Zitat von Kuntergrau:Es liegt für mich nicht im Bereich des Vorstellbaren das 2000 Menschen einfach so ausgelöscht wurden. Das passiert ja tagtäglich. Dann gibt es noch Serienmörder/Vergewaltiger, die Ihre Opfer auf bestialische Weise umbringen. All das verstärkt meine Angst vor Menschen bzw. überhaupt vor die Tür zu gehen.
Ich konnte mir nur schwer die 12 Toten von Charlie Hebdo vorstellen, bei 2000 geht es mir dann auch nicht groß anders. Ich versuche mir tatsächlich vorzustellen wie da 12 Personen aufgereiht auf dem Boden liegen. Dann hat jede Person vielleicht Eltern, Ehepartner, Kinder, Freunde. Unerledigte Dinge. Dinge, die sie tun wollten. Sie waren vielleicht am frühen morgen aufgestanden und dachten sich sie würden dieses und jenes tun. Dann nach Hause kommen und ihre Ruhe finden, alleine oder mit Angehörigen. Am nächsten Tag wegen dieses und jenes lachen oder trauern, Menschen kennenlernen, auf diese positiven oder negativen Einfluss haben. Sie würden auf ihre kleine Welt irgendwie einwirken. Und irgendwie auch auf die größere. Die selben Gedankenspiele bei 2000 Menschen ist nicht greifbar für einen Menschen und kann nur zu Überforderung und Weltschmerz führen. Aber da kommt dann alsbald der Pragmatiker in mir zum Vorschein, der mir sagt, dass die Leute dadurch halt auch nicht wieder lebendig oder der Schmerz der Angehörigen gelindert wird.
Angst vor die Tür zu gehen kann habe ich nicht unbedingt. Ich denk schon dass ich etwas sorgenvoll bin, aber was für eine Wahl habe ich schon. Ich bin anderen Menschen auch relativ misstrauisch gegenüber. In mir schwirrt immer noch die Erinnerung mal in den Nachrichten gehört zu haben, wie irgendwer irgendwen abends/nachts im Bus versucht hat mit einem Messer den Kopf abzutrennen. Oder so. Ist länger her, weiß nicht mehr so genau, aber unvorstellbar ist es nicht. Und auch wenn das wohl in den USA oder so war, wäre es naiv zu glauben, dass hier keiner dazu fähig wäre. Von daher versuche ich aufmerksam zu bleiben und ein Auge auf Leute um mich herum zu haben. Ich habe auch Pfefferspray in meiner Tasche. Es braucht schon irgendwelche Jugendlichen in kleinen Grüppchen dass ich darauf achte das Spray in meiner Nähe zu wissen, denn ich will nicht eines Tages in den Nachrichten als irgendein U-Bahn-Totschlag-Opfer enden.
Zitat von Kuntergrau:Bis vor 3 Monaten hatte ich noch Arbeit, aber da war es schlimmer. Ich kam nach 8-10 Stunden Arbeit nach Hause, hab die Nachrichten geschaut und mich ins Bett gelegt. Diese Tretmühle hat mich noch mehr deprimiert, weil in mir der Eindruck entstand, dass das Leben nur aus Arbeit und Tod besteht. Seitdem ich nun wesentlich "freier" bin, fällt es mir auch leichter die schönen Dinge des Lebens zu schätzen.
[/quote][/quote]Ich glaub nicht dass ich das könnte. Ich wünscht wir manchmal ich wäre freier. Ich bin nicht unbedingt sehr leidenschaftlich was die Arbeit angeht, Kollegen nehmen das vielleicht anders war aber das ist nur mein Pflichtbewusstsein der da aus mir hervorscheint. Ich nehme die Arbeit innerlich oft nach Hause und kann eigentlich nur am Wochenende ein wenig entspannen, oder wenn ich mich schlafe lege. Aber würde ich nicht arbeite käme in mir die Sorge hoch, dass ich ein Sozialparasit wäre oder dass ich meine Zukunft mehr verbauen oder meine allgemeine Situation mehr verschlimmern würde als ich sie manchmal empfinde. Ich versuche auch das positive irgendwie zu sehen. Nach der Arbeit macht mir mein Hobby potentiell mehr Freude. Der Schlaf fühlt sich besser an. Das Essen und Trinken schmecken besser. Das wäre nicht der Fall wenn ich den ganzen Tag zuhause rumgammeln würde. Das merke ich sehr gut wenn ich Urlaub habe, den ich immer zuhause verbringe - irgendwann fühlt man sich träge, alles wird irgendwie zäh und eingängig. Man weiß das, was man hat, erst zu schätzen, wenn man es irgendwie in Kontrast zu etwas Andersartigem setzen kann. Womöglich ist das einer der wenigen Gedanken, die mich daran hindern, an dem Frust, den ich wegen der Arbeit und der Gesellschaft empfinde, kaputt zu gehen.