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Zitat von Hotin:
gab es irgendwelche Arten von Bedrohung oder körperlicher beziehungsweise seelischer Gewalt in Deinem Leben?
Kannst Du dazu etwas sagen, oder ist Dir das zu schwer darauf zu antworten?


es fühlt sich ziemlich bedrohlich an, wenn mein bruder im mutterleib stirbt und ich (gefühlt) dabei auch fast drauf gehe...
mein toter bruder ist dann für mich zur bedrohung geworden. der Kontakt mit ihm. das nicht ausweichen können. ausgeliefert sein...
die Berührungen nicht ertragen und es doch irgendwie aushalten müssen...

so irgendwie fühlt es sich unter anderem an.

26.12.2015 22:36 • #21


Hotin
Hallo makuma,

Zitat:
mein toter bruder ist dann für mich zur bedrohung geworden.


Mit Ängsten kenne ich mich hervorragend aus. Das Dein Bruder für Dich
zur Bedrohung geworden ist, kann sein.
Ich halte dies aber für ziemlich unwahrscheinlich.

Zitat:
ich sehne mich nach kontakt und gleichzeitig ist das meine größte angst...


Die Verbindung zu Deinem toten Bruder kann ich bisher noch nicht erkennen.
Bitte fühle Dich jetzt nicht schlecht wenn ich das schreibe.
Meiner Meinung nach ist Dein Problem an einer ganz anderen Stelle.
Wir Menschen bauen Straßen um unsere Probleme herum, eine gemeine Sache
bei Angststörungen.
Dies bedeutet. Wenn Die Aussage mit Deinem Bruder stimmen würde, wäre an der Stelle
die Lösung für Deine starken Ängste. Genau dort wird das Zentrum Deiner Angst aber
vermutlich nicht sein.
Wo also dann?

Wie gehst Du mit Gefühlen um, wenn Du allein bist?
Kannst Du lachen, weinen, was siehst Du für eine Person, wenn Du in einen Spiegel schaust? Hörst Du Musik?
Liebst Du die Sonne, was magst Du sonst im Leben?

Hotin

26.12.2015 23:00 • #22



Ich sehne mich nach Kontakt zu Menschen - hab Angst davor

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Zitat:
Das Dein Bruder für Dich
zur Bedrohung geworden ist, kann sein.
Ich halte dies aber für ziemlich unwahrscheinlich.


auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, ist es aber so.

Zitat:
Die Verbindung zu Deinem toten Bruder kann ich bisher noch nicht erkennen.


ich sehne mich nach dem Kontakt zu meinem (lebenden) bruder, aber gleichzeitig ist da die größte angst vor diesem kontakt (mit meinem toten bruder).

Zitat:
Wenn Die Aussage mit Deinem Bruder stimmen würde, wäre an der Stelle
die Lösung für Deine starken Ängste. Genau dort wird das Zentrum Deiner Angst aber
vermutlich nicht sein.
Wo also dann?


genau dort ist die größte angst. wenn ich mit meinen Therapeuten in kontakt gehe, sterbe ich vorher. ich kann ihn nicht ansehen. ich mache mich klein und setze mich auf den Boden und bewege mich keinen Millimeter. (es ist mittlerweile besser geworden). in ihm suche/sehe ich meinen bruder. ich kann ihn nicht ansehen. es geht einfach nicht...
das einzige, was mich (besonders am Anfang) erreicht hat, war, dass er mich gehalten hat. und das auch mit viel druck, so dass innen etwas angekommen ist. bewegen kann ich mich dabei immer noch nicht... aber es ist seit den anfängen auf diese weise unendlich viel Anspannung aus meinem Körper verschwunden (was zum teil auch ziemlich schmerzhaft war), so dass ich überhaupt erst angefangen habe, irgendwas in meinem Körper zu spüren. das war/ist wirklich wie ein 'auftauen'.

26.12.2015 23:27 • #23


Grashüpfer
Liebe Makuma,

Auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Forum!
Deine Geschichte berührt mich, und ich glaube, dass ich dich zum Teil ganz gut verstehen kann. Aus deiner Erzählung höre ich, wie Vergissmeinnicht, eine Art Trauma heraus, ein pränatales Schockerlebnis, das du nie so richtig verarbeiten konntest. Ich bin keine Psychoanalytikerin, möchte aber mal eine Deutung versuchen:
Du schreibst von dem Wächter. Verstehe ich es richtig: damit meinst du, dass du als ungeborenen Kind so reagiert hast, um den Tod des Bruders ertragen zu können, indem du alle Gefühle abschaltesz? Fortan hat dein Kopf ganz oft so reagiert. Das würde bedeuten, dass ein ungeborenes Baby im Mutterleib nicht nur Einflüsse wie Musik, Hektik, Stimmungen oder Streß wahrnimmt, sondern auch Ereignisse, die es mitbekommt, im.Unterbewusstsein speichert und wie ein lebender Mensch psychisch darauf reagiert. So in etwa siehst du es doch, oder?
Das ist eine superspannende Theorie, finde ich!

Du schreibst, du wusstest lange nicht, warum du so bist wie du bist, weil du nie wirklich schlimmes erfahren hast. Das kann ich gut verstehen, mir ging es lange Jahre genauso, ich habe genauso gerätselt. Mit den Jahren ergab sich ein Bild, und plötzlich gibt alles einen Sinn. Mit dieser Erkenntnis bin ich auf ein frühkindliches Trauma gestoßen. An die Erlebnisse habe ich keine Erinnerungen, es war zu früh, aber ab und zu tauchen Bildfetzen, aber vor allem ganz schwer erträgliche Gefühle in mir auf - Horror, blankes Entsetzen, Hysterie, schreckliche Angst.
Die Ereignisse waren zu früh, um mit Erinnerungen arbeiten zu können, das macht es sehr schwer.

Wie hat deine Mutter denn den Tod deines Bruders verkraftet? Du konntest nie mit ihr darüber sprechen? Vielleicht mit deinem Vater?
Wir haben auch nie wirklich über diese Dinge reden können, und ich glaube, dass meine Mutter diese Erlebnisse mit mir als kleines Kind nie wirklich verarbeitet hat. Aber ich denke, es ist an uns, den Kindern, dieses Thema anzusprechen. Das ist wahnsinnig wichtig. Für den Seelenfrieden aller Beteiligter.

Weiß dein Mann von deiner Geschichte?

Liebe Grüße,
Grashüpfer

26.12.2015 23:32 • #24


Icefalki
Makana, warum die fürchterliche Angst vor deinem totem Bruder?

Er ist doch derjenige, der verloren wurde. Empfindest du Schuld?

26.12.2015 23:35 • #25


Hotin
Hallo makuma,

Zitat:
aber gleichzeitig ist da die größte angst vor diesem kontakt (mit meinem toten bruder).


Was an diesem Kontakt macht Dir Angst. Hast Du schon mal versucht in Gedanken mit ihm zu reden?
Er wird Dir nichts vorwerfen.
Du kannst ihm doch nichts getan haben. Worin könnte Deine Schuld bestehen?

Zitat:
in ihm suche/sehe ich meinen bruder. ich kann ihn nicht ansehen. es geht einfach nicht...


Was von Deinem Bruder siehst Du in Deinem Therapeuten?

Empfindest Du so etwas wie Schuld, weil Du lebst?

Hotin

26.12.2015 23:50 • #26


hallo grashüpfer,

Zitat:
Du schreibst von dem Wächter. Verstehe ich es richtig: damit meinst du, dass du als ungeborenen Kind so reagiert hast, um den Tod des Bruders ertragen zu können, indem du alle Gefühle abschaltesz? Fortan hat dein Kopf ganz oft so reagiert.


ja, nur reagiert mein Körper so.

Zitat:
Das würde bedeuten, dass ein ungeborenes Baby im Mutterleib nicht nur Einflüsse wie Musik, Hektik, Stimmungen oder Streß wahrnimmt, sondern auch Ereignisse, die es mitbekommt, im.Unterbewusstsein speichert und wie ein lebender Mensch psychisch darauf reagiert. So in etwa siehst du es doch, oder?
Das ist eine superspannende Theorie, finde ich!


das ist nicht nur eine theorie. wir fühlen von anfang an. mit dem kopf und über das denken habe ich keinen Zugang zu diesen Gefühl, aber es ist im sogenannten körperwissen gespeichert.

Zitat:
An die Erlebnisse habe ich keine Erinnerungen, es war zu früh, aber ab und zu tauchen Bildfetzen, aber vor allem ganz schwer erträgliche Gefühle in mir auf - Horror, blankes Entsetzen, Hysterie, schreckliche Angst.
Die Ereignisse waren zu früh, um mit Erinnerungen arbeiten zu können, das macht es sehr schwer.


das kann ich sehr gut verstehen und nachvollziehen.

Zitat:
Wie hat deine Mutter denn den Tod deines Bruders verkraftet? Du konntest nie mit ihr darüber sprechen?


meine mutter weiß nichts davon. deshalb habe ich ja auch keine 'beweise', die über meine körperlich gefühlte Wahrheit hinausgehen. sie haben mich per Kaiserschnitt geholt, zu damaliger zeit noch unter vollnarkose. ob dort noch spuren von meinem bruder gefunden wurden, weiß ich nicht. oft wurden solche dinge damals auch einfach verschwiegen. vielleicht war aber am ende auch nichts mehr von ihm übrig.

mein mann weiß von meiner Geschichte. zu meinen Eltern habe ich den Kontakt abgebrochen.

Gruß makuma

26.12.2015 23:55 • #27


Zitat von Icefalki:
Makana, warum die fürchterliche Angst vor deinem totem Bruder?

Er ist doch derjenige, der verloren wurde. Empfindest du Schuld?


da ist auch ein teil, der sich schuldig fühlt...
aber da ist einfach der Horror, diese erlebnisse mit diesem toten etwas an meiner Seite...
stell dir vor, du liegst mit einem toten zusammen in seinem sarg und bekommst hautnah mit, wie er sich langsam auflöst und verändert. wie würde es dir dabei gehen?

27.12.2015 00:01 • #28


Zitat:
Hast Du schon mal versucht in Gedanken mit ihm zu reden?


ja, natürlich rede ich mit ihm.

Zitat:
Was von Deinem Bruder siehst Du in Deinem Therapeuten?


die Sehnsucht nach dem lebenden Bruder und die angst vor dem toten bruder.

27.12.2015 00:08 • #29


Grashüpfer
Liebe Makuma,

Ja der Umgang war damals nicht unbedingt sensibel. Habe mir gerade dein Profil angesehen, wir sind fast gleich alt. Ich bin auch mit Kaiserschnitt geholt worden und da lief hinterher auch einiges nicht sehr glücklich.

Ja, ich weiß dass wir von Anfang an fühlen - aber in solcher Konsequenz, das überrascht und fasziniert mich!

Ist dir dein Therapeut eine gute Stütze?
Würde es dir denn helfen, mit deinem Bruder über das Erlebte in Gedanken zu sprechen? Hast du das schon mal versucht?

Liebe Grüße
Grashüpfer

27.12.2015 00:20 • #30


Hotin
Hallo makuma,

Zitat:
ja, natürlich rede ich mit ihm.


Und was sagst Du ihm?

Zitat:
Was von Deinem Bruder siehst Du in Deinem Therapeuten?
die Sehnsucht nach dem lebenden Bruder und die angst vor dem toten bruder.


Was macht Dir denn Angst? Du hast Deinen toten Bruder doch nie mit Deinen Augen gesehen. Also kannst Du
in Deinem Therapeuten doch nicht Deinen Bruder sehen. Und ein Bild für Sehnsucht kann ein Mensch kaum sein,
oder doch?
Was also siehst Du wirlich in Deinem Therapeuten?

Freue mich auf Deine Antwort, bin jetzt aber etwas müde. Ist sehr interessant mit Dir zu reden.
Falls Du Interesse hast, können wir morgen gern weiter reden.

Hotin

27.12.2015 00:22 • #31


@grasgüpfer

ja, ohne meinen Therapeuten wüsste ich nicht, wo ich heute wäre.

ja, ich rede auch mit meinem Bruder.

Gruß makuma

27.12.2015 00:29 • #32


Grashüpfer
Vielleicht projizierst du? Die Sehnsucht und die Angst sind die essentiellen Gefühle für deinen Bruder, vielleicht projizierst du sie auf den Therapeut, den Menschen, der in dieser Geschichte zur Zeit am wichtigsten für dich ist?

27.12.2015 00:35 • #33


Zitat von Grashüpfer:
Vielleicht projizierst du? Die Sehnsucht und die Angst sind die essentiellen Gefühle für deinen Bruder, vielleicht projizierst du sie auf den Therapeut, den Menschen, der in dieser Geschichte zur Zeit am wichtigsten für dich ist?


ja, natürlich tue ich das.

27.12.2015 00:38 • #34


Grashüpfer
Schön, dass er dir Halt gibt, das ist unglaublich viel wert!

27.12.2015 00:39 • #35


Zitat von Grashüpfer:
Schön, dass er dir Halt gibt, das ist unglaublich viel wert!


ja...

ich reiß mich jetzt hier los.
gute Nacht.

Gruß makuma

27.12.2015 00:41 • #36


Hallo Makuma, hallo Leute,

dass mit dem Körperwissen und dem Bewusstsein von ungeborenen Kindern kann ich nur bestätigen.
Bei meiner Geburt und bei der Schwangerschaft sind Komplikationen aufgetreten. Meine Mutter hätte mich drei Mal fast verloren, der Arzt stellte sogar die Frage ob meine Eltern die Schwangerschaft beenden wollen, wegen des komplizierten Verlaufs. Bei meiner Mutter wurde im 8. Monat (oder so) eine Cerklage vorgenommen. Meine Geburt verlief deshalb kompliziert und fand 3 Wochen zu früh statt. Ich steckte im Geburtskanal fest und bekam auch keine Luft mehr.

Es gab seit meiner frühesten Kindheit Verhaltensauffälligkeiten. Meine Mutter hat immer vermutet, dass das von der Geburt gekommen ist. Sie hatte immer das Gefühl mit mir stimmt etwas nicht. Sie hat immer versucht, dass mir geholfen wird, aber das gab mir auch das Gefühl nicht in Ordnung zu sein.

Mir fällt es auch schwer Menschen zu vertrauen, Beziehungen aufzubauen, richtig Liebe zu empfinden. Bei mir wurde eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Ich denke wenn man schon so einen schweren Start ins Leben hatte, hat man es oft später auch schwer. Aber ich denke ich bin eine Kämpferin und versuche mich nicht unterkriegen zu lassen. Ich besitze glaube ich auch einen großen Gerechtigkeitssinn und setze mich gern für die Kleinen und Schwachen ein, vllt. weil ich selber auch zu denen gehöre.

Vor längerer Zeit gab es hier schon einmal ein ähnliches Thema, in dem ich auch etwas rein geschrieben habe. Ich finde dieses Thema Geburtstrauma ungeheuer interessant und dem sollte in der Psychologie mehr Beachtung entgegen gebracht werden.

Also, gute Nacht und liebe Grüße, Melancholy

27.12.2015 01:03 • #37

Sponsor-Mitgliedschaft

hallo melancholy,
hast du gefühle, körperempfindungen oder bilder, die du direkt mit diesen geburtserlebnissen in Verbindung bringen kannst?

in vielen Bereichen der psychotherape finden die pränatalen erlebnisse bereits beachtung. das sind meist die körperbezogenen therapieformen, wie zum beispiel focusing...

es gibt aber auch eine interessante methode, die nennt sich tipi, um solche ängste aus vorgeburtlichen oder geburtsgeschichten aufzulösen. dazu gibt es zwei bücher von Luc Nicon:

Befreit von alten Mustern. Tipi - eine Körperreise zum Ursprung unserer Emotionen und Ängste

und

Natürlich angstbefreit: Unseren Körper spüren: Ängste und Blockaden selbst dauerhaft auflösen

ein paar kleinere schritte konnte ich mit dieser Methode schon machen (mit und ohne Begleitung durch einen tipi-coach). ich hab einen kurs gemacht, um es selbständig für mich durchführen zu können. schwerwiegende sachen sind alleine aber schwer zu bearbeiten und selbst mit Begleitung ist dieser weg nicht immer einfach. ich weiß auch von vielen, bei denen es funktioniert hat. bei den großen Geschichten stehe ich mir mit meinem Kopf noch selbst im Weg. da greifen dann meine wächter ein und verhindern ein weiterkommen.

Gruß makuma

27.12.2015 07:51 • #38


Vergissmeinicht
Liebe makuma,

Ich bleibe dabei; Du hast ein schweres frühkindliches Trauma und das gehört in die Hände eines Spezialisten. Kannst Du nicht mal mit Deinem Thera eine Fachklinik für Traumatologie ins Auge fassen. So bist Du noch Jahre dran.

27.12.2015 13:23 • #39


Zitat von makuma:
hallo melancholy,
hast du gefühle, körperempfindungen oder bilder, die du direkt mit diesen geburtserlebnissen in Verbindung bringen kannst?


Hallo Makuma,

ich hatte als Kind und jetzt teilweise immer noch Angst vor lauten Geräuschen. Das bringe ich zum Beispiel damit in Verbindung. Vermutlich hat meine Persönlichkeitsstörung dort ihren Ursprung, aber das wurde nie bestätigt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Theorie von Therapeuten nicht so ernst genommen und als wahrscheinlich angenommen wird.
Ich werde mich mal mit diesen von Dir genannten Büchern beschäftigen, denn die scheinen interessant zu sein.

LG, Melancholy


27.12.2015 13:28 • #40



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