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Bernie1970
Grüß Euch!

Aufgrund der Notwendigkeit, mich mit Angst bzw. Angststörung auseinander zu setzen, erlaube ich mir, eigene Schlussfolgerungen reifen zu lassen. Es sind rein persönliche Gedanken, Ideen und Vorschläge bzw. Arbeitshypothesen, die im Laufe der intensiven Beschäftigung mit Angst zustande kommen. Absichtlich klammere ich die Panikattacke in diesem Text aus - sie mag zwar ein Aspekt der Angst sein, aber aus meiner Sicht geht es bei der eigentherapeutisch erforderlichen Arbeit um das am fundamentalsten Erlebbare - nämlich die Emotion Angst.

Die Fachliteratur und fast jeder Therapeut beginnt eingangs des Erstgesprächs mit der üblichen "Aufklärung", dass Angst seit Urzeiten dem Menschen zum Überleben dient, dass sie uns bei Gefahr dazu veranlasst, der Situation entsprechend zu reagieren etc. - als Betroffener kann man das eigentlich schon nicht mehr hören. Des Weiteren wird gesagt, dass der Patient sich leider an irgendeinem Punkt in seinem Leben falsch (!) verhalten habe: Er reagierte auf irgendeine Situation mit Angst, wo diese gar nicht hingehöre. Das verunsichert natürlich und je öfter diese unpässliche Reaktion erfolgt, desto stabiler bildet sich ein per Leitlinie anerkanntes Krankheitsbild aus: Die (generalisierte) Angststörung.

Ich gebe zu, das ist etwas sehr verkürzt dargestellt aber m. E. entspricht das ungefähr dem in unserer westlichen Psychologiehemisphäre am weitesten verbreiteten Erklärungsansatz. Hierauf bauen unterschiedlichste Therapiewege auf. Diese unterscheide ich wiederum in drei Kategorien:

1. Behandlung der Symptome
2. Behandlung der Ursache(n)
3. Eine Behandlungskombination aus 1. und 2.

Die ausschließlich medikamentöse Symptombehandlung (1.) wird leider bemerkenswert oft praktiziert: "Einstellung" des Patienten per Pharmazeutika. Auch NLP-integrierende Behandlungsformen (wie z. B. von Klaus Bernhardt in Deutschland als "sehr effektiv" postuliert) sowie die Kognitive Verhaltenstherapie (sie hat wohl in der Summe aktuell die beste Reputation unter den Fachleuten) fallen im Grunde weitestgehend noch in den Bereich der Symptombehandlung (1.). Als Ursachenbehandlung (2.) ist natürlich die Psychoanalyse zu nennen. Aufgrund der sehr weit verbreiteten gegenseitigen Kritik der beiden Behandlungsformen, kommen nur wenige Patienten in den Genuss einer Kombination derselben (3.) aus einer Hand, es sei denn, sie bemühen sich um parallele Behandlung von beiden Seiten oder haben das Glück, in einer kombiniert arbeitenden Klinik zu landen.

Kleiner Exkurs: Obgleich viele Kliniken einen super Job leisten: Die allermeisten arbeiten therapeutisch eben "nur" in ihrem Fachbereich - und dieser ist klar definiert: Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik. Dem Körper wird vermeintlich auch viel Aufmerksamkeit gewidmet: Sport, Entspannung, Mass. etc. gehören inzwischen zum Grundprogramm. Doch wie sieht es mit der Behandlung von physiologischen Defiziten aus? Welche Klinik geht denn bei der körperlichen Anamnese über die üblichen Untersuchungen (10 Minuten), das kümmerliche "Große Blutbild" und ein paar fraglich relevanten Parametern hinaus UND (be)handelt dann auch während des Klinikaufenthaltes danach? Werden denn zumindest Empfehlungen für neurologisch relevante Aspekte (z.B. Schilddrüse, Nebenniere, Darmprobleme, Leber, Schadstoffbelastungen, Allergien, Unverträglichkeiten, Wirbelsäulenfehlstellungen etc.) ausgesprochen?

Geht denn die Ärzteschaft wirklich davon aus, dass jahrelange Depressionen, Ängste, Phobien, Zwänge etc. KEINE körperlichen Defizite zeitigen? Eine Analogie als Beispiel: Wenn beim Auto das Steuergerät immer wieder zu Zündaussetzern und damit zu Korrosion an den Zündkerzenkontakten führt - kann man denn davon ausgehen, dass sich die defekten Kontakte nach einer Auswechslung des Steuergerätes von alleine wieder regenerieren? Oder konkret: Wenn nach jahrelanger physischer Belastung durch o. g. psychische Probleme sämtliche relevanten Hormone völlig aus dem Gleichgewicht geraten sind - werden die sich innerhalb 3-12 Wochen Klinikaufenthalt von alleine wieder normalisieren? Was würde die Endokrinologie dazu sagen?

Jetzt aber zurück zur Angst - zu meiner (!) Angst. Dazu passt übrigens, wenn man sich vorab im Netz Bilder des verfallenen "Hotel Angst" in Bordighera (Ligurien) anschaut. Alleine schon aufgrund der atemberaubenden Morbidität dieses Flagschiffes aus dem 19. Jhd. und des gleichnamigen Romans von John von Düffel umschlich ich letztes Jahr im Mai für über eine Woche täglich das Areal. Nach Jahrzehnten des Verfalls wird es nun wieder restauriert - für immerhin ca. 25 Millionen. Dieses Gebäude illustriert tatsächlich die Angst, wie ich sie derzeit reflektiere:

Tatsächlich unaussprechliche Angst kenne ich seit meiner Kleinkinderzeit. Obwohl ich wenig Erinnerungen an meine "wache" Kindheit habe - die Träume sind mir noch heute bewusst. Details sind hier m. E. nicht relevant, doch das Gefühl, von dem ich dann irgendwann lernte, dass es als "Angst" bezeichnet wird, ist mir quasi sehr vertraut - auch die körperliche Komponente. Rückblickend kann ich heute sagen, dass zu Zeiten, als mir noch jegliche Worte (und damit das Denken) fehlte, das stärkste Gefühl die Angst war, die mein Erleben vorwiegend prägte. Ich stelle dies nur fest und frage mich, weshalb denn nicht z. B. Wohlbehagen oder irgendwas "erfreuliches" als dominante Emotion in Erinnerung geblieben ist? An der Zuwendung meiner Eltern, insbesondere meiner Mutter kann es nicht gelegen haben.

Obgleich ich an der Oberfläche im Laufe meines inzwischen knapp 50-jährigen Lebens einige charakterlichen Veränderungen erlebte: Die Angst blieb bis heute.

Mit nur wenigen Menschen kann und will ich darüber reden. Diese (und das sind auch Therapeuten) fragen sofort: Angst vor was? Ich konnte nie und kann es bis heute nicht sagen. Sogar das beflügelte Angststörungsmerkmal "Angst vor der Angst" kann ich so nicht bestätigen.

Ganz ehrlich: Ich habe keine Angst vor der Angst.

Ich BIN ängstlich. Ich "angste". Oder in subjektiver Reinheit: ANGST

Wenn ich versuche, den Geist des Kleinkindes zu erleben und hierfür diese fünf Buchstaben (A-n-g-s-t) beiseite lasse - was bleibt?

Wie fühlt sich es an - ohne Definition? . . .

Seit einer wirklich heftigen Panikattacke und einer intensiven nachfolgenden Auseinandersetzung damit versuche ich hin und wieder, in 30-minütigen Meditationseinheiten, die Angst bewusst zu erleben. Manchmal gelingt es, einfach "nur" ängstlich zu sein. In der Tat sind da Körper und Geist vollumfänglich beteiligt:

Pure Angst!

Kein Gedanke stört, keine andere Emotion - nur dieses ängstliche Verweilen. Irgendwann ist es vorbei und der Geisteszustand hat sich geändert - zum Beispiel: Gelassenheit. Oder: Gedanken über irgendwas. Gedanken über Gedanken, über "den der denkt".

Die Medi-Timer gongt und die 30 Minuten sind vorüber. War es schlimm, vollständig und bewusst ängstlich zu sein? Eigentlich nicht. Eher das Gegenteil: Die Bewusstheit (!) während der Angst war. beglückend!

Wie kann das sein? Bin ich verrückt? Nein selten war ich mir bewusster, gewisser: DAS IST ANGST. Und dieses bewusste Erleben ohne jegliche Bewertung lässt sie mit einem Mal in einem anderen, ja, vertrauten Licht erscheinen. Sie ist seit jeher ein Teil von mir. Sie war quasi schon fast vor mir da (also vor meiner Bewusst-Werdung als Ich und Welt).

Je öfter ich mir diese Erfahrung verinnerliche, umso natürlicher fühlt es sich an, wenn ich ängstlich bin. Ich will sie nicht mehr loswerden. Sie ist Teil des Erlebens. Das ist OK. Das bin ich. Das darf ich auch sein.

Ergo:
Da mich weder die symptombezogenen Therapiewege (die empfinde ich irgendwie als blutleere Umprogrammierung) als auch die ursachenbezogene Psychoanalyse (kann Jahre dauern und sucht oftmals nach einem Schuldigen/Auslöser) per Bauchgefühl wirklich überzeugen, neige ich dazu, die o. g. Erfahrungen beim objektiven Erleben der Angst erst mal weiter zu beobachten. Besonders hinsichtlich ängstlicher Momente im oftmals nicht so fokussierten, bewussten Alltag. Bisher kann ich ehrlich sagen, dass sich die Angst verändert hat. Auch wenn es sich a bisserl pathetisch anhören mag: Ich glaube, ich bin grad dabei, eine vielleicht nicht immer einfache Freundschaft zu schließen. Mal sehen.

LG und alles Liebe B.

24.07.2019 17:52 • 23.10.2019 x 5 #1


44 Antworten ↓


soleil
Danke für deine aufschlussreiche Betrachtungsweise der (deiner) Angst.

Schau mal bei Wikipedia nach. Da gibt es einen sehr interessanten Eintrag über die - philosophische - Betrachtung der Angst.
Zitat:
Seit einer wirklich heftigen Panikattacke und einer intensiven nachfolgenden Auseinandersetzung damit versuche ich hin und wieder, in 30-minütigen Meditationseinheiten, die Angst bewusst zu erleben. Manchmal gelingt es, einfach "nur" ängstlich zu sein. In der Tat sind da Körper und Geist vollumfänglich beteiligt:

Ich habe mich letztes Jahr nach einer Retraumatisierung intensiv meiner Angst gestellt, indem ich sie - bewusst - zugelassen und sie ausgehalten habe. Ich habe sie angenommen und sie nicht als meinen Feind betrachtet. Ebenso habe ich die dabei aufgetretenen physischen Aspekte wie Angstschweiss, schnelles atmen, hoher Pulsschlag und das über einen längeren Zeitraum als dazugehörend akzeptiert. Dadurch hat das Phänomen Angst nach und nach seinen Schrecken für mich verloren. Ich habe mich dahingehend konditioniert, sie als Bestandteil in meinem Leben zu sehen und sie nicht mehr zu bekämpfen. Dadurch gelang ich zu einer grossen Gelassenheit und sehe mein Angstgebäude nicht mehr als Feind. Ich lasse meine Angst zu, sie gehört zu mir. Allerdings bin ich noch im Akzeptanzprozess was die Derealisationszustände betrifft. Die habe ich, ausgelöst nach dem Trauma 2016 und der Retraumatisierung 2018. Sie sind wohl Ausdruck eines Selbstschutzporgrammes meiner Psyche.
So gesehen hat mir das (Be)-greifen meiner Angst sogar dabei geholfen, Alltagssituationen per se gelassener anzugehen. Ich ruhe sozusagen in mir und lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen.

25.07.2019 04:41 • x 5 #2


Bernie1970
Grüß Dich soleil,

danke vielmals für Deine Erfahrung. Offensichtlich bist Du schon einen Schritt weiter und die Gelassenheit bzgl. der Angstempfindung sozusagen gefestigt!? Eine Frage hätte ich: Würdest Du die angesprochenen Derealisationszustände einhergehend mit Depersonalisation bezeichnen und traten sie erstmals direkt nach dem Trauma im Jahr 2016 auf?

Reine Derealisationen hatte ich wahrscheinlich im Alter zwischen 25 und 45 Jahren ca. 15x - immer völlig aus dem heiteren Himmel. Begleitet bzw. angekündigt wurden diese meist mit einem zackenhaften Flimmern in einem oder beiden Augen, welches sich innerhalb von wenigen Minuten so stark ausbreitete, dass ich fast nichts mehr sehen konnte. Hinzu kam ein ganz seltsames Gefühl der Erwärmung des Gehirns - ich konnte quasi das Gehirn als klar abgegrenztes Organ im Kopf fühlen. Gleichzeitig konnte ich keinen Gedanken mehr fassen, alle sausten nur so dahin und immer wenn ich einen Gedanken erkennen wollte, war er weg - unwiederholbar. Untersuchungen bei einem Neurologen brachten nichts ein außer einen kritischen Blick und den wagen Hinweis, dass es sich evtl. um eine epileptischen "Neigung" handeln könnte... Wenn ich mir heute die Beschreibung der Derealisation bei Wiki o.ä. ansehe, denke ich, dass meine eben beschriebenen Erfahrungen sowas hätten sein können. Nicht dass mir das jetzt wirklich was bringt, aber hellhörig werde ich da jetzt trotzdem. Magst Du darüber etwas mehr erzählen, vor allem, ob sie sich immer ähnlich manifestiert, wie lange sie dauert usw.

Die genannten Philosophen auf Wiki habe ich mir durchgelesen. Hier entspricht mir am ehesten die Heideggersche Vorstellung. Heidegger ist auch in westlich-buddhistischen Preisen sehr geschätzt. Allerdings ist mir seine vollständige Lektüre mit Sicherheit etwas zu hoch aber gerade das "gegenseitige Bedingen" spricht mich sehr an. Merci für den Hinweis

25.07.2019 12:39 • #3


Zitat von Bernie1970:
Begleitet bzw. angekündigt wurden diese meist mit einem zackenhaften Flimmern in einem oder beiden Augen, welches sich innerhalb von wenigen Minuten so stark ausbreitete, dass ich fast nichts mehr sehen konnte.


Das hört sich aber eher gekoppelt nach einer Aura an! Flimmerskotom! Derealisation ist die Begleitung dazu, kommt mit und ohne Kopfschmerzen vor

25.07.2019 15:45 • x 1 #4


Bernie1970
Hallo Inneresmein,

Uih, danke für den Hinweis. Habe mich grade reingelesen. Das war mir neu und ich habe das Thema die letzten Jahre nicht mehr verfolgt, weil es schon lange nicht mehr auftrat. Hm, stimmt..es hing schon meistens mit Stress zusammen.

25.07.2019 18:08 • x 1 #5


soleil
Zitat:
Offensichtlich bist Du schon einen Schritt weiter und die Gelassenheit bzgl. der Angstempfindung sozusagen gefestigt!? Eine Frage hätte ich: Würdest Du die angesprochenen Derealisationszustände einhergehend mit Depersonalisation bezeichnen und traten sie erstmals direkt nach dem Trauma im Jahr 2016 auf?

Ja, so würde ich es bezeichen. Die Gelassenheit bzgl. der Angstempfindung ist gefestigt. Sie läuft mittlerweile als selbständiges konditioniertes Programm ab. Das heisst, ich nehme meine Angst bzw. Furcht nach wie vor wahr, das schon, aber die sonst damit einhergehenden Automatismen sind transformiert in - Gelassenheit -. Ich vermute, ich war überhaupt nur deshalb zu diesem Lern- und Umgestaltungsprozess in der Lage, da ich bedingt durch das erlittene Trauma bzw. die Retraumatisierung über einen längeren Zeitraum äusserste Angst bzw. Furcht durchleiden musste und ich in deren Konsequenz letztendlich zu der beschriebenen Gelassenheit gelang. Manch einer mag vielleicht behaupten, es sei eine Art "Verdrängungs-Gelassenheit". Also nicht echt. Das muss ich allerdings widerlegen. Sie ist echt. Vielleicht habe ich sie auch erlangt durch das ureigene Selbstschutzprogramm meiner Psyche. Wie auch immer. Wichtig ist allein, dass ich soweit gekommen bin.
Ich habe noch ein Zitat gefunden, dass ich sehr passend finde:
"Die Phantasie der Angst ist jener böser, äffische Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springt, wenn er schon am schwersten zu tragen hat."
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller

Die Derealisationserfahrungen erlebte ich ohne Depersonalisation. Sie traten tatsächlich erstmals direkt nach dem Trauma 2016 auf und verfestigten sich nach der Retraumatisierung 2018. Seither lebe ich mit ihnen.
Zitat:
Magst Du darüber etwas mehr erzählen, vor allem, ob sie sich immer ähnlich manifestiert, wie lange sie dauert usw.

Während des Derealisationserlebens nehme ich die Umwelt als unwirklich wahr. Erlebte Situationen kommen mir unecht vor, wie in einem Film. Ich fühle mich teilweise wie in Watte gepackt, oder als wäre die Umwelt hinter einer sehr dicken Glasscheibe.
Die Dauer ist unterschiedlich. Anfangs hatte ich sehr mit diesen mir bis dto. total unbekannten Phänomenen zu kämpfen. Mittlerweile geht es. Aber ich bin noch im Akzeptanzprozess. Gänzlich verschwinden werden sie wohl nicht mehr.

26.07.2019 04:05 • x 2 #6


soleil
@Bernie1970
Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich mich gestern in einem merkwürdigen Zustand befunden habe.
Zitat:
Die Gelassenheit bzgl. der Angstempfindung ist gefestigt. Sie läuft mittlerweile als selbständiges konditioniertes Programm ab. Das heisst, ich nehme meine Angst bzw. Furcht nach wie vor wahr, das schon, aber die sonst damit einhergehenden Automatismen sind transformiert in - Gelassenheit -.

Dieses Angst-Gelassenheits-Programm scheint nicht immer zu funktionieren. Schon morgens hatte ich eine ängstliche Grundstimmung, die sich über den ganzen Tag hielt. Wahrscheinlich klappt das mit der Gelassenheit dann nicht so gut, wenn andere Faktoren dazu kommen. Die da wären, eine depressive Grundstimmung gekoppelt mit neuen Situationen, die wiederum neue Ängste auslösen. Auch bekommen alte Ängste dann wieder vermehrt einen Raum. Alle genannten Faktoren trafen gestern zusammen. Dazu litt ich wieder an Derealisationszuständen. Auch habe ich bemerkt, dass meine Belastungsgrenze nicht sehr hoch ist. Diese Gewissheit erhöht mein Aggressionspotential und löst wieder neue Ängste aus. Also wie du siehst, bin ich noch lange nicht am Ende des Weges angekommen.

29.07.2019 03:32 • #7


Bernie1970
Hallo soleil,

vielen Dank für die letzten zwei Beiträge. Ich war ab Sonntagmittag offline und bin grad etwas geschwächt. Mir ging aber das Thema immer wieder durch den Kopf und möchte mich sobald ich genügend Zeit habe diesbezüglich melden. Wohl morgen. Liebe Grüße und eine gute Zeit

30.07.2019 17:44 • #8


soleil
Danke für deine Rückmeldung.
Ich hoffe, es geht dir bald besser.
Dir auch eine gute Zeit und liebe Grüsse zurück.
soleil

30.07.2019 17:48 • #9


Bernie1970
Hallo soleil, danke, hatte eine überraschend gute Nacht. War für 2 Tage unterwegs und besitze kein Schlaufon.
Ich finde Deine nüchterne Fähigkeit zur Selbstreflexion bemerkenswert, ebenso Deinen Hang zur Philosophie und einem wohl daraus resultierenden kreativen Umgang mit der aktuellen Lage. Darf ich fragen, ob vor dem Trauma auch schon Angst und Depression ein Thema waren?

Zu Deinem Beitrag vom 29.7. frühmorgens: Beim Lesen fielen mir ein paar Fälle ein, in denen ich einsehen musste, dass gerade dann, wenn ich meinte, etwas definitiv im Griff zu haben, mich die Gegenwart eines besseren belehrte. Meistens reagierte ich da etwas genervt, weil ich mich mal wieder zu weit aus dem Fenster gelehnt, also überschätzt, hatte.
Trotzdem finde ich solche Erfahrungen nach einer stillen Konsultation hilfreich und nehme es mir dann auch nicht krumm.
Nur wenig kann ich als abgehakt, geschafft, überstanden bezeichnen. Was ich aber sicher gelernt habe: Dauerhaftes Glück ist nicht zu finden, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie die allermeisten von uns Menschen meinen, es versuchen zu müssen.
Muho, ein Zen-Abt, schrieb mal in einem Klappentext: Das größte Glück ist, zu realisieren, dass es kein Glück zu finden gibt.

Wenn ich über die vielen Friedhöfe schlendere und auch wenn ich vor dem Grab meiner Eltern stehe kann ich nur eines mit Gewissheit sagen: Sie sind alle letztendlich gestorben und wirklich gekannt habe ich sie nicht.
Jeder von uns weiß das und nur wenige ziehen ihre Konsequenzen daraus: Keine und keiner kennt mich wirklich und in absehbarer Zeit endet mein, dieses Erleben.

Meine tiefe Überzeugung ist, dass sämtliche Ängste, Depressionen, Phobien und die vielen Spielarten dieser so genannten Krankheiten auf diese offensichtliche Tatsache zurückzuführen sind. Einflüsse aus Kindheit, Elterhaus, Träumen etc kommen vielleicht dazu, aber die Grundproblematik ist uns Allen inhärent: Isolation, Begrenzheit des Lebens.
Jeder hat seine eigene, meist vorgelebte Strategie, damit umzugehen. Wir hier in diesem Forum spüren sie zumindest buchstäblich am eigenen Leib.

Wenn ich mehr Zeit habe, möchte ich mich gerne noch näher mit dem Thema Derealisation auseinandersetzen. Das interessiert mich sehr, besonders in diesem, unserem Kontext. LG

31.07.2019 10:13 • x 1 #10


soleil
Danke für deinen Kommentar.
Zitat von Bernie1970:
Ich finde Deine nüchterne Fähigkeit zur Selbstreflexion bemerkenswert, ebenso Deinen Hang zur Philosophie und einem wohl daraus resultierenden kreativen Umgang mit der aktuellen Lage. Darf ich fragen, ob vor dem Trauma auch schon Angst und Depression ein Thema waren?

Kannst du das "nüchtern" genauer beschreiben? Ich habe da die Assoziation "emotionslos". Ich habe mir da gestern Gedanken darüber gemacht. Vielleicht ist die Fähigkeit der nüchternen Selbstfeflexion aus einer sehr emotionsgeladen Selbstrefeflexion entstanden? So quasi als Weiterentwicklung und zum Zwecke des Selbstschutzes...Auf jeden Fall inspirieren mich deine Gedanken sehr und sind der Auslöser für ein "In mich gehen und hinterfragen". Sehr schön.
Auch vor dem Trauma hatte ich schon mit Depressionen und Ängsten zu kämpfen. Im Grunde leide ich darunter seit meiner frühen Jugend. Die Ängste widerrum haben sich seit dem Trauma allerdings manifestiert.
Zitat von Bernie1970" Was ich aber sicher gelernt habe: Dauerhaftes Glück ist nicht zu finden, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie die allermeisten von uns Menschen meinen, es versuchen zu müssen.
Muho, ein Zen-Abt, schrieb mal in einem Klappentext: Das größte Glück ist, zu realisieren, dass es kein Glück zu finden gibt.[/quote
[quote="Bernie1970:
Wenn ich über die vielen Friedhöfe schlendere und auch wenn ich vor dem Grab meiner Eltern stehe kann ich nur eines mit Gewissheit sagen: Sie sind alle letztendlich gestorben und wirklich gekannt habe ich sie nicht.
Jeder von uns weiß das und nur wenige ziehen ihre Konsequenzen daraus: Keine und keiner kennt mich wirklich und in absehbarer Zeit endet mein, dieses Erleben.

Das ist wohl wahr. Ich finde diese These äusserst beruhigend, nimmt sie doch viel Druck von einem. Wenn ich überhaupt so was wie Glück empfinde, sind es Glücksmomente und die können auch nur ein paar Sekunden dauern. Ich stelle mir auch nicht mehr die Frage, was ich unter Glück oder dem Sinn des Lebens verstehe. Denn es gibt schlicht und ergreifend 1000 Definitionen dafür oder - keine -. Ich habe vor kurzem etwas witziges entdeckt.
"Nach dem SINN des Lebens gesucht und in der Küche ein Stück Schokolade entdeckt.
Ich hatte mir die Antwort eigentlich spektakulärer vorgestellt".
Manchmal ist es so einfach. Warum sich Gedanken über die Gedanken machen? Ein Stück Schokolade ist mir zwischenzeitlich lieber.
Ein Zitat betreffend Glück spricht mich auch sehr an:
"Die glücklichsten Menschen der Welt haben keine geteerten Straßen." Richard David Precht

Deine Erkenntnis hat mich ganz tief berührt. Als ich sie gestern gelesen habe, kamen mir spontan die Tränen. Wie recht du hast. Auch ich stand oft vor dem Grab meiner Eltern und habe mich gefragt, "Wer wart ihr eigentlich? Wer wart ihr wirklich?" Sie sind gestorben mit diesem grossen Geheimnis. Ich habe nur einen kleinen Bruchteil davon (be)-greifen können, wer sie wirklich waren. Wahrscheinlich wussten sie nicht einmal selbst, wer sie wirklich waren. Voraussetzung für ein "Sich-Selbst-begreifen-können" ist die Selbstreflexion. Dazu sind nicht alle in der Lage.
Im Grunde kennt mich niemand. Jeder der meint mich zu kennen, nimmt das mit, was er von mir wahrnimmt. Also ist das jedes Mal eine sehr persönliche und individuelle Geschichte und davon abhängig, wie ich mich dem Gegenüber präsentiere und öffne. Selbst wenn ich jemanden in meine "Seele" blicken liesse, was ich aber nicht mache, nimmt derjenige nur einen von ihm subjektiv verwerteten Teil von mir wahr. Im Grunde sind wir einen Spiegel für den anderen und bieten ihm eine Projektionsfläche. Daher kann ich solche Aussagen wie "Ich weiss genau wer du bist, ich kenne dich besser als mich selbst" überhaupt nicht ernst nehmen.
Zitat von Bernie1970:
Meine tiefe Überzeugung ist, dass sämtliche Ängste, Depressionen, Phobien und die vielen Spielarten dieser so genannten Krankheiten auf diese offensichtliche Tatsache zurückzuführen sind. Einflüsse aus Kindheit, Elterhaus, Träumen etc kommen vielleicht dazu, aber die Grundproblematik ist uns Allen inhärent: Isolation, Begrenzheit des Lebens.

So sehe ich das auch. Es ist das komplexe Gesamtpaket, welches psychische Erkrankungen auslöst.
Zitat von Bernie1970:
Wenn ich mehr Zeit habe, möchte ich mich gerne noch näher mit dem Thema Derealisation auseinandersetzen. Das interessiert mich sehr, besonders in diesem, unserem Kontext

Gerne.

Ich finde unsere Kommunikation sehr hilfreich. Sie regt mich zum reflektieren, nachdenken, philosophieren an.
Vielen Dank dafür.

01.08.2019 04:54 • x 2 #11


Bernie1970
Guten Morgen soleil,
Zitat von soleil:
Kannst du das "nüchtern" genauer beschreiben? Ich habe da die Assoziation "emotionslos". Ich habe mir da gestern Gedanken darüber gemacht. Vielleicht ist die Fähigkeit der nüchternen Selbstfeflexion aus einer sehr emotionsgeladen Selbstrefeflexion entstanden? So quasi als Weiterentwicklung und zum Zwecke des Selbstschutzes.


Hmm, das Adjektiv "nüchtern" nutze ich aus eigener Erfahrung mit Alk. inzwischen für einen sehr klaren, unvoreingenommenen Geisteszustand. Vielleicht wäre alternativ "offen" oder tatsächlich "emotionsfrei" treffender - jedenfalls meinte ich es hier positiv! Und wenn es, wie evtl bei Dir, eine Folge der inneren Arbeit ist, klarer über Dich selbst nachzudenken, dann ist das m. E. sehr hoch zu bewerten. Aber Selbstschutz? Meinst Du damit Gefühle ausblenden, unterdrücken, verdrängen? Ich glaube, wenn es tatsächlich eine "Weiterentwicklung" ist, wurde ja etwas gelernt, verstanden, aufgedeckt und aufgrund dieser Einsichten verlieren Emotionen buchstäblich an Substanz, "klären" sich; also kein Selbst-Schutz sondern Selbst-Erkenntnis. Freude hierüber wäre allerdings vielleicht angebracht.

Im Alter von ca. 13 bis 17 J. erlebte ich erste Anzeichen von sich langsam chronisch entwickelnder Depression und Angst. Sie äußerten sich allerdings in Form von Melancholie und einiger Zwangsneurosen. Letztere waren, in der Pubertät nicht unüblich, stark scham- umd schuldbesetzt. Eine nach außen hin streng katholische aber familienintern nicht unbedingt gelebte christliche Haltung meines Vaters und die Aufopferungsrolle meiner Mutter taten ihr Übriges. Doch die Grundtendenz brachte ich meines Erachtens "mit". Da ich inzwischen vom Karma-Prinzip (wie es der historische Buddha erklärte) ziemlich überzeugt bin, bewerte ich die Rolle der Eltern und meines Bruders nicht mehr als so entscheidend. Aber, worauf ich hinaus will: Du hast Dich sicherlich viel mit den Ursachen Deiner Depression/Angst beschäftigt? Unabhängig, ob Du auf einen Grund gestoßen bist: Fühltest Du Dich irgendwie vom Leben betrogen, bestraft indem es Dir diese "Probleme bescherte"? Bei mir war es so, dass ich mich bei meiner ersten diagnostizierten Depression (2007) schämte und schuldig, als Versager fühlte, es "so weit gebracht" zu haben... Heute denke da völlig anders drüber: Das was die Medizin notwendigerweise (Leitlinien und Klassifizierungen) als psychische Erkrankung bezeichnet, ist tatsächlich eine "durchgebrannte körperlich-mentale Sicherung". Durchgebrannt deshalb, weil der Widerspruch in dem, wie ich lebe (bzw lange gelebt habe) und dem, was ich als "mitgebrachte Weisheit" bezeichnen möchte, einfach zu stark war.

Leider ist es aber so, dass mit dem ersten Erleben einer Depression, Angst oder Panikattacke nur extrem selten bei den Betroffenen die Einsicht folgt: "Aahh - ich wusste es ja schon lange besser, also werde ich die Sicherung nun austauschen (das Leben ändern) und dafür sorgen, dass künftige Kurzschlüsse vermieden werden!" Nein, ganz im Gegenteil. Erst mal ist extreme Verwirrung da, der Körper versagt den Dienst, alles scheint zusammenzubrechen. Obwohl das genau der Punkt ist, wo wir sozusagen mit dem Rücken zur Wand stehen und hiermit eigentlich die "endgültige Berechtigung zur Lebensänderung" hätten, meinen wir, "das (die Angst) irgendwie wieder wegkriegen zu müssen", idealerweise so schnell wie möglich, weil es sich einfach furchtbar anfühlt.

Nach allem, was ich gestern und heute morgen über Derealisation und Depersonalisation rausgefunden habe, deckt sich das mit der Einschätzung meiner diesbezüglichen Erfahrungen: Stress ist meist der objektiv erkennbare Auslöser, und jene der Betroffenen, welche sich intentensiver damit auseinandersetzen, stoßen irgendwann auf tieferliegende Disharmonien, auf das oben beschriebene Spannungsverhältnis von "mein Leben vs besserem Wissen". Am direktesten kann man dies durch Meditation in Kombination mit Kontemplation (gründlichem Nachdenken, Selbstreflexion) angehen. Ich persönlich finde eben auch Gespräche oder Dialoge, wie wir sie hier führen, als sehr hilfreich. Früher war ich in einer Meditationsgruppe (Zen), die nach den 90 Min. Meditation noch eine freiwillige Tee-Runde anbot. Hier konnte man das in der Stille Erkannte mit anderen Teilen und so nochmal im Alltagsgeist "integrieren".

Zitat von soleil:
Ein Zitat betreffend Glück spricht mich auch sehr an:
"Die glücklichsten Menschen der Welt haben keine geteerten Straßen." Richard David Precht


Wie wahr, ich schätze Precht sehr! In diesem Zusammenhang auch schön (weiß nicht, von wem):
"Um sich nicht die Füße zu verletzen, kann man die ganze Erdoberfläche mit Teppich auslegen ODER sich ein paar Schuhe anziehen".

Zitat von soleil:
Auch ich stand oft vor dem Grab meiner Eltern und habe mich gefragt, "Wer wart ihr eigentlich? Wer wart ihr wirklich?" Sie sind gestorben mit diesem grossen Geheimnis.


Wie lange sind Deine Eltern schon tot, wenn Dir die Frage nicht zu persönlich ist? Meine Mutter nun schon seit fast 9 Jahren, mein Vater seit 3 Jahren. Interessanterweise lernte ich meinen Vater gerade in den letzten Lebenstagen meiner Mutter und den Jahren danach ganz anders kennen, als ich ihn immer empfunden hatte. Diese letzten Jahre, die auch von einer Altersdepression und zunehmender Demenz begleitet wurden, haben mich ihm viel näher gebracht als die vielen Jahrzehnte zuvor, die wir u.a. auch über 25 Jahre beruflich miteinander verbracht haben. Wenn ich heute an ihrem Grab stehe, kommt mir wohl deshalb meist vorwiegend mein Dad in den Sinn, obgleich ich früher naturgemäß viel mehr an meiner Mutter hing. Sie hatten es sicher nicht immer leicht mit ihren beiden Söhnen und ich bin ihnen für alles dankbar, was sie für uns getan haben. Trotzdem denke ich mir immer: "Warum habe ich Mutter nie so kennengelernt, wie ich meinen Vater die letzten Jahre kennengelernt habe?". Fast jedesmal entferne ich mich vom Grab mit Bedauern darüber, wie wenig ich über sie wusste. Ich hätte mehr fragen sollen...

Zitat von soleil:
Im Grunde kennt mich niemand. Jeder der meint mich zu kennen, nimmt das mit, was er von mir wahrnimmt. Also ist das jedes Mal eine sehr persönliche und individuelle Geschichte und davon abhängig, wie ich mich dem Gegenüber präsentiere und öffne. Selbst wenn ich jemanden in meine "Seele" blicken liesse, was ich aber nicht mache, nimmt derjenige nur einen von ihm subjektiv verwerteten Teil von mir wahr. Im Grunde sind wir einen Spiegel für den anderen und bieten ihm eine Projektionsfläche. Daher kann ich solche Aussagen wie "Ich weiss genau wer du bist, ich kenne dich besser als mich selbst" überhaupt nicht ernst nehmen.


Eine große Einsicht - danke dafür! Diese wenigen Zeilen stellen "Schatzkiste inklusive Schlüssel" zur Selbsterkenntnis dar. Über Sinne, Gefühle, Wahrnehmung, Reaktion und dem daraus entstehendem Bewusstsein (Ich-Verständnis) würde ich gerne weiter schreiben, denn das führt uns vielleicht an eine wichtige Bedingung von Angst, Depression und DR/DP.

Ebenfalls vielen Dank für den ausführlichen Austausch und gute Stunden!

Und noch ein Gedanke zum Thema Zufriedenheit und Genügsamkeit von Hans Magnus Enzensberger (Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern, Suhrkamp):

"Die Vermeidung ist eine hohe Kunst, die selten gelehrt und noch seltener beherrscht wird. Die meisten Menschen sind von der Menge des Entbehrlichen hoffnungslos überfordert."

01.08.2019 10:59 • x 1 #12


soleil
Zitat:
Hmm, das Adjektiv "nüchtern" nutze ich aus eigener Erfahrung mit Alk. inzwischen für einen sehr klaren, unvoreingenommenen Geisteszustand. Vielleicht wäre alternativ "offen" oder tatsächlich "emotionsfrei" treffender - jedenfalls meinte ich es hier positiv! Und wenn es, wie evtl bei Dir, eine Folge der inneren Arbeit ist, klarer über Dich selbst nachzudenken, dann ist das m. E. sehr hoch zu bewerten. Aber Selbstschutz? Meinst Du damit Gefühle ausblenden, unterdrücken, verdrängen? Ich glaube, wenn es tatsächlich eine "Weiterentwicklung" ist, wurde ja etwas gelernt, verstanden, aufgedeckt und aufgrund dieser Einsichten verlieren Emotionen buchstäblich an Substanz, "klären" sich; also kein Selbst-Schutz sondern Selbst-Erkenntnis.

In diesem Kontext kann ich dieses "nüchtern" anders einordnen.
Bei mir bedeutet es wohl beides. Selbstschutz gewachsen aus Selbsterkenntnis. Das heisst, ich blende/unterdrücke/verdränge Gefühle nicht, sondern ich transformiere sie in "nüchterne" Gefühle. Diese Lösung ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass ich hochsensibel bin und daher eine sehr starke Wahrnehmung mich selbst und andere betreffend habe. Anders würde ich das gar nicht aushalten. Da ich schon sehr früh in meinem Leben über diese hochsensible Wahrnehmung verfügte, aber ich noch in dem ausschliesslich emotionalen Verarbeitungsprozess steckte, habe ich ein falsches Ventil gesucht. Ich betäubte meinen Geisteszustand mit Alk. um die Heftigkeit der Emotionen nicht mehr aushalten zu müssen. Erst später lernte ich anders damit umzugehen. Seit vielen Jahren trinke ich keinen Tropfen mehr. Hattest du auch prägende Erfahrungen mit Alk. gemacht?
Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt und du kannst in etwa nachvollziehen was ich meine.
Zitat:
Du hast Dich sicherlich viel mit den Ursachen Deiner Depression/Angst beschäftigt? Unabhängig, ob Du auf einen Grund gestoßen bist: Fühltest Du Dich irgendwie vom Leben betrogen, bestraft indem es Dir diese "Probleme bescherte"? Bei mir war es so, dass ich mich bei meiner ersten diagnostizierten Depression (2007) schämte und schuldig, als Versager fühlte, es "so weit gebracht" zu haben... Heute denke da völlig anders drüber: Das was die Medizin notwendigerweise (Leitlinien und Klassifizierungen) als psychische Erkrankung bezeichnet, ist tatsächlich eine "durchgebrannte körperlich-mentale Sicherung". Durchgebrannt deshalb, weil der Widerspruch in dem, wie ich lebe (bzw lange gelebt habe) und dem, was ich als "mitgebrachte Weisheit" bezeichnen möchte, einfach zu stark war.

Ich habe mich tatsächlich schon sehr früh mit den Ursachen meiner Depression beschäftigt und bin zu der Überzeugung gelangt, dass es mehrere Auslöser dafür gibt. Einer davon ist die Tatsache, dass ich mich schon immer "anders" fühlte und mich nie irgendwelchen Gruppen als dazu gehörend empfand. Schon im Kindergarten sonderte ich mich ab und spielte für mich alleine. Ich war in meiner Welt und empfand das oft als belastend. Wollte ich doch gerne so sein, wie andere Kinder, konnte es aber einfach nicht. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Heute als Erwachsene habe ich es akzeptiert, ein Einzelgänger zu sein. Vielmehr, ich bin sogar etwas stolz drauf. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis und Akzeptanz war ein langer und holpriger. Ein anderer, entscheidender Faktor ist die Tatsache, dass ich wie du in einem ständigen Widerspruch lebte.
Beruflich wie privat. Ich wurde vor allem von meinem Vater in einen Beruf gedrängt, der mir nie Spass gemacht hat und ich meine Talente und Interessen nicht ausleben konnte. Schlimmer noch, er war mir total wesensfremd und ich fühlte mich lange Zeit einfach nur unglücklich. Später habe ich mich mit ihm arrangiert. Privat geriet ich an die falschen Männer. Einer gescheiterten Ehe folgte eine langjährige Partnerschaft mit einem Mann, der eine psychotische Persönlichkeitsstörung aufwies, ein anderer wies eine narzisstische PS auf. Doch das ist eine andere, lange Geschichte.
Vom Leben betrogen fühlte ich mich wegen der Depressionen nicht. Geschämt habe ich mich auch nie dafür oder mich als Versager gefühlt. Vielmehr sah ich sie als logische Konsequenz meiner falsch gelebten Lebensformen und der Tatsache, dass ich einfach nicht in dieses "System" passe. Wirklich unbeschwert und lebensfroh war ich nur eine kurze Zeit in meinem Leben. Meistens hatte immer eine depressive, ängstliche Grundstimmung.
Zitat:
Leider ist es aber so, dass mit dem ersten Erleben einer Depression, Angst oder Panikattacke nur extrem selten bei den Betroffenen die Einsicht folgt: "Aahh - ich wusste es ja schon lange besser, also werde ich die Sicherung nun austauschen (das Leben ändern) und dafür sorgen, dass künftige Kurzschlüsse vermieden werden!" Nein, ganz im Gegenteil. Erst mal ist extreme Verwirrung da, der Körper versagt den Dienst, alles scheint zusammenzubrechen. Obwohl das genau der Punkt ist, wo wir sozusagen mit dem Rücken zur Wand stehen und hiermit eigentlich die "endgültige Berechtigung zur Lebensänderung" hätten, meinen wir, "das (die Angst) irgendwie wieder wegkriegen zu müssen", idealerweise so schnell wie möglich, weil es sich einfach furchtbar anfühlt.

Damit hast du schon recht. Genau so fühlt es sich an. Ich habe vor allem in jungen Jahren oftmals versucht, die Depression wieder wegzubekommen, indem ich mir einzureden versuchte, ich hätte nur die falsche Einstellung, wäre einfach zu empfindlich für die Reize von aussen und würde Dinge zu ernst nehmen. Oftmals wurde mir auch genau das vor allem von meinen Eltern suggeriert. Irgendwann habe ich selbst daran geglaubt. Natürlich hat mir diese "Selbst-Einrederei" am Ende nichts gebracht. Die Symptome wurden eher schlimmer und haben mich letztendlich in die Praxis eines Psychiaters geführt.
Zitat:
Nach allem, was ich gestern und heute morgen über Derealisation und Depersonalisation rausgefunden habe, deckt sich das mit der Einschätzung meiner diesbezüglichen Erfahrungen: Stress ist meist der objektiv erkennbare Auslöser, und jene der Betroffenen, welche sich intentensiver damit auseinandersetzen, stoßen irgendwann auf tieferliegende Disharmonien, auf das oben beschriebene Spannungsverhältnis von "mein Leben vs besserem Wissen". Am direktesten kann man dies durch Meditation in Kombination mit Kontemplation (gründlichem Nachdenken, Selbstreflexion) angehen. Ich persönlich finde eben auch Gespräche oder Dialoge, wie wir sie hier führen, als sehr hilfreich. Früher war ich in einer Meditationsgruppe (Zen), die nach den 90 Min. Meditation noch eine freiwillige Tee-Runde anbot. Hier konnte man das in der Stille Erkannte mit anderen Teilen und so nochmal im Alltagsgeist "integrieren".

Ich führe meine Derealisation auf das erlittene Trauma 2016 resp. die Retraumatisierung 2018 zurück. Also weniger auf Disharmonien von einem Spannungsverhältnis von "mein Leben vs besserem Wissen". Aber ich denke, die Gründe dafür sind bei jedem anders. Auch ich finde Dialoge darüber wie wir sie hier führen sehr hilfreich. Mit Meditation habe ich leider wenig Erfahrung. Warum auch immer, habe ich mich dagegen gesperrt. Doch ich habe früher lange Gespräche mit einem Freund geführt, der diesbezüglich Erfahrungen hatte und mir haben diese Gespräche sehr geholfen und mich weitergebracht.
Zitat:
Wie wahr, ich schätze Precht sehr!

Ich auch.
Zitat:
Wie lange sind Deine Eltern schon tot, wenn Dir die Frage nicht zu persönlich ist?

Mein Vater starb im August 2012, meine Mutter nur drei Monate später. Dieses Schockerlebnis hat dazu geführt, dass ich anschliessend in eine tiefe Depression verfallen bin und arbeitsunfähig wurde. Ich hatte die Wahrnehmung, dass mit deren Tod mein ganzes mir mühsam aufgebautes "Lebensgerüst" in sich zusammen gebrochen ist und ich plötzlich auf mich allein reduziert war.
Zitat:
Interessanterweise lernte ich meinen Vater gerade in den letzten Lebenstagen meiner Mutter und den Jahren danach ganz anders kennen, als ich ihn immer empfunden hatte. Diese letzten Jahre, die auch von einer Altersdepression und zunehmender Demenz begleitet wurden, haben mich ihm viel näher gebracht als die vielen Jahrzehnte zuvor, die wir u.a. auch über 25 Jahre beruflich miteinander verbracht haben.

Ähnliche Erfahrungen habe ich auch mit meinem Vater gemacht. Aus einem in jüngeren Jahren cholerischen, sehr dominanten, patriarchalischem Mann wurde, je älter und kränker er wurde, ein ruhiger, nachdenklicher, fast schon sanfter Mensch. Gerade in seinem letzten, schon sehr von Krankheit geprägten Lebensabschnitt war ich ihm sehr nahe. Ich erlebte ein ganz anderes emotionales Miteinander. Für diese Zeit bin ich ihm sehr dankbar. Aus heutiger Sicht betrachtet, würde ich meinen Eltern auch zu gerne noch viele Fragen stellen. Mir würden dann eventuell Zusammenhänge klar werden, warum sie früher so und nicht anders gehandelt haben. Das wäre gerade im Kontext zu meiner eigenen Lebensentwicklung sehr interessant.
Zitat:
Diese wenigen Zeilen stellen "Schatzkiste inklusive Schlüssel" zur Selbsterkenntnis dar. Über Sinne, Gefühle, Wahrnehmung, Reaktion und dem daraus entstehendem Bewusstsein (Ich-Verständnis) würde ich gerne weiter schreiben, denn das führt uns vielleicht an eine wichtige Bedingung von Angst, Depression und DR/DP.

Gerne können wir dieses Thema vertiefen.
Zitat von Bernie1970:
"Die Vermeidung ist eine hohe Kunst, die selten gelehrt und noch seltener beherrscht wird. Die meisten Menschen sind von der Menge des Entbehrlichen hoffnungslos überfordert."

Wie wahr, wie wahr.

"Einfachheit ist das Resultat von Reife"
Friedrich von Schiller

02.08.2019 03:50 • x 1 #13


Bernie1970
Zitat von soleil:
Hattest du auch prägende Erfahrungen mit Alk. gemacht?


Ja, leider sehr lange. Mein Missbrauch des Alk. war eher ambivalent: Mal um eine gute Stimmung noch zu verstärken, mal um mich zu beruhigen und in den letzten Jahren weil ich bereits psychisch abhängig war. Bemerkenswerterweise lagen sämtliche psychisch releavanten "Peaks", also Depressionsphasen und Panikattacken in den Zeiten, wo ich für längere Zeit abstinent (!) war. Ich spürte lange Zeit, dass dies etwas zu bedeuten hatte, fiel ab immer wieder zurück in die Trinkerei. Es war nie soviel, dass es anderen groß aufgefallen wäre, aber ich wusste Bescheid... Der Konsum war regelmäßig, ca. 25 Jahre lang, mit Unterbrechungen. Erst vor wenigen Wochen habe ich mich dazu entschlossen, endgültig damit aufzuhören, denn Alk. wirkte bei mir wie ADs und Benzos in Reinkultur, mit vermeintlich nur wenig Nebenwirkungen. Kurz nach dem kalten Entzug dann die heftigste PA... Aber ich bin sehr froh, dass ich davon weg bin und denke nur noch selten an Alk. Muss natürlich achtgeben, dass ich nicht wieder rückfällig werde. Habe mich sehr viel mit Alk. beschäftigt und verstehe, warum er so "gut" funktioniert...ein wirkliches Übel unserer Gesellschaft, nicht nur hier in Bayern.

Zitat von soleil:
Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt und du kannst in etwa nachvollziehen was ich meine.


Ja, habe ich verstanden - danke für die Ausführung.

Zitat von soleil:
Schon im Kindergarten sonderte ich mich ab und spielte für mich alleine. Ich war in meiner Welt und empfand das oft als belastend. Wollte ich doch gerne so sein, wie andere Kinder, konnte es aber einfach nicht. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Heute als Erwachsene habe ich es akzeptiert, ein Einzelgänger zu sein. Vielmehr, ich bin sogar etwas stolz drauf. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis und Akzeptanz war ein langer und holpriger.


Einer meiner beiden besten Freunde erlebte sein Dasein sehr ähnlich wie Du. Er fand irgendwann im Gespräch den Vergleich: "Es war so, als wenn ich die meiste Zeit unter Fischen lebte und dachte, ich sei auch ein Fisch. Doch die anderen Fische nahmen entweder keine Notiz von mir oder lehnten mich konkret ab, weil ich in ihren Augen eindeutig anders war. Bis ich eines Tages tatsächlich draufkam, dass ich gar kein Fisch, sondern eine Schildkröte bin! Da war mir klar, dass wir sowohl unterschiedliche Sprachen sowie einen völlig anderen Horizont haben... es konnte nie wirklich klappen mit uns."

Dass Du einen gewissen Stolz auf Dein Einzelgängerdasein empfindest, kann ich gut nachvollziehen. Den hatte ich auch, sehr lange. Heute sehe ich sowohl in der Partnerschaft als auch im Alleinsein positive Aspekte. Mit dem richtigen Partner kann man seine Freiheit durchaus behalten. Aber ich glaube, dass es nur selten wirklich harmonische Partnerschaften gibt.

Zitat von soleil:
Ich wurde vor allem von meinem Vater in einen Beruf gedrängt, der mir nie Spass gemacht hat und ich meine Talente und Interessen nicht ausleben konnte. Schlimmer noch, er war mir total wesensfremd und ich fühlte mich lange Zeit einfach nur unglücklich. Später habe ich mich mit ihm arrangiert.


Darf ich fragen, welcher Beruf es denn war? Muss nicht zu detailiert sein. Bei mir war es ein Handelsunternehmen, das ich dann irgendwann von meinem Vater übernahm. Es gab irgendwie nie eine Alternative, mein ganzes Leben war auf diese Firma ausgerichtet. Zum Zeitpunkt des stärksten Drucks von allen Seiten (Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter, Marktlage, Privates, Elternhaus, Partnerschaft) kam der Zusammenbruch (Burnout). Ich zog glücklicherweise die Konsequenzen, die sehr hart für viele Beteiligten waren, am härtesten wohl für mich und übergab die Firma mit sämtlichen Mitarbeitern an einen Kollegen. Die Abwicklung war die Hölle, glaub mir. Trotz der etwas ruhigeren Jahre, die danach folgten, bin ich heute körperlich weiterhin nur noch bei 30-70% Leistungsfähigkeit, arbeite nur noch 2-3 Stunden pro Tag als Angestellter in einem Büro. Es hat sich seitdem viel verändert und nicht alles war/ist einfach zu verkraften. Aber letztendlich könnte ich mir heute mein "früheres" Leben nicht mehr vorstellen. Um ehrlich zu sein, ich weiß heute noch nicht, was ich denn beruflich wirklich hätte machen wollen. Hast Du für Dich eine Antwort darauf gefunden bzw Dich sogar entsprechend nach Deinen Neigungen beruflich verändert?

Zitat von soleil:
Vielmehr sah ich sie als logische Konsequenz meiner falsch gelebten Lebensformen und der Tatsache, dass ich einfach nicht in dieses "System" passe.


Ja. Als System sehe ich auch nicht nur das Berufliche. Auch Parnterschaft, Ehe, Kinder, Tagesabläufe, Wertevorstellungen, Ernährung, Umgang mit Tieren und so vieles mehr muss nicht unbedingt meiner Art entsprechen.

(Fortsetzung folgt...bis dann!)

02.08.2019 10:28 • x 1 #14


Bernie1970
Zitat von soleil:
Wirklich unbeschwert und lebensfroh war ich nur eine kurze Zeit in meinem Leben. Meistens hatte immer eine depressive, ängstliche Grundstimmung.


Das liest sich so, als ob Du diese unbeschwerte Zeit ziemlich genau eingrenzen kannst? Ich muss zugeben, im Alter von 17 bis 30 Jahre empfand ich das Leben oberflächlich als ziemlich nett, ja manchmal war ich direkt euphorisch. Aber: Ich lebte auch entsprechend oberflächlich. Dazu der Alk., keine Beziehung, massig Freunde und Bekannte, beruflich und gesundheitlich alles soweit OK und (noch) sehr wenig Verantwortung. Auch in der Kindheit und Jugend waren subjektiv gute Jahre dabei. Obgleich ich stets ein nachdenklicher Mensch war, überwog doch die buchstäbliche Lust am Leben.

Wenn ich es heute so betrachte, vergönne ich diesem damaligen "Ich" (welches heute sehr weit entfernt scheint) diese vermeintlich gute Zeit. Doch wie rekapitulierte ich kürzlich mal wieder mit einem Freund: "Seit einigen Jahren spätestens müssen wir feststellen, dass das Leben kein Spaß ist". Und das war auch in keinster Weise lustig gemeint...

Interessanterweise bedaure ich es aber heute in keinster Weise, dass mir diese "Unbeschwertheit" abhanden kam. Im Gegenteil: Wer in unserem Alter noch so tut, als sei alles bestens, tut mir im Grunde leid. Das hört sich sehr miesepetrig an, aber wie schaut´s denn wirklich aus? Man wird geboren (wenn man sich heute noch daran erinnern könnte, müsste man zugeben, dass das aus Sicht des Säuglings wahrlich keine Freude ist), dann kämpft man sich jahrelang durch Schule, Ausbildung, Beruf etc. Bis man sich versieht, ist man 30, hat Frau/Mann und Kind/er, idealerweise (?) irgendwas Eigenes zum Wohnen, dann beginnt Alter, Krankheit, Tod der Eltern und ab 50-60 spätestens sieht man sich selber in erster Reihe zum Abgang stehen. Wie dieser sich gestalten wird, will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Wohlgemerkt, dieses Szenario gilt für uns Mitteleuropäer, die im Grunde auf der Komfortpyramide sämtlicher Menschen und Lebewesen ganz, ganz oben stehen! Einer ungewollt schwangeren Kongolesin oder einem Eritreer auf dem Mittelmeer gehen andere Probleme durch den Kopf...

Zitat von soleil:
Ich habe vor allem in jungen Jahren oftmals versucht, die Depression wieder wegzubekommen, indem ich mir einzureden versuchte, ich hätte nur die falsche Einstellung, wäre einfach zu empfindlich für die Reize von aussen und würde Dinge zu ernst nehmen. Oftmals wurde mir auch genau das vor allem von meinen Eltern suggeriert. Irgendwann habe ich selbst daran geglaubt. Natürlich hat mir diese "Selbst-Einrederei" am Ende nichts gebracht. Die Symptome wurden eher schlimmer und haben mich letztendlich in die Praxis eines Psychiaters geführt.


Hast Du auch schon öfters von Anderen den etwas scherzhaft gemeinten Satz gehört: "Du bist zu gut für diese Welt"? Ich denk mir dann: "Nein, ich krieg nur mehr mit als die Anderen". Kann uns dafür jemand einen Vorwurf machen? Langsam wandelt sich aber die Stimmung in der Gesellschaft. Zumindest in meinem Bekanntenkreis sind es aktuell mehr als 50%, die zumindest das haben, was man wohl "psychische Krisen" nennt. Ist auch kein Wunder, inzwischen dampft die K. dermaßen stark, dass man es auch mit "weit geschlossener Nase" nicht mehr überriecht.

Zitat von soleil:
Ich führe meine Derealisation auf das erlittene Trauma 2016 resp. die Retraumatisierung 2018 zurück.


Zitat von soleil:
Mit Meditation habe ich leider wenig Erfahrung. Warum auch immer, habe ich mich dagegen gesperrt. Doch ich habe früher lange Gespräche mit einem Freund geführt, der diesbezüglich Erfahrungen hatte und mir haben diese Gespräche sehr geholfen und mich weitergebracht.


Gerade bei PTBS ist Meditation wirklich sehr hilfreich, aber man muss sich schon ein wenig damit beschäftigen. Ich habe in der Psychoklinik einige PTBS-Betroffene kennengelernt, die sehr von MBSR profitiert haben. Ein Bekannter hat in seiner Studienzeit eine Studie über die positiven Effekte von MBSR auf Depressionspatienten begleitet, mit wirklich bemerkenswerten Resultaten. Ich persönlich betreibe meine Meditation seit nun 14 Jahren (meist 30 - 60 Minuten am Tag) und zwar nie mit dem Ziel, Angst oder Depression zu "überwinden" o.ä., sondern aus einem essentiellem Antrieb. Es ist wirklich ein sehr sinnvolles Unterfangen, zumindest einmal pro Tag aus dem Getriebe (und das ist es wirklich: Ein subjektives (!) Ge-Trieb-ensein) auszusteigen - und wenn es nur wenige Sekunden am Tag sind: Die Einsichten, gerade als Anfänger, sind enorm. Besonders wenn jemand so veranlagt wie Du mir scheinst. Aber ich will Dir da nichts aufschwatzen. Kann es sein, dass Du Angst vor irgendwelchen vermeintlichen "Erfahrungen" hast, die bei der Meditation evtl. auftreten könnten? Andererseits gebe ich zu, dass nicht jede Medi-Technik für jeden geeignet ist.

Zitat von soleil:
Mein Vater starb im August 2012, meine Mutter nur drei Monate später. Dieses Schockerlebnis hat dazu geführt, dass ich anschliessend in eine tiefe Depression verfallen bin und arbeitsunfähig wurde. Ich hatte die Wahrnehmung, dass mit deren Tod mein ganzes mir mühsam aufgebautes "Lebensgerüst" in sich zusammen gebrochen ist und ich plötzlich auf mich allein reduziert war.


Die zeitliche Nähe dieser beiden Todesfälle ist wirklich heftig. Kein Wunder, dass Dir das den Boden wegzog. Der Tod meiner Mutter war schlimm (relativ überraschend, auf der Intensivstation) aber danach musste ich mich ja um meinen Vater kümmern, der ganz arg unter dem Verlust litt. Erst als er dann knapp 6 Jahre später starb, realisierte ich, dass ich "nun keine Eltern mehr hatte". Hat sich das mit dem "zusammengebrochenen Lebensgerüst" inzwischen wieder gelegt? Ein Freund meinte mal, dass man nach dem Tod beider Eltern eine spezielle "Freiheit" erlange, die man aber erst mal aushalten muss...

Zitat von soleil:
Aus heutiger Sicht betrachtet, würde ich meinen Eltern auch zu gerne noch viele Fragen stellen. Mir würden dann eventuell Zusammenhänge klar werden, warum sie früher so und nicht anders gehandelt haben. Das wäre gerade im Kontext zu meiner eigenen Lebensentwicklung sehr interessant.


Das stimmt, ging mir auch so. Aber letztendlich ist es jetzt ziemlich unfruchtbar, darüber zu trauern. André Heller sagte mal in einem Interview: "Meine Eltern haben aus meiner heutigen Sicht sehr viel falsch gemacht, was ihre Lebensgestaltung und meine Erziehung angeht, aber dafür kann man auch dankbar sein: Dafür, deshalb zu wissen, wie man es NICHT machen sollte. Ab einem gewissen Alter kann ich meine Eltern nicht mehr für mein Leben verantwortlich machen". Diese Aussage war gar nicht so leicht zu schlucken, aber er hat wohl schon ein Stück weit recht...

Und um in Österreich hinsichtlich eigenwilliger Philosophie zu bleiben:

"Ich grüße auch die Leute nicht, die ich nicht kenne".

Karl Kraus

02.08.2019 15:58 • x 1 #15


soleil
Zitat:
Erst vor wenigen Wochen habe ich mich dazu entschlossen, endgültig damit aufzuhören, denn Alk. wirkte bei mir wie ADs und Benzos in Reinkultur, mit vermeintlich nur wenig Nebenwirkungen. Kurz nach dem kalten Entzug dann die heftigste PA... Aber ich bin sehr froh, dass ich davon weg bin und denke nur noch selten an Alk. Muss natürlich achtgeben, dass ich nicht wieder rückfällig werde.

Chapeau, dass du das geschafft hast. Und das ganz ohne Therapie. Alk. hat auch bei mir wie ein AD oder/und wie Benzos gewirkt. Ich habe ihn in meiner nassen Zeit tatsächlich so eingesetzt. Gefangen in einem ungeliebten Beruf und einer unglücklichen Ehe war er mir abends ein grosser Seelentröster, der in einer psychischen Abhängigkeit endete. Doch zum Glück habe ich vor vielen Jahren den Ausstieg geschafft.
Zitat von Bernie1970:
Einer meiner beiden besten Freunde erlebte sein Dasein sehr ähnlich wie Du. Er fand irgendwann im Gespräch den Vergleich: "Es war so, als wenn ich die meiste Zeit unter Fischen lebte und dachte, ich sei auch ein Fisch. Doch die anderen Fische nahmen entweder keine Notiz von mir oder lehnten mich konkret ab, weil ich in ihren Augen eindeutig anders war. Bis ich eines Tages tatsächlich draufkam, dass ich gar kein Fisch, sondern eine Schildkröte bin! Da war mir klar, dass wir sowohl unterschiedliche Sprachen sowie einen völlig anderen Horizont haben... es konnte nie wirklich klappen mit uns."

Sehr passender Vergleich. Das kann ich genauso unterschreiben. Im Grunde genommen bin ich schon mein Leben lang die Schildkröte unter Fischen.
Zitat:
Aber ich glaube, dass es nur selten wirklich harmonische Partnerschaften gibt.

Auch das unterschreibe ich. In Partnerschaften bin ich immer irgendwann an meine Grenzen gestossen. Eigentlich hatte ich bei jeder mit der Zeit das Gefühl, dass es einfach nicht passt. Ich fühlte mich nicht wirklich "gesehen". Nur einmal habe ich die fast schon unwirkliche Erfahrung gemacht, wirklich "gesehen" worden zu sein. Es handelte sich aber dabei nicht um eine Partnerschaft, sondern um eine sehr gute Freundschaft. Dieser Mann hatte unglaubliche empathische Fähigkeiten und ein sehr grosses Einfühlungsvermögen. Übrigens hat er auch meditiert. Mit ihm führte ich lange Zeit jeden Sonntagmittag stundenlange Gespräche, aus denen ich wie "erwacht und quicklebendig" nach Hause wackelte. Leider ist dieser Freund vor einigen Jahren verstorben.
Zitat von Bernie1970:
Darf ich fragen, welcher Beruf es denn war? Muss nicht zu detailiert sein.

Ich war Beamtin bei der Justiz.
Zitat:
Aber letztendlich könnte ich mir heute mein "früheres" Leben nicht mehr vorstellen. Um ehrlich zu sein, ich weiß heute noch nicht, was ich denn beruflich wirklich hätte machen wollen. Hast Du für Dich eine Antwort darauf gefunden bzw Dich sogar entsprechend nach Deinen Neigungen beruflich verändert?

Kann ich sehr gut verstehen. Nein, ich habe mich beruflich nicht mehr verändert. Ich befinde mich auf eigenen Antrag hin im Vorruhestand. Allerdings muss ich in schöner Regelmässigkeit dem Amtsarzt vorstellig werden, der meine Dienst(un)fähigkeit prüft.
Zitat:
Das liest sich so, als ob Du diese unbeschwerte Zeit ziemlich genau eingrenzen kannst?

Ja. Das war die Zeit, als ich ein Teenager war.
Zitat:
Dazu der Alk., keine Beziehung, massig Freunde und Bekannte, beruflich und gesundheitlich alles soweit OK und (noch) sehr wenig Verantwortung. Auch in der Kindheit und Jugend waren subjektiv gute Jahre dabei. Obgleich ich stets ein nachdenklicher Mensch war, überwog doch die buchstäbliche Lust am Leben.

Massig Freunde hatte ich nie. Eben weil ich schon immer mehr der Einzelgänger-Typ war war und lieber mit mir alleine war als mit irgendwelchen Bekannten und/oder Freunden. Ich hatte als Teenager eine sogenannte beste Freundin, mit der ich mich sehr gut verstand. Später habe ich dann meinen damaligen Mann kennengelernt, der zwar extrovertierter als ich war, aber auch nicht viele Freunde hatte. Mein Fokus lag schon immer auf einer Zweier-Verbindung. Viele Freunde waren mir schon immer zu anstrengend. Denn Freundschaften wollen gepflegt sein und dazu hätte ich auch wegen meiner frühen psychischen Erkrankungen keine Kraft und auch keine Lust.
Zitat:
"Seit einigen Jahren spätestens müssen wir feststellen, dass das Leben kein Spaß ist". Und das war auch in keinster Weise lustig gemeint...

Zu dieser Erkenntnis kam ich bereits mit 20 Jahren, als meine Berufstätigkeit begann. Seitdem bin ich von dieser Erkenntnis nicht mehr abgerückt, bzw. sie hat sich mir verinnerlicht.
Zitat:
Hast Du auch schon öfters von Anderen den etwas scherzhaft gemeinten Satz gehört: "Du bist zu gut für diese Welt"? Ich denk mir dann: "Nein, ich krieg nur mehr mit als die Anderen". Kann uns dafür jemand einen Vorwurf machen? Langsam wandelt sich aber die Stimmung in der Gesellschaft. Zumindest in meinem Bekanntenkreis sind es aktuell mehr als 50%, die zumindest das haben, was man wohl "psychische Krisen" nennt. Ist auch kein Wunder, inzwischen dampft die K. dermaßen stark, dass man es auch mit "weit geschlossener Nase" nicht mehr überriecht.

Das habe ich sehr oft gehört. Als Hochsensible verfüge ich über ein grosses Mass an Empathie und Einfühlungsvermögen, ob ich will oder nicht. Es ist mir einfach schon mit in die Wiege gelegt worden. Diese Fähigkeit habe ich wohl von meiner Mutter geerbt. Sie war ähnlich empathisch. Auch hörte ich oft den Satz "Du kannst dich gut in andere hineinversetzen".
Psychische Krankheiten werden zunehmend von der Gesellschaft nicht mehr geächtet, aber sie sind trotzdem noch weit davon entfernt, akzeptiert zu werden. Dass sie vorhanden sind, lässt sich nicht mehr leugnen, sieht man z. B. die Tatsache, dass es immer mehr Krankmeldungen wegen psychischer Probleme gibt.
Zitat:
Es ist wirklich ein sehr sinnvolles Unterfangen, zumindest einmal pro Tag aus dem Getriebe (und das ist es wirklich: Ein subjektives (!) Ge-Trieb-ensein) auszusteigen - und wenn es nur wenige Sekunden am Tag sind: Die Einsichten, gerade als Anfänger, sind enorm. Besonders wenn jemand so veranlagt wie Du mir scheinst. Aber ich will Dir da nichts aufschwatzen. Kann es sein, dass Du Angst vor irgendwelchen vermeintlichen "Erfahrungen" hast, die bei der Meditation evtl. auftreten könnten? Andererseits gebe ich zu, dass nicht jede Medi-Technik für jeden geeignet ist.

Das ist gut möglich. Wobei die Erfahrung wahrscheinlich in die Richtung gehen würde, zu noch mehr Selbstreflexion zu gelangen. Aber ich frage mich ernsthaft, ob ich das überhaupt will, diese erneute und erweiterte Auseinandersetzung mit mir und meinem Leben. Ich habe so schon viel zu verarbeiten. Aber vllt. habe ich auch eine falsche Vorstellung. Eine Bekannte schwört Stein und Bein auf ihre Meditationserfahrungen. Sie meditiert wie du jeden Tag und ist zur Erkenntnis gelangt, dass sie seitdem einen besseren Zugang zu sich selbst bekommen hat und die Welt seitdem mit anderen Augen sieht.
Zitat:
Hat sich das mit dem "zusammengebrochenen Lebensgerüst" inzwischen wieder gelegt? Ein Freund meinte mal, dass man nach dem Tod beider Eltern eine spezielle "Freiheit" erlange, die man aber erst mal aushalten muss...

Ja, das hat sich wieder gelegt. Die Aussage deines Freundes trifft den Kern. Genau so habe ich es auch empfunden. Da ist keiner mehr, denn ich "enttäuschen" könnte. Explizit mein Vater wäre masslos enttäuscht, hätte er vor allem meine berufliche (Nicht-)Entwicklung erlebt. Er war immer sehr stolz auf mich und meine Frühberentung wäre für ihn ein absolutes No-Go gewesen. Meine Mutter sagte einmal zu mir "Der Papa wäre gerne Beamter geworden, nun bist du es".
Zitat:
"Ab einem gewissen Alter kann ich meine Eltern nicht mehr für mein Leben verantwortlich machen". Diese Aussage war gar nicht so leicht zu schlucken, aber er hat wohl schon ein Stück weit recht...

Damit hat Andre Heller recht. So ist es. Irgendwann sollten wir die Eigenverantwortung für unser Leben übernehmen. Doch die Schutthalden, die sich bis dahin aufgrund der vermeintlich harten/falschen Erziehung angehäuft haben sind oft beträchlich. Die müssen wir alleine wegräumen, wenn dies überhaupt noch geht. Oftmals müssen wir auch einfach damit leben. Man tut sich gut daran, den Eltern irgendwann ihre Fehler zu verzeihen. Das habe ich getan. Ich trage ihnen nichts mehr nach, bin ihnen nicht mehr böse. Sie haben es nicht aus niedrigen Beweggründen gemacht, sondern weil sie einfach nicht anders konnten.

Hast du denn eine eigene Familie?
Wenn dir die Frage, das gilt auch für andere Fragen, zu persönlich ist/ sind, ignoriere sie einfach.

"Willst du das Leben leicht haben, so bleibe immer bei der Herde".
Friedrich Nietzsche

03.08.2019 03:11 • x 1 #16


Bernie1970
Hallo soleil,

"Familie" wäre etwas übertrieben: Eine aus meiner Sicht sehr harmonische und vertraute Beziehung seit gut 10 Jahren. Keine eigenen Kinder, aber ihre inzwischen volljährige Tochter noch im Haus. Lebe seit dem Burnout bei ihnen, früher war das eine Wochenendbeziehung. Könnte mir das heute nicht mehr vorstellen, diese Pendelei.
Autofahren ist eh nicht mehr so einfach, vor allem lange Strecken. Ich hänge noch etwas an meiner Heimatstadt und bin auch alle paar Wochen dort um Freunde zu treffen und das Grab meiner Eltern zu besuchen.

Dass auch Du vom Alk. abgelassen hast, finde ich sehr respektabel und mehr als erfreulich. Darf ich fragen, ob Du irgendwelche Medikamente einnimmst, vor allem wegen der Frühberentung? Meine ehemalige Nachbarin hatte vor 25 Jahren ebenfalls aufgrund psychischer Erkrankungen diesen Antrag durchgebracht und lebt seitdem nach eigenen Angaben ein sehr ruhiges, zufriedenes Leben. Nun, kurz vor ihrem 56. Lebensjahr hat sie auch noch einen wohl sehr passenden Mann kennengelernt und sie leben schon eine Weile zusammen. Sie hatte es nie leicht, die Nachbarn bezichtigten sie oft als "eingebildete Kranke" und "faule Schmarotzerin". Schön, wie die ach so "Gesunden" über alles so präzise Bescheid wissen...

Ich hoffe und wünsche Dir, dass Du trotz der unerfreulichen Erfahrungen das Thema Partnerschaft oder zumindest tiefe Freundschaft mit einem lieben Menschen deshalb nicht für immer ausschließt. Ob Du aktuell in einer Beziehung lebst, weiß ich aber ja gar nicht.
Ich hatte lange Angst vor einer Beziehung und wurde, gerade als ich mich endgültig darauf einlassen wollte, schmerzhaft enttäuscht. Die Hunde meiner damaligen Partnerin gingen eindeutig vor, aber heute bin ich froh, dass es vorbei ging, sonst hätte ich meine "Fast-Frau" sicher nie kennengelernt. Gemeinsam haben wir schon viel durchgestanden, das schafft Vertrauen, was mir übrigens sehr wichtig ist.
Ein Freund sagte damals, als ich mit der Hundefrau erwog, ernst zu machen und seine Meinung hören wollte: "Eine Partnerschaft ist das Risiko des Scheiterns allemal wert und der Mensch ist so "designt", dass er letzteres auch verkraftet". Das war eine für sehr typische, "nüchterne" Aussage ...

Hm, da Du Erfahrung mit Leuten hast, die Meditation ernsthaft betrieben bzw betreiben und trotzdem davor irgendwie zurückschreckst (?) möchte ich Dich natürlich nicht diesbezüglich beeinflussen. Meditation kann man aus sehr unterschiedlichen Antrieben heraus praktizieren. Nahezu sämtliche Kulturen und Religionen beschäftigen sich mehr oder weniger damit. Du hast Bedenken, dass es in Deinem Fall zu "noch mehr" Selbstreflexion führen und Dich zusätzlich belasten könnte?

(Fortsetzung folgt)

03.08.2019 06:23 • x 1 #17


Bernie1970
In meinem Fall stellt die Meditationspraxis "nur" einen von mehreren Bereichen der Arbeit dar. Die anderen betreffen den normalen Alltag: Heilsames Verhalten erkennen und pflegen sowie das Gegenteil versuchen zu verringern. In der ursprünglichen buddhistischen Lehre geht es ganz konkret um die Tatsache, zu erkennen, dass alles Erleben in irgendeiner Weise ungenügend und somit per se leidhaft ist. Des weiteren lernt man nach und nach, weshalb (!) das so ist. Drittens wird verstanden, dass es möglich ist, das Leiden zu verringern oder gar vollständig aufzuheben. Dies kann jeder Mensch, je nach seinen Möglichkeiten, aus eigener Kraft erreichen.
Interessanterweise, und das dürfte Dich eigentlich erleichtern, geht es sehr zentral um ein Verständnis, wie es zur Illusion eines Ichs und somit zum Leiden kommt. In keiner Weise geht es um Selbstreflexion wie wir das o. g. verwenden, sondern dieses vermeintliche Ich wird hinterfragt. Tatsächlich lockert sich im Laufe der Praxis die Überzeugung, dass Ich unabhängig existiere, handele, sterbe etc.

Obgleich sich das vielleicht etwas abstrakt ließt, kann man das durch ein wenig Kontemplation relativ schnell intellektuell erfassen. Notwendig zum wirklichen Verringern des Leidens ist jedoch die direkte Einsicht "hier und jetzt". Es bricht unsere verblendete "Ich-und-Welt-Sicht" langsam auf und damit die Ursache des Leidens.

Wenn es Dich interessiert, kann ich gerne noch a bisserl referieren oder gute Bücher nennen. Aber wenn diese grobe Beschreibung Dich nicht irgendwie anspricht, ist das einfach nicht Dein Ding.

Wünsche noch beschaulichen Samstag

03.08.2019 12:19 • x 1 #18


soleil
Zitat:
Autofahren ist eh nicht mehr so einfach, vor allem lange Strecken. Ich hänge noch etwas an meiner Heimatstadt und bin auch alle paar Wochen dort um Freunde zu treffen und das Grab meiner Eltern zu besuchen.

So geht es mir auch. Ich bin wegen meiner letzten Beziehung vor ein paar Jahren von meiner Heimatstadt weggezogen und hänge ebenfalls noch sehr an ihr. Jetzt wohne ich in einem Kaff und die Beschränktheit hier (ich meine das durchaus auch ironisch) geht mir doch sehr auf die Nerven. Schubladendenken, Spiessertum, Heile-Welt-Illusionen etc. pp hier kann man aus dem Vollen schöpfen. Da bin ich von meiner Heimatstadt (eine Unistadt) schon anderes gewohnt. Anonymität sucht man hier vergeblich. Jeder Neue wird neugierig und misstrauisch beäugt. Wer nicht mit dem Strom schwimmt hat schon verloren.
Zitat:
Darf ich fragen, ob Du irgendwelche Medikamente einnimmst, vor allem wegen der Frühberentung? Meine ehemalige Nachbarin hatte vor 25 Jahren ebenfalls aufgrund psychischer Erkrankungen diesen Antrag durchgebracht und lebt seitdem nach eigenen Angaben ein sehr ruhiges, zufriedenes Leben. Nun, kurz vor ihrem 56. Lebensjahr hat sie auch noch einen wohl sehr passenden Mann kennengelernt und sie leben schon eine Weile zusammen. Sie hatte es nie leicht, die Nachbarn bezichtigten sie oft als "eingebildete Kranke" und "faule Schmarotzerin". Schön, wie die ach so "Gesunden" über alles so präzise Bescheid wissen...

Ich nehme ein AD ein (Mirtazapin) und das auch nur, weil es eine schlafanstossende Wirkung hat. Andere ADs wirken bei mir leider nicht. Benzos verschreibt mir mein Psychiater nicht, da sie nach kürzester Zeit abhängig machen können und ich eine genetische Disposition für Suchterkrankungen habe.
Das Verhalten dieser Nachbarn kommt mir sehr bekannt vor. Haben diese deiner ehemaligen Nachbarin das so deutlich ins Gesicht gesagt? Da ich wie erwähnt in einem Kaff wohne habe auch ich solche "netten" Nachbarn. Sie sagen es mir zwar nicht ins Gesicht, aber ihr Verhalten spricht Bände. Vor alles das der Nachbarn meiner letzten Wohnung. Da wird jemand, der nichts arbeitet und den ganze Tag zuhause hockt sofort in eine ihrer vielen Schubladen gesteckt und dort bleibt er, bis er schwarz wird.

Das Thema Partnerschaft ist schwierig und ich möchte es hier in diesem öffentlichen Rahmen nicht thematisieren.
Zitat:
In der ursprünglichen buddhistischen Lehre geht es ganz konkret um die Tatsache, zu erkennen, dass alles Erleben in irgendeiner Weise ungenügend und somit per se leidhaft ist. Des weiteren lernt man nach und nach, weshalb (!) das so ist. Drittens wird verstanden, dass es möglich ist, das Leiden zu verringern oder gar vollständig aufzuheben. Dies kann jeder Mensch, je nach seinen Möglichkeiten, aus eigener Kraft erreichen.

Hört sich interessant an. Darüber würde ich gerne mehr erfahren.
Zitat:
Wenn es Dich interessiert, kann ich gerne noch a bisserl referieren oder gute Bücher nennen. Aber wenn diese grobe Beschreibung Dich nicht irgendwie anspricht, ist das einfach nicht Dein Ding.

Ich werde jetzt einfach mal den Schritt in mir bis jetzt unbekanntes Terrain wagen. Bin auf deine näheren Infos gespannt.

Schönen Sonntag.

04.08.2019 02:24 • x 1 #19


Bernie1970
Hallo soleil,

gäbe es für Dich die Möglichkeit, wieder in die erwähnte Stadt zurückzuziehen?

Ob meiner Nachbarin seinerzeit das so ins Gesicht gesagt wurde, wage ich zu bezweifeln. Aber zu mir hin drang das regelmäßig durch und einmal sagte ihre Vermieterin (!) zu mir, dass sich Frau X nebenher als Pr. betätige. Sie schloss das daraus, weil sie halt einige Beziehungen im Laufe der Jahre versuchte... Pure Verleumdung.

Ich freue mich über Deine Offenheit für den Vorschlag, Dir mal das Dhamma (damit meine ich hier die Einsicht und die daraus resultierende Lehre des historischen Buddha) anzuhören. Zuvor möchte ich klarstellen, dass ich keinerlei Sekte o.ä. angehöre. Ich pflege zwar Kontakt zu Mönchen der Thailändischen Waldtradition und einer Buddhistischen Gesellschaft, aber bin im Grunde "Einzelkämpfer", was ich in diesem Metier als für mich am passendsten empfinde. Gruppenzwang und Vereine tun mir nicht gut und es gibt so viele gute Quellen (auch viele schlechte und gefährliche) über diese Lehre, nach deren Lektüre ich mir meinen, wie ich glaube, praktikablen Zugang geschaffen habe.
Es kann sein, dass es schon etwas umfangreicher wird. Deshalb versuche ich, langsam und Tag für Tag ein wenig zu schreiben. Manches geht Dir vielleicht erst mal gegen den Strich oder widerspricht einer Deiner festen Überzeugungen. Deshalb bitte ich darum, bei Unannehmbaren oder Ungereimtheiten erst mal nachzufragen und die Antwort erst mal als Arbeitshypothese zu akzeptieren. Bin selbst gespannt, wie ich es rüberbringen kann...

Bis in Kürze

04.08.2019 15:16 • x 1 #20




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