Hallo soleil,
dann gleich los...
6. Rechte Anstrengung: Um unheilsame Geisteszustände zu vermeiden oder zu überwinden, sowie heilsame zu erwecken oder zu stärken.Der Buddha nennt hier die "Vier großen Anstrengungen":
a) das Bemühen um
Vermeidung,
b) das Bemühen um
Überwindung,
c) das Bemühen um
Erweckung,
d) das Bemühen um
Erhaltung.
Aber was soll denn vermieden, überwunden, erweckt bzw. erhalten werden? Hier zitiere ich direkt aus dem Palikanon: (den Begriff "Mönch" kannst Du wahlweise mit "der/die Übende" übersetzen):
a) Was aber ist die Anstrengung zur Vermeidung (samvara-padhna) ?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen,
nicht aufgestiegene üble,
unheilsame Dinge nicht aufsteigen zu lassen; und er kämpft darum, bietet seine Kraft auf, strengt seinen Willen an und müht sich.
Erblickt da der Mönch mir dem Auge eine Form, hört er mit dem Ohr einen Ton, riecht er mit der Nase einen Duft, schmeckt er mit der Zunge einen Saft, fühlt er mit dem Körper einen Körpereindruck, erkennt er mit dem Geiste ein Geistobjekt,
so haftet er weder an der Gesamterscheinung noch an den Einzelheiten (!). Da ihn, unbewachten Geistes weilend, Begehrsucht und Kummer, üble, unheilsame Dinge ankommen möchten, so wacht er darüber, hütet er den Geist, wacht über den Geist. Das nennt man die Anstrengung zur Vermeidung.
b) Was aber ist die Anstrengung zur Überwindung (pahna-padhna)?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen,
aufgestiegene üble,
unheilsame Dinge zu überwinden; und er kämpft darum, bietet seine Kraft auf, strengt seinen Willen an und müht sich.
Da läßt der Mönch einen aufgestiegenen Gedanken der Begierde, des Hasses, der Grausamkeit nicht Fuß fassen, läßt die immer wieder aufsteigenden üblen, unheilsamen Dinge nicht Fuß fassen, überwindet, vertreibt, vernichtet sie, bringt sie zum Schwinden. Das nennt man die Anstrengung zur Überwindung.
(Exkurs aus einer anderen Lehrrede bzgl. der Überwindung unheilsamer Gedanken):
Wenn beim
Erwägen eines Objektes (d.h. sich einer Sache, einer Situation, einer Person etc. erinnern) dadurch im Mönch üble, unheilsame Gedanken aufsteigen, mit Gier, Haß oder Verblendung verbundene, so soll er aus dieser Vorstellung eine
andere, heilsame gewinnen (sie also durch heilsame Gedanken ersetzen); oder er soll den
Unsegen solcher Gedanken erwägen: ,Da sind sie ja, diese unheilsamen Gedanken, diese verwerflichen leidgebärenden!'; oder er soll solchen Gedanken keine Beachtung schenken; oder er soll ihren Entstehungsgrund feststellen; oder er soll (letzte Möglichkeit, wenn die vorherigen Aktionen nicht gefruchtet haben!), die Zähne aufeinander beißend und die Zunge gegen den Gaumen gepreßt, die Gedanken mit seinem Geiste niederzwingen, unterdrücken und überwältigen. Dabei aber kommen jene mit Gier, Haß und Verblendung verbundenen, üblen unheilsamen Gedanken zum Schwinden und zur Aufhebung; und nach ihrem Schwinden festigt sich innerlich der Geist, beruhigt sich, wird einig und sammelt sich.
c) Was aber ist die Anstrengung zur Erweckung (bhvan-padhna)?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen,
nicht aufgestiegene heilsame Dinge aufsteigen zu lassen; und er kämpft darum, bietet seine Kraft auf, strengt seinen Willen an und müht sich.
Da erweckt der Mönch das auf
Entsagung, Gierentfremdung und Erlöschung (d.h. Erleuchtung/Nibbana) gerichtete und zur Befreiung führende Erleuchtungsglied der Achtsamkeit, Wahrheitsergründung, Willenskraft, Verzückung, Ruhe, Sammlung und des Gleichmuts. Das nennt man die Anstrengung zur Erweckung. (Hier geht es um die aktive Achtsamkeits- und Meditationspraxis - 7. und 8. Pfadglied - in deren Folge Weisheit entsteht und
dukkha sich verringert).
d) Was aber ist die Anstrengung zur Erhaltung (anurakkhana-padhna)?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen,
aufgestiegene heilsame Dinge zu festigen, nicht schwinden zu lassen, sie zum Anwachsen und zur vollen Entfaltung zu bringen; und er kämpft darum, bietet seine Kraft auf, strengt seinen Willen an und müht sich. So hält er
z. B. ein aufgestiegenes Objekt der Sammlung (also während der Meditation) fest. Das nennt man die Anstrengung zur Erhaltung.
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Sehr interessant ist schon mal Punkt
a): Es geht hier darum, beim "Eindringen von Sinneseindrücken" (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken) sofort darauf zu achten, sie mit achtsamen Geist aufzunehmen. Das bedeutet, die Dinge schlicht als das zu belassen, "was sie sind" und sie nicht zu bewerten, zu "ver-MEIN-en". Aus der unachtsamen Interpretation von Sinneseindrücken entstehen Sorge, Kummer, Angst, Hass, Gier etc. Durch diese Praxis
verhindert man die Entstehung neuen dukkhas!
Bei Punkt
b) geht es darum, "das Kind wieder aus dem Brunnen zu holen", also bereits durch Unachtsamkeit entstandene unheilsame Zustände wie Angst, Gier, Trauer, Wut, Grübelei zu überwinden. Den Exkurs bzgl. unheilsamer Gedanken habe ich extra mit dran gehängt, weil hier die konkreten Verfahrensweisen aufgeführt sind.
Wenn Du alle vier empfohlenen Anstrengungen noch mal durchliest, bekommst Du vielleicht langsam ein Gespür für den ganzheitlichen Sinn dieses Pfadgliedes:
a) und b) handeln vom Verhindern und Überkommen von
Verblendung,
c) und d) handeln vom Erwecken und Kultivieren von
Weisheit.
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Die nächsten Tage werde ich versuchen, die letzten beiden Pfadglieder ausführlich genug zu beschreiben. Wenn man die bisherigen Pfadglieder, insbesondere das 6., verstanden hat oder zumindest offen dafür ist, sich ihrem tieferen Sinn zuzuwenden, entsteht automatisch das Interesse an Pfadglied 7 und 8. Sie stellen die konkrete Arbeit der Geistesschulung und Weisheitsentwicklung dar, also "die Front" und können sehr fordernd sein, aber eben auch immense Klarheit schaffen, wenn man es weder übertreibt noch zu lasch angeht.
Einige Psychotherapeuten verwenden seit einiger Zeit - z.T. ziemlich erfolgreich - die Rechte Achtsamkeit (Nr. 7) und entsprechend ergänzende kleine Konzentrationsübungen (Nr.

im Rahmen ihrer Therapien. Das ist völlig legitim und m. E. auch zu empfehlen. Doch richtig lebendig und stabil kann nur "das ganze Programm" funktionieren. Sie zielt nämlich nicht singulär auf die "Heilung einer psychischen Erkrankung" ab sondern will das "Problem an sich" erklären und lösen helfen.
Wer im Buddha-Dhamma "zuviel Religion" sieht, sollte sich einfach mal ernsthaft mit den 4 EW und dem 8-Pfad beschäftigen. Buddhastatuen, Rezitationen und Räucherstäbchen dienen der Verehrung des historischen Buddha im Sinne seines Erfolges, den Weg "erkannt" und "zu Ende gegangen" zu sein doch nur die wenigsten "Buddhisten" beschäftigen sich wirklich mit dem Dhamma, geschweige, es zu praktizieren.
Bis bald und liebe Grüße (hoffe, Du hältst den vielen Input aus...!?)
