ich jetzt in den Ritterstand erhoben worden.

So schnell kann´s gehen (s. Tony Blair uva.) Dank Dir!

27.09.2022 17:04 • x 1 #8


Hoffnungsblick
Erst mal vielen Dank für deinen Beitrag hier! Es gab ja schon schon viele kluge, einfühlsame Antworten hier, die ich bestätigen kann.
Es gab eine Zeit, in der ich mich sehr einsam fühlte, an allen Fronten, obwohl ich äußerlich gesehen im Alltag klar kam.
Aber ich habe es nach und nach gelernt, mich verbunden zu fühlen mit den Menschen meines Umfeldes und darüber hinaus. Dieses Neuvertrauen habe ich schrittweise entwickelt. Es war und ist weiterhin ein weiter Weg. Aber auch ein Weg, der mich erweitert und immer wieder Freude macht.
Auf meiner Suche nach Nähe und Verbundenheit habe ich eine Gruppe gefunden, als Brücke zur Welt, in der ich mich ohne irgendetwas sein oder leisten zu müssen, angenommen fühle. Es gibt eine Art inneres Verständnis für jeden Einzelnen und neimand muss sich erklären. Den Grad der Nähe, den man zulassen möchte, bestimmt jeder selbst.
Neulich ist eine Frau, die sehr einsam und sehr abweisend war, gestorben. Aber sie gehört zu uns dazu. Wir haben ihrer eine Stunde gedacht und ihr Wesen zur Erinnerung aufleben lassen. Obwohl sie auch mir gegenüber sehr ruppig war, vermisse ich sie. Das verstehe ich selbst nicht.
Warum ich das schreibe? Um dir mitzuteilen, dass man auf dem Weg zur Verbundenheit mit anderen auch viele schöne, ermutigende Erfahrungen machen kann.
Man muss sein Herz nicht auf der Zunge tragen. Hier kann man es zwar eher tun. Aber viele Menschen schätzen solche mit weiser Zurückhaltung.

27.09.2022 18:31 • x 4 #9


Spaceman
Hi @CoolWater

Zitat von CoolWater:
Lange habe ich diesen Gedanken und die damit einhergehenden Negativgefühle aus Selbstschutzt weit verträngt, nicht zugelassen, blockiert. Doch nun bin ich hier und wäre für jede menschliche Unterstützung dankbar

Damit ist ein wichtiger Schritt getan! Sich selbst gegenüber diese Gefühle, Beeinträchtigungen und Probleme einzugestehen, ermöglicht überhaupt erst die Arbeit an und mit ihnen.

Zitat von CoolWater:
Ich bin nun Anfang 30

In dem Alter hast Du noch mehr als genug Zeit, auf geht’s - mit Geduld und Zuversicht Schritt für Schritt raus aus dem Dilemma.

Zitat von CoolWater:
die Diagnose gibt mir einwenig inneren Frieden, auch wenn sie keine Probleme löst (aktuell nicht mehr in Behandlung).

Für mich sehe ich das so: Meine Diagnose ÄVPS hat mir ein medizinisches Label gegeben, welches zwar nicht beschreibt wer oder was ich bin, mir aber hilft, mein Verhalten besser zu verstehen. Natürlich löst eine Diagnose noch keine Probleme, das geht nur durch aktives Handeln. Vielleicht wäre es hilfreich für Dich, doch nochmal eine Behandlung zu beginnen. Ich selbst arbeite mit allem, was halt gerade geht daran, das irgendwie hinzukriegen.

Zitat von CoolWater:
Kollegen(zum großteil nicht gleichgeschlechtlich, was das private Miteinander etwas kompliziert macht)

Bist Du sicher, dass das wirklich ein Hinderungsgrund ist oder nimmst Du das vielleicht nur als solches wahr? Ich persönlich habe als Hetero-Mann wahrscheinlich keine Problem mit gleichgeschlechtlichen oder Diversen Freunden (hatte ich noch nie, deshalb wahrscheinlich).

Zitat von CoolWater:
ch habe kein Vertrauen in andere, sodass andere auch kein Vertrauen in mich haben können. ich vertraue mich niemandem an, sodass auch niemand sich mir anvertraut...Wie kann ich Urvertrauen aufbauen?

Ob es möglich ist, Urvertrauen aufzubauen, weiß ich noch nicht. Es gibt hier mehrere Threads zum Thema Arbeit mit dem inneren Kind sowie das Buch Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl, welches hier oft empfhohlen wird. Ich hatte damit schon mal angefangen, es aber irgendwie wieder schleifen lassen.

Ich denke, die wichtigere Frage ist, wie kann man Vertrauen zu sich selbst und zu anderen aufbauen. Meiner Meinung nach, sind beide Arten von Vertrauen sehr eng verbunden. Das bedeutet aber nicht, dass Du erst Vertrauen in Dich selbst brauchst, um anderen zu Vertrauen. Beide können - und werden sich auch - gemeinsam entwickeln.

Zitat von CoolWater:
Deine Erfolgsgeschichte macht mir Hoffnung. Die Stichworte Weirdo und Outcast sind mir allzu vertraut - ich arbeite in der IT und da findet man diesen Typ Menschen bekanntlich häufiger als in anderen Branchen. Wir nehmen das Intern mit Humor und selbst identifiziere ich mich garnicht wirklich gern über diese Wörter, nur vlt. labeln andere einen genau so...da man diesem Typus eben doch irgendwie entspricht.

Vielleicht hilft es Dir, denn Bergiff Weirdo als Gegensatz zu Normalo zu verstehen und Dich dann zu fragen, wer Du sein willst: der langweilige Normalo oder der ungewöhnliche Weirdo? Ich betrachte mich schon seit langer Zeit sehr stolz als Computer-Geek. Die Wörter Geek und Nerd waren ursprünglich auch total negativ konnotiert.

Mein Bruder bezeichnet mich des Öfteren als Nerd und macht damit seine Späßchen. Auch wenn das oft spöttisch und etwas herablassend klingt, hört man genauer hin, dann kann man eine Art zähneknirschender Bewunderung erkennen, gepaart mit einer guten Portion Neid und kaum verhohlenem Respekt.

Zitat von CoolWater:
Ich konnte mich nie zu 100% öffnen und über Themen wie tiefverwurzelte Unsicherheiten und daraus entstehenden Bedürfnissen/Ängste reden - dabei waren meine Partner bisher immer die engsten Vertrauten in meinem Leben. Leider konnte ich mich in der Therapie auch nie gegenüber Themen wie essentielle Unsicherheit, mangelndes Selbstwertgefühl etc. öffnen.

Da wäre es sinnvoll, mal genau zu ergründen, worauf sich diese Unfähigkeit gründet. Bei mir es vor allem Scham, welche mich davon abhält, anderen einen zu tiefen Einblick in mein Inneres zu gewähren.

Zitat von CoolWater:
In der Tat, in mir drin schlägt ein warmes Herz...habs nur dick angezogen, schön isoliert, damit sich das Sensibelchen keine Erkältung von außen holt.

Wunderschön formuliert!

Zitat von CoolWater:
Und hier liegt wohl die Quintessenz des Ganzen.

Ja, das Gefühl hatte ich beim Lesen auch und trifft auch auf mich zu. Die für mich hierzu wichtigsten Schritte waren:

1. Mich dem Forum anvertrauen und erkennen, dass ich gar nicht so kaputt, schlecht, etc. bin.
2. Mit Psychologe/Sozialarbeiter vom sozial-psychiatrischen Dienst sowie danach mit Ärtzen und Psychiaterin zu reden.
3. Hier im Forum eine Online- und Telefonfreundin zu finden, mit der ich mich auch schon real getroffen habe und durch die ich gemerkt habe, dass ich wohl doch gar nicht so sozial unbeholfen bin.

Bei/Nach jedem Schritt wurde mir klarer, dass ich noch alle Möglichkeiten habe, dass ich noch nicht vollständig kaputt bin und langsam aus dem ganzen Dilemma herauskommen kann. Allerdings erfordert das Geduld, Nachsicht mit sich selbst und aktiven Herangehen.

Zitat von moo:
Ein freundlicher Mensch ist grundsätzlich mit der Menschheit befreundet und nicht (nur) mit einzelnen Personen.

Das ist ja ein toller Satz!

27.09.2022 19:43 • x 3 #10


CoolWater
Hallo @Spaceman, @Hoffnungsblick - danke für eure Antworten und schön euch zu lesen

Zitat von moo:
Vielleicht die Schale behalten aber durchlässig machen. Knacken ist evtl. zu total und gerade deswegen gefühlt so gefährlich. Deine Schale hat schon seinen Sinn und Wert, nur die Beschaffenheit der Schale würde ich mal ganz sachte angehen.
Wir denken gerne in Schubladen und so gehört auch der Kern in die Schale, aber so muss es nicht sein. So wie sich Innen und Außen bedingen, bedingen sich auch Ich und Umwelt. Wer meint, dass er sich abgrenzt, meint auch, dass er sich öffnen muss. In Wirklichkeit ist doch da gar keine Grenze, oder wo wäre die denn? Dieses duale Denken ist es, dass grenzt - nichts weiter.

Herzlichsten Dank dir @moo, deine Worte haben mir heute viele Einsichten gebracht, den Schwarz-Weiß Filter abgeschwächt. Ich erkenne langsam wieder die Nuancen, die kleinen Feinheiten ...der Teufelskreis entzerrt sich langsam, das Bedrohliche weicht einer kleinen Hoffnung doch bald irgendwann eine Verbundenheit nach Außen spüren zu können, sich nicht ganz so befremdlich unter all den anderen zu fühlen, einen - seinen Platz in dieser Welt zu finden.

Kurz Offtopic: Ich muss gestehen, ich bin so gebaffelt von deinem Einfühlungsvermögen, der Art wie du die Dinge siehst und darstellst, beschreibst - da huschte mir schon mehrmals der Gedanke durch den Kopf Bist du ein Psychotherapeut? Ein Buchauthor? Mönch? Stoiker?. Wie kann man nur so passende Worte finden, großen Respekt, toll das es Leute wie dich hier im Forum gibt

Du hast recht es gibt keine greifbaren Grenzen, es ist alles nur im Kopf. Trotzdem, dass mir irgendwo bewusst ist, dass wir alle Teil eines Ganzen sind, jeder Mensch mit einem ähnlichen Emotionsrepertoire ausgestattet ist und man die Gemeinsamkeiten und das Schöne im anderen sehen sollte, so liegt mein Fokus doch immer nur in dem was eben nicht passt. Und da ist er wieder der innere Widerstand - mein innere Kritiker fühlt sich von soviel Schönrederei scheinbar verarscht Der Automatismus(wsl. als Schutzmechanismus) der bei mir während zwischenmenschlichen Begegnungen läuft, sieht nur die Schwächen, das was mir nicht gefällt, ständig bewertend, kalkuliert und sarkastisch...wie schrieb Goethe so schon Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Diese Ambivalenz ist anstrengend und verwirrt mich - auch wenn ich grundsätzlich jeden Persönlichkeitsanteil in mir akzeptiere und jeden und somit mich im Gesamten annehme kann/muss wie ich bin, so merke ich doch, dass mich der ein oder andere Persönlichkeitsanteil mehr im Leben behindert als andere und ich den richtigen Umgang mit diesen Anteilen/Charakterzügen oder wie auch immer man es nennen mag noch nicht so ganz drauf habe. (ich hatte vor der Therapie Angst, dass Persönlichkeitsspaltung eine Folge des Traumatas sei, aber die Psychologen haben mir bestätigt, dass das ganz normal ist und bei mir noch lange nicht im pathologischen Bereich liegt -jeder Mensch hat halt seine Facetten. Es kommt mir gerade nur befremdlich vor, da ich dieses Thema schon lange nicht mehr mit jemandem besprochen habe. Ich denke hier im Forum hat man mehr Erfahrung und auch Verständnis dafür.) Soll man hier angehen wie mit schlechten Gewohnheiten, da gibt es tatsächlich ein gutes Buch von James Clear mit für mich wirksamen Methoden...aber irgendwie finde ich diesen Ansatz seltsam, einen Charakterzug als Skill anzugehen kann doch nicht ganz richtig sein?
Zitat von moo:
Den Du nicht überschreiten kannst oder willst?

Und hier bin ich wieder am eigenen Horizont aka. dem eigenen Vorstellungsvermögen, geistigen Fähigkeiten rund um dieses Thema angelangt, wieder mit Fragen...die ich mir selbst nicht beantworten kann und auch noch nie jemanden um Rat gefragt habe. Aber nun bin ich hier, mache den kleinen Seelenstript**se um den Gefühlen erstmal Gestalt zu geben, Worte zu finden um aus dem WOLLEN ein Können zu machen.

Zitat von moo:
Vielleicht (!) deshalb, weil jemand, der Deine alltägliche Egalität (s.o.) durchdringt, auf Dich solch einen Eindruck macht, dass Du Dir ihm gegenüber irgendwie klein und unbedeutend vorkommst. Ich habe aber gelernt, dass das, was wir im Gegenüber bewundern, bereits unser eigener Schatz ist. Erkenne das und die Verbundenheit ist da...

Auch das ist wieder ein wirklich schöner Ansatz, der meine vorherigen Gedankengänge etwas relativiert...darüber muss ich nochmal intensiver nachdenken. Großen Dank, wann gibt es eine Ausgabe von Die Lebensweisheiten des Moo? ;P

27.09.2022 21:48 • x 1 #11


CoolWater
Zitat von Hoffnungsblick:
Dieses Neuvertrauen habe ich schrittweise entwickelt. Es war und ist weiterhin ein weiter Weg. Aber auch ein Weg, der mich erweitert und immer wieder Freude macht .

Vielen Dank auch Dir @Hoffnungsblick, deine Worte sind sehr aufbauend und auch wenn es einem beim Schreiben nicht ganz so bewusst ist, so hast du mir einem Fremden aus dem Internet doch sehr viel Trost und Hoffnung geschenkt. So eine Gruppe wie du Sie gefunden hast, in der man bedingungslos akzeptiert wird wäre für mich ein Traum, vielleicht sogar einer der sich zum Teil erfüllt hat - ich habe einen wirklich tollen Kollegenkreis, wir kennen uns zum Teil bereits Jahre und waren zusammen in der Ausbildung - ich kann mit allen Späße machen, verstehe mich gut, werde akzeptiert - ich bin sehr dankbar für diese Konstelleation, auch wenn ich sehr bedacht darauf bin Berufliches und Privates mehr oder weniger strikt voneinander getrennt zu halten.
Es ist schön zu wissen, das ihr der Dame gedenkt, Sie in Erinnerung haltet...es lässt mich realisieren, dass wir alle einen Teil von uns lassen in den Menschen die in unsere Leben lassen. Sie werden ein Teil von uns und wir von Ihnen...

@Spaceman
Zitat von Spaceman:
Ich betrachte mich schon seit langer Zeit sehr stolz als Computer-Geek.

Moo hatte wohl den richtigen Riecher, ein Mann des Metiers. Ja, es gibt viele Kosenamen für Leute wie uns Wobei ich im beruflichen Kontext IT-Specialists ganz gerne mag - neutral wie die Schweiz Ich bin eigentlich ganz stolz meinen Weg in die Branche geschafft zu haben und meinen langgehegten Teeniewunsch verwirklicht zu haben. Aus kulterellen Gründen (wenig Akzeptanz für meine Berufswahl in einer männerdominierten Branche (Gleichstellung/Gleichberechtigung heikles Thema insb. außerhalb der Grenzen Deutschlands) war das tatsächlich ein gewagter Schritt für mich - mittlerweile haben es meine Eltern verkraftet, aber so richtig glücklich sind sie mit meiner Entscheidung nicht.
Zitat von Spaceman:
Bist Du sicher, dass das wirklich ein Hinderungsgrund ist oder nimmst Du das vielleicht nur als solches wahr? Ich persönlich habe als Hetero-Mann wahrscheinlich keine Problem mit gleichgeschlechtlichen oder Diversen Freunden (hatte ich noch nie, deshalb wahrscheinlich).

Meine Profilangaben entsprechen nicht ganz der Wahrheit, da bin ich wohl etwas paranoid. Eigentlich besteht mein Bekanntenkreis nur aus Männern, das Blöde ist nur ich kann halt nicht der typische Kumpel sein. Ich weiß auch garnicht wie ich eine beste Freundin finden soll. Fazit: unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers konnte ich noch nie langfristige Freundschaften pflegen...Umso mehr freut mich Punkt 3. deiner Schritte, dass du hier jemanden gefunden mit dem du dich austauschen kannst.

Zitat von Spaceman:
Meine Diagnose ÄVPS hat mir ein medizinisches Label gegeben, welches zwar nicht beschreibt wer oder was ich bin, mir aber hilft, mein Verhalten besser zu verstehen. Natürlich löst eine Diagnose noch keine Probleme, das geht nur durch aktives Handeln. Vielleicht wäre es hilfreich für Dich, doch nochmal eine Behandlung zu beginnen. Ich selbst arbeite mit allem, was halt gerade geht daran, das irgendwie hinzukriegen.

Sehe es genau wie du, über eine Diagnose sollte man sich nicht identifizieren. Sofern es bei mir nicht zu akuten Episoden kommt, werde ich wsl. erstmal einen Weg ohne Therapeutische Unterstützung suchen. Der Leidensdruck ist aktuell gering, weil ich ein Leben ohne Freunde gewohnt bin, auch wenn die Sehnsucht danach welche zu haben da ist. Das Schreiben hier hilft mir aktuell schon sehr.
Meine ehemalige Therapeutin empfahl mir das gleiche Buch Das Kind in dir muss Heimat finden, ich habs hier und werde es die Tage mal lesen. Wird mal langsam Zeit. Ehrlich gesagt bin ich viele Dinge nach der Therapie, nachdem ich psyschich wieder stabil war, weniger intensiv und mit therapeutischem Ansatz angegangen um diese aufzuarbeiten. Ich habe einfach gemacht - konnte die Beziehung zu meinen Eltern wieder aufbauen, Partnerschaft führen, Job finden etc. Auch wenn ich als Person sicherlich gewachsen bin, meine Gefühlswelt stellt mich immer noch vor große Rätsel...

28.09.2022 00:21 • x 2 #12


moo
Guten Morgen, @CoolWater ,

Zitat von CoolWater:
Psychotherapeut? Ein Buchautor? Mönch? Stoiker?

Ha, Du wirst lachen - inzwischen von allem ein wenig (ohne Buch ) - das hat sich so ergeben im Laufe meiner Reise. Und wie oben schon erwähnt - wenn Du dadurch berührt bist, dann trägst Du ebenfalls sämtliches schon lange in Dir.

Das was Du über das Mäkeln, also das stetige Bedenken und vordergründige Sehen von Fehlern, Unschönem etc. schreibst, kenne ich von mir sehr, sehr gut. Ambilvalenz trifft es wirklich auf den Punkt. Und ich glaube erkannt zu haben, dass sie vor allem deshalb so belastend ist, weil wir gleichzeitig, wie Du schreibst, das Schöne, Vereinende, Liebenswerte in uns tragen. Es ist dieser Konflikt, die Reibung, die irgendwann eben ziemlich dauerhaft umschlägt in eine generell unheilsame, vorwiegend kritisierende Erlebenshaltung. Und weil wir das Gute, Heilsame in uns schützen wollen, grenzen wir uns ab. Doch wie z. B. Spacy und @Hoffnungsblick (uva. hier) erkannt haben, kann das nicht funktionieren. Btw - diesbezüglich habe ich mal einen etwas ausführlicheren Beitrag geschrieben, falls Du das vertiefen willst: erfolgserlebnisse-f59/sammelthread-kontemplationen-fuer-individuelle-probleme-t107790-20.html#p2386310

Zitat von CoolWater:
Diese Ambivalenz ist anstrengend und verwirrt mich - auch wenn ich grundsätzlich jeden Persönlichkeitsanteil in mir akzeptiere und jeden und somit mich im Gesamten annehme kann/muss wie ich bin, so merke ich doch, dass mich der ein oder andere Persönlichkeitsanteil mehr im Leben behindert als andere und ich den richtigen Umgang mit diesen Anteilen/Charakterzügen oder wie auch immer man es nennen mag noch nicht so ganz drauf habe. (ich hatte vor der Therapie Angst, dass Persönlichkeitsspaltung eine Folge des Traumatas sei, aber die Psychologen haben mir bestätigt, dass das ganz normal ist und bei mir noch lange nicht im pathologischen Bereich liegt -jeder Mensch hat halt seine Facetten.

Dieses Reflektieren von sogenannten Persönlichkeitsanteilen ist m. E. a bisserl tricky:

Einerseits kann es helfen, sich im Gesamten besser zu verstehen. Ich bin auch ein großer Fan des Aufdröselns, aber nur bis zu dem Punkt, wo eine Einsicht entsteht. Dann kehre ich zurück zum alltäglichen Empfinden und prüfe, ob sich durch diese Einsicht induktiv mein Erleben etwas verändert hat. Wenn nicht, dann war es rein intellektuelle Einsicht, was ja schon ein Riesenpfund ist, aber eben (noch) nicht greift.

Und auf der anderen Seite kann man sich beim Stöbern in Persönlichkeitsanteilen auch verrückt machen. Inzwischen habe ich als Fazit einen neuen, durchlässigeren Begriff gefunden: Geisteszustände. Wenn Du den Link zum o. g. Exkurs mal eingehend durchdrungen hast, erkennst Du womöglich die Instabilität von Ich und Welt aufgrund der Flüchtigkeit v. a. unserer mentalen Erlebensaspekte. Ein Zustand ist weitaus flexibler als ein Anteil. Letzterer hört sich relativ unverrückbar an, was er m. E. eindeutig nicht ist. Um es nicht zu kompliziert zu machen:

Wir müssen uns nicht verändern, sondern die Veränderlichkeit erkennen.

Zitat von CoolWater:
Soll man hier angehen wie mit schlechten Gewohnheiten, da gibt es tatsächlich ein gutes Buch von James Clear mit für mich wirksamen Methoden...aber irgendwie finde ich diesen Ansatz seltsam, einen Charakterzug als Skill anzugehen kann doch nicht ganz richtig sein?

Vielleicht bringt Dich, gerade in Bezug auf Traumata, @cube_melon s KPTBS-Blog weiter - m. E. äußerst einsichtsreiche Beiträge: tagebuecher-f97/mein-leben-mit-einer-kptbs-meiner-patchworktherapie-t103295.html

Zitat von CoolWater:
Aber nun bin ich hier, mache den kleinen Seelenstript**se um den Gefühlen erstmal Gestalt zu geben, Worte zu finden um aus dem WOLLEN ein Können zu machen.

Mein seliger Dad sagte oft: Wer will, kann auch - wer nicht kann, will nicht. Ist vielleicht a bisserl zu straff aber irgendwie hat er m. E. schon recht. Wollen ist eigentlich bereits ein Tun, im weitesten Sinne.

Zitat von CoolWater:
So eine Gruppe wie du Sie gefunden hast, in der man bedingungslos akzeptiert wird wäre für mich ein Traum

Solches waren für mich Meditationsgruppen und Selbsthilfegruppen.

Zitat von CoolWater:
... neutral wie die Schweiz

28.09.2022 05:11 • x 3 #13


Hoffnungsblick
Zitat von CoolWater:
so liegt mein Fokus doch immer nur in dem was eben nicht passt. Und da ist er wieder der innere Widerstand - mein innere Kritiker fühlt sich von soviel Schönrederei scheinbar verarscht

Das kenne ich auch. Mein innerer Kritiker versucht mir auch immer wieder ein Bein zu stellen.
Beispiel: Ich komme in eine Gruppe, in der smalltalk die Verständigungsebe ist. Zwar krame ich dann innerlich in irgendwelchen belanglosen Stories, die ich dann zu besten geben kann, aber mein Herz ist nicht dabei, sondern es gähnt unverholen...Einen Weg habe ich gelernt, um diesen Kritiker, der mir erzählt, ich selbst oder die anderen seien langweilig und die Zeit verloren, auszutricksen:
Innerlich stelle ich mich auf die anderen ein, sende bewusst Wohlwollen an jeden einzelnen, die ganze Gruppe und mich selbst. Damit bin ich die ganze Zeit beschäftigt. Danach fühle ich mich gut, auch wenn ich manchmal nicht viel sage, sondern eher zuhöre.

Zitat von moo:
Solches waren für mich Meditationsgruppen und Selbsthilfegruppen.

Für mich auch, unter anderem.

Meditation ist für mich ganz wichtig geworden. Merkwürdigerweise vertreibt sie Einsamkeit am besten. Um Meditieren zu können, suche ich das Alleinsein, die Stille. Daher meditiere ich am liebsten nachts, wo es ganz still ist. Aber es muss nicht unbedingt äußerlich still sein. Der innere Gedankenlärm kann auch störend wirken. Zum Glück verschwindet er mit der Zeit.

28.09.2022 18:25 • x 3 #14


Spaceman
Zitat von CoolWater:
Ich schwimme ganz unbewusst im lauwarmen Wasser, im Alltagsleben, auf Familienfeiern, auf der Arbeit ... und es ist ok. Mehr kann ich einfach nicht zulassen - vor Angst meine eigenen Gefühle nicht kontrollieren/bewältigen zu können...Soviel Angst, soviel Scham...Bloßstellung, der letzte Depp sein, nakert auf dem Servierteller...ich weiß es ist eine Einstellungssache..aber PFUI...mich streubt es! Ich hasse dieses Gefühl und will/kann mich dem und den anderen nicht einfach schutzlos aussetzen Schon allein der Gedanke daran, wühlt mich total auf. Und hier liegt wohl die Quintessenz des Ganzen.


Offensichtlich wollen wir uns mit unseren Mauern und Schalen doch vor etwas schützen. Aber vor was? Die vordergründige Antwort ist: vor der Bloßstellung, der Peinlichkeit, dem Gesichtsverlust. Ich denke - und für mich weiß ich es mittlerweile -, dass es um etwas tiefer liegendes geht. Nämlich um die Konfrontation mit uns selbst.

Dieses ganze Tohuwabohu aus Selbstzweifeln, Scham und Minderwertigkeitsgefühlen ist eh schon so schwer zu ertragen, dass wir vieles davon vor uns selbst verstecken. Geschieht uns nun eine Peinlichkeit, eine Bloßstellung wird unser ach so schlechtes Innere offen sichtbar. Durch die Reaktionen der Außenwelt (Spott, Widerwillen, etc.) bekommen wir eine gnadenlose Bestätigung von unseren vermeintlichen Schwächen, Fehlern und Minderwertigkeiten.

Meiner Meinung nach, liegt der Grund für diese gewaltige Angst vor em Öffnen darin, dass wir zu viel schlechtes und zu wenig gutes an uns selbst sehen. Das führt zu einem Teufelskreislauf. In dem wir uns vor anderen verstecken, verhindern wir nicht nur, dass sie unsere negativen Seiten sehen, sondern auch unsere positiven. Folglich bekommen wir keine positiven Rückmeldungen, was die Wahrnehmung der negativen Seiten weiter verstärkt.

Für mich liegt der Schlüssel darin, sich zunächst einmal für zwei Ideen zu öffnen:

1. Alle Menschen haben Fehler und Schwächen - so auch ich und du.
2. Vielleicht bin ich gar nicht so schlecht und falsch, wie ich immer glaube.

Anschließend geht es darum, sich Schritt für Schritt auf das Abenteuer des Öffnens einzulassen - erst langsam und vorsichtig, mit zunehmendem Mut und wohlwollenden Reaktionen schneller. Dabei erkennen, dass die Fehler und Schwächen gar nicht so schlimm sind und wir viel mehr gute Seiten haben, als wir merkten.

Ich bezeichne das mittlerweile als meine Menschwerdung, weil ich mich mehr und mehr von dieser hinderlichen und gefährlichen inneren Forderung nach übermenschlicher Perfektion entferne und zu meiner ganz normalen imperfekten Menschlichkeit finde.

28.09.2022 18:48 • x 3 #15


Hoffnungsblick
Zitat von Spaceman:
Ich bezeichne das mittlerweile als meine Menschwerdung, weil ich mich mehr und mehr von dieser hinderlichen und gefährlichen inneren Forderung nach übermenschlicher Perfektion entferne und zu meiner ganz normalen imperfekten Menschlichkeit finde.

Das hast du sehr schön gesagt!

Aber diese Menschwerdung, ja, die ist nicht so einfach, gerade auch, weil wir unsere negativen Seiten auch vor uns selbst verstecken. Immer, wenn ich denke, die anderen seien schuld etc., dann ist das genauso falsch, wie zu denken, man sei selbst nicht gut genug für die anderen.

Das Anderssein ist ein Vorteil und ein Nachteil: Es ist das Fest der Individualität, aber es kann auch die Trennung von den Anderen bedeuten. Diese Trennung findet aber vor allem im Kopf statt. Das Herz will annehmen und lieben.

Mir hat auch geholfen, mich mit Hochsensibilität zu befassen. 20% der Menschen sind hochsensibel. Das ist sogar auch bei Tieren so. Hochsensible Menschen können sich schneller verletzt fühlen. Aber es gibt viele Möglichkeiten, sich selbst und andere mehr und mehr anzunehmen.

29.09.2022 14:22 • x 3 #16


Spaceman
Zitat von CoolWater:
Diese Ambivalenz ist anstrengend und verwirrt mich


Kenne ich auch sehr gut. Ich habe eine sehr ambivalente emotionale Beziehung zu den Menschen. Einerseits liebe ich die Menschheit und möchte unbedingt an ihr teilhaben. Andererseits nerven, belasten und überfordern mich viele Menschen. Die Frage ist, wie sich diese goetheschen zwei Seelen vereinbaren, vereinen, eins werden lassen. Wie sich diese Dualität auflösen lässt, wie moo sagen würde.

Zitat von Hoffnungsblick:
Das Anderssein ist ein Vorteil und ein Nachteil: Es ist das Fest der Individualität, aber es kann auch die Trennung von den Anderen bedeuten. Diese Trennung findet aber vor allem im Kopf statt. Das Herz will annehmen und lieben.

Sehe ich genauso! Anders zu sein bedeutet, dass wir einen eigenen Weg finden müssen, der einen Kompromiss darstellt, mit dem man leben kann. Ein Teil von mir wünscht sich auch, solche Privatabende nach den Vorbild der Fernsehserie Friends zu haben. Mittlerweile habe ich ebenso erkannt, dass es sehr unwahrscheinlich ist, weil das nicht meine Art ist, als auch, dass ich das gar nicht brauche. Für mich wären ein, zwei Freunde, eine Partnerin und gelegentliche Unternehmungen völlig ausreichend. Es geht also um einen Kompromiss zwischen der idealisierten, romantisierten und euphemisierten Traumvorstellung und einer ebenso realistischen wie glücklichmachenden Realität.

Zitat von moo:
Dieses Reflektieren von sogenannten Persönlichkeitsanteilen ist m. E. a bisserl tricky:
Einerseits kann es helfen, sich im Gesamten besser zu verstehen. Ich bin auch ein großer Fan des Aufdröselns, aber nur bis zu dem Punkt, wo eine Einsicht entsteht.

Meine Psychiaterin hat da eine ähnliche Position. Ich bin hochgradig fixiert auf eine gründliche Diagnose per systematischem Ausschlußverfahren, Abarbeiten von Persönlichkeitsinventaren, Symptomkatalogen und so weiter. So funktionieren wir sehr rationalen, systematisch und strukturiert denkenden Computerleute halt: https://xkcd.com/627/

Sie hingegen meint, dass es viel wichtiger ist, die einzelnen Symptome und dysfunktionalen Denk- und Verhaltensweiden anzugehen, egal, ob die nun zu Diagnose X oder Diagnose Y passen.

Zitat von CoolWater:
Ich bin eigentlich ganz stolz meinen Weg in die Branche geschafft zu haben und meinen langgehegten Teeniewunsch verwirklicht zu haben.

Ich wünsche Dir, dass Du eines Tages das eigentlich nicht mehr schreiben wirst. Gerade wegen der kulturellen Hindernisse, der leider immer noch bestehenden geschlechtlichen Schieflage und Deinen psychischen Beeinträchtigungen kannst Du absolut stolz darauf sein! Wenn ich diese Kraft und diesen Mut gehabt hätte, dann könnte ich mich heute auch als IT-Specialist bezeichnen und nicht nur als hobbyistischer Geek.

Wie hast Du diesen Teeniewunsch erfüllt? Dafür hast Du gelernt und gearbeitet, hast Prüfungen erfolgreich bestanden, zahlreiche Widerstände und Hindernisse überwunden und schlußendlich hast Du es geschafft. Jetzt ist Freundschaft Dein Erwachsenenwunsch. Um den zu erfüllen, musst Du letztlich auch nichts anderes machen. Lerne, was nötig ist, um mit anderen besser umgehen zu können, arbeite an Dir und Deiner Beziehung zu den Menschen, überwinde Deine inneren Hindernisse und bestehe immer mehr soziale Prüfungen.

Du hast schon bewiesen, dass Du das kannst und die Kraft, den Mut und das Durchhaltevermögen hast.

Zitat von Hoffnungsblick:
Mir hat auch geholfen, mich mit Hochsensibilität zu befassen.

Ja, obwohl nicht diagnostiziert zähle ich mich (im sozialen Bereich) auch dazu. Auch hier sollte hoffentlich eine schrittweise Desensibilisierung helfen. Ein paar Anzeichen, dass das tatsächlich funktioniert, sehe ich mittlerweile bei mir.

29.09.2022 21:14 • x 3 #17

Sponsor-Mitgliedschaft

CoolWater
@Hoffnungsblick
Zitat von Hoffnungsblick:
Einen Weg habe ich gelernt, um diesen Kritiker, der mir erzählt, ich selbst oder die anderen seien langweilig und die Zeit verloren, auszutricksen:
Innerlich stelle ich mich auf die anderen ein, sende bewusst Wohlwollen an jeden einzelnen, die ganze Gruppe und mich selbst. Damit bin ich die ganze Zeit beschäftigt.

Den Trick habe ich heute mal ganz bewusst angewahnt um meine Sicht auf das Außen ins Positive zu lenken. Es hat geklappt - ich fühle mich heute, trotz vieler Menschen um mich herum nicht so ausgelaugt wie sonst - ja, sogar (be)ruhig(t) im Positivem. Das Bewusstmachen, bewusst Sein ist wsl. aller Anfang.

Meditation ist einer dieser schönen Begriffte, bei dem einem Nichtpraktizierendem Bilder von einem schwebenden Yoda im Wald vor dem geistigen Auge erscheinen Eine der vielen Dinge die man wohl erfahren muss um mitreden zu können. Ich fand progressive Muskelentspannung dafür immer sehr schön, werd mich mal an eine geleitete Meditation rantasten.

@Spaceman
Zitat von Spaceman:
Ich bezeichne das mittlerweile als meine Menschwerdung, weil ich mich mehr und mehr von dieser hinderlichen und gefährlichen inneren Forderung nach übermenschlicher Perfektion entferne und zu meiner ganz normalen imperfekten Menschlichkeit finde.

Das ist wirklich sehr schön formuliert. Dein ganzer Text hat mich nochmal sehr zum Nachdenken gebracht, was sind diese negativen Eigenschaften die ich in andere spiegel.
Auf den ersten Blick kann ich viele Schwächen ganz offen zugeben(fachl. Kompetenzen, Dinge die man nicht gut kann und nicht gut mag u.ä), ich bin sogar recht froh, wenn andere kompetenter/besser sind als ich - schließlich kann man von anderen lernen. Aber auf den zweiten Blick, kommen die Gedanken die ich mir nicht offen zugestehe, die mir wirklich unangenehm sind. Einer davon: Wenn ich nicht glücklich sein kann, gönne ich anderen Ihr Glücklichsein auch nicht...von den 7 Todsünden wäre das dann wohl der Neid, die Missgunst die sehr stark ausgeprägt ist. Hier mit der falschen Annahme, dass mein Leben viel glücklicher, einfacher, bereichender etc (gewesen) wäre, wenn das Schicksal mich bei meiner Geburt zu den wenigen Glücklichen mit den tollsten Eigenschaften auserkoren hätte Objektiv betrachtet weiß ich dass DAS falsch ist und trotzdem ist es ein tief festsitzender Glaubenssatz, der für mich genauso wahr und (bis jetzt) unveränderlich ist, wie das Wissen um unsere runde Erde.

Ja... tief in mir drin sehe ich mich als minderglücklichen und somit minderwertigen Menschen, der es im Leben schwer hatte und für alles kämpfen musste. Gleichzeitig werte ich mich, durch die Abwertung anderer (indem ich deren Verdienste auf pures Glück und bessere Lebensumstände schiebe) auf - dadurch fühle ich mich besonders.
Nachdem ich das nun so geschrieben habe, glaube ich zu verstehen, warum ich nie tiefere Verbindungen zu anderen aufbauen konnte bzw. es nie so empfunden habe, ich verstecke mein wahres Ich - mein Weltbild und Selbstbild ist toxisch und ich habe Angst demaskiert zu werden.

Ob das nun mein wahres Ich ist sei mal dahingestellt, es ist mir zumindest ein großes Bedürfnis diesen Teil geheim zu halten - vor anderen und vor mir selbst, da ich mich einfach abgrundtief dafür schäme, mich selbst als minderwertigen Menschen zu sehen.

Es hat mir sehr geholfen, diese Dinge mal auszuschreiben und auch öffentlich zu stellen - es fühlt sich befreiend an, mal zu seinem Minderwertigkeitskomplex zu stehen

@moo Ich finde gerade noch nicht die richtigen Worte um dir zu antworten. Aber sei dir gewiss, deine Denkanstöße/Beiträge sind wirklich sehr wertvoll und du hast meine (gewollte oder ungewollte) Bewunderung - du liest dich wie ein ausgesprochen guter Ratgeber(buch), dessen Inhalt man aufsaugt und versucht zu verarbeiten, jede Aussage macht Sinn, geistreich, komplex.

29.09.2022 23:40 • x 3 #18


Hoffnungsblick
Zitat von Spaceman:
Mittlerweile habe ich ebenso erkannt, dass es sehr unwahrscheinlich ist, weil das nicht meine Art ist, als auch, dass ich das gar nicht brauche.

Ja, wirklich, man darf auch mal dazu stehen.
Habe festgestellt, dass es nun gar nicht mehr so schwer ist, Freunde oder auch Bekannte zu finden. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass ich mich in der Rolle des Sanguinikers doch nicht so wohl fühle. Letztlich befriedigen mich tiefergehende Gespäche und intensivere Beziehungen mehr. Eigentlich ist mir meine Zeit zu schade, einfach nur bla zu sagen.

Zitat von Spaceman:
Es geht also um einen Kompromiss zwischen der idealisierten, romantisierten und euphemisierten Traumvorstellung und einer ebenso realistischen wie glücklichmachenden Realität.

Man muss einfach herausfinden, was zu einem passt. Dann braucht man keine romantisierenden Traumvorstellungen mehr.

Zitat von Spaceman:
egal, ob die nun zu Diagnose X oder Diagnose Y passen.

Solche Diagnoseaufkleber mag ich nicht wirklich, weil sie auch nicht wirklich passen. Es sind höchstens Arbeitsbegriffe für den Psychologen, damit er aus dem Seelenkontinuum einen diagnostizierbaren Anteil herausfischen kann.

Zitat von CoolWater:
Es hat geklappt - ich fühle mich heute, trotz vieler Menschen um mich herum nicht so ausgelaugt wie sonst - ja, sogar (be)ruhig(t) im Positivem.

Das geht mir nach dieser Übung auch immer so, vielleicht, weil man sich dann nicht als Opfer der Situation empfindet, sondern innerlich aktiv wird. Ein wichtiger Effekt ist auch, dass man sich mit positiven Gedanken und Gefühlen befasst und mit diesen dann auch aus der Situation herausgeht. Es ist damit auch eine Art Selbstschutz. Das Einfühlungsvermögen in andere wächst dadurch auch.

Zitat von CoolWater:
bei dem einem Nichtpraktizierendem Bilder von einem schwebenden Yoda im Wald vor dem geistigen Auge erscheinen

Hm. Im Wald zu schweben - das wäre doch mal was!
Nun ja, mir reicht einstweilen das Sitzen auf dem Meditationskissen aus. In mir selbst zu Hause sein lässt mich auch an anderen Orten leichter Heimat finden.

Zitat von CoolWater:
Wenn ich nicht glücklich sein kann, gönne ich anderen Ihr Glücklichsein auch nicht...von den 7 Todsünden wäre das dann wohl der Neid, die Missgunst die sehr stark ausgeprägt ist.

Da kann was dran sein. Das habe ich auch so erlebt.
Aber weißt du, solche negativen Gefühle haben auch ihren Sinn. Sie sind ganz starke Motoren zur Veränderung.

Zitat von CoolWater:
wenn das Schicksal mich bei meiner Geburt zu den wenigen Glücklichen mit den tollsten Eigenschaften auserkoren hätte

Was soll man da sagen! Du bist schreibbegabt und IT-Specialist - sind das nicht tolle Talente? Würden sich andere danach nicht die Finger *beep*, sorry?

Zitat von CoolWater:
Ja... tief in mir drin sehe ich mich als minderglücklichen und somit minderwertigen Menschen, der es im Leben schwer hatte und für alles kämpfen musste

Nach außen zeigst du es ja nicht, wenn ich das richtig verstehe.
Meinst du nicht auch, dass unzählige Andere das auch so machen, fühlen, erleben? Wo hat dann das minder seinen Sinn?

Zitat von CoolWater:
ich verstecke mein wahres Ich

Ja, dieses Maskenspiel ist allgemein verbreitet. Du kannst davon ausgehen, dass andere Menschen ihr wahres Ich auch verstecken. Es wirkt nicht nur auf dich, sondern auch auf andere befreiend, wenn du dein wahres Ich zeigst. Selbst gehe ich mehr und mehr dazu über, anderen (möglichst) nichts vorzumachen, sondern mich so zu zeigen, wie ich bin. Wems nicht passt, der/die soll schauen, wie er/sie damit klarkommt.

Zitat von CoolWater:
en Teil geheim zu halten - vor anderen und vor mir selbst, da ich mich einfach abgrundtief dafür schäme, mich selbst als minderwertigen Menschen zu sehen.
.

Du schämst dich dafür, dich als minderwertigen Menschen zu sehen? Du merkst vielleicht, dass du gar nicht minderwertig bist und dass deine Selbstverurteilung falsch ist.

Zieh dir auch nicht irgendwelche Mainstreammassenidealvorstellungen an. Sie passen dir zum Glück ja gar nicht. Verurteile dich selbst nicht nach Maßstäben, die höchstens zu blinkenden Schaufensterpuppen passen.
Du kannst in den Spiegel schauen und dort ein reales, liebenswertes Gesicht sehen.

01.10.2022 18:33 • x 3 #19


Hoffnungsblick
Zum Thema Meditation höre ich u.a. gerne Beiträge des Zenmeisters Hinnerk Polenski:

02.10.2022 13:28 • #20


A


x 4


Pfeil rechts



Auch interessant

Hits

Antworten

Letzter Beitrag


Dr. Reinhard Pichler