@Ann95a
Hallo Ann,
ich klemm mich hier mal dazwischen.
Mein Name ist Johannes, ich bin 61 Jahre alt und, wie du aus meinem Profil erkennen kannst, seit 35 Jahren „SSRI-erfahren“ – davon seit etwa 6 Jahren auch mit Sertralin.
Zunächst wundere ich mich sehr über die Verschreibung von Sertralin gegen reine Schlafstörungen. Sertralin gehört zur Gruppe der SSRI und wirkt primär antriebssteigernd und aktivierend. Ich könnte mir aber vorstellen, dass dein Hausarzt damals den Verdacht auf eine „versteckte“ Depression hatte. Sehr oft sind chronische Schlafstörungen nämlich das allererste, sichtbare Symptom einer beginnenden Depression oder einer tiefen inneren Erschöpfung. Ärzte verschreiben dann manchmal ein Antidepressivum wie Sertralin in der Hoffnung: „Wenn wir die zugrundeliegende, vielleicht noch unbemerkte psychische Überlastung behandeln, verschwinden auch die Schlafstörungen.“
Nun gut, es ist jetzt so passiert, warum auch immer, und du hast es abgesetzt. Jetzt kommt aber das Wichtigste: Dir passiert nichts – und schon mal gar nicht bis Montag! Du bist kerngesund und dein Kopf plays dir gerade einfach einen bösen Streich. Das ist wie ein Albtraum, der nicht zu Ende gehen will, aber mehr ist es nicht!
Was du jetzt durchmachst, ist eine Mischung aus Angstattacken und Depressionen, zusammen mit den Absetzsymptomen, und das ist biologisch vollkommen nachzuvollziehen. Du hast 100 mg Sertralin (eine hohe Dosis) vor sechs Monaten fast von heute auf morgen abgesetzt. Die „Stromschläge“ (Brain Zaps) und das Herzstolpern direkt danach waren das akute Absetzsyndrom. Diese Stromschläge kenne ich selbst sehr, sehr gut. Sie haben mir anfangs auch große Angst gemacht. Mittlerweile sind sie für mich, wenn ich sie mal bekomme, einfach nur ein Zeichen dafür, dass ich vergessen habe, meine Sertralintablette zu nehmen. Diese Stromschläge sind zwar extrem unangenehm, aber absolut ungefährlich und biologisch sehr gut erklärbar.
Dass es dir danach monatelang gut ging und es erst jetzt so richtig knallt, nennt man in der Fachmedizin ein „protrahiertes“, also zeitverzögertes Absetzsyndrom oder PAWS (Post-Acute Withdrawal Syndrome). Das ist wissenschaftlich bestens dokumentiert. Dein Gehirn hat sich über die Zeit der Einnahme an das Medikament angepasst. Durch den radikalen Entzug gerät das gesamte Nervensystem Monate später in eine extreme, zeitverzögerte Dysregulation. Das bedeutet einfach, dass der Körper oder die Psyche nicht sofort auf den Stress reagieren, sondern erst mit einer spürbaren Verspätung eine Regulationsstörung zeigen.
Auch dieses Gefühl, nicht da zu sein, wie betrunken zu wirken oder sich im falschen Körper zu fühlen, hat einen Namen: Man nennt es Depersonalisation und Derealisation. Es ist ein völlig normaler, wenn auch schrecklicher Schutzmechanismus deines Gehirns. Wenn das Nervensystem durch den Entzug unter absolutem Dauerstress steht, schaltet das Gehirn sozusagen in den „Sicherheitsmodus“ und distanziert sich von der Realität, um sich vor einer Reizüberflutung zu schützen. Das fühlt sich an wie Wahnsinn, ist in Wahrheit aber nur ein biologischer Überlastungsschutz.
Genau das Gleiche gilt für die real wirkenden Ängste und Zwangsgedanken: Dein Gehirn scannt aufgrund des körperlichen Entzugsstresses ununterbrochen nach Gefahren. Weil es im Außen keine akute Gefahr findet, „erfindet“ dein Kopf reale Szenarien oder klammert sich an unsinnige Gedanken, um die körperliche Panik irgendwie zu erklären. Das ist die Dauerschleife, in die du dich hineingesteigert fühlst.
Sogar dein Blutdruck von 160/100, der Schwindel und die Übelkeit passen dazu: Dein vegetatives Nervensystem läuft gerade im absoluten Alarmmodus (der sogenannten Kampf-oder-Flucht-Reaktion). Das treibt den Blutdruck massiv in die Höhe, sorgt für plötzlichen Schwindel und diese schlagartige Übelkeit.
Es ist ein riesiger Meilenstein, dass du am Montag den Termin beim Psychologen hast! Bitte halte dir vor Augen: Dass du so schnell einen Platz bekommen hast, grenzt an ein kleines Wunder und ist genau das richtige Auffangnetz, das du jetzt brauchst. Dein Körper ist gesund, es ist „nur“ dein Nervensystem, das gerade völlig am Rad dreht.
Wie sollst du den Termin jetzt angehen?
Mein Rat für das Gespräch mit dem Psychologen am Montag (und idealerweise bald auch mit einem Facharzt für Psychiatrie, der im Gegensatz zum Psychologen auch Medikamente verschreiben und Blutwerte anpassen darf):
Wie du das Gespräch am besten ansprichst:
Mach es dir nicht unnötig schwer. Du musst das alles nicht perfekt in Worte fassen können.
Der Zettel-Trick: Drucke genau den Text, den du hier im Forum geschrieben hast, aus oder schreibe ihn auf einen Zettel. Sag dem Arzt/Therapeuten einfach: „Mir geht es so schlecht, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich habe meine Symptome aufgeschrieben, bitte lesen Sie das zuerst.“ Das nimmt dir sofort den Druck.
Das Kernproblem benennen: Sag klipp und klar: „Ich habe vor 6 Monaten 100 mg Sertralin von heute auf morgen abgesetzt. Ich brauche Hilfe, um mein völlig überreiztes Nervensystem wieder zu beruhigen.“ Ein erfahrener Arzt versteht sofort, was los ist.
Was ein erfahrener Psychiater dir wahrscheinlich empfehlen wird:
Ein fachkundiger Arzt wird deine Symptome im Gegensatz zum Hausarzt absolut ernst nehmen. Typische Schritte sind jetzt:
Das Nervensystem sanft beruhigen: Manchmal empfehlen Ärzte in so einem Fall das sogenannte „Wiedereindosieren“ – also eine minimale Dosis Sertralin (z. B. nur 5 mg oder 10 mg) zu nehmen, um den Entzugsschock im Gehirn sofort zu stoppen, und es danach über Monate ganz langsam auszuschleichen. Alternativ gibt es pflanzliche oder sanfte, nicht-abhängig machende Akutmedikamente, die den Blutdruck und die Panik senken, damit du erst mal durchatmen kannst.
Gezielte Labordiagnostik: Er wird dir raten, neuro-relevante Werte wie Ferritin (Eisenspeicher), Vitamin B6, B12, Folsäure und Vitamin D3 im Blut zu überprüfen, da ein Mangel die Absetzsymptome massiv verstärkt.
Psychotherapeutische Begleitung: Genau das, was du am Montag startest. Der Psychologe wird dir helfen, aus dieser Gedankenschleife auszusteigen und dir Techniken zeigen, wie du die Angst im Alltag bewältigst.
Halte durch, liebe Ann. Du bist eine starke Löwenmama und du bist nicht allein!
Noch Fragen? Frag mir ruhig ein Loch in den Bauch!
Ich habe damals genau dasselbe durchgemacht, als ich meinte, mir gehe es super und ich könnte mein SSRI – damals noch Citalopram – einfach absetzen. Und ja, Mist: Nach einem halben Jahr bekam ich die schlimmsten Angstattacken, die ich je hatte. Ich konnte keinen Schritt mehr nach vorne machen, ohne zu glauben, dass ich im nächsten Moment tot umfalle. Meine Lebensgefährtin hat mich dann zum Nervenarzt geschleppt. Der grinste sich nur eins, weil er das Problem natürlich genau kannte, und wir schlichen das Medikament wieder langsam ein. Nach vier bis fünf Wochen war der ganze Spuk komplett vorbei!
LG
Johannes