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Was ist Redeangst?

Redeangst - auch als Sprechangst, Redehemmung oder Logophobie bezeichnet - gehört zu den sozialen Ängsten. Wenn Sie bisher dachten, nur Sie hätten dieses Problem, dann täuschen Sie sich gewaltig. Diese Angst ist gar nicht so selten. Ca. 40 Prozent aller Menschen sollen Angst, ja sogar Panik haben, vor einer Gruppe zu sprechen.

Die Angst, öffentlich zu reden, kann in vielen Situationen auftreten. Es muss gar nicht die große Rede vor Hunderten von Menschen oder ein Fernsehauftritt sein. Es genügen eine Familienfeier im privaten Kreis oder ein Gespräch unter Freunden. Im Beruf können Konferenzen und Teamsitzungen schwierig für uns werden. Elternabende und Vereinssitzungen können ebenfalls eine Herausforderung sein. Auch Referate in Schule und Studium sind oft in großes Angstthema.

Redeangst schadet, weil sie uns total blockiert. Wir haben panische Angst, uns zu blamieren und lächerlich zu machen. Wir haben tierische Angst, dass es uns buchstäblich die Sprache verschlägt, wir kein Wort herausbekommen, wir stammeln und stottern und nicht mehr wissen, was wir sagen wollen – und das, obwohl wir sehr wohl etwas mitzuteilen hätten. Es ist ja nicht so, dass wir dumm wären und keine Ahnung von dem hätten, was wir vortragen wollen. Nur, diese Angst, uns zu blamieren, macht es uns verdammt schwer oder gar unmöglich, unser Wissen an den Mann oder die Frau zu bringen.

Vom Verstand her wissen wir, dass wir bei einem Vortrag nicht in Lebensgefahr schweben. Trotzdem fühlen und handeln wir so, als hinge unser Leben von unserem Vortrag ab. Wir haben das Gefühl, uns um Kopf und Kragen zu reden und uns in ernste Gefahr zu bringen.

Dies ist das Kennzeichen der Redeangst: Sie ist eine unangemessene und übertriebene Angst, vor anderen zu sprechen. Das ist kein Lampenfieber, das ist Panik pur.

Aufgrund dieser panischen Angst leiden wir Tage oder gar Wochen vor einem Vortrag Todesqualen, meiden Vorträge, wann es nur geht, nehmen sogar berufliche Nachteile in Kauf, wenn wir uns nur davor drücken können - und hassen uns dafür, dass wir solche Angsthasen sind und einen riesen Schiss vor etwas haben, das andere doch offensichtlich auch können.

Wie unterscheidet man Redeangst von Lampenfieber?

Im Vergleich zur Redeangst, die einem schweren grippalen Infekt gleichkommt, der uns niederstreckt und handlungsunfähig macht, ist das Lampenfieber nur ein leichter Schnupfen – lästig, aber erträglich. Beim Lampenfieber spüren wir eine leichte Nervosität und Unruhe, eine innerliche Anspannung, ein Aufgeregtsein, Schmetterlinge im Bauch, haben vielleicht feuchte oder kalte Hände.

Während die Redeangst uns total blockiert und uns schadet, ist das Lampenfieber durchaus hilfreich: es schärft unsere Sinne und unsere Konzentration. Es ist ein leichter Adrenalinstoß, der aktiviert und motiviert, der uns hilft, unser Bestes zu geben. Im Lampenfieber steckt positive Energie, die wir nutzen können. Lampenfieber ist also nützlich.

Wovor haben Menschen mit Redeangst Angst?

Wenn wir eine Rede halten, dann richten sich alle Augen und Ohren auf uns. Wir stehen quasi auf dem Prüfstand. Nun geht es nur noch um die Frage: Top oder Flop? – Sieg oder Niederlage? Dazwischen gibt es für uns nichts. Verständlich, das wir Angst haben, weil wir viele Gefahren wittern, die uns am Siegen hindern könnten. Wir befürchten, wir könnten
kritisiert werden
nicht ankommen
uns lächerlich machen
keinen Ton herausbringen,
einen Blackout haben,
uns eine Blöße geben
ausgelacht werden
uns blamieren
als Schwäche empfundene Körperreaktionen zeigen, wie Schweißausbrüche, Zittern, Stottern oder Erröten, kurzum wir laufen Gefahr, zu versagen und abgelehnt zu werden. Wir haben panische Angst vor Zurückweisung und Kritik, haben Angst, nicht gut genug zu sein und den Erwartungen der Zuhörer nicht gerecht zu werden.

Wie entsteht Redeangst?

Redeangst ist erlernt und hängt oft eng mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit, meist in der Jugend zusammen. So machen viele Menschen, die unter Redeangst leiden, in ihrer Jugend ein oder mehrmals die Erfahrung, vor der Klasse bei einem Referat bloßgestellt zu werden und sich hilflos und allein zu fühlen. Diese Erfahrung ist so schmerzlich, dass sie auch auf uns Einfluss hat, wenn wir erwachsen sind. Wir tragen gleichsam immer noch den verletzten Jungen oder das verletzte Mädchen in uns.

Neben einer solch traumatischen Erfahrung in der Schulzeit können weitere Faktoren die Entstehung einer Redeangst begünstigen, so etwa zu hohe Ansprüche an uns selbst. Wir verlangen von uns vielleicht, alles perfekt machen zu müssen, uns keine Fehler erlauben zu dürfen. Mit dem eigenen Anspruch steigt auch die Angst, Fehler zu machen, uns zu blamieren und kritisiert zu werden. Eine Betroffene sagte einmal: "Je höher meine Erwartungen an mich sind, umso mehr Angst habe ich, einen Fehler zu machen".

Das Streben nach Perfektion ist meist ein Ausdruck eines geringen oder angeschlagenen Selbstwertgefühls. Je geringer unser Selbstwertgefühl ist, je mehr wir denken, nicht in Ordnung zu sein, umso mehr haben wir nämlich Angst vor Ablehnung und Kritik. Eine Strategie, um mit Angst vor Ablehnung und Kritik umzugehen, ist das Streben nach Perfektion – nach dem Motto: wenn ich alles perfekt mache, dann gebe ich mir keine Blöße und dann kann mich auch keiner kritisieren.

Mangelndes Selbstwertgefühl führt auch zu einem starken Bedürfnis nach Anerkennung und einer großen Angst vor Ablehnung und es führt dazu, dass wir von uns verlangen, alles perfekt machen zu müssen.

Wenn wir glauben, in großem Maße von der Anerkennung der anderen abhängig zu sein und uns keine Fehler erlauben zu dürfen, dann blockieren wir uns vor Reden durch zu hohe und vielleicht auch unrealistische Gedanken, die so aussehen:
Ich muss unbedingt gut ankommen.
Ich muss immer intelligent und interessant wirken.
Ich muss die Zuhörer überzeugen.
Ich muss fließend sprechen, etwas Interessantes sagen, souverän sein.
Ich darf auf keinen Fall zittern, erröten, stottern, nervös sein.
Ich darf auf keinen Fall zeigen, dass ich unsicher und aufgeregt bin.


Ja, wir fordern nicht nur von uns etwas, sondern auch etwas von unseren Zuhörern:
Die Zuhörer dürfen mich nicht ablehnen.
Das Publikum muss mich sympathisch finden.
Die Zuhörer müssen etwas Positives mit nach Hause nehmen.

Hinzukommen Versagensgedanken und Katastrophenbilder, die so aussehen:
Ich kriege bestimmt keinen Ton heraus.
Ich werde den Faden verlieren.
Ich werde es vermasseln.
Ich werde rot werden.
Die anderen werden meine Unsicherheit bemerken und sich darüber amüsieren
Die anderen werden mich auslachen, für unfähig halten, ablehnen, für einen Versager halten.

Angesichts solcher Gedanken und Katastrophenbilder ist es nicht weiter verwunderlich, wenn wir vor einem Vortrag in Panik geraten, oder? Und bei solchen Gedanken ist es auch nicht verwunderlich, wenn unser Selbstvertrauen noch mehr in den Keller geht. Auch nicht verwunderlich, oder?

Wie wird die Redeangst in einer Therapie behandelt?

Wenn Sie Ihre Redeangst überwinden wollen, dann bedeutet das, an den Ursachen Ihrer Redeangst anzusetzen – nämlich Ihren Angst erzeugenden Gedanken. Hierfür eignen sich am besten die Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Alle Strategien haben zum Ziel, Ihre Angst zu versagen und kritisiert zu werden, abzubauen, und Ihr Selbstvertrauen aufzubauen.

Diese Ziele werden mit verschiedenen Therapiebausteinen erreicht. An erster Stelle steht dabei die Gedankenkontrolle. Hier lernen Sie den Zusammenhang zwischen Ihren Gedanken und Gefühlen kennen, insbesondere wie sich angstvolle Gedanken und Phantasien auf Ihre Angst auswirken. Sie lernen, negative Selbstgespräche wie z.B. "Ich darf mich nicht blamieren", die Sie vor einer Rede blockieren und lähmen könnten, durch hilfreiche Selbstgespräche zu ersetzen. In dem Maße, in dem Sie lernen, Ihre Angst auslösenden Gedanken zu kontrollieren und durch hilfreiche Gedanken zu ersetzen, in dem Maße können Sie einer Rede gelassener entgegensehen.

Auch Ihre generellen Einstellungen zu sich, Ihrer Leistung und der Reaktion anderer, werden einen Überprüfung unterzogen. Sie lernen z.B. zu hohe Ansprüche, die Sie an sich haben und Ihr Streben nach übersteigerter Anerkennung abzubauen.

Vielleicht wird Ihr Therapeut Sie auch zu einzelnen Verhaltensexperimenten ermutigen, in denen Sie bewusst Ihre Erwartungen überprüfen - z.B. bewusst die Reaktion der Zuhörer beobachten oder auf eigene Reaktionen achten. Möglicherweise wird er auch Videoaufzeichnungen einsetzen, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einmal von außen zu beobachten und Ihr Selbstbild vielleicht auch zu korrigieren.

Bislang war es vermutlich so, dass Sie sich im Vorfeld der Rede alle möglichen Katastrophen ausgemalt haben. Sie haben sich ausgemalt, wie Sie wie ein Trottel vor den Zuhörern stehen, stammeln oder keinen Ton herausbringen, einen Blackout haben, usw. Verständlich, dass Sie angesichts solcher Horrorfilme in Ihrem Kopf in Panik geraten sind.

Beim mentalen Training machen Sie gerade das Gegenteil davon. D.h. Sie stellen sich vor, wie Sie Ihre Rede erfolgreich halten. Sie nutzen Ihre Vorstellungskraft für die Bewältigung der Redesituation.

Wenn Sie sich hilfreiche Gedanken und Phantasien erarbeitet haben, dann gilt es für Sie, sich bewusst mit Redesituationen zu konfrontieren und zu üben. Dies kann anfangs in Rollenspielen, später dann in tatsächlichen Redesituationen passieren. Hier geht es darum, dass Sie Ihr Sicherheitsverhalten aufgeben und das Risiko eingehen, nicht perfekt zu sein, ausgelacht zu werden, usw.

Ein weiterer, sehr wichtiger Baustein der Redeangsttherapie ist der Aufbau und die Stärkung Ihres Selbstvertrauens. Selbstvertrauen haben bedeutet, sich selbst zu vertrauen. Es bedeutet, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben und von sich überzeugt zu sein. Im Moment ist es eher so, dass Sie sich selbst nicht über den Weg trauen. Sie trauen sich nicht zu, eine Rede zu halten, sehen sich als unfähig oder minderwertig. In der Therapie lernen Sie z.B., sich selbst gut zuzureden und aufzubauen, statt sich klein zu reden. Sie arbeiten auch an Ihren selbstabwertenden und Ihr Selbstwertgefühl verletzenden Gedanken, d.h. Sie lernen z.B., sich selbst mehr anzunehmen.

Ein weiterer Baustein Ihrer Redeangsttherapie ist die Verarbeitung einer traumatischen Erfahrung in der Jugend. Wenn Sie in der Jugend ein traumatisches Erlebnis bei einem Vortrag hatten, dann fällt Ihnen diese peinliche Situation heute immer wieder ein, wenn Sie einen Vortrag halten sollen. Und Sie verspüren dann immer wieder Ihre Unsicherheit, Ihre Hilflosigkeit und Ihre Scham. Ziel ist es, zu erreichen, dass Sie die peinliche und/oder schmerzliche Situation verarbeiten, so dass diese heute auf Sie keinen Einfluss mehr hat.

Ebenfalls sehr hilfreich für die Bewältigung der Redeangst, ist das Erlernen eines Entspannungsverfahrens und/oder einer Atemtechnik. Schließlich wird Ihr Therapeut Sie wahrscheinlich auch auf den Umgang mit Pannen, wie etwa den Faden verlieren oder einem Blackout, vorbereiten.

Auch nach einer Therapie werden Sie noch Lampenfieber haben. Das ist normal. Was Sie jedoch in einer Therapie überwinden lernen, ist die panische Angst vor Reden und die mit der Angst verbundenen lähmenden Gefühle und Körperreaktionen.

Video Redeangst - Sprechangst

Dieser Videoclip ist Bestandteil einer Videoserie zur Redeangst. Alle Video Clips zu diesem Thema, sowie weitere 150 andere Videos zu Angst und Panik, finden Sie beim Expertenrat Video Ratgeber Portal. Um dieses Video anschauen zu können, benötigen Sie die neuste Version des Flash Players von Macromedia. Hier können Sie diesen kostenlos herunterladen.

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