So, da meine Antwort vorhin schon so extrem lang geworden ist, versuche ich das jetzt etwas kürzer zu fassen.
Zunächst meine Diagnosen: generalisierte Angststörung, Agoraphobie und neuerdings steht auf den Überweisungen auch
irgendeine Schlafstörung ist aber jetzt nebensächlich. Die generalisierte Angststörung habe ich seit 2017 diagnostiziert und die Agoraphobiekam etwas später, glaube so 2020 herum. Aber eigentlich lebe ich damit seit meinem 17. Lebensjahr. Ich bin jetzt 44.
Gleich vorweg: Man weiß nicht, was der Grund meiner Ängste ist. Das heißt, ich hatte eine superschöne Kindheit, ich bin das älteste Kind, habe noch zwei jüngere Geschwister,
super Verhältnis mit meinen Eltern, keinerlei Konflikte oder besondere Ereignisse, die das rechtfertigen könnten. Ich weiß heute, dass meine Mutter sehr behütet und vorsichtig mit mir umgegangen ist. Ich war das erste Kind, sie war mit 17 Jahren sehr jung, und alle wollten nur das Beste für mich. Sie wollte jeglichen Stress und Böses von mir fernhalten, Kategorie Käseglocke. Da könnte ein Ansatz zu finden sein. Ansonsten ist es eine Mischung aus Genen, antrainierten falschen Verhaltensweisen und Denkmustern und vor allem Dauerstress gewesen, der das ausgelöst oder begünstigt hat. Und genau damit möchte ich auch einsteigen in der Geschichte.
Meine ersten Symptome begannen mit 17 Jahren im zweiten Lehrjahr meiner Ausbildung. In der S Bahn bekam ich auf einmal Herzrasen und Schweißausbrüche. Zunächst ignorierte ich das, da es aber zunehmend öfter vorkam, nun auch an anderen Orten, ging ich zum Arzt. Anders als heute, wo du schnell in die psychische Ecke gestellt wirst, begann man, mich komplett auf links zu drehen und mich "körperlich" zu untersuchen. Außer deinem hohen Blutdruck stellt man nichts fest, ich bekam Betablocker und Diazepam für meine Anfänge. Ich habe das Zeug allerdings nur einmal nehmen müssen und es hat mich weggehaun. Ich lernte also, damit zu leben, weil man mir sagte, es sei alles in Ordnung. Ich mache den Ärzten heute ein wenig den Vorwurf, dass niemand sagte: „Das könnte auch psychosomatisch sein. Gehen Sie mal zum Psychologen. Ich lernte also mehr oder weniger die nächsten Jahre, damit zu leben. Mal ging es einigermaßen gut und mal nicht. Da ich zunehmend immer öfter in der Notaufnahme landete mit Blutdruck- und Herzbeschwerden, meinte man irgendwann, ich solle mal einen Psychologen aufsuchen, weil das alles körperlich keinen Krankheitswert habe. Ich machte also 2018 eine ambulante kognitive Verhaltenstherapie und schloss diese auch ab. Allerdings mit mäßigem und kurzzeitigem Erfolg, da innerhalb kürzester Zeit alles wieder da war. Also überwies man mich zum Facharzt für Psychiatrie, bei dem ich heute noch in Behandlung bin. Dort machte ich nochmal eine psychisch funktionelle Ergotherapie (nichts gebracht) und er bot mir zusätzlich Medikamente an. Mit Medikamenten stehe ich allerdings etwas auf Kriegsfuß, da ich diese ablehne. Bis auf meine Blutdruckmedis nehme ich ansonsten nichts. Allerdings bin ich jetzt dazu übergegangen, seit 2 Monaten Opipramol einzunehmen. Die Dosis ist lächerlich, aber ich wollte nichts unversehrt lassen. Bisher keinerlei Erfolg zu verzeichnen. Die generalisierte Angststörung ist auch in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund und die Agoraphobie immer mehr in den Vordergrund gerückt. Es wurde gefragt, ob ich arbeiten gehe, oder ob ich Rentner bin oder wie ich mein Leben meistere, ohne herauszugehen.
Arbeiten geht gar nicht mehr. Ich bin gelernter Handwerker, bin aber sehr schnell in den Bürobereich gewechselt und habe jahrelang selbstständig als Sachverständiger für den Berliner Senat in einem anderen Bereich, Ich bin Betriebswirt mit dem Schwerpunkt Personal und habe immer wieder versucht zu arbeiten, aber nach 3–6 Monaten habe ich wieder selber gekündigt, weil der Stress mich umgebracht hat. Das heißt, ich sitze seit nun 2 Jahren zu Hause, bekomme keine staatlichen Leistungen (Frau verdient zu viel) und mache nichts. Ich wurde vor einigen Jahren vom Jobcenter aufgefordert, einen Antrag auf EMR zu stellen, der natürlich abgelehnt wurde. 20 Stunden kann ich ja noch irgendwie arbeiten, mit diversen Einschränkungen, die zu berücksichtigen sind. Und wenn ich sage, ich gehe nicht mehr raus, dann ist das genauso, wie ich es schreibe. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einkaufen war, muss etliche Jahre her sein, meine Frau macht das oder wir lassen liefern. Ich muss alle 3 Monate mal zu meinem Hausarzt, der ist aber direkt über die Straße. Ansonsten stehe ich den ganzen Tag am Fenster und trinke Kaffee und gucke, wie die Menschen ihr Leben leben. Ich glaube inzwischen auch, dass ich deswegen eine mittlere Depression entwickelt habe .
Ich lese sehr viel und kenne meine Krankheit. Mein Psychiater sagte mal zu mir, dass wir die Plätze tauschen könnten, weil ich einfach viel zu viel lese. Es liegt also nicht am theoretischen Verständnis, was meine Krankheit ist und wie ich ihr begegne, sondern es ist die Umsetzung des Ganzen. Meine Psychologin meinte damals zu mir, dass ich einen so starken Charakter habe. Übersetzt heißt das wohl "festgefahrene harte Verhaltens- und Denkmuster" die ich mir in den letzten 20 Jahren eingeprägt habe, dass ich die nie wieder gänzlich losbekomme. Dafür komme ich einfach 20 Jahre zu spät. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass eine meiner größten Ängste Verlustängste sind. Ich habe Angst, meinen Sohn zu verlieren, meine Frau, meine Eltern und Geschwister. Ich merke, wenn ich via Sprachnachricht mit irgendjemandem meiner Freunde über alltägliche Dinge kommuniziere und ich fange auf einmal an, über meine Angst, meine Angst, meine Eltern mal zu verlieren oder meinen Sohn, fange ich aus dem Nichts an zu weinen. Gestern sah ich bei Instagram eine Delfinmutter, die noch kilometerlang ihr totes Kalb mit sich trug, um ihre Trauer zu verarbeiten. Ich fange bei so was an zu weinen. Das ist wohl nicht normal. Ich habe Angst, herauszugehen, weil ich meinen sicheren Platz zu Hause aufgebe und davon ausgehe, dass irgendwas passiert. Also diese typischen Agoraphobie-Gedanken. Ich kippe um, bekomme keine Hilfe, und habe ständig Angst, dass mir oder den anderen etwas passiert. Autounfall, Messerangriffe, irgendwelche Katastrophen.
Ich habe direkt um die Ecke bei mir eine psychosomatische Klinik und dort habe ich erstmalig zu Coronazeiten angefragt, wie es mit einer Aufnahme aussieht. Man teilte mir mit, dass ich als Ungeimpfter nicht aufgenommen werde. Also versuchte ich es 2 Jahre später, ich glaube 2023, noch einmal. Es kam zu einem Erstgespräch und man schaute sich meine Diagnosen und bisherigen Versuche an, daran etwas zu ändern. Erste Frage war: Nehmen Sie Tabletten? Wenn nein, sind Sie damit einverstanden, welche zu nehmen? Ich sagte Nein. Danach war das Gespräch beendet mit der Aussage, alles, was wir hier in der Klinik am Tag machen, haben sie bereits gemacht und es würde nichts bringen. Zu dem verweigere ich die Aufnahme von Medikamenten, die für das Therapieziel aber wichtig sind. Viel Glück Ihnen, tschüss. Nun nehme ich ja seit 3 Monaten Opipramol und wir haben nochmal einen Versuch gestartet und ich habe am 12.08. ein Gespräch.
Aber so richtig daran glauben tue ich nicht, dass es was bringen wird. So, ich glaube, ich bin am Ende des Märchens angelangt. Ich denke mal, es werden noch Fragen kommen, die ich dann beantworte, aber das große Ganze ist jetzt erstmal raus.