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Bei mir ist es nach Weihnachten deutlich schlechter geworden, so schlecht wie noch nie, da auch noch weitere Dinge hinzukamen, die ich so nicht kannte. Die DP blieb in etwa gleich, nur kam bei mir dann erstmals auch richtige Derealisation hinzu, vor allem in 2 Wochen, wo ich kaum schlafen konnte. Ich war in den ersten zwei Januarwochen eigentlich fest davon überzeugt, nun tatsächlich in eine Psychose abzugleiten, nicht zuletzt hochgeschaukelt durch "Verrücktmacherei" via Google. Am Schlimmsten empfand ich aber nichtmal die DP und DR, sondern ein ständiges Grübeln darüber. Und nicht nur darüber, über tausend Dinge, manchmal so abstrakt-philosophische Gedanken ("Was ist Existenz?", "Was ist Realität?", "Wie kann ich sicher sein, dass alles nicht nur ein Traum ist?" etc.). Das ging ungefähr in die Richtung, die daheim und sphinx auf der letzten Seite auch einschlugen. Ich konnte dieses Grübeln phasenweise überhaupt nicht mehr abstellen und ich dachte wirklich, ich werde nun ganz sicher wahnsinnig. Ich konnte mich auf NICHTS mehr konzentrieren, kein Buch, keinen Film, keine Unterhaltung.
Ich war dann bei meinem Psychotherapeuten und der gab mir eine erst merkwürdig klingende Aufgabe: Täglich sollte ich mich zweimal am Tage eine Stunde hinsetzen und mich so gut ich kann "Verrücktmachen". Die schlimmsten Gedanken immer wieder durchdenken, mit allen Konsequenzen. Immer zu festen Zeiten. Das fiel mir anfangs verdammt schwer. Ich hatte den Eindruck, je mehr ich mich damit beschäftige, desto schlimmer wird es. Die ersten Tage war das ziemlich unangenehm.
Doch dann, und hier beginnt der gute Teil, merkte ich auf einmal, dass ich mich in meiner Grübelstunde plötzlich Dinge fragte wie "Was könnte ich heute abend mal kochen?" oder "Was heute um 20.15 Uhr wohl im TV läuft?". Also etwas total Banales, etwas, dass ich mich Wochen nicht mehr gefragt hatte und das mit völlig egal geworden war. Und ein paar Tage später begann ich, mich wieder mit anderen Dingen zu beschäftigen. Tag für Tag ging es dann immer besser. Das Grübeln ist mittlerweile fast komplett weg, ich schlafe wieder gut und kann mich auf fast alles wieder konzentrieren. Die DP und DR habe ich nach wie vor, aber nicht mehr so stark (was die These bestätigt, dass beides in Phasen, wo es mir gut geht, nur halb so schlimm ist) und ich mache einen Fehler nicht mehr: Wenn ich vorher irgendwas machte und bekam eine DP oder DR war ich verängstigt, konnte mich nicht mehr auf das konzentrieren, was ich grade tat und habe dann auch oft einfach damit aufgehört. Das war (in meinem Fall - aber das kann man sicher nicht verallgemeinern) ein großer Fehler. Es ist das gleiche wie mit Panikattacken und Co.: Je mehr Raum ich diesen Symptomen gebe, desto stärker entfalten sie sich. Im Grund läuft alles letztendlich bei mir immer wieder auf Fight-or-Flight hinaus. Je öfter ich flüchte, auch in Gedanken (das war mir bisher gar nicht so sehr bewusst), desto schlimmer werden die Symptome.
Insofern hat - und das hätte ich vor 3 Wochen nieeeemals gedacht - das alles doch was Gutes gehabt: Ich habe 1.) gemerkt, dass ich trotz heftiger DP und DR mit Grübelzwang, Schlaflosigkeit und intensivster Beschäftigung mit den schlimmsten Katastrophenfanatsien nicht verrückt werde (im Sinne von: psychotisch). 2.) Habe ich gemerkt, dass ich bei mir bei DP und DR das gleiche Prinzip wie bei Panikattacken anwenden kann: Akzeptieren, als ungefährlich (im Sinne von: die Zwangsbefürchtung tritt nicht ein) "entlarven", kämpfen statt fliehen und einfach immer weitermachen.
Wie gesagt, das Ganze ist völlig subjektiv auf die Ausprägung des Symptoms bei mir bezogen. Bei mir steht es also ziemlich deutlich im Zusammenhang mit meinem (kognitiven) Vermeidungs- und Fluchtverhalten meiner Angsstörung. Wie daheim ja mehrfach betonte, können sich DP und DR aber auch sehr unterschiedlich zeigen.
Jedenfalls empfinde ich nach diesen furchtbaren 2,3 Wochen wirklich Empathie mit daheim. Ich will nicht sagen, dass es bei mir exakt so schlimm war / ist wie bei dir, aber ich kann mir nun besser vorstellen, was für eine schei. du da so oft durchstehen musst. Auch ich hätte jemanden erwürgen können, wenn er mir in dieser Phase sagte, ich solle mich auf etwas "Echtes", "Reales" konzentrieren, etwas, dass zu 100 % da ist. Genau das ist ja das Problem: Etwas objektiv Reales, Echtes gibt es nicht. Wir sind komplett auf unsere Wahrnehmung angewiesen, mehr haben wir nicht. Und wenn wir dieser, wie bei uns bei DP und DR, nicht mehr permanent "vertrauen" können, worauf kann man sich dann noch verlassen? Nichts ist sicher, zumindest soviel ist sicher. Und ich wünschte ernsthaft, ich könnte hier nun Antworten auf existenzielle Fragen geben, was ich aber nicht kann. Vielleicht ist die einzig sichere Antwort auf alle Fragen, dass die Suche nach Antworten an sich schon eine Antwort ist. Oder auch nicht. Jedenfalls, auch wenn es dir nur bedingt bis gar nicht helfen wird: daheim, ich wünsch dir viel Kraft, diesen ganzen Mist durchzustehen.