Servus Martin,
eins vorab - Du bist auf einem guten Weg, weil Du, wie meine Vorredner bereits sagten, Dich endlich
aktiv Dir zuwendest. SSRIs etc. sind der passive, Therapie (uvm.!) der aktive Part. Da Du offenbar ein strukturiert veranlagter Mensch bist, werden Dir solche Einteilungen vorerst helfen. Das trägt auch zu einer gewissen Akutberuhigung bei, weil Du etwas Übersicht gewinnst - ganz wichtig in einer emotional extrem verwirrenden Situation.
Und noch ein körperlicher Aspekt vorweg: angesichts der geschilderten Probleme in der Kindheit und Jugend möchte ich Dir empfehlen, Dich mit dem Thema HPU auseinanderzusetzen. Obschon es über diese angeborene Krankheit sehr unterschiedliche Meinungen gibt (sie wird z. B. vom RKI nicht als Krankheit anerkannt und entsprechend leisten Diagnose und Behandlung idR in BRD nur Heilpraktiker oder Privatärzte), kann es sehr hilfreich sein, sich zumindest mal in die "Theorie" einzulesen. Ich persönlich sehe in der HPU ebenfalls keine Krankheit sondern eine
Basisveranlagung, die Betroffene einfach in vielerlei Hinsicht
schwächt.
Zusätzlich wäre es sehr hilfreich, Dich mit sämtlichen relevanten Neurotransmittern und deren Verfügbarkeit mittels Ernährung zu beschäftigen: In Deinem Fall natürlich
Serotonin bzgl. Angst und Depression als Hauptthema. Dann
Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin bzgl. Antriebslosigkeit,
Cortisol bzgl. Stressantwort und
Endorphin hinsichtlich Lebensfreude.
Zu beiden Themenbereichen kann ich Dir gerne Literatur per PN empfehlen.
Nun ein paar Gedanken zu Deinem o. g. Verlauf:
Zitat von Sma: Im Alter von 14-18 hatte ich in unregelmäßigen Abständen meist in fremder Umgebung Zustände der extremen Übelkeit (kurz vor dem Erbrechen, was aber nie passiert ist) Magenkrämpfe und Zittern. Heute denke ich, dass mich damals sprichwörtlich etwas mir Unbekanntes "angekotzt" hat.
Da ich auch ein Freund von Analogien bin, würde ich Dein heutiges Fazit ("ankotzen") unterstützen.
Zitat von Sma: Es gehörte zu mir. Mein dunkler Begleiter, der mich immer wieder daran erinnert, dass ich nicht "ganz" bin.
Genau da kam bei mir der Gedanke auf, dass ich Dir das Thema HPU zumindest ans Herz legen muss. Es ist nur ein dringender Verdacht
meinerseits und ich wollte es einfach gesagt haben...
Zitat von Sma: Eine psychotherapeutische Behandlung habe ich immer abgelehnt.
Ich dachte: Wenn mein Geist es schafft es mir so unglaublich schlecht gehen zu lassen und ich nicht einmal eine Idee davon habe, warum das so ist, dann will er aus gutem Grund etwas vergraben. Ich dachte, ich schütze mich vor der Ausgrabung eines sehr tief in mir befindlichen Traumas.
Obwohl Deine (damalige) Ansicht nachvollziehbar ist, so handelt es sich m. E. um ein wesentliches Versäumnis.
Sollte(!) es sich wirklich um ein Trauma handeln, wäre es damals evtl. leichter zu entdecken gewesen, aber auch heute sollte es möglich sein, daran zu arbeiten. Andererseits beruhen nicht alle Ängste oder PAs auf Traumata.
Einer Depression in jungem Alter zu begegnen, kann
vor(!) Therapiebeginn sehr unerfreulich anmuten. Wenn dann noch ein Psychiater zügig mit ADs zur Hand ist, neigt man dazu, ein vermeintliches (diffuses) Trauma als zu ignorierende Ursache zu definieren. Wie Du so schön sagst: "Wenn mein Geist es vergrub, hatte es wohl seine guten Gründe".
Ich sage gerne: "Was man vergräbt, schlägt Wurzeln"...

. Es gibt Tief- und Flachwurzler und es gibt Gewächse, die so gut wie ausschließlich aus Wurzeln bestehen und nur wenig davon an die Oberfläche kommen. Man kommt mit ihnen also nur in Kontakt, wenn man
gräbt. Die damalige
erkennbare Thematik (Übelkeit, Fremde, Zittern) ist die (heute nur noch schwach) "sichtbare" (= bewusste) Spitze dieses "unterirdischen" (= unbewussten) Wurzelgewächses.
Zitat von Sma: Im letzten Jahr habe ich dann nach all den Jahren im Mai plötzlich nach einem Telefonat, diese unheimlich starke Unruhe und Angst verspürt. Damit verbunden Schlafstörungen, Schwitzen und Agitation.
Dass Du selber das Telefonat erwähnst, lässt vermuten, dass irgendein Gesprächsinhalt das o. g. unterbewusste Thema "angegraben" hat. Mann kann das mit einem "diffusen, unguten Kindheitsgefühl" vergleichen - ein Phänomen, mit dem Psychofilmregisseure gerne arbeiten (z. B. Stephen King´s "Es"). Es ist wie ein kleines Erdbeben - das Wackeln ist minimal (= unsichtbar), aber die Folgen mitunter erheblich (= sichtbar - hier: Unruhe, Angst).
Das "Vergrabene" (und im Laufe von 16 Jahren Totgeglaubte - oder besser - Totgehoffte) ist wieder auferstanden. In Wahrheit jedoch war es weder vergraben noch tot, sondern lediglich
unterbewusst. Es kommt also nichts zurück, sondern wird nur wieder (diffus) sichtbar (es ist mehr ein Ahnen als ein Sehen).
Durch die jahrelange Verdrängung wird es nun übergroß wahrgenommen. Die Somatisierung einer diffusen "Gefahr" findet bei einem 36-jährigen Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas verändert statt als bei einem Kind oder in der Pubertät. Hinzu kommt, dass eine
Benennung der Ursache (Objekt der Angst) nicht möglich ist:
Zitat von Sma: Angst, extreme Unruhe, ABER: keine Gedanken! Ich habe keine konkrete übersteigerte Angst oder Sorge in Bezug auf ein Thema, Umfeld oder einer auslösenden Situation. Ich habe keine Albträume. Ich denke nur: Warum? Was ist los mit mir? Wie lange wird es dauern?
Ich denke, die
Unruhe ist die unmittelbare somatische(!) Reaktion auf die Erinnerung an das Kindheitsthema. Die
Angst ist nur eine
Folge der Unruhe. Wenn der Körper ohne
ersichtlichen Grund verrückt spielt, ist das nur folgerichtig und natürlich. Der Geist macht nun den (Vielen hier vertrauten

) Kardinalsfehler, diese Angst auf ein sie "berechtigendes" Objekt beziehen zu wollen und
sucht dabei nach einer
objektiven Ursache (Gedanken an etwas, über etwas etc.).
Dass lediglich die Unruhe das eigentliche Angstobjekt ist, wird nicht erkannt oder nur unzureichend akzeptiert:
Zitat von Sma: Warum? Warum bin ich so?
Man meint, es müsse etwas "wichtigeres",
persönliches dahinterstecken, weil die Angst so dominant ist. Tatsächlich ist sie nur so groß geworden, weil sie auf ihrer Suche in einen
Kreislauf mündete: in die
Angst vor der Angst - die klassische Definition einer generalisierten Angststörung.
Nun zurück zur Chronologie:
Zitat von Sma: Im Liebestaumel und weil es mir so gut, wie noch nie ging, habe ich naiv den Gedanken gefasst, ich brauche die Psychopharmaka nicht mehr. Also die 10 mg von einem auf den anderen Tag abgesetzt. Alles ging gut. Bis zum 2. Weihnachtsfeiertag.
Der Gedanke war m. E. nicht so naiv, denn Endorphin kann vieles ausgleichen. Nicht umsonst wird Verliebtsein mit einem Rausch verglichen. Ähnlich wie Alk. bei entsprechend Veranlagten, vermag das Verliebtsein nahezu sämtliche Neurotransmitterdefizite auszugleichen. Nur leider nutzt man vor lauter Liebestaumel diese Phase so gut wie nie für notwendige "Reparaturarbeiten" am eigenen Geist. Man wird - flapsig gesagt - ein bisserl "größenwahnsinnig", man ist auf Speed im positiven Sinne

.
Dass dieser Geisteszustand jedoch nur ein - der Depression diametral gegenüber gelagerter -
Zustand ist, wird naturgemäß komplett übersehen. Auch in der Interpretation der anbetungswürdigen Geliebten kann man sich energetisch verschleißen. Wie beim Alk. bewirkt ein "Zuviel des Guten" (sic!) einen allmählichen oder mitunter auch plötzlichen "Zusammenbruch". Dieser Zusammenbruch ist idR ein
körperlicher Vorgang, dem jedoch
unmittelbar die Psyche folgt. Und zwar im
bekannten Muster (siehe die Unruhe und die darauf folgende Angstperiode nach dem Telefonat im Mai).
Zitat von Sma: Gegen Abend wird es meistens etwas besser, aber es bleibt immer unterschwellig da und bricht jede Nacht und teilweise über Tag wieder mit voller Wucht durch. Ein elendes Gefühl.
Angststörungen sind leider recht variabel und mit Psychopharmaka oft nur per Try & Error zu beschwichtigen. Das musst Du jetzt leider erst mal akzeptieren. Wichtig ist, dass Du baldmöglichst parallel zur AD-Therapie weiter die flankierenden Angebote nutzt. Sollte in der Klinik sowas ähnliches wie "Kommunikative Bewegungstherapie" angeboten werden, wäre das m. E. einen Versuch wert.
Zitat von Sma: Ich bin den ganzen Tag unter Strom (im grundnegativem Sinne), gleichzeitig aber auch ausgelaugt.
Das rührt mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Schwächung der Nebennieren her. Du kannst deren Regeneration fördern - auch hier kann ich Dir Literatur nennen. Aber: das dauert alles - entwickle
Geduld!
Zitat von Sma: Ich tue alles, was mir helfen könnte. Täglich Yoga, Meditation, Entspannungsübungen Gespräche, aber bisher wird es nicht besser. Es stagniert.
Hier gilt ein Spruch meines früheren Zen-Lehrers: "Jede Bemühung bringt Ergebnisse" - damit meinte er konkret, dass es oft lange "Durststrecken" gibt, wo vermeintlich nix vorangeht. In Wahrheit sind das oft notwendige Schlüsselphasen, wie beim Einlegen eines höheren Ganges: beim Auskuppeln geht im Getriebe auch "nichts voran", aber es ist nötig, um den nächsten Gang zu erreichen.
Denke im therapeutischen Kontext nicht vorrangig in Zeit und Strecke sondern in
"prinzipiell heilsam". Lass keinen Zweifel im Sinn der Therapie aufkommen -
Zweifel entzweit! Du wirst ein Bauchgefühl dafür entwickeln, wo der Haken ist - idealerweise wirst Du auch fündig, was Dein Grundthema angeht. Wenn Du magst, können wir Letzeres hier in diesem Rahmen ergänzend zum Klinikaufenthalt versuchen zu beleuchten.
Zitat von Sma: Meine Denkweise und mein Verhalten ist ergebnisorientiert auf die Symptombekämpfung. Immer in der Hoffnung, die Medikamente, der Sport, die Ergo, meine Bewältigungsstrategien etc. sollen Wirkung zeigen und mich emotional stabilisieren.
Dieses Bewältigungsdenken könnte(!) sich
aufgrund Deines damaligen Entschlusses zum Verdrängen (im Alter von 18 Jahren, aber auch schon früher) tatsächlich "charakterisiert" haben. Es hat ja auch 15 Jahre funktioniert! Allerdings nur oberflächlich... Da das Leben aber halt sozusagen mehrschichtig ist, wenn es als solches verstanden wird, kommst Du nun in einen völlig anderen Wahrnehmungsmodus, den Du erstmal
kennenlernen musst. Er widerstrebt mitunter ziemlich Deinem üblichen Denken, doch im Bereich der Gefühle wird sich einiges tun...

Ich könnte (!) mir vorstellen, dass Du seinerzeit weder ein Trauma noch ein bestimmtes Lebensthema "vergraben", sondern lediglich verdrängt hast, dass Du ein eher fremdbestimmtes Leben vor Dir hast. Manche sensiblen Menschen spüren das mitunter recht früh. Mir ging es im Alter von 10-14 ebenso, hatte damals viele diffuse Ängste und entwickelte heftige Zwänge, später dann Depression und Burnout - das ganze Programm. Heute sehe ich ganz klar, dass ich das "falsche Leben" gelebt habe, bis ich mit 35 Jahren anfing, mir das einzugestehen. Danach wurde es aber erst richtig heftig, denn mein
eingeschliffenes "Ich" streubte sich heftigst, wenn es um notwendige Veränderungen ging. Doch die meisten hier im Forum haben nur zwei Möglichkeiten: entweder den nötigen Weg gehen oder den Dauerkampf auf dem alten Schlachtfeld austragen... Ich habe mich für Ersteres entschieden - und keinen Meter bereut...
