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Perle
Hallo Ihr,

habe vor etwa fünf Wochen die Diagnose Generalisierte Angststörung erhalten und bin seitdem auch krank geschrieben. Dem vorangegangen waren massive körperliche Symptome seit etwa Februar d.J., die ich an sich scheinbar im Griff zu haben schien. Vor eineinhalb Wochen bin ich am frühen Abend spazieren gegangen. Als ich fast schon zuhause war, überkam mich ein totaler Schweißausbruch, mein Herz raste wie wild und scheinbar habe ich dann angefangen zu hyperventilieren. Meine Beine knickten ein und ich konnte mich grade noch mitten an der Hauptstraße auf den Rand eines Blumenkübels setzen. Habe dann Passanten angesprochen und mein Glück war, dass unter ihnen ein Arzt war. Um das Ganze abzukürzen: Ich bin dann im Rettungswagen ins Krankenhaus gekommen, konnte dieses aber nach vier Stunden wieder verlassen.

Es ist entsetzlich, wenn man die Kontrolle über seinen Körper verliert und man entwickelt die Angst vor der Angst.

Meine Frage an Euch: Ist es einem von Euch auch schon passiert, dass er kollabiert ist? Wie seid Ihr damit umgegangen?

LG, Martina

25.08.2014 13:31 • 26.10.2014 #1


12 Antworten ↓


Du bist ja nicht kollabiert.
Du warst zu jeder Zeit ansprechbar und konntest andere um Hilfe bitten.
Die Symptome durch die Hyperventilation sind unangenehm aber nicht gefährlich oder lebensbedrohend. Du weißt welche Ursache die Zustand hatte und was du dagegen tun kannst ( z.b. In eine Tüte Atmen )
Was man tun kann ? Sinnvollerweise eine Therapie.
Wie ich damit umgegangen bin? Ich habe mir sehr schnell einen Therapeuten gesucht, eine Verhaltenstherapie gemacht und lebe heute wieder so wir vor der Angsterkrankung.

25.08.2014 13:38 • #2



Hatte Kreislaufkollaps wegen Angst

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Perle
Hallo,

bin seit 1,5 Jahren in Verhaltenstherapie. Habe jetzt eben mit einem Krankenhaus telefoniert und werden dort in drei Tagen auf die Akutstation der Psychosomatik kommen.

25.08.2014 13:46 • #3


Perle
Hallo zusammen, inzwischen sind seit meinem Eingangsbeitrag rund 2 Monate vergangen. Ich war sechs Wochen auf einer Akutstation im Krankenhaus und habe dort positive Erfahrungen sammeln können. Ich bin nicht geheilt, dass kann ich auch nicht erwarten, aber ich wurde ein Stück weit stabilisiert und habe meine Grundthemen (Wut und Einsamkeit) bearbeitet.

Danach war ich 2 Wochen zuhause und habe geübt, meine Wohnung zu verlassen, unter Menschen zu gehen, Bus zu fahren usw.. Je nach Tagesverfassung klappt das mal besser mal schlechter aber ich versuche, mich selber keinem Druck auszusetzen und die Angst an meiner Seite zu akzeptieren. Ich rede mit ihr (Hallo, da bist Du ja wieder. Du kannst mir ja nichts tun, gehe ruhig neben mir und wenn Du nicht mehr magst, dann gehe auch wieder ...).

Bei diesen Übungen trage ich als "Krücke" immer meine Plastiktüte in der Jackentasche, falls doch mal eine Hyperventilation kommen sollte. Ich bin noch immer sehr unsicher und habe Angst vor der Angst, auch Angst vor Krankheiten und Sorge, dass mir nahe stehenden Menschen etwas Schlimmes geschehen könnte.

Seit dem 23. Oktober gehe ich nun zur Tagesklinik, die ebenfalls in dem besagten Krankenhaus ist. Ich kann hierzu aber noch keine Erfahrungen mitteilen, außer dass mir das frühe Aufstehen, das Gehen zur Bushaltestelle im Dunkeln und die 30minütige Busfahrt noch sehr schwer fallen, so dass ich nervös bin, Kreislaufprobleme habe und das Herz rast. Das ist unangenehm, wird aber nach einer Weile etwas besser.

Heute im Supermarkt bekam ich beim Schlange stehen wieder Herzrasen, Schweißausbruch und schnellere Atmung. Ich konnte mich im Griff halten aber es war sehr anstrengend für mich und ich war froh, als ich zuhause war. Ich bin ein wenig traurig darüber und weine auch etwas aber es zeigt mir eben auch, dass eine Angsterkrankung und deren Therapie ein langer Prozess ist und meinerseits noch längst nicht Alles an Ängsten ausgesprochen ist.

Vielleicht hat es hier ja jemanden interessiert wie es mir so ergangen ist in den letzten Wochen. Ich wollte mich einfach mal zurückmelden.

Viele Grüße, HmP

25.10.2014 14:49 • #4


Ich hatte schon einige Kreislaufkollapse und dir ist sicher der Kreislauf leicht flöten gegangen aber ein richtiger Kollabs war es nicht

Wobei es auch so sicher schlimm genug war.
Mir passierte es zu Anfang auch oft. Entweder waren es Nervenzusammenbrüchen oder auch Ohnmacht wegen falscher Atmung.
Der Körper reguliert sich dadurch selbst.

Du hast sicher einiges gelernt wie du dir in Akutsituationen selbst helfen kannst und wünsche dir weiterhin einen guten Weg

25.10.2014 15:03 • #5


Perle
Hallo Flocke,

ja, ich habe einige Techniken lernen können bzw. mir auch parallel angelesen.

Als ich im August schrieb stand ich noch vollkommen unter dem Schock des Ereignisses und noch heute schaue ich ungern an die Stelle an der Hauptstraße wo "es" passierte. Ich bin ja letztlich am Ampelmast runtergerutscht und hatte Gott sei Dank einen Ersthelfer, der Arzt ist. Aber auch diese Erfahrung, mit dem Rettungswagen weggefahren zu werden ... es war irgendwie alles so unwirklich.

Mich würde interessieren, ob Du heute noch öfter Panik- und/oder Angstgefühle hast und wie DU dann damit umgehst. Ich würde mich freuen, noch einmal von Dir zu hören. Danke!

LG

25.10.2014 15:15 • #6


Ja, das glaub ich dir das es ein Schock war.

Also, grob gelten für mich folgende Regeln, gelernt in Therapien:
Das Geheimrezept ist, die Angst nicht zu vermeiden.

1. Rein in die Angst
2. Aushalten
3. Dich selbst dabei beobachten, aufschreiben warum und welche Symptome
4. Gewohnungseffekt entsteht, das Gehirn lernt, es passiert nichts schlimmes
5. Negativ/ Worst case Gedanken immer mit einem "Stopp" durchbrechen
6. Positive Gedanken, positives Ende erfinden anstatt des Worst case
7. Bewusst Entspannungübungen machen
machen, wenn möglich abends.

Ich habe immer Angst und/oder Panikattacken wenn ich krank bin. Infekt, Schmerzen...etc.
Und hohe Anspannung und Angst bei Nähe. Kann man so grob sagen.

Gehst du denn ganz normal vor die Tür?
Das war ganz zu Beginn die Hölle für mich.

25.10.2014 15:28 • #7


Perle
Also, in meiner Akutphase konnte ich nicht mehr vor die Tür gehen, auch nicht zum Einkaufen um die Ecke. Der Pizzabote war in dieser Zeit mein einziger Kontakt nach draußen. Kurz darauf konnte ich ja dann auf die Akutstation.

Es ist immer noch eine Herausforderung für mich rauszugehen. In den zwei Woche, die ich zuhause war bevor die Tagesklinik begann habe ich es jeden Tag zweimal getan. Vormittags etwas länger mit dem Ziel, irgendwo etwas einzukaufen oder jemanden zu besuchen etc. und am frühen Abend bin ich immer in meiner Straße und den Seitenstraßen spazieren gegangen (mit Plastiktüre in der Tasche, Kaugummi kauend und meinem Schlüsselbund in der Hand).

Ich muss dazu sagen, dass die Ängste verstärkt direkt in meiner häuslichen Umgebung auftreten. In der Therapie habe ich herausgefunden, dass meine Wohnung als Symbol für Einsamkeit steht und je näher ich ihr kam, desto mehr körperliche Symptome traten auf. Inzwischen geht das Spazierengehen aber ganz gut. Ich bin sogar manchmal gegenüber der Stelle des Zusammenbruchs stehengeblieben für 10 Minuten und habe das auch ausgehalten - mich also der Angst gestellt bis z.B. das Herzrasen langsam abklang.

Und dennoch bin ich immer wieder fassungslos, dass mich diese Erkrankung ereilte. Das hätte ich nicht für möglich gehalten und auch nicht, dass mein Körper derartig massiv um Hilfe schreien kann. Ich habe mich bereits mehrfach bei ihm entschuldigt, wenn man das so sagen kann, dass ich sein Rufen über Monate so sehr ignoriert habe. Es zeigt mir aber auch wie toll und zuverlässig er funktioniert und dass ich ihn pflegen will. Auf jeden Fall habe ich gelernt, genau hinzuhören, was er mir erzählt auch wenn ich noch nicht alles verstehe.

Ich möchte (und muss) einiges in meinem Leben ändern, z.B. Freunde finden, Stress bei der Arbeit reduzieren, lernen wieder von mir zu erzählen. Weißt Du, ich bin irgendwann einfach verstummt und habe nur noch wie ein Roboter funktioniert. Körper und Seele standen in keiner Verbindung mehr, ich habe beide niedergetrampelt. Ich habe in den letzten Monaten viel über mich gelernt, wenngleich ich mir gewünscht hätte, dieses nicht unbedingt über eine Angsterkrankung zu tun. Die Angsterkrankung ist widerlich und unheimlich aber sie existiert berechtigterweise und ich fürchte, sie ist bei der Menschheit weiter verbreitet als so mancher Mensch zugeben mag.

25.10.2014 15:47 • #8


Du erinnerst mich stark an mich

Ich finde toll wie du es anpackt. Genauso muss das! Und ja, die soziale Isolation macht mir auch sehr zu schaffen... Aber ich kann nichts erzwingen. Menschen müssen einem begegnen...passieren. Und dann kann etwas gutes dabei entstehen.

25.10.2014 16:00 • x 1 #9


Hallo Martina, ich habe hier deinen Beitrag gelesen und ich finde es toll wie aktiv du dagegen angehst. Ich bin erst seit kurzem drauf gekommen, daß ich eine Angsstörung habe. Ich habe seit über Jahre organische Probleme die sich äußern in Hitzewallungen, Zittern, Schwindel, Magenprobleme, Kreislaufprobleme. Alles hat so vor 5 Jahren angefangen bei der Arbeit. Dort hatte ich einen Kreislaufzusammenbruch. Ab da war alles anders. Bin natürlich zu allen möglichen Ärzten gelaufen und alle haben mir bescheinigt, daß ich absolut gesund bin. Bluttests, MRT, ja selbst eine Magenspiegelung wurde gemacht. Ich bin organisch gesund. Aber ich fühle mich so. Wie es so ist habe ich einfach nicht gewusst wie es weitergeht. Irgendwann habe ich mir gesagt, ich muss das jetzt selbst in die Hand nehmen und habe recherchiert. Und was soll ich sagen. kein Arzt hat mir die Angssstörung bescheinigt aber ich weiss selbst mittlerweile, daß es eine ist. Alle Symptome sprechen dafür. Wenn ich Stau stehe passiert es, wenn ich keine Fluchtmöglichkeit habe passiert es. Und wenn ich daheim bin nicht weil ich mir sicher bin.
Momentan bin ich jetzt soweit mich nach einem Therapeuten umzusehen und ich habe selbst Entspannungsübungen in mein Programm aufgenommen. Ausserdem versuche ich alle extreme Reize zu reduzieren wie Fernsehen, Stress im Geschäft (soweit es geht).... Was meint Ihr? Was kann ich noch tun?
Bis dahin und dir alles Gute

25.10.2014 17:10 • #10


Perle
Hallo Tassilo,

Danke für Deine netten Worte!

Ja, Deine Ärzte-Odyssee kann ich gut nachempfinden; mir erging es genau wie Dir. Bin auch von Arzt zu Arzt gerannt, ohne dass mir jemand weiterhelfen konnte. Letztlich habe ich es einem jungen Orthopäden (!) zu verdanken, der mir sagte, er könne mich noch 100 Jahre wegen des chronischen HWS-Syndroms behandeln, jedoch würde die Schmerzen immer wiederkommen, wenn ich nicht auf meine Seele schauen würde.

Was kannst Du also noch tun? Den wichtigsten Schritt bist Du bereits angegangen! Du solltest unbedingt einen Psychotherapeuten finden. Ich weiß, dass es hier sehr lange Wartezeiten geben kann, gib trotzdem nicht auf. Telefonierte sie alle ab!

Zudem kann es hilfreich sein, wenn Du Dir eine Person Deines Vertrauens suchst, der Du von Deinen Ängsten und körperlichen Symptomen erzählen kannst. Diese Person soll nicht therapeutisch auf Dich einwirken, damit wäre sie im Regelfall auch überfordert. Sie sollte zuhören können, Dich trösten, Dich ggf. in den Arm nehmen können.

Hilfreich wäre u. U. auch eine Tanz- und Bewegungstherapie (wie bei mir in der Klinik) oder eine Kunst- oder Musiktherapie. All das kann man auch ambulant durchführen, evtl. übernimmt das die Krankenkasse, frage dort bitte einmal nach. Keine Sorge, Du musst nicht malen können wie Picasso, nicht tanzen wie Michael Jackson oder singen wie Whitney Houston! Es geht darum, dass Du Seele und Körper die Möglichkeit gibst sich ausdrücken zu können - wenn die Worte fehlen. Schaue auch einmal unter dem Stichwort Ergo-Therapie. Dieses soll ich lt. meiner Ärztin machen, wenn die Tagesklinik beendet ist.

Ich wünsche Dir alles Gute, melde Dich, wenn Du magst.

LG, Martina

26.10.2014 12:50 • #11


Joji
hamburg.deine.perle was hast du denn in deiner musiktherapie erlebt wenn ich fragen darf?
Gab es spezielle Übungen die du gelernt hast oder ging es generell ums "Musik machen"?

Liebe grüße
joji

26.10.2014 19:24 • #12


Perle
Hallo Joji,

ich persönlich war nicht in der Musik- sondern in der Tanz- und Bewegungstherapie!

Es gab aber eine ganze Reihe von Mitpatienten, die an der Musiktherapie teilgenommen haben und mir Folgendes berichteten: Man findet dort die verschiedensten Instrumente vor, wobei aber zu Beginn wie bei den anderen Therapieformen auch erst einmal eine Gesprächsrunde stattfindet. Anhand der Worte, der Mimik und Gestik des Patienten kann der Therapeut schon zuordnen, welches Instrument bei einer bestimmten Stimmungslage hilfreich sein kann.

Das Instrument verstärkt die innere Stimmung und ist wie eine Art "Ventil", dieses Gefühl (Traurigkeit, Wut etc.) heraus lassen zu können. Es kann Spannungen lösen, das Angestaute findet einen Weg nach draußen und verschafft eine gewisse Erleichterung. Eventuell kommen starke Emotionen zum Vorschein, die Patienten haben auch mitunter geweint, was aber gut und gewollt ist. Danach wurde dann wieder eine Gesprächsrunde geführt und den Mitpatienten fiel es leichter, die Gefühle in Worte zu fassen. Manchmal habe ich die Patienten auch lautstark singen hören!

Ich kann es nur mit meinen eigenen Worten schildern und sicher umfasst das Thema noch sehr viel mehr.

LG, Martina

26.10.2014 20:16 • #13



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Mira Weyer