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Hallo,
Habe eine ganze Weile Verhaltenstherapie bekommen,doch jetzt seit dem ich ja die extremen pa habe ,nimmt sie keinen einfluss mehr auf mich.Ich war noch mal beim Hausarzt und der meinte das man es mal mit analytischer therapie versuchen sollte.
Meine jetzige Psychologin hat aber noch nicht viel Raum für mich um mich regelmässig bis 2mal die Wo eintragen kann.
Nun meine Frage was ist denn da der Unterschied. Kennt sich damit jemand aus? Habe bisher nur gemerkt sie gibt mir keine direkten ratschläge mehr und ich soll erst mal die ganze Zeit von meinen Eindrücken erzählen. es hilft mir schon mit jemanden zu reden,aber wo besteht dann die Therapie?
LG dani

22.08.2008 10:12 • 22.08.2008 #1


3 Antworten ↓


Christina
Hallo Dani,

es kann schon sein, dass man mit tiefenpsychologisch fundierter Therapie auf Dauer besser zurecht kommt als mit VT. Der (menschliche) Umgang ist mitunter anders, die Ziele evtl. auch. Etwas weg vom Funktionieren... Aber: Eine deutliche Zunahme von Symptomen, die im Alltag stark behindern, und das dürfte bei Panikattacken der Fall sein, ist eher ein Grund, das verhaltenstherapeutische Vorgehen auf Fehler zu überprüfen, als ausgerechnet psychoanalytisch da rangehen zu wollen. Denn dabei wirst Du nur noch mehr auf Dich selbst zurückgeworfen, und es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich die Symptome sogar weiter verschlimmern - völlig ohne Tipps, wie Du denn damit umgehen könntest.

Wie die Unterschiede zwischen den beiden Therapieformen aussehen, kann (und werde) ich Dir später schreiben, habe jetzt nicht so viel Zeit.

Liebe Grüße
Christina

22.08.2008 11:16 • #2



Unterschied zw.Verhaltens-und analyt.Therapie?

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Hallo Christina,
erst mal vielen Dank für die Antwort.Werde aber auf alle Fälle die Psych. nochmals genauer darauf ansprechen.
LG Dani

22.08.2008 13:53 • #3


Christina
Hallo Dani,

es ist auf jeden Fall eine gute Idee, die Therapeutin zu befragen, wie die Therapie vonstatten gehen soll und wodurch was bewirkt wird. Und hier ein bisschen was zu den Unterschieden (ohne Gewähr und ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Verhaltenstherapie:

Theorie: Unser Verhalten und Erleben ist das Ergebnis von Lernprozessen. Zum Teil lernen wir durch Erfahrung (Bsp. heiße Herdplatte anfassen), zum Teil am Modell (v.a. durch das Beispiel von Bezugspersonen, insb. der Eltern). Dabei lernen wir nicht nur, wie wir uns zu verhalten haben, sondern auch, wie verschiedene Situationen zu bewerten sind (ob z.B. Fehler schlimm sind, ob die Welt grundsätzlich gut oder schlecht ist, ob wir dem Leben ausgeliefert sind oder unser Schicksal in die Hände nehmen können). Und wir erlernen ebenso unser Selbstbild (Stärken, Schwächen, ob man liebenswert ist etc.). Und das alles lernen wir i.d.R. so gut, dass es uns gar nicht mehr bewusst ist, sondern automatisch unser Verhalten und unser Erleben beeinflusst bzw. steuert.

Auch Angst ist demnach erlernt, und bei Angststörungen ist im Lernprozess etwas falsch gelaufen, weil man nämlich vor Dingen Angst hat, die völlig ungefährlich sind. Beim Lernen durch Erfahrung dadurch, dass man unklare körperliche Empfindungen z.B. fälschlicherweise als gefährlich einstuft, daraufhin eine erste Panikattacke entwickelt, die so erschreckend und schlimm ist, dass daraus Angst vor der Angst und weitere Panikattacken entstehen - zumal es ja meist eine Weile dauert, bis man erfährt, dass körperlich gar nichts ist. Erlernte Beurteilungen und Einschätzungen können zum Problem werden, wenn man z.B. gelernt hat, keine Schwäche zeigen zu dürfen, perfekt sein zu müssen. Und das erlernte Selbstbild hilft einem nicht weiter, wenn man gelernt hat, sich selbst als minderwertig oder hilflos o.ä. zu sehen.

Methode: Die VT setzt an mehreren Stellen an und bezieht sich u.a. auch auf die Vergangenheit, auf die Lerngeschichte nämlich. D.h., mehr oder weniger kaut man auch in der VT die Lebensgeschichte durch, schon um diesen automatischen Überzeugungen auf die Spur zu kommen. Das ist der sog. kognitive Teil einer kognitiven VT: Man versucht, herauszufinden, welche Überzeugungen (Bewertungen, Selbstbild etc.) man hat, und prüft diese dann daraufhin, ob sie realistisch sind. Meist sind sie das nicht, und deshalb versucht man, sie durch realistische Einschätzungen zu ersetzen - indem man sich immer wieder damit auseinandersetzt und den sog. "rationalen inneren Dialog" übt. Ein anderer Ansatzpunkt der VT ist die allseits bekannte Konfrontation: Man setzt sich Angstsituationen aus, um so durch neue Erfahrungen zu lernen, dass die Angst nachlässt, einen nicht umbringt und dass man eben keine Angst vor der Angst und somit auch nicht vor solchen Angstsituationen zu haben braucht. Und dann gibt es noch einen Schwung begleitende Methoden, um im Alltag besser zurecht zu kommen (Selbstmanagement, Stressmanagement, Entspannungstechniken...).

Und entgegen verbreiteten Vorurteilen schaut auch die VT, was hinter dem Symptom, der Angst z.B., stecken könnte. Hat man durch die Krankheit Vorteile, die man nicht aufgeben möchte? Oder wäre die Genesung mit angsteinflößenden Nachteilen verbunden? Wer wegen einer Angststörung nicht raus kann, der kann (muss?) sich auch nicht im Konkurrenzkampf beweisen - als Beispiel... Und wer bezüglich seines Selbstbildes vielleicht mal gelernt hat, im Konkurrenzkampf immer unterzugehen, sich also sicher ist, auf verlorenem Posten zu kämpfen, der tut logischerweise gut daran, dem Konkurrenzkampf auszuweichen. In der VT heißt das primärer Krankheitsgewinn. Und wenn man durch die Krankheit weitere Vorteile hat, dass z.B. alle rücksichtsvoll und nett sind, einem Alltagsarbeiten abnehmen, dann kommt noch ein sog. sekundärer Krankheitsgewinn dazu.


Jetzt zu psychodynamischen Verfahren (= tiefenpsychologisch fundiert oder psychoanalytisch):

Theorie: Unser Verhalten und Erleben wird nicht nur bewusst gesteuert, sondern auch von einem dynamischen Unbewussten. D.h., das Unbewusste führt ein gewisses Eigenleben, das sich z.B. in Symptomen offenbart. Und unbewusst heißt hier wirklich unbewusst (= dem bewussten Denken nicht zugänglich), so dass man auch durch Nachdenken nicht drankommt. Es geht nicht wie in der VT um automatische Muster, bei denen man "nur mal" genauer hinschauen muss, um sie bewusst zu machen. Was das Unbewusste - der Theorie nach - genau ausmacht, kann ich leider nicht erklären. Jedenfalls werden seine Regungen maßgeblich durch die persönliche Entwicklung beeinflusst, also besonders durch die Kindheit und durch die Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen, letzten Endes auch durch Lernen...

Symptome oder Störungen entstehen durch unbewusste Konflikte, die durch das Symptom gelöst werden sollen (= neurotischer Kompromiss). Im obigen Beispiel mit dem Konkurrenzkampf könnte ein unbewusster Konflikt darin bestehen, dass man einerseits ehrgeizig ist und Anerkennung wünscht, ein mögliches Scheitern aber mit unerträglicher Selbstabwertung verbunden wäre. Mit der Angststörung sorgt nun das Unbewusste dafür, dass man nicht in die Konkurrenzsituation gerät und daher nicht scheitern kann, und erspart einem gleichzeitig die Konfrontation mit früheren Abwertungen (ggf. durch andere), indem diese Angst vor dem Scheitern unbewusst bleibt. Die Abwertung (durch sich selbst oder andere) wäre so bedrohlich, dass man mit der Angststörung besser bedient ist.

Methode: Man versucht, die unbewussten Regungen bewusst zu machen, so dass das Symptom überflüssig wird. Weil das aber durch Anstrengung und Nachdenken nicht geht, bedient man sich der freien Assoziation: Der Patient soll frei erzählen, was ihm so einfällt. Dabei zeigt sich das Unbewusste dann z.B. in Versprechern (Freudsche Fehlleistungen), in Themen, auf die man immer wieder zurückkommt, Wiederholungen oder auch in Auslassungen. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, bei eigener Zurückhaltung (= therapeutische Abstinenz) zuzuhören, mögliche Äußerungen des Unbewussten zu erkennen, darauf hinzuweisen, sie zu interpretieren und zu deuten, so dass sie dem Patienten bewusst werden können. Eine weitere Säule der Therapie ist die therapeutische Beziehung. Weil der Therapeut sich sehr zurückhält, bietet er dem Patienten sich selbst als Projektionsfläche an, so dass der Patient unbewusst seine bekannten Beziehungsmuster mit dem Therapeuten wiederholt. Auch dies soll dem Patienten dann aufgrund möglichst einfühlsamer Reaktionen des Therapeuten bewusst gemacht werden, so dass der Zwang, immer wieder in dieselben ungünstigen Beziehungsmuster zu verfallen, überwunden werden kann. Und entgegen verbreiteten Vorurteilen sind psychodynamische Verfahren hier ganz und gar gegenwartsbezogen...

Ich hoffe, Du kannst damit was anfangen.

Liebe Grüße
Christina

22.08.2008 22:20 • #4




Univ.-Prof. Dr. Jürgen Margraf