Hallo Linchen!
Oje, also ich muss mal sagen, was deine Mutter dir da so alles mit auf den Weg gegeben hat, ist ja ziemlich hart. Da hat sie dir viele dicke Bündel von ihrem eigenen Frust aufgeladen… furchtbar. Ich hoffe, du kannst das irgendwie abstreifen. Hast du noch viel Kontakt zu ihr?
Und ich bin echt froh, zu hören, dass du dich von dem Freund schon getrennt hast! Aber nach so einer destruktiven Beziehung wundert es mich nicht, dass du Schwierigkeiten hast, eine neue Beziehung zu einem Mann aufzubauen. Vielleicht bist du einfach noch nicht bereit/gewappnet dafür, denn es ist ja nur logisch, dass du Angst hast, wieder verletzt zu werden.
Scheint so, als würde es bei uns beiden darauf hinaus laufen, dass einfach das Vertrauen in Beziehungen erschüttert ist. Und auch in die eigenen Entscheidungen, denn man hat sich ja schon mehrmals „die Falschen“ ausgesucht – zumindest ist das bei mir so. Immer wenn es irgendwo schief läuft ist da eine Stimme die sagt „Da haben wir es wieder! Damit hättest du ja rechnen müssen“ oder so ähnlich.
Ich muss nur ganz ehrlich sagen, ich habe keine Ahnung, wie und ob ich dieses Vertrauen jemals wieder herstellen kann. Vergessen kann man die schlechten Erfahrungen ja nicht einfach… vielleicht kann man sich selbst durch genügend positive Gegenbeispiele überzeugen, dass es nicht zwangsläufig so kommen muss. Aber momentan fällt es mir extrem schwer, die positiven Erlebnisse überhaupt wahrzunehmen. Ich blende sie einfach aus, und alles was schlecht war, wird dreimal so stark empfunden.
Ich habe schon oft von Leuten gehört, dass sie die Erlebnisse aus der Schulzeit abtun und als nicht so wichtig empfinden, nach dem Motto: „Jeder wird doch mal ein bisschen geärgert.“ Aber für mich war das eine echt schlimme Zeit und diese sogenannten „Freundschaften“ haben mich sehr stark für mein Leben geprägt. Heute kann ich zwar ganz anders mit Menschen umgehen und kann Leute, die nicht gut für mich sind, rechtzeitig erkennen mich aus Beziehungen lösen, die mir schaden, aber das Vertrauen in Freundschaften und in andere Menschen ist einfach nachhaltig geschädigt.
Aber auf Menschen, die wissen, wie bestimmte Dinge bei einem wirken und das bewusst ausnutzen, sollte man auf jeden Fall verzichten! Da bin ich mittlerweile recht radikal - sobald ich merke, dass jemand absichtlich Psycho-Spielchen mit mir treibt oder mein Dilemma für sich ausnutzt ist für mich die Freundschaft beendet. In diesen Fällen finde ich es auch vollkommen legitim, sich einfach zurückzuziehen und den Kontakt abzubrechen! Wenn man dazu neigt, allen alles zu verzeihen und sich für andere krumm zu machen zieht man ja leider bestimmte Typen von Menschen geradezu magisch an und kann sich oft nur schützen, indem man sich entzieht.
Bei mir hat es, als ich jünger war, wirklich geholfen, mit Therapiebegleitung einen neuen Anfang zu machen. Ich habe damals alle alten Freundschaften und Kontakte um mich abgebrochen und die Schule gewechselt. Danach wurde langsam alles besser, ich habe mich sehr verändert, vieles hat sich gelöst, Schmerzen und Ängste verschwanden fast komplett und ich dachte lange, dass ich die Kurve gekriegt hätte.
In den letzten Jahren kamen dann ein paar Tiefschläge, die mich sehr erschüttert haben, z.B. berufliche Misserfolge/Unsicherheiten, Trennung von einer Freundin, die viele Jahre meine „beste“ war, aber man hatte sich mit der Zeit auseinandergelebt und mir wurde klar, dass die Freundschaft mittlerweile nur noch bestand, damit sie mich für ihre Bedürfnisse ausnutzen und manipulieren konnte (sie brauchte mich als ihre Stütze und Schulter zum Ausheulen, aber war nie bereit, mir das gleiche zu geben). Und dann hat sich auch noch mein langjähriger Partner, dem ich wirklich uneingeschränkt vertraut hatte, einen Seitensprung erlaubt.
Seit dem ist mir klar, dass ich entscheidende Dinge wie das Vertrauen in andere Menschen und die Fähigkeit zur Selbstakzeptanz/-liebe noch lange nicht im Griff habe. Diese Ereignisse haben mich einfach wieder aus der Bahn geworfen, obwohl ich vorher auf einem so guten Weg war. Deshalb nun nochmal Therapie, um das Ruder wieder in die Hand zu bekommen.
Vieles, was du von dir beschreibst erinnert mich an meine Zeit vor der ersten Therapie. Ich habe ungefähr mit 6 oder 7 Jahren aufgehört zu weinen. Ich habe es mir einfach spontan abgewöhnt. In der Zeit bis ich etwa 23 war habe ich vielleicht 4 bis 5 Mal geweint. Und ich wurde auch nicht mehr wütend. Ich bekam oft zu hören, dass ich ja komisch sei, weil ich nie heule oder ausraste, aber es wurde auch positiv gesehen, weil ich ja so kontrolliert und „reif“ war. Schade nur, dass ich eben auch die positiven Gefühle wie Freude und Liebe unterdrückt habe und dann einfach die Fähigkeit Gefühle generell zu zeigen verloren gegangen ist.
Seit der ersten Therapie (die dauerte damals ungefähr 3 Jahre) hat sich das massiv bei mir verbessert. Allerdings ist es immer noch so, als ob diese Gefühle irgendwie fremd sind, als wüsste ich nicht, wie man damit umgeht und ich habe keine gute Kontrolle darüber. Weinen kann ich wieder, manchmal komme ich mir sogar richtig rührselig vor, weil sofort die Tränen kommen, wenn z.B. im Film eine traurige Szene ist. Aber vor Leuten kann ich nicht weinen (und will auch nicht). Ich hatte in den letzten Jahren auch einige richtige Wutanfälle, die mich total erschreckt haben, weil ich das Gefühl überhaupt nicht kannte und nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Tja und das mit der Freude ist besonders schwer, weil ich sie ebenfalls meist sofort in Frage stelle und, wie du so passend geschrieben hast, „zerdenke“.
Aber generell möchte ich dir was die Gefühle angeht Mut machen: Du hast sie ganz bestimmt in dir! Wenn du sie nicht hättest, würdest du nicht leiden. Nur der Zugriff ist einfach momentan gesperrt. Und den Zugriff kann man wieder herstellen und den Umgang damit neu lernen!
Was das Vorwarnen betrifft: Ja, es kann auch nach hinten los gehen, besonders wenn eine Person das als Herausforderung betrachtet. Genau sowas ist mir gerade passiert und das war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe hier was zu schreiben. Eine Freundin, der ich alles erklärt hatte, wie schwer es mir fällt auf Kontaktaufnahme zu reagieren, hat mich daraufhin geradezu mit Anrufen, Einladungen und SMS „bombardiert“ – offenbar in der Vorstellung mir damit zu helfen oder mir entgegen zu kommen. Ich hab daraufhin eine Zeit lang total dicht gemacht und als ich mich dann endlich überwunden und ihr geschrieben habe, wurde ich ignoriert.
Es ist so verflixt, weil man manchen Leuten einfach nicht klar machen kann, dass es nicht an ihnen liegt. Besonders wenn sie sich dadurch herausgefordert fühlen oder glauben, sie wären bestimmt die Ausnahme und dann gekränkt sind, wenn sie merken, dass es nicht so ist. Aber grundsätzlich ist das Vorwarnen, glaube ich, richtig und hilfreich, weil es Missverständnissen vorbeugt und einem selbst ein bisschen den Druck wegnimmt.
Ich bin auch erleichtert, dass ich den Schritt gemacht habe hier was zu schreiben. Wenn man mit diesen Gedanken allein bleibt dreht man sich nur im Kreis und die Spirale geht ganz schnell nach unten. Ich hab seit Neujahr immer stärker gemerkt, dass ich in eine Depression steuere, ständig am Grübeln, alles läuft falsch, kann abends nicht mehr einschlafen und morgens nicht mehr aufstehen, alles Mist. Mir tut der Austausch hier auch wirklich gerade total gut und hilft mir, gegenzusteuern.
Also danke dafür!
Lg vom Blatt