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200909.02




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Hi!

Ich war in der vergangenen Zeit kaum im Forum. Zum einen hatte ich beruflich sehr viel zu tun, und zum anderen habe ich die Zeit genutzt um ein bisschen in mich zu gehen, und mich mit meinen Ängsten zu befassen. Bei mir hat sich dadurch sehr viel geändert, und ich würde euch gerne daran teilhaben lassen. Offen gesagt fühle ich mich erstaunlich gut, und vielleicht hilft euch dieser Thread auch bei euren Problemen.

Erstmal an alle die mich noch nicht kennen, oder nicht mehr genau wissen wer ich bin, hier erstmal eine kleine Auflistung aller Ängste, Zwänge und Phobien, die ich lange Zeit mit mir herumgeschleppt habe:

1.) Agoraphobie / Panik
Dies war das für mich zweifellos vordergründigste Problem, denn es hat meinen Alltag nahezu vollends bestimmt. Ob im Supermarkt, im Bus, bei Bekannten, oder einfach wenn ich bei einem Fußgängerübergang an einer roten Ampel warten musste: Binnen kürzester Zeit achten sich Zittern, kaltes Schwitzen, Beklemmung, Atemnot, Herzrasen, Herzstechen, Herzstolpern, Umkippangst, Unwirklichkeitsgefühl, Schluckbeschwerden, trockener Mund, und "Flattern im Magen" bemerkbar. Mein Leben wurde dadurch sehr eingeschränkt. Im Grunde lebte ich nur noch wie "auf Schienen, um all den Panikauslösern zu entgehen

2.) Hypochondrie
Es war für mich lange Zeit undenkbar, daß ein Rumoren in den Därmen, stechende Kopfschmerzen, oder Übelkeit harmlose Ursachen haben könnten. Die einzigen für mich plausiblen Erklärungen für meine Beschwerden waren Krebs in allen Formen, ein bevorstehender Herzinfarkt, oder ein bevorstehender Schlaganfall. Ich habe ständig in mich hineingehört, bis ich eine regelrechte "Organfühligkeit" erzeugte, und dadurch praktisch ständig drückende / ziehende oder schmerzende Beschwerden hatte, obwohl alles mit mir in Ordnung war.

3.) Herzphobie
Meine Herzangst wurde im Zuge der Agoraphobie / Panik sehr vordergründig. Ich fühlte zahllose male am Tag meinen Puls, weil ich Unregelmässigkeiten befürchtete. Nachts konnte ich kaum schlafen, weil ich fürchtete, daß mein Herz über Nacht schlicht und ergreifend stehen bleiben würde. Ich mied jegliche körperliche Anstrengung, um meinen Puls nicht hochzutreiben, denn ein Anstieg des Puls war für mich gleichzusetzen mit der Gefahr eines drohenden Herzstillstandes. Ich lief chronisch zum EKG, ließ ständig den Blutdruck messen, und traute mich nicht mal mehr ein Aspirin, oder oder Parkemed zu nehmen, weil ich Angst hatte, daß in diesen Medikamenten möglicherweise Bestandteile enthalten sein könnten, die mein Herz schädigen.

4.) Krankhafte Eifersucht
Ob die Freundin nun freundschaftlichen Kontakt zu ihrem Ex erhielt, mal ein paar Stunden nicht erreichbar war, oder nicht unverzüglich auf SMS oder Mails reagierte - sofort schaltete sich die blanke Angst vor dem Verlassen werden ein. Ich versuchte ständig an mir zu arbeiten, um ihr gerecht zu werden. Ich trank in ihrer Gegenwart nicht mehr als ein kleines B. alles paar Tage, weil ich befürchtete, daß sie schon ein Glas mehr als einen "Mangel an Gesundheitsbewusstsein" deuten könnte, und sich dann womöglich einen Mann sucht, der gesundheitsbewusster lebt. Ich schob Panik wenn sie alleine unterwegs war, weil ich dachte, daß sie garantiert jemanden kennenlernt, der "besser ist als ich". Ich traute mich buchstäblich nicht mit ihr um die Häuser zu ziehen, weil ich dachte, daß jemand sie mir ausspannen könnte, ich traute mich kaum mehr meinen Körper vor ihr zu zeigen, weil ich Angst hatte, daß ich nicht "gut genug" aussehe, und sie sich dann stattdessen jemanden suchen würde der besser aussieht.

5.) Kontrollzwang
Bevor ich die Wohnung verliess, wurde jedes Licht exakt 8 mal aus- und ein geschaltet, bevor ich endgültig sicher war, daß es auch wirklich aus war. Jede Steckdose wurde 8 mal kontrolliert, jedes Elektrogerät wurde 8 mal kontrolliert, jedes Fenster wurde 8 mal kontrolliert, und die Türe wurde exakt 8 mal auf und zu gesperrt, bevor ich "Sicherheit" hatte, daß sie zu war. Selbst wenn ich nur zum Supermarkt an der Ecke ging, betrug diese Prozedur jedes mal knapp 20 Minuten!

Dies waren meine Hauptängste und Zwänge - insgesamt ein ziemlicher Brocken. Ich habe lange versucht schön ordentlich und organisiert gegen jede einzelne dieser Ängste vorzugehen. Ich habe versucht mir zuerst meine Agoraphobie vorzunehmen, anschließend die recht naheliegende Herzphobie usw. usw. usw.
Freu nach dem Motto: Ordnung muß sein - also schrittweise arbeiten.
Allerdings erkannte ich bald, daß diese Ängste wie Unkraut sind: Kaum hatte ich die Agoraphobie einigermaßen im Griff und widmete mich der recht naheliegenden Herzphobie, tauchte die Agoraphobie plötzlich wieder auf.
Mit anderen Worten: Kaum hat man Angst Nummer 1 im Griff, und widmet man sich deshalb Angst Nummer 2, wächst Angst Nummer 1 wieder nach. Dieses "Spielchen" zieht sich lange dahin, und man tröstet sich mit jeder kleinen vorübergehenden Besserung, obwohl man im Hinterkopf weiß, daß es nur eine Frage von wenigen Tagen bis Wochen ist, bevor man wieder bei Null anfängt.

So habe ich es lange Zeit gemacht.

In der letzten Zeit habe ich allerdings viel nachgedacht, bin meinen Ängsten ein bisschen auf den Grund gegangen, und habe erkannt, daß diese Ängste nichts eigenständiges sind. Es geht im Endeffekt nicht um mein Herz, Krebs, HIV, Verlustangst oder die Befürchtung mitten im Supermarkt plötzlich umzukippen. All diese Dinge sind keine Ängste im eigentlichen Sinn - sie sind ein unbewusster Ausdruck von Unzufriedenheit mit mir selbst und meinem Leben. Das Unterbewusstsein spricht keine augenscheinlich klare Sprache. Man kann das Unterbewusstsein nicht hören, und es gibt keine klaren Antworten wenn man sich selbst fragt: "Bin ich mit meinem Leben eigentlich zufrieden?". Das Unterbewusstsein spricht eine andere Sprache. Es verständigt sich durch Gefühle und durch die eigene körperliche und seelische Verfassung.
Wir wissen, daß unsere Angstzustände und Panikattacken psychischer Natur sind, doch bevor wir versuchen diese Dinge mit Medikamenten zu betäuben, oder uns darauf beschränken uns durch Atemtechniken und Selbstsuggestion schnelle Abhilfe im Akutfall zu verschaffen, sollten wir nicht darüber nachdenken, was wir gegen diese Zustände tun können, sondern was sie uns sagen wollen.

Mir haben meine Zustände letztendlich folgendes gesagt:

Ich habe Angst, wenn ich an einer roten Ampel stehe, oder im Supermarkt an der Kasse warten muß. Ja, was auch sonst? Ich habe kein Selbstvertrauen, also muß ich ständig in Bewegung bleiben, um vor meiner Angst vor der Welt um mich herum zu flüchten.

Ich habe Angst, daß ich krank werden könnte. Natürlich, denn wenn ich schon kein Vertrauen in mich selbst setze - wieso sollte ich dann Vertrauen in das für mich nicht sichtbare oder fühlbare Immunsystem setzen?

Ich habe Angst, daß mein Herz "einfach so" stehen bleibt. Das ist eigentlich klar, denn wenn ich kaum Selbstvertrauen habe - wie soll ich dann drauf vertrauen können, daß mein Herz über viele Jahrzehnte hinweg Tag für Tag, Stunde für Stunde und Minute für Minute anstandslos seinen Dienst tut?

Ich habe Angst, daß meine Freundin mich verlässt, weil ein anderer Mann "viel besser" sein könnte. Was sonst? Ich habe kein Vertrauen in mich, also weiß ich, daß jeder andere Mann im Grunde besser ist als ich. Wie könnte eine wunderschöne Frau auch interesse daran haben mit mir zusammen zu sein, wenn ich (in meinen Augen) also die hinterletzte Wahl bin?

Ich kontrolliere meine Wohnung 8 mal durch, bevor ich beruhigt gehen kann. Selbstverständlich, denn denn mein mangelndes Selbstvertrauen gebietet mir, daß ich unfähig bin, etwas schon beim ersten mal richtig zu machen!

Ich habe geglaubt 5 unterschiedliche Zwänge und Phobien zu haben, dich im Endeffekt waren es nur fünf Aussagen mit der gleichen Botschaft meines Unterbewusstseins. diese Botschaft ist so simpel wie einleuchtend:

Du bist unzufrieden mit dir selbst

Ich habe mir diese Botschaft seit 3 Monaten sehr zu Herzen genommen, und mich vollends meinem Leben gewidmet, und einfach mal bewusst darauf geachtet ,was mir nicht passt. Sei es nun in meinem Beruf, meiner Wohnung, meiner Beziehung ...
Seit ich nicht mehr kleinweise an meinen Ängsten arbeite, sondern einfach mein Leben anders organisiere, geht es mir gut. Keine Panikattacken, keine Angstzustände, keine depressiven Phasen, kaum mehr Eifersucht und keine Zwangsneurosen mehr.

Denkt mal nicht darüber nach wie ihr eure Ängste bekämpfen könnt, sondern was sie euch sagen wollen, und packt das Problem an der Wurzel, die oftmals unscheinbar und "gewohnt" im Alltag liegt, den man schon über Jahrzehnte lebt.

Liebe Grüße,

Pueblo

Auf das Thema antworten
Danke11xDanke


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  09.02.2009 17:07  
Find ich gut. Vor allem die Sache, dass man sich nicht nur den einzelnen Symtpomen widmen sollte, weil das auf Dauer nichts nützt. Und dass die Ursachen für die Ängste unscheinbar im gewohnten Alltag versteckt liegen. Noch vor zwei Monaten hätte ich so einiges gegeben für so einen Text. Werde damit noch einiges anfangen können ( und ich bin da wohl nicht der einzige).

Danke1xDanke


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  09.02.2009 20:30  
hallo
das ist seid langem das beste und logischste was ich gelesen hab
vielen dank
ich denke das es vielen helfen wird sich einmal wirklich gedanken zu machen was die angst zu bedeuten hat und einem sagen will zumindestens war es bei mir so
und es ist wirklich so wenn man mal richtig überlegt kann man schon einiges selber heraus finden und ich bin auch der meinung das vieles an mangeldem selbstvertrauen liegt wodraus sich irgenwie eine angst manifestiert angst nein zu sagen weil man sonst unbeliebt ist angst sich zu trennen auch wenn die beziehung eine katastophe ist angst sich eine neue arbeit zu suchen weil man diese nicht gerne macht angst vor streit bzw was falsches zu sagen damit man keinen streit bekomt und deshalb schluckt man so einiges eben auch angst vor neuem ansgt vorm alleine sein angst vor verlusten und und und ich bin mitlerweile der meinung das man dadurch eben diese panik und phobien entwickelt ganz ganz langsam und schleichend und genauso langsam muss man versuchen sie wieder los zu bekommen in dem man sein ganzes leben über denkt nicht die angst verdrängen oder unterdrücken sondern in die augen sehen sie zu lassen und auf sie hören was sie von einem will
nochmals danke für den hilfreichen bericht
lg engelchen 66

Danke1xDanke


  09.02.2009 21:07  
pueblo hat geschrieben:
All diese Dinge sind keine Ängste im eigentlichen Sinn - sie sind ein unbewusster Ausdruck von Unzufriedenheit mit mir selbst und meinem Leben. Das Unterbewusstsein spricht keine augenscheinlich klare Sprache. Man kann das Unterbewusstsein nicht hören, und es gibt keine klaren Antworten wenn man sich selbst fragt: "Bin ich mit meinem Leben eigentlich zufrieden?". Das Unterbewusstsein spricht eine andere Sprache. Es verständigt sich durch Gefühle und durch die eigene körperliche und seelische Verfassung.

engelchen 66 hat geschrieben:

und ich bin auch der meinung das vieles an mangeldem selbstvertrauen liegt wodraus sich irgenwie eine angst manifestiert angst nein zu sagen weil man sonst unbeliebt ist angst sich zu trennen auch wenn die beziehung eine katastophe ist angst sich eine neue arbeit zu suchen weil man diese nicht gerne macht angst vor streit bzw was falsches zu sagen damit man keinen streit bekomt und deshalb schluckt man so einiges eben auch angst vor neuem ansgt vorm alleine sein angst vor verlusten und und und ich bin mitlerweile der meinung das man dadurch eben diese panik und phobien entwickelt ganz ganz langsam und schleichend und genauso langsam muss man versuchen sie wieder los zu bekommen in dem man sein ganzes leben über denkt nicht die angst verdrängen oder unterdrücken sondern in die augen sehen sie zu lassen und auf sie hören was sie von einem will


Genau so ist es. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Liebe Grüße
bollywood



  10.02.2009 13:15  
Danke pueblo, das ist einer der besten Berichte, die ich in letzter Zeit gelesen habe.



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  11.02.2009 08:38  
Hallo Pueblo,
herzlichen Dank für deinen Beitrag und Glückwunsch, dass du soweit gekommen ist.
Ich habe mich in vielen Situationen wieder erkannt.
Deinen Beitrag werde ich mir jetzt ausdrucken und immer in Reichweite haben.

Liebe Grüße
engelchen106



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  26.03.2009 18:43  
moin! ich habe mich nur angemeldet um mich für diesen beitrag zu bedanken. der hat mich umgehauen. ich habe mich noch nicht viel mit ängsten (und mit mir selbst in diesem zusammenhang...)auseinander gesetzt. die letzten wochen waren der alptraum. jetzt musste ich doch mal handeln. der körper möchte einen doch etwas sagen. ständig die angst vor der angst. was denken die kollegen/leute... das nervt. macht einen fertig und alles leidet darunter. und nicht überall trifft man auf verständniss. habe hier ein bisschen rumgeklickt um mich zu informieren. da treffe ich auf diese kleine ausführung und...ich bin fast vom stuhl gekippt. habe mir den text ein paar mal durchgelesen und habe mich oft wiedererkannt. habe seit jahren nicht geweint, das befreit... es kann so einfach sein.




DANKE!!


und man ist nicht allein...



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  23.04.2009 19:20  
genau das ist meine denkweise! es resultiert alles aus dem selbstvertrauen. ich glaube ängste kann man auch nur erfolgreich und gänzlich verabreiten wenn man lernt sich selbst zu lieben. mein therapeut sagt auch " die angst ist ein gefühl das gehört werden möchte, das etwas mitteilen will. dein körper und dein leben wollen dir etwas sagen auf das du so nicht kommst. sie ist nicht umsonst da oder weil das leben so furchtbar unfair ist, und auch nicht weil sie dir böses will" leider habe ich laaange versucht immer nur gegen die angst zu kämpfen als sei ich im krieg und als sei sie ein viruspartikel. dabei ist angst ein teil von mir und einen teil von sich selbst zu bekriegen ist das schlimmste was man seinem selbstvertrauen antun kann. es muss auch einen grund geben wieso bestimmte menschen angsterkrankungen haben und andere nicht. es ist kein würfelspiel. auch wenn man konkrete situationen hat die die ängste auslösen sind sie für mich nicht die tiefste wurzel, denn ein gesunder, selbstbewusster optimistischer menschenverstand kommt auch durch schocksituationen oder trauerphasen nicht dermaßen aus dem gleichgewicht wie wir. die menschliche psyche ist ein wunderwerk genau wie der menschliche körper. anpassungsfähig wie eine wilde. seit jeh her, schon in der höhle muss sich der mensch als soziales wesen schicksalsschlägen und dem tod konfrontiert sehen, die evolution ist ja kein dummkopf und lässt uns deshalb unsere biologischen pflichten vernachlässigen und in den wahnsinn treiben . und wir ängstliche beispiele des modernen menschen kamen auch sicher nicht mit unvollendeten gehirnen auf die welt, so dass wir sowas hätten bekommen müssen, sonst könnten wir ja auch nichts dagegen tun. angst ist eine logische schlussfolgerung eines anderen problems. ich bin soziologiestudentin und erfülle gerade jedes klischee.



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  06.04.2017 07:54  
pueblo hat geschrieben:
Hi!

Ich war in der vergangenen Zeit kaum im Forum. Zum einen hatte ich beruflich sehr viel zu tun, und zum anderen habe ich die Zeit genutzt um ein bisschen in mich zu gehen, und mich mit meinen Ängsten zu befassen. Bei mir hat sich dadurch sehr viel geändert, und ich würde euch gerne daran teilhaben lassen. Offen gesagt fühle ich mich erstaunlich gut, und vielleicht hilft euch dieser Thread auch bei euren Problemen.

Erstmal an alle die mich noch nicht kennen, oder nicht mehr genau wissen wer ich bin, hier erstmal eine kleine Auflistung aller Ängste, Zwänge und Phobien, die ich lange Zeit mit mir herumgeschleppt habe:

1.) Agoraphobie / Panik
Dies war das für mich zweifellos vordergründigste Problem, denn es hat meinen Alltag nahezu vollends bestimmt. Ob im Supermarkt, im Bus, bei Bekannten, oder einfach wenn ich bei einem Fußgängerübergang an einer roten Ampel warten musste: Binnen kürzester Zeit achten sich Zittern, kaltes Schwitzen, Beklemmung, Atemnot, Herzrasen, Herzstechen, Herzstolpern, Umkippangst, Unwirklichkeitsgefühl, Schluckbeschwerden, trockener Mund, und "Flattern im Magen" bemerkbar. Mein Leben wurde dadurch sehr eingeschränkt. Im Grunde lebte ich nur noch wie "auf Schienen, um all den Panikauslösern zu entgehen

2.) Hypochondrie
Es war für mich lange Zeit undenkbar, daß ein Rumoren in den Därmen, stechende Kopfschmerzen, oder Übelkeit harmlose Ursachen haben könnten. Die einzigen für mich plausiblen Erklärungen für meine Beschwerden waren Krebs in allen Formen, ein bevorstehender Herzinfarkt, oder ein bevorstehender Schlaganfall. Ich habe ständig in mich hineingehört, bis ich eine regelrechte "Organfühligkeit" erzeugte, und dadurch praktisch ständig drückende / ziehende oder schmerzende Beschwerden hatte, obwohl alles mit mir in Ordnung war.

3.) Herzphobie
Meine Herzangst wurde im Zuge der Agoraphobie / Panik sehr vordergründig. Ich fühlte zahllose male am Tag meinen Puls, weil ich Unregelmässigkeiten befürchtete. Nachts konnte ich kaum schlafen, weil ich fürchtete, daß mein Herz über Nacht schlicht und ergreifend stehen bleiben würde. Ich mied jegliche körperliche Anstrengung, um meinen Puls nicht hochzutreiben, denn ein Anstieg des Puls war für mich gleichzusetzen mit der Gefahr eines drohenden Herzstillstandes. Ich lief chronisch zum EKG, ließ ständig den Blutdruck messen, und traute mich nicht mal mehr ein Aspirin, oder oder Parkemed zu nehmen, weil ich Angst hatte, daß in diesen Medikamenten möglicherweise Bestandteile enthalten sein könnten, die mein Herz schädigen.

4.) Krankhafte Eifersucht
Ob die Freundin nun freundschaftlichen Kontakt zu ihrem Ex erhielt, mal ein paar Stunden nicht erreichbar war, oder nicht unverzüglich auf SMS oder Mails reagierte - sofort schaltete sich die blanke Angst vor dem Verlassen werden ein. Ich versuchte ständig an mir zu arbeiten, um ihr gerecht zu werden. Ich trank in ihrer Gegenwart nicht mehr als ein kleines B. alles paar Tage, weil ich befürchtete, daß sie schon ein Glas mehr als einen "Mangel an Gesundheitsbewusstsein" deuten könnte, und sich dann womöglich einen Mann sucht, der gesundheitsbewusster lebt. Ich schob Panik wenn sie alleine unterwegs war, weil ich dachte, daß sie garantiert jemanden kennenlernt, der "besser ist als ich". Ich traute mich buchstäblich nicht mit ihr um die Häuser zu ziehen, weil ich dachte, daß jemand sie mir ausspannen könnte, ich traute mich kaum mehr meinen Körper vor ihr zu zeigen, weil ich Angst hatte, daß ich nicht "gut genug" aussehe, und sie sich dann stattdessen jemanden suchen würde der besser aussieht.

5.) Kontrollzwang
Bevor ich die Wohnung verliess, wurde jedes Licht exakt 8 mal aus- und ein geschaltet, bevor ich endgültig sicher war, daß es auch wirklich aus war. Jede Steckdose wurde 8 mal kontrolliert, jedes Elektrogerät wurde 8 mal kontrolliert, jedes Fenster wurde 8 mal kontrolliert, und die Türe wurde exakt 8 mal auf und zu gesperrt, bevor ich "Sicherheit" hatte, daß sie zu war. Selbst wenn ich nur zum Supermarkt an der Ecke ging, betrug diese Prozedur jedes mal knapp 20 Minuten!

Dies waren meine Hauptängste und Zwänge - insgesamt ein ziemlicher Brocken. Ich habe lange versucht schön ordentlich und organisiert gegen jede einzelne dieser Ängste vorzugehen. Ich habe versucht mir zuerst meine Agoraphobie vorzunehmen, anschließend die recht naheliegende Herzphobie usw. usw. usw.
Freu nach dem Motto: Ordnung muß sein - also schrittweise arbeiten.
Allerdings erkannte ich bald, daß diese Ängste wie Unkraut sind: Kaum hatte ich die Agoraphobie einigermaßen im Griff und widmete mich der recht naheliegenden Herzphobie, tauchte die Agoraphobie plötzlich wieder auf.
Mit anderen Worten: Kaum hat man Angst Nummer 1 im Griff, und widmet man sich deshalb Angst Nummer 2, wächst Angst Nummer 1 wieder nach. Dieses "Spielchen" zieht sich lange dahin, und man tröstet sich mit jeder kleinen vorübergehenden Besserung, obwohl man im Hinterkopf weiß, daß es nur eine Frage von wenigen Tagen bis Wochen ist, bevor man wieder bei Null anfängt.

So habe ich es lange Zeit gemacht.

In der letzten Zeit habe ich allerdings viel nachgedacht, bin meinen Ängsten ein bisschen auf den Grund gegangen, und habe erkannt, daß diese Ängste nichts eigenständiges sind. Es geht im Endeffekt nicht um mein Herz, Krebs, HIV, Verlustangst oder die Befürchtung mitten im Supermarkt plötzlich umzukippen. All diese Dinge sind keine Ängste im eigentlichen Sinn - sie sind ein unbewusster Ausdruck von Unzufriedenheit mit mir selbst und meinem Leben. Das Unterbewusstsein spricht keine augenscheinlich klare Sprache. Man kann das Unterbewusstsein nicht hören, und es gibt keine klaren Antworten wenn man sich selbst fragt: "Bin ich mit meinem Leben eigentlich zufrieden?". Das Unterbewusstsein spricht eine andere Sprache. Es verständigt sich durch Gefühle und durch die eigene körperliche und seelische Verfassung.
Wir wissen, daß unsere Angstzustände und Panikattacken psychischer Natur sind, doch bevor wir versuchen diese Dinge mit Medikamenten zu betäuben, oder uns darauf beschränken uns durch Atemtechniken und Selbstsuggestion schnelle Abhilfe im Akutfall zu verschaffen, sollten wir nicht darüber nachdenken, was wir gegen diese Zustände tun können, sondern was sie uns sagen wollen.

Mir haben meine Zustände letztendlich folgendes gesagt:

Ich habe Angst, wenn ich an einer roten Ampel stehe, oder im Supermarkt an der Kasse warten muß. Ja, was auch sonst? Ich habe kein Selbstvertrauen, also muß ich ständig in Bewegung bleiben, um vor meiner Angst vor der Welt um mich herum zu flüchten.

Ich habe Angst, daß ich krank werden könnte. Natürlich, denn wenn ich schon kein Vertrauen in mich selbst setze - wieso sollte ich dann Vertrauen in das für mich nicht sichtbare oder fühlbare Immunsystem setzen?

Ich habe Angst, daß mein Herz "einfach so" stehen bleibt. Das ist eigentlich klar, denn wenn ich kaum Selbstvertrauen habe - wie soll ich dann drauf vertrauen können, daß mein Herz über viele Jahrzehnte hinweg Tag für Tag, Stunde für Stunde und Minute für Minute anstandslos seinen Dienst tut?

Ich habe Angst, daß meine Freundin mich verlässt, weil ein anderer Mann "viel besser" sein könnte. Was sonst? Ich habe kein Vertrauen in mich, also weiß ich, daß jeder andere Mann im Grunde besser ist als ich. Wie könnte eine wunderschöne Frau auch interesse daran haben mit mir zusammen zu sein, wenn ich (in meinen Augen) also die hinterletzte Wahl bin?

Ich kontrolliere meine Wohnung 8 mal durch, bevor ich beruhigt gehen kann. Selbstverständlich, denn denn mein mangelndes Selbstvertrauen gebietet mir, daß ich unfähig bin, etwas schon beim ersten mal richtig zu machen!

Ich habe geglaubt 5 unterschiedliche Zwänge und Phobien zu haben, dich im Endeffekt waren es nur fünf Aussagen mit der gleichen Botschaft meines Unterbewusstseins. diese Botschaft ist so simpel wie einleuchtend:

Du bist unzufrieden mit dir selbst

Ich habe mir diese Botschaft seit 3 Monaten sehr zu Herzen genommen, und mich vollends meinem Leben gewidmet, und einfach mal bewusst darauf geachtet ,was mir nicht passt. Sei es nun in meinem Beruf, meiner Wohnung, meiner Beziehung ...
Seit ich nicht mehr kleinweise an meinen Ängsten arbeite, sondern einfach mein Leben anders organisiere, geht es mir gut. Keine Panikattacken, keine Angstzustände, keine depressiven Phasen, kaum mehr Eifersucht und keine Zwangsneurosen mehr.

Denkt mal nicht darüber nach wie ihr eure Ängste bekämpfen könnt, sondern was sie euch sagen wollen, und packt das Problem an der Wurzel, die oftmals unscheinbar und "gewohnt" im Alltag liegt, den man schon über Jahrzehnte lebt.

Liebe Grüße,

Pueblo



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  06.04.2017 12:42  
Super danke für diesen tollen Berichte.
Einer der besten Dinge die ich hier je gelesen habe.
Ich bin vor geraumer Zeit auch an den Gedanken gestoßen das es alles ein Mangel An Vertrauen ist...vertrauen in sich selbst,vertrauen in den Körper usw...

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