Daheim habe ich dann meiner Mutter alles noch mal erklärt. Sie sagte zunächst einmal, das Vertrauen in mich, dass ich das wirklich durchziehe und nicht nur untätig zuhause sitze, das hat sie nicht mehr. Weil ich das ja jede Ferien sage und doch nie was mache.
Aha. Sehr nett von deiner Mutter dir das in so einer Situation zu sagen. Sie setzt sich ja schon wieder unter Druck und zeigt kein Verständnis für dein Leiden.
Ich habe ihr dann versucht zu erklären, dass ich mir Struktur schaffen kann, es dauert einfach nur, bis mein Kopf umschaltet, bis sich alles wieder setzt. Sie meinte, letzten Sommer war es doch genauso und ich habe ihr irgendwie klar gemacht, dass es am Ende ja doch ging.
Du brauchst sich überhaupt kein bisschen zu rechtfertigen. Dir geht es schlecht und du brauchst Hilfe, um da wieder raus zu kommen. Schade, dass deine Mutter dir nicht hilft.
Dann hat sie gefragt, was ich denn jetzt überhaupt vorhabe zu tun, ich sagte ihr sowas wie Tagesklinik oder so, sie sagte "Ja was, 'oder so'?!". Sie kann es nicht haben, dass ich noch keinen konkreten Plan habe. Dabei kann ich ja noch gar keinen haben, ich war ja noch nicht mal beim Psychiater.
Ich finde das doch selber beschissen...
Ist ja wohl kaum verwunderlich in deiner Situation. Das muss jetzt erst alles aufgegleist werden!
Sie hat gefragt, wie ich mir so sicher sein kann, dass das klappt, und was ist, wenn ich gar keinen Platz in einer Klinik bekomme. Wie ich einfach schon mal ohne Plan die Schule abbrechen kann.
Hallo?! Es ist ein Unterbruch! Und was fällt ihr eigentlich ein, was sollst du denn sonst tun, weiterziehen und dich irgendwann mal vor den Zug werfen, weil alles so unerträglich ist? Sicher kriegst du einen Platz in der Klinik! Die weisen niemanden ab! Und wenn ich das so lese von deiner Mutter, ich würde dir zu einem stationären Aufenthalt raten.
Sie meinte auch noch, dass Synlab das jetzt bestimmt auch komisch findet, dass ich pausieren muss wegen der Psyche, und die bestimmt lieber wen gesundes hätten.
Ich habe ihr gesagt, dass die doch sehen, dass meine Noten gut sind, mehr braucht sie doch nicht zu interessieren.
Richtig. Synlab braucht es nicht zu interessieren.
Dass doch bis jetzt immer alles gut wurde, dass ich den Realschuleabschluss, das Fachabi geschafft habe, trotz Rückschlägen.
Nochmal: du brauchst dich nicht dafür zu rechtfertigen, dass es dir schlecht geht!
Dann hat sie alles erzählt, wie schlecht es ihr geht, wie schlimm meine Rückschläge für sie sind, weil sie einfach nur will, dass es aufhört. Dass sie immer, wenn es mir nicht so gut geht und ich abends länger weg bin, schlimme Gedanken bekommt, ich würde mir irgendwas antun oder mich umbringen.
Dass sie schon seit über einem Jahr (das Gespräch hatten wir letztes Jahr schon mal) über Scheidung nachdenkt weil mein Stiefvater einfach nur total teilnahmslos, total egoistisch ist.
Er ist immer wichtig, dann kommt irgendwann mal der Rest. Im Grunde darf immer nur er alles entscheiden, auch im Urlaub - wenn sie etwas machen will, was ihr gefällt, ihm aber nicht, muss sie es allein machen.
Er hat einfach kein Feingefühl, ist aber selber sehr sensibel und immer gleich beleidigt. Seit er befördert wurde (Beamter, Einbürgerungsbehörde) ist es sowieso schlimmer, ständig will er nur seine Ruhe, redet kaum beim Abendessen, ließt immer nur Zeitung und ab 8 Uhr abends läuft eh der Fernseher. Aber es wird auch immer nur das geschaut, was er will.
Wenn meine Mutter mal irgendwas sagt, was ihn irgendwie nervt, reagiert er gleich total patzig und das ist einfach unnötig.
Sie sagte, wenn das so weitergeht, bringt sie das um.
Allerdings verdient sie sehr wenig, und könnte sich die Scheidung und alles danach vermutlich gar nicht leisten.
Im Beruf (Buchdruck) arbeitet sie sich auch auf, sie sagt schon seit Ewigkeiten, dass sie einen anderen Job will. Zusätzlich frustrierend ist, dass ihre Freundin, die als Kassiererin in einer Dro. arbeitet, mehr verdient als sie.
Insgesamt stimmt auch ihr Freundeskreis nicht. Das habe ich schon gemerkt, weil sie eigentlich immer mir alles erzählt. Als hätte sie sonst keinen, der zuhört.
Aber scheinbar ist das wirklich so.
Ihre Freundinnen haben einfach alle diese ekeligen Bilderbuchfamilien, erzählen immer so viel, und meine Mutter will da schon gar nichts mehr von sich erzählen. Sie meinte, "Was wollen die mir da dann schon sagen. 'Oh, das tut mir aber leid für dich'? Davon kann ich mir auch nichts kaufen."
Dann noch die Sache mit meinem Vater, der sie auch partout nicht in Ruhe lässt.
Ich meinte, sie bräuchte wohl auch mal eine Reha. Sie sagte, sowas kriegt sie bestimmt nicht. Dass ihre letzte Therapie schon nur noch zähneknirschend genehmigt wurde. Dass die Versicherung auch irgendwann mal sagt, bringt eh nix mehr.
Sorry, sowas geht gar nicht. Es geht wieder mal nicht um dich, nur um sie. Ich kenne so ein Verhalten von meiner Mutter und finde es einfach nur zum
Jetzt hat sie wieder die volle Aufmerksamkeit von dir. Du sollst dich um sie kümmern. Die Rollen sind vertauscht, meine Liebe. Dir geht es schlecht, und sie weint dir ins Kittelchen, wie schlecht es ihr geht. Nimmt sie dich überhaupt wahr? Ui, das macht mich gerade richtig wütend!
Ich bin total verunsichert.
Außerdem hat meine Schulleiterin nochmal angerufen, grade eben. Sie meinte, ich muss nächste Woche noch mal reinkommen für ein Gespräch. Angeblich ist das alles mit dem Pausieren jetzt doch nicht so einfach.
Und dass ich für nächste Woche doch noch eine Krankmeldung brauche.
Jetzt habe ich wieder total Angst. Mir ist wirklich zum Heulen und ich fühle mich richtig allein mit diesem Problem. Ich habe das Gefühl, keiner kann mir wirklich weiterhelfen, weil sowohl Hausarzt als auch Therapeutin mich nach meinem Plan gefragt haben.
Und ich habe gar keinen richtigen Plan. Ich hatte gehofft, wenigstens die hätten mir Vorschläge machen können. Aber ich stehe einfach nur irgendwie allein da.
Ich hab so Angst, dass das alles nicht klappt...
Es wird klappen. Es könnte sein, dass du dich so alleine fühlst, weil deine Mutter dir nicht hilft. Dass du dann eventuell auf die Therapeutin und den Hausarzt projizierst. Deine Mutter lässt dich alleine, ja. Deine Therapeutin sicher nicht, und dein Hausarzt auch nicht. Du musst es den beiden sagen, dass du Hilfe brauchst, und ganz konkret auch bei was du Hilfe brauchst.
Und dann hätte meine Mutter ja wieder recht...
Nein, hat sie nicht. Du schaffst das! Auch wenn deiner Mutter lieber ist, dich klein zu halten, damit sie sich gross fühlen kann. Befreie dich!
Ich will doch nur gesund werden...
Ja, und das wirst du auch! Habe ein bisschen Geduld. Der Stein wurde nun angestossen, jetzt muss er noch ins Rollen kommen und dann läuft das.