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Kaktus89
Liebe Community,

Es folgt ein etwas längerer Post über meine Probleme. Ich bin noch ganz neu hier und habe mich im Forum für neue Mitglieder kurz vorgestellt.
Ende Mai letzten Jahres habe ich meine Studien beendet und mit September meinen ersten Vollzeitjob begonnen. Ich bin seit jeher ein Mensch, der sich viele Sorgen macht und grübelt und hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Arbeitssuche sehr belastend und voller Angst und Panik sein würde. Das war aber nur bedingt so, ich bin mit meiner Angst gut zurecht gekommen.
Seit ich arbeite ist das anders.
Ich mag meine Arbeit eigentlich gerne und sie macht mir Spaß, die Arbeit ist aber auch sehr anspruchsvoll, besonders da ich noch relativ neu bin und mir einfach noch die Routine fehlt.
Ich habe ständig Angst einen Fehler zu machen oder etwas zu vergessen. Anstatt mich nach der Arbeit entspannen zu können habe ich Panik und Mühe zu atmen, weil ich Angst habe einen Fehler zu machen und deswegen gekündigt zu werden.
Die ständige Angst bei der Arbeit ist natürlich keine Hilfe, dadurch habe ich dann noch mehr Angst, etwas zu übersehen oder falsch zu machen.
Im Moment weiß ich nicht recht weiter, der Rat meiner Freunde "entspann dich mal" ist zwar lieb gemeint, aber nicht unbedingt sehr hilfreich für mich.
Ich wünsche mir wieder ein wenig mehr innere Ruhe und mehr Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten. Und das Wissen, dass ein Fehler nicht das Ende der Welt sind.

Entschuldigung für den langen Post, für Rat bin ich immer dankbar

Liebe Grüße
Kaktus

11.01.2017 22:20 • 12.01.2017 #1


8 Antworten ↓


Hallo Kaktus.

Das Wissen, dass ein Fehler nicht das Ende der Welt bedeutet, scheint noch tief in dir verankert zu sein. Andernfalls, so glaube ich, hättest du diesen Satz nicht geschrieben. Das sollte jetzt kein Angriff auf dich sein und auch nicht der Versuch, deine Angst kleinzureden. Es ist vielmehr als Rückversicherung gemeint. Unterbewusst weißt du, dass deine Angst eigentlich unbegründet ist. Das sind die meisten Ängste, das ist ja auch irgendwie die Krux an der Sache. Vor allem die Angst vor Neuem. Dir fehlt die Routine, da ist es normal, dass man unsicher ist. War bei mir mit dem Autofahren so, was da aber noch um die Komponente erweitert wurde, dass ein Fehler im Ernstfall Menschenleben gefährden kann. Das ist, wenn ich richtig zwischen den Zeilen lese, bei deiner Arbeit nicht so. Wenn ich trotzdem mal den Versuch unternehmen darf, Parallelen zu ziehen, so würde ich sagen: Übung macht den Meister. Das klingt nach einer hohlen Phrase, hat mir aber tatsächlich geholfen. Um ein sicherer Autofahrer zu werden, musste ich viel fahren. Das habe ich zuallererst im kleinen Maßstab gemacht, sprich in einer mir vertrauten Umgebung. Dort habe ich Sicherheit getankt, um meinen ... ich sag mal "Wirkungskreis" zu erweitern, mich nach und nach in meinem eigenen Tempo (im übertragenen Sinne, nicht in Form von Km/h ) weiter raus zu trauen. Auf stärker befahrene Straßen, auf unübersichtlichere Straßen. Hast du nicht vielleicht die Möglichkeit, deine Tätigkeit auf der Arbeit in deiner Freizeit zu üben, still für dich allein, wo es dann wortwörtlich um nichts geht, damit du Sicherheit gewinnen kannst? Oder falls das außerhalb der Arbeit nicht möglich ist, deinen Chef darum bitten, im Betrieb gewissermaßen Übungsstunden zu absolvieren? Ich weiß ja nicht, was genau du tust und ich will auch nicht indiskret sein und fragen, deshalb weiß ich leider auch nicht, ob dieser Vorschlag blöd ist. Trotzdem hoffe ich, dass ich dir vielleicht wenigstens ein kleines bisschen weiterhelfen konnte.


Grüße,

Katzenfreund83

12.01.2017 00:14 • #2



Der erste Job nach dem Studium - und die Angst ist da

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Kaktus89
Lieber Katzenfreund,

Die Frage, was ich mache ist nicht indiskret. Ein Fehler bei meiner Arbeit kostet keine Menschenleben, er kostet Geld und im schlimmsten Fall Kunden. Ich arbeite in der Hausverwaltung, ich kümmere mich um (fast) alles, was in einem Miethaus oder Eigentum so anfällt bzw. beauftrage ich Firmen.
Ich mag meine Arbeit gern, ich freue mich, wenn ich den Leuten, die bei mir anrufen, weil die Heizung nicht funktioniert etc. helfen kann. Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich und oft auch stressig, weil in vielen Fällen schnell gehandelt werden soll. Ich versuche so genau wie möglich zu sein und kontrolliere alles, was meinen Schreibtisch verlässt. Trotzdem habe ich immer angst etwas zu übersehen.
Ich habe Panik davor, einen Fehler zu machen, der dem Unternehmen einen Kunden kostet und ich dann entlassen werde.
Wenn ich konzentriert und halbwegs entspannt arbeite, dann funktioniert das auch gut, bisher habe ich keinen schlimmen Fehler gemacht oder etwas vergessen.
Intellektuell weiß ich, dass ich mir bei der arbeit mühe gebe und gute Arbeit leiste, ich habe bisher sehr positives Feedback bekommen.
Trotzdem habe ich Panik davor, dass dieselben Leute, die much gelobt haben sich voller Abscheu vor mir abwenden und mich für dumm, inkompetent und unprofessionell halten, wenn ich etwas vergesse oder einen Fehler mache.

Im Moment bin ich ratlos, wie ich mit der Situation umgehen soll. Letzte Woche hatte ich eine schlimme Panikattacke vor dem Wochenende. Ich konnte nicht mehr atmen. Das hat mich so erschreckt, dass ich mich gleich um einen Termin bei einem Psychologen gekümmert habe.

Jeder Rat und jeder andere Blickwinkel sind hilfreich

12.01.2017 00:51 • #3


das hört sich nach der Diagnose "PC", auch bekannt unter political correctness.
Dabei wird aus dem Wunsch es jederzeit allen Recht zu machen, ein Trip zur absoluten Selbstzerfleischung.

Wenn der Psychologe eingeschaltet wurde, ist man bereits im Endstadium (der Sympathikus meldete sich deutlich zu Wort und wird auch noch öfters einen Auftritt haben).

Mein Tipp.
Badesachen an, auf zum nächsten Badesee und rein damit.

richtig, bei diesem Wetter ....

12.01.2017 01:08 • #4


Für mich klingt das nach einem Perfektionsanspruch in Kombination mit einer tief verwurzelten Angst vor Ablehnung.
Angst vor Ablehnung kommt wie so vieles häufig aus der Kindheit:
Als Kinder war Ablehnung von unseren Eltern quasi existenzbedrohlich,da wir von ihnen abhängig waren.
Sie waren unsere Versorger,psychisch wie physisch.
Als Erwachsene fühlen immer noch viele diese Angst vor Ablehnung als starke Bedrohung obwohl wir längst von niemandem mehr abhängig sind,glauben es aber zu sein.

Akzeptiere den schlimmsten Fall,Deine grösste Angst:die Kündigung.
Erstens: Was wäre dann?
Wärst Du auf ewig arbeitslos...?.....Natürlich nicht!
Du würdest wieder einen neuen Job finden früher oder später.
Eine Kündigung wäre realistisch gesehen also sehr ärgerlich aber noch lange nicht das Ende der Welt.

Zweitens: Wie wahrscheinlich ist eine Kündigung?
Da reicht nicht ein unzufriedener Kunde,um gekündigt zu werden.
Dann wären alle Dienstleister arbeitslos denn niemand kann jedem Menschen hundert Prozent gerecht werden und das ist auch gar nicht nötig!
Es wird immer mal ein Fehler passieren und das ist auch gar nicht schlimm.Das geht jedem so!


Weiss jetzt nicht,ob Du Therapie machst aber das wär vielleicht ganz gut,diese Angst vor Ablehnung mal mit einem Therapeuten aufzuarbeiten.

Das sind meine Ideen dazu...alles Gute!

12.01.2017 03:41 • #5


Kaktus89
@hallodu: Stimmt, ich versuche bei der arbeit es wirklich allen Recht zu machen. Das "Problem" ist, dass ich meine Arbeit mag und, dass ich mich beweisen möchte, da ich erst seit September dort arbeite. Das ist mein erster "richtiger" Job. Das Betriebsklima ist gut, die Kollegen sind auch sehr nett und hilfsbereit. Meine Vorgesetzten sind auch hilfsbereit und zugänglich, nur meine Chefin ist vom Typ her cholerisch und wird gleich laut. Ich arbeite daran, mich daran zu gewöhnen. Meine Panik vor einem Fehler macht das natürlich nicht unbedingt besser.

@flame: Ich beginne eine Therapie, der erste Termin ist nächste Woche. Meine Reaktion erschreckt mich, ich habe mich seit der Krankheit und dem Tod meines Vaters in meiner Teenagerzeit eigentlich für jemanden gehalten, der mit Belastungen gut umgehen kann. Auch in der Unizeit hatte ich mit zeitweise drei gleichzeitigen Studienrichtungen ordentlich Stress.
Jetzt scheint das aber außer Kontrolle zu geraten.
Ich versuche meinen Kopf mit Karate frei zu bekommen, während des Trainings funktioniert das auch gut, aber danach ist die Angst wieder da.

12.01.2017 07:44 • #6


wir sind alle nur Menschen und keine Manschinen...
Eine dauerhafte Überbelastung hält niemand aus.
Viele machen auch ihren Wert als Menschen von ihrer Leistungsfähigkeit/Belastbarkeit abhängig,das ist auch so Punkt.
Jeder Mensch ist gleich viel Wert.

12.01.2017 08:17 • x 1 #7


Zitat von Kaktus89:
nur meine Chefin ist vom Typ her cholerisch und wird gleich laut.


Aus meiner laienhaften Sicht sieht es für mich so aus, als wäre das die Ursache deiner Unsicherheit. Lustigerweise war das auch der Auslöser für meine Fahrunsicherheit. Mein Fahrlehrer war auch ein Choleriker, der beim kleinsten Fehler meinerseits sofort laut geworden ist. Manchmal hat er mich damit sogar tatsächlich zum Heulen gebracht, sowohl noch im Fahrschulauto als auch hinterher. Jedenfalls hat das keineswegs dazu beigetragen, dass ich an Sicherheit gewann. Ich weiß nicht, inwieweit du dich traust, deine Chefin zu konfrontieren, aber ich wünschte mir, ich hätte damals etwas gesagt. Stattdessen habe ich mich in meine Opferrolle gefügt und zugelassen, dass er mich mental zermürbt. Glaubst du, du könntest die Kraft aufbringen, deine Chefin mal beiseite zu nehmen und mit ihr darüber sprechen? Bestimmt kein prickelder Gedanke, aber wenn du ihr klarmachen könntest, dass du besser funktionierst, wenn man dir keinen Druck macht, wäre wahrscheinlich schon vieles gewonnen.

PS: Erinnert mich an eine Folge aus How I Met Your Mother, in der Marshall von seinem Chef, genannt Artillerie-Arthur, wegen Nichtigkeiten fertig gemacht wurde. Weiß nicht, ob du die Serie oder gar die Folge kennst, sie bietet auch keine wirkliche Problemlösung. Ich erwähne das nur, weil man auch solchen Situationen durchaus Humor abgewinnen kann.


Grüße,

Katzenfreund83

12.01.2017 15:39 • #8


Kaktus89
@katzenfreund: Ja, ich kenne die Serie und die Folge
Eigentlich ist meine Chefin sehr nett, sie erwartet aber auch viel. Und ich möchte ja etwas leisten und tue es ja auch.
Die Geschichte mit dem Fahrlehrer kommt mir sehr bekannt vor, ich hatte auch so einen.
Interessanterweise kommt meine Angst am Abend, wenn ich nachhause gehe. Da fällt mir dann allerhand ein, was möglicherweise falsch gelaufen sein könnte bzw. was ich vergessen haben könnte.
Ich freue mich schon fast auf meinen Therapiebeginn nächste Woche, damit ich etwas dagegen tun kann. Im Moment habe ich das Gefühl, nur noch auf Angst und Panik zu reagieren. Ich fühle mich, als ob ich mit einem Kübel Wasser in meinem Wohnzimmer stehen würde, immer unter Strom, weil es ja zu brennen beginnen könnte.

12.01.2017 19:48 • #9




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