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Was mich an der aktuellen Gesundheitspolitik vor allem wundert, ist, dass sich alle wundern. Wir leben nun mal in einer Gesellschaftsform, in der die Wirtschaft im Vordergrund steht. Macht für diejenigen, die reich sind. Gewinn und Wachstum um jeden Preis. Das ist doch von vornherein klar. Das ist Kapitalismus. Das wollen doch anscheinend die meisten. Sie wählen zumindest kapitalistische Parteien. Ich wundere mich über gar nichts mehr. Ich wähle, wenn ich die Berechtigung dazu habe, Parteien, die für eine menschliche Gesellschaftsform eintreten. Leider tun das sehr wenige. Das ist Demokratie. Da muss man sich der Mehrheit beugen und das akzeptieren. Das tue ich.
Aber es ist doch logisch, dass es im Kapitalismus nicht darum geht, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gut geht, Es soll den wenigen Reichen gut gehen, und von der breiten Masse wird die Arbeitskraft bestmöglich ausgebeutet. Konsumieren sollen sie natürlich auch noch. Da ist es dann aber blöd, wenn es so viele wirklich wichtige Leistungen umsonst gibt.
Sinn einer Krankenkasse ist Erhaltung der Arbeitskraft, nicht dass man sich wohlfühlt. Und wenn eh wenig Aussicht auf reibungslose, effiziente Arbeit besteht, warum sollte man in diese Arbeitskraft weiter investieren? Paar Minimalleistungen, die verhindern dass sich Krankheiten ausbreiten, reichen da doch? Alles andere ist doch nicht wirtschaftlich? Bei der Therapie ist ja nicht die Frage, wie viele Menschen dadurch ein besseres Leben führen können. Sondern die Frage ist, wie viele Menschen dadurch wirklich besser, länger und effizienter arbeiten können als ohne Therapie. Und diese Kosten werden gegeneinander abgewogen.
Sozialleistungen (z.B. EU-Rente, Sozialhilfe), ja gut, soll ja keine Aufstände geben. Das ist immer voll unbequem und verursacht zusätzliche Kosten. Wenn die Leute wenigstens TV den ganzen Tag laufen lassen können und billige Chips dazu essen können, rennen die einfach nicht so schnell auf die Straße und beschweren sich. Verhindert auch einiges an Kriminalität. Sinn hinter solchen Leistungen ist sicher nicht, dass es Menschen besser geht. Das ist eine rein wirtschaftliche Abwägung.
Bezahlter Urlaub… der wird mit Sicherheit auch noch gekürzt. Da haben es die Arbeitskräfte auch echt übertrieben. Machen Lifestyle-Teilzeit, sammeln Urlaub, doch anstatt, dass sie ihn zur Erholung nutzen, um hinterher bestmöglich wieder arbeiten zu können, gehen die Ski fahren oder Bergsteigen oder sonst was. Brechen sich ein Bein und bleiben dann krank und bezahlt noch länger daheim. Und die Arztkosten soll die Krankenkasse übernehmen? Damit wird ziemlich bald Schluss sein.
Bildung, für Eliten natürlich. In Deutschland sind die Bildungschancen sehr stark von der Herkunftsfamilie abhängig. Klar müssen die Arbeitskräfte ja auch für ihre Arbeit qualifiziert werden. Aber Bildung so im Sinne von Denken lernen - bloß nicht! Oder breiter Wissenserwerb - Hilfe! Es geht in diesem Staat auch nicht darum, dass möglichst viele Kinder eine gute Zukunft haben. Das ist zumindest jedem klar, der mal als Erwachsener eine Schule von innen kennen gelernt hat. Idealerweise KEIN Gymnasium.
Klar, für Krieg ist immer Geld da. Krieg ist auch eine echte Gelddruckmaschine (also für Reiche), viele Aufträge. Idealerweise findet der Krieg natürlich nicht direkt bei uns statt, aber selbst wenn: Aufträge über Aufträge. Mit kaum etwas lässt sich so gut Geld verdienen wie mit Krieg. Warum sollte man dann Frieden anstreben?
Umweltschutz: Nur, wenn es gut für das Marketing ist. Es hat schon Gründe, warum es keine ernsthaften Bestrebungen gibt, den Klimawandel einzudämmen. Den billigen Arbeitskräften wird ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn sie Auto fahren (kaufen sollen sie natürlich ein Auto), während Reiche mit Privat-Jet, Privat-Yacht und Kreuzfahrtschiff unterwegs sind. Der eigene Swimmingpool wird beheizt und Kubikmeter von Wasser mit Chlor versetzt, ist doch okay. Das findet jeder okay. Weil anscheinend jeder hofft, irgendwann selbst einmal die Person mit Villa, Yacht und Co. zu sein. Ich bin mir sicher, dass es den meisten Menschen in Deutschland wichtiger ist, die Option (Option!) auf den Kauf des neusten IPhones zu haben, als dass ihr Nachbar regelmäßig ein gesundes Mittagessen auf dem Teller hat. Dass es wichtiger ist, die eigene Garderobe regelmäßig auszutauschen, als sich zu überlegen, wie viel Leid diese Mode-Lieferkette erzeugt, von Kinderarbeit über unvorstellbare Umweltverschmutzung von Anfang bis Ende.
Bestimmt wären die Menschen eher bereit, auf die Straße zu gehen, wenn sie keine IPhones mehr kaufen können, als wenn halt Gesundheitsleistungen gestrichen werden. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann es mir mal jemand erklären. Mich wundert immer nur, dass sich alle wundern. Alles, was derzeit in der Politik passiert, ist absolut logisch und konsequent. Und es wird nur der Anfang sein. Irgendwann wird es wie in den USA. Warum man sich ausgerechnet ein Land als Vorbild nehmen muss, in dem Menschenrechtsverletzungen von Anfang an integraler Bestandteil der Landesgeschichte sind, erschließt sich mir auch nicht, aber gut. Die Mehrheit möchte es anscheinend so. Aber wir wählen diese Gesellschaftsform immer wieder neu. Warum macht sich niemand Gedanken darüber, wie man besser zusammenleben könnte? Oder was unsere Enkel essen sollen? Es geht immer nur um Profit und die Menschen wollen es so. Kapitalismus ist nicht sozial und auch nicht umweltfreundlich und auch nicht menschlich. Das widerspricht dem Grundprinzip. Das wäre so, als wenn die katholische Kirche bekannt geben würde, dass sie jetzt auch ein bisschen atheistisch sind. Das passt einfach nicht zusammen. Was nur ist daran so verwunderlich?