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Hallo nachtmahr,

erstmal es tut gut hier mit Gleichgesinnten zu reden. Bisher hab ich selten jemanden kennengelernt, der dieselben Beschwerden hat und wenn doch, dann war es umso schwerer den Kontakt aufrecht zu halten, weil ja beide Seiten vermeiden.
Wie ist es für dich sonst so? Hast du auch öfter depressive Symptome wegen den Umständen oder kannst du es gut hinnehmen? Ich hab Schwierigkeiten meine Erkrankung zu akzeptieren, auch wenn ich weiß es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Und dann denke ich ständig darüber nach wie anders mein Leben im Vergleich zum Rest der Welt ist, was natürlich dann nur weiter die Depression befeuert. Am besten sollte man sich nicht vergleichen, aber das ist echt leichter gesagt als getan. Manchmal hilft es, sich auf das zu konzentrieren was geht, was gut läuft, statt auf das was wieder einmal nicht funktioniert hat.

Ja, mit meiner Freundin habe ich mich früher oft getroffen, als sie noch in der Nähe gewohnt hat. Jetzt wohnt sie in Duisburg und ich in RLP. Ich vermisse das sehr. Wenn wir uns doch mal auf halbem Weg treffen, ist das schon eine größere Sache.

Wie ist es für dich auf der Arbeit? Erstmal ist es ja schön zu hören, dass du arbeiten gehen kannst! Aber ich schätze das ist auch mit vielen Hindernissen verbunden?
Mein Freund ist super, er hat viel Verständnis und ist sehr unterstützend. Er macht mir auch keinen Druck wenn ich was nicht schaffe. Er hatte selbst mal soziale Ängste und konnte damals nicht mal seine Familie oder Eltern treffen, deswegen kennt er das.

Viele liebe Grüße

03.10.2021 12:21 • x 1 #21


Hallo Kieselchen,

ja, ich finde es auch immer sehr schön, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Das mit der Selbstakzeptanz funktioniert manchmal ganz gut bei mir, zumal ich mich selbst auch nicht anders kenne und es eben immer schon so war bei mir, dass ich ein Außenseiter bin. An manchen Tagen habe ich aber dann doch depressive Zustände. Vor allem belastet mich der Vergleich mit anderen. Wenn ich viel mit anderen zusammen bin, dann fange ich immer automatisch an, mich mit denen zu vergleichen und dann fühle ich mich oftmals sehr schlecht und muss dann lange Zeit noch darüber nachgrübeln, warum bei mir alles so anders ist und ich vieles nicht so hinbekomme wie andere. Ich habe dann oft Schuldgefühle, weil mir dann Zweifel an mir selbst kommen und ich denke, ich strenge mich vielleicht einfach nicht genug an. Ich wünschte auch, ich könnte mit diesem Vergleichen aufhören, aber es ist doch sehr schwierig.

Auf der Arbeit habe ich einerseits Glück, weil ich da einigermaßen akzeptiert werde, wie ich bin. Und mit den Kollegen ist es insgesamt auch ganz okay. Es gibt kein Mobbing oder so. Aber ich fühle mich oft von meinen Aufgaben überfordert und auch durch den Kontakt mit den Kollegen. Ich bin aber natürlich froh, dass ich überhaupt eine Arbeit habe und ich hatte da auch viel Glück gehabt. Wie ist es bei Dir mit Arbeit? Kannst Du einen Beruf ausüben?

Das mit deinem Freund ist sehr schön. Sowas ist immer wichtig, dass man jemanden hat, der einen akzeptiert wie man ist und die Probleme auch nachvollziehen kann.

03.10.2021 13:38 • x 2 #22



Kontakt nur zu Menschen möglich, die mich wenig kennen

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Spaceman
Hi Kieselchen,

Zitat von Kieselchen:
Ja, das kenne ich auch, ich hab das Gefühl, dass die soziale Phobie an sich einigermaßen zu bearbeiten ist, wenn man es oft genug versucht, aber alles was zur PS gehört ist fast nicht wegzubekommen.


Da ich immer noch keine Diagnose habe, bin ich bei mir vorsichtig mit Begriffen wie Soziale Phobie und Persönlichkeitsstörung. Symptomatische Anteile habe ich von beidem, deshalb verstehe ich, was Du meinst.

Aber ich glaube, auch die PS-Symptome sind in den Griff zu bekommen. Sie werden vielleicht nie wieder komplett verschwinden, lassen sich aber so weit abbauen, dass sie nicht mehr so viele Probleme verursachen. Das ist schwerer und dauert länger als bei Phobien, aber es geht. Ich muss das einfach glauben, sonst schaffe ich es gar nicht mehr.


Zitat von Kieselchen:
Ich struggle momentan leider sehr sozial.


Wenn ich Dir einen Rat geben darf: Brich das Vermeidungsverhalten unbedingt auf, indem Du Dich schrittweise wieder unter Menschen begibst - online, telefonisch, Face-to-Face. Es wird sonst alles nur noch immer schlimmer - ich weiß es! Die sozialen Kompetenzen verkümmern immer weiter, wodurch die Angst zunimmt - ein Teufelskreislauf. Wie ich immer gerne sage: So wie man hineinspiraliert, so kann man auch herausspiralieren.

Siehe auch hier: zukunftsangst-generalisierte-angststoerung-f57/darf-es-mir-nicht-gut-gehen-t110704-20.html#p2336615

Zitat von Kieselchen:
sie wissen ja noch nicht was für ein garstiger Mensch ich sonst so bin.


Die Eigenwahrnehmung wird durch soziale Ängste oft so sehr verzerrt, dass sie kaum noch etwas mit der Realität oder der Wahrnehmung anderer Menschen zu tun hat. Vielleicht magst Du mal erklären, warum Du Dich für garstig hältst.

04.10.2021 18:26 • x 2 #23


silverleaf
Hallo zusammen,

Zitat von Spaceman:
Aber ich glaube, auch die PS-Symptome sind in den Griff zu bekommen. Sie werden vielleicht nie wieder komplett verschwinden, lassen sich aber so weit abbauen, dass sie nicht mehr so viele Probleme verursachen. Das ist schwerer und dauert länger als bei Phobien, aber es geht.


Das glaube ich auch, und das entspricht auch meiner Erfahrung der letzten Jahre. Ich mache jetzt seit mehreren Jahren Therapie wegen meiner Diagnosen, darunter, neben der ÄVPS, noch zwei weitere PS.
Und ja, es ist extrem harte Arbeit, aber es kann besser werden. Man braucht sehr viel Geduld und einen wirklich langen Atem, aber es geht. Man muss sich halt immer wieder klarmachen, dass alle PS sehr tiefgreifende Störungen sind, die einfach schwieriger zu behandeln sind als Störungen, die weniger tief greifen und weniger mit der Persönlichkeit verwoben sind.
Man braucht viel Akzeptanz und auch Frustrationstoleranz, da es öfters vorkommen kann, dass man 3 Schritte vorankommt und dann wieder 5 Schritte zurück macht, aber über die Zeit wird es besser, wenn man dranbleibt.
Und für mich war es hilfreich, mich nicht mit anderen Patienten zu vergleichen, die oftmals schneller Fortschritte machen, das kann sehr entmutigend sein. Und keine Angst davor zu haben, von Therapeuten deshalb als unfähig oder therapie-resistent angesehen und abgelehnt zu werden. Ich arbeite daran, für mich zu akzeptieren, dass ich halt nicht so schnell kann wie andere Patienten, dass das aber nicht heißt, dass ich im Rahmen meiner Symptomatik keine Fortschritte machen kann, denn das kann ich. Und dass ich nicht so schnell kann, liegt nicht an meiner Unfähigkeit, sondern an der Schwere der Störung.

Zitat von Spaceman:
Ich muss das einfach glauben, sonst schaffe ich es gar nicht mehr.

Und das glaubst Du völlig zu recht, es ist möglich, definitiv!

Zitat von Spaceman:
Wenn ich Dir einen Rat geben darf: Brich das Vermeidungsverhalten unbedingt auf, indem Du Dich schrittweise wieder unter Menschen begibst - online, telefonisch, Face-to-Face. Es wird sonst alles nur noch immer schlimmer

Auch dem stimme ich voll und ganz zu, leider neigt die Angst dazu, sich sehr raumgreifend zu verhalten, sich mehr und mehr zu verstärken, wenn man ihr nicht entgegentritt.
Auch wenn es schwerfällt, je mehr man vermeidet, umso größer wird die Angst.

Zitat von Kieselchen:
Ich schaue dann auch akribisch auf irgendwelche Hinweise ob jemand mich ablehnen könnte, reicht schon aus wenn jemand einen neutralen Gesichtsausdruck hat.

Das ist interessant. Es gab auch schon Studien dazu, in denen nachgewiesen wurde, dass Menschen mit bestimmten PS dazu neigen, neutrale Gesichtsausdrücke als ablehnend, abwertend oder feindselig zu interpretieren.
Ich finde das einen recht spannenden Aspekt bei einigen PS. Die Betroffenen dieser PS haben durchaus die Fähigkeit, sehr schnell zu spüren, wenn ein Gegenüber auf etwas reagiert oder sich dessen Stimmung auch nur minimal ändert, nur neigen sie dazu, diese emotionale Reaktion ungünstig zu interpretieren. Sie beziehen solche Reaktionen und Stimmungen schnell auf sich und zerbrechen sich dann den Kopf, was sie selber vielleicht falsch gemacht haben und was der andere jetzt denken könnte.
Das nennt sich Hypermentalisieren. Mentalisieren ist eine wichtige und sehr sinnvolle Fähigkeit, aber bei einigen PS (viel bei Borderline, aber auch bei ÄVPS) schlägt diese an sich hilfreiche Fähigkeit ins Negative um, es wird zu viel (ähnlich wie beim Hyperventilieren, wo dann einfach zu viel Sauerstoff da ist), Reaktionen des Gegenübers werden überinterpretiert, die tatsächliche Realität kann nicht mehr gesehen werden
(das Gegenteil wäre Hypomentalisieren, das gibt es auch bei einigen psychischen Erkrankungen, da wird dann zu wenig am Gegenüber wahrgenommen und zu wenig versucht, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen).

Quintessenz: Es lohnt sich, dranzubleiben! Es ist ein langer und steiniger Weg, aber es lohnt sich, ihn zu gehen.
Persönlichkeitsstörungen, auch die ÄVPS, sind behandelbar, es dauert manchmal nur einfach etwas länger.

LG Silver

04.10.2021 23:01 • x 2 #24


Zitat von Kieselchen:
Hallo ihr Lieben! Erstmal vorab, ich leider an einer ängstlich-vermeidenden PS und der sozialen Phobie (noch ein paar andere psychische Erkrankungen ...

Ist das nicht eher drastische Bindungsangst?

Wer will es Dir verdenken, wenn Du so kaputte Eltern hast. Die hätten Dich umsorgen müssen, aber konnten es wohl selber nicht.

So hast Du als Erstes gelernt, dass Du im Stich gelassen wirst, wenn Du Menschen liebst.

Im Grunde musst Du jetzt lernen, dass andere Menschen anders sind als Deine Eltern. Und dass die zu Dir stehen.

Redest Du nicht in der Therapie darüber?

03.12.2021 14:47 • x 1 #25


Hallo

Es geht mir genau gleich. Sobald mich jemand besser kennt- kennen könnte- mache ich einen Rückzug. Bei mir ist es allerdings die Angst verlassen zu werden, weil es schon immer so war. Darum hab ich wahnsinnig Schwierigkeiten Bindungen einzugehen, oder ehrlich zu sein wenn es um meine Persönlichkeit geht.

03.12.2021 14:57 • #26


Merletim
Hallo liebes Kieselchen, hallo liebe Forenmitglieder,

habe mich gestern in diesem Forum angemeldet nachdem mein Bruder mir bei einem der seltenen telefonischen Kontakte mitteilte, er hätte mit seiner Therapeutin über mich gesprochen und seien zu dem Schluss gekommen, das *beep* Verhalten meiner Mutter sei für meinen sozialen Rückzug verantwortlich.

Beim googeln bin ich dann auf dieses Forum gestossen und habe mich in dem Beitrag von Kieselchen wiedergefunden.

Meine Mutter ...narzisstisches Verhalten?!? Nööo, wozu immer Schuldige suchen.

Keine Ahnung warum man nicht so sein darf wie man sein möchte. Jahrelang habe ich mich gezwungen mich anzupassen und sehr darunter gelitten. Feste jeglicher Art waren für mich immer ein Greuel, enge Freundschaften habe ich gemieden und zig Ausreden erfunden um nicht gewollte Kontakte zu meiden.
Dieses äusserst stressige Verhalten hätte mich fast in die Alk. getrieben.
Ich bin gerne alleine und geniesse meine Umwelt mit all meinen Sinnen.
Wenn ich z.B. spazieren gehe, bin ich so sehr damit beschäftigt zu sehen, zu riechen und zu spüren, dass mich typisch menschliche Gesellschaft nur stören würde.
Das ich solch eine Eigenbrötlerin bin sieht man mir nicht an, im Gegenteil ich wirke aufgeschlossen und freundlich, was natürlich viele veranlasst, Kontakt zu mir zu suchen.
Seit ein paar Monaten versuche ich ehrlich zu meinen Mitmenschen zu sein und erkläre ihnen, dass ich mich zwar gerne kurz unterhalte aber es mir wichtig sei mich zurückziehen zu dürfen und sie können mich gerne als Eigenbrötlerin werten.

Ich bin glücklich mit meinem Leben so wie es ist und habe auch nicht mehr vor mich zu ändern.

08.12.2021 13:04 • x 1 #27




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