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Agoraphobie (Platzangst) - auf der Flucht vor der Angst
Angst ist ein natürliches, ja ein lebensnotwendiges Gefühl. Sie schützt uns jeden Tag. Sie alarmiert uns, wenn wir in Gefahr sind und uns schützen müssen. Es gibt jedoch immer mehr Menschen, die unter übersteigerten und krankhaften Angstgefühlen leiden. Bei diesen Menschen hat die Angst als Warnsignal keine Funktion mehr. Im Gegenteil: die Angst wird selbst zur Bedrohung und verwandelt das Leben der Betroffenen in ein Gefängnis. Wird die Angst nicht behandelt und fühlen sich die Betroffenen ihrer Angst ausgeliefert, dann steht am Ende die Vereinsamung. Die Rede ist von der Agoraphobie, der Platzangst, der häufigsten Angststörung.
Früher verstand man unter einer Agoraphobie hauptsächlich die Platzangst, d.h. die Angst vor großen Plätzen und Menschenansammlungen. Heute bezeichnet man als Agoraphobie die Angst, in einer ungefährlichen Situation körperliche Symptome zu verspüren, die man als bedrohlich, lebensgefährlich und/oder als sehr peinlich ansieht. Hinzukommt die Angst, in solchen Momenten nichts dagegen tun zu können, nicht aus der Situation flüchten zu können, hilflos zu sein, die Kontrolle über sich zu verlieren, keine Hilfe zu bekommen, wenn man einen Infarkt bekommt.
Betroffene leiden meist unter ihrer Angst, erkennen, dass die Angst nicht angemessen ist, aber haben den Eindruck, sie nicht überwinden zu können. Die Agoraphobie kann mit und ohne Panikattacken auftreten. Wenn Sie herausfinden möchten, ob Sie unter einer Agoraphobie leiden, dann machen Sie den Agoraphobie Test.
Neben den nachfolgenden Informationen haben Sie auch die Möglichkeit, sich in Form von Videos über die Agoraphobie zu informieren.
Symptome der Agoraphobie - Platzangst
Die Agoraphobie äußert sich im Denken, Fühlen, in körperlichen Reaktionen und im Verhalten
a) Häufige Gedanken
Die Gedanken der Betroffenen kreisen darum, dass etwas Schlimmes passieren könnte und sie hilflos und allein sind. Menschenmengen, Plätze, Reisen werden als gefährlich angesehen.
Hoffentlich komme ich hier lebend raus.
Was ist, wenn ich hier einen Infarkt bekomme?
Ich schaff das alles nicht mehr.
Ich halte das nicht mehr aus.
Ich muss hier raus.
Was denken die anderen, wenn sie mich so sehen?
b) Gefühle
- Angst, Kontrolle zu verlieren
- Angst, völlig alleine und hilflos zu sein
- Angst, umzufallen
- Angst, einen Herzanfall zu erleiden
- Angst, keine Luft zu bekommen
- Angst durchzudrehen
- Angst, verrückt zu werden
- Angst, ohnmächtig zu werden
- Unsicherheits-, Ohnmachts- und Benommenheitsgefühle
- Unwirklichkeitsgefühle oder das Gefühl, nicht richtig dazu sein
c) körperliche Reaktionen
Körperliche Symptome treten immer auf, aber nicht jeder hat jedes Symptom.
- Herzklopfen, Herzrasen
- Schweißausbrüche
- Zittern
- trockener Mund
- Atembeschwerden, Beklemmungen in der Brust
- Übelkeit, Erbrechen
- Schwindel, Schwäche oder Benommenheit
- Eindruck, alles sei unwirklich
- Hitze- oder Kältegefühl
- Gefühllosigkeit oder Kribbeln - Harn- und Stuhldrang
d) Verhalten
- Betroffene beginnen, bestimmte Situationen zu meiden.
- Sie flüchten aus Situationen, wenn die Angst zu groß wird.
- Sie versuchen, ihre Angst zu mildern, indem sie nur in Begleitung aus dem Haus gehen, Beruhigungsmittel nehmen, sich ablenken, Handy mitnehmen, Fluchtwege suchen ...
Ursachen der Agoraphobie (Platzangst)
Auslöser für eine Agoraphobie ist in den meisten Fällen ein traumatischer Angstanfall. Gründe, warum Menschen einen Angstanfall bekommen, gibt es viele. Oft gehen einem Angstanfall wochen- oder monatelang belastende Lebensereignisse voraus, etwa der Tod eines nahestehenden Menschen, eine Scheidung oder Trennung, Mobbing, eine Kündigung, eine berufliche Überlastung, Konflikte in der Partnerschaft.
Nun reagieren ja nicht alle Menschen auf solche Ereignisse mit einem Angstanfall oder einer Agoraphobie. Hier spielen persönliche Faktoren eine Rolle wie etwa die seelische Anfälligkeit und Sensibilität für Verletzungen, Verwundungen und Stress.
Wir kennen das von unseren Organen. Jeder von uns hat seine körperlichen Schwachstellen: beim einen ist es der Magen, beim anderen das Herz oder der Rücken. Dem einen schlägt Stress auf den Magen, der andere bekommt einen zu hohen Blutdruck oder Herzbeschwerden, der andere bekommt Rückenbeschwerden.
Jeder reagiert auf Stress und belastende Lebensereignisse also verschieden. Das ist z.T. genetisch bedingt - wie man bei Kleinkindern sehen kann -, aber natürlich spielt auch die Erziehung eine Rolle. Vielleicht waren Ihre Eltern eher ängstlich und überbehütend, haben Ihnen vorgelebt, dass man sich Sorgen um seine Gesundheit machen muss. Vielleicht haben Sie auch gelernt, sich in bestimmten Situationen hilflos und überfordert zu fühlen. Sie mussten durch ein Trauma erfahren, dass Sie in bestimmten Momenten hilflos sind und nichts tun können, um eine Bedrohung abzuwenden. Es ist Ihnen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verlorengegangen oder Sie konnten keines entwickeln.
Die persönlichen Gründe, warum vielleicht gerade Sie eine Agoraphobie entwickelt haben, kann und wird vielleicht kein Therapeut mit letzter Sicherheit herausfinden können. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn für die Behandlung der Platzangst ist das Wissen um die genauen Ursachen nicht unbedingt erforderlich.
Behandlung der Agoraphobie (Platzangst)
Das wichtigste Therapieziel ist die Verbesserung des Vertrauens in sich, seinen Körper und die Fähigkeit, mit etwaigen panikartigen Anfällen umgehen zu können. Der Kopf muss dem Körper wieder vertrauen lernen.
Die Agoraphobie lässt sich erfolgreich mit der Konfrontationstherapie behandeln. Diese Form der Angsttherapie besteht darin, dass Sie sich bewusst in die Situationen begeben, vor denen Sie Angst haben. D.h. Sie müssen sich der Angst bewusst stellen und erleben, dass Sie damit umgehen können. Ich weiß, das haben Sie vielleicht schon hundert Mal gehört und es kommt Ihnen bereits zum Hals heraus, aber das ist tatsächlich der einzige Weg, seine Angst loszuwerden.
Ehe Sie sich jedoch Ihrer Angst stellen, erfolgen einige Sitzungen, in denen der Therapeut mit Ihnen darüber spricht, was Angst ist, wie sie entsteht und wie Sie durch Ihre Gedanken und Phantasien die Angst in sich auslösen aber auch kontrollieren können. Und der Therapeut gibt Ihnen nützliche und hilfreiche Strategien an die Hand, um mit Ihrer Angst umzugehen. So lernen Sie vielleicht ein Entspannungsverfahren und hilfreiche Autosuggestionen für die Angstkontrolle.
Danach gehen Sie alleine - oder vielleicht anfänglich auch zusammen mit Ihrem Therapeuten - in die Situationen, die Sie bislang gemieden haben. Sie erleben, dass Sie die Angst aushalten und mit ihr umgehen können. Sie erleben, dass die Angst geringer wird und verschwindet, wenn Sie sich ihr stellen. Mit der Zeit wächst so das Vertrauen in sich und Ihren Körper.
Die Konfrontationstherapie hat eine sehr hohe Erfolgsquote, aber sie ist natürlich auch sehr anstrengend und verlangt viel Überwindung. Dafür bekommen Sie schon nach kurzer Zeit, etwa nach 10 bis 20 Sitzungen, wieder die Kontrolle über sich und Ihr Leben zurück. Sie machen die Erfahrung, dass die Angst Sie nicht umbringt, ja sie sogar verschwindet, wenn Sie diese zulassen
Es gibt zwei therapeutische Varianten der Konfrontationstherapie.
Die eine Variante besteht darin, dass der Klient zunächst eine Angsthierarchie erstellt, d.h. alle Situationen, vor denen er Angst hat, danach bewertet, wie stark er davor Angst hat. Danach begibt er sich in die Situation, vor der er am wenigsten Angst hat, dann in die, wo etwas mehr Angst hat, usw. Auf diese Weise lernt er schrittweise, mit seiner Angst umzugehen.
Die andere Variante besteht darin, dass sich der Klient sofort in die Situation begibt, vor der er am meisten Angst hat. Diese Methode ist die erfolgreichste und schnellste Methode, wenngleich sie die meiste Überwindung kostet.
Ausführliche Informationen zur Konfrontationstherapie - welche Formen es gibt, wie sie abläuft und wie man sie selbst durchführen kann.
Die wichtigsten Prinzipien der Angstbewältigung sind:
- Wir müssen mit der Angst in die Situationen gehen, vor denen wir Angst haben.
- Die körperlichen Reaktionen werden auftreten. Sie sind nicht lebensgefährlich und nicht schädlich, sondern nur Anzeichen der Anspannung.
- Wir beschränken uns darauf, die Körperreaktionen lediglich zu beobachten, statt dagegen anzukämpfen.
- Wir akzeptieren die körperlichen Reaktionen, statt sie zu bekämpfen und sie als Feind anzusehen. Sie werden vorüberziehen. Wir sagen uns innerlich: Okay, ich habe euch erwartet. Ihr müsst kommen, weil meine Katastrophengedanken euch erzeugen. Ihr werdet vorübergehen.
- Wir warten, bis die Angst vorüber ist. Sie wird auf jeden Fall nachlassen.
- Wir loben uns, wenn wir es geschafft haben und die Angst nachlässt.
- Es ist ganz normal, dass es uns mal leichter, mal schwere fällt, zu üben.
In den Informationen zum Ablauf einer Psychotherapie erfahren Sie, was in einer Psychotherapie passiert und wie man sie beantragt. Wenn Sie einen Psychotherapeuten für eine Agoraphobie Behandlung suchen, dann finden Sie die Namen und Anschriften hier: kassenzugelassene verhaltenstherapeutisch arbeitende Psychotherapeuten.
Erste-Hilfe-Strategien bei einem Angstanfall
Probieren Sie die einzelnen Selbsthilfe Strategien aus und schauen, welche Ihnen am besten helfen.
Machen Sie die Spontanentspannung
Essen Sie Nüsse oder etwas, das Sie gut kauen müssen. Kauen baut Stress ab und hilft nachweislich bei der Reduktion von Angst.
Trinken Sie etwas Erfrischendes wie kaltes Wasser oder kohlensäurehaltige Getränke.
Sprechen Sie zu Ihren Symptomen, etwa in der Art "Hallo, da bist ja wieder mein Schwindel. Na ja, tob dich ruhig aus. Ich weiß ja, dass du harmlos bist und ich nicht umkippen und ohnmächtig werde. Das ist noch nie jemandem passiert, also bin ich sicher. Du kannst mir nichts anhaben".
Lenken Sie sich ab, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit von Innen nach Außen auf Ihre Umgebung lenken. Was sehen Sie? Was riechen Sie? Was hören Sie? Was tun die Menschen um Sie herum gerade?
Ist jemand in Ihrer Nähe, mit dem Sie sich unterhalten können? Oder können Sie Jemanden anrufen? Dann tun Sie es.
Ablenkung von den Katastrophengedanken und Gefühlen verschafft auch ein Gummiband am Arm. Sobald die Angst in Ihnen hochkriecht, lassen Sie das Gummi mehrmals schnalzen, so dass Sie einen leichten körperlichen Schmerz verspüren.
Machen Sie Gebrauch von positiven Autosuggestionen der Art "Ich bin gesund. Ich bin sicher. Alles in Ordnung, auch wenn mein Körper sich anders anfühlt. Meine Körperreaktionen sind Stressreaktionen meines Körpers, die lästig, aber harmlos sind.
Bewegen Sie sich - gehen Sie im Zimmer oder wo Sie sich gerade befinden, schnellen Schrittes umher. Ich weiß, Ihr erster Impuls ist, sich zu schonen und körperlich möglichst wenig zu tun, was die Symptome verstärken könnte. Andererseits: durch Bewegung werden die für Ihr Herzrasen und die anderen Symptome verantwortlichen Stresshormone und die Muskelanspannung schneller abgebaut. Und wenn für Ihre Schwindelgefühle ein niedriger Blutdruck verantwortlich sein sollte, dann wird dieser durch die Bewegung gesteigert und der Schwindel lässt nach. Tanzen, putzen oder bügeln können Ihnen in einer solchen Situation helfen.
Generell gilt: es sind nicht die Symptome, die einen Angstanfall auslösen, sondern Ihre Bewertung der Symptome, nämlich dass diese lebensgefährlich sind. Je weniger Panik-Gedanken Sie sich machen, umso weniger Panik verspüren Sie.
Antwort auf Fragen wie:
Wie kann ich als Angehöriger bei einem akuten Angstanfall helfen?
Wie soll ich mich als Angehöriger generell verhalten?
Rückfall nach einer Therapie wie damit umgehen?
finden Sie in Häufige Fragen zur Agoraphobie
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