5

Paula_Sonnensch.

7
1
Hallo ihr Lieben,

ich schreibe euch, weil ich nicht weiter weiß. Mein Bruder hat eine starke Sozialphobie gepaart mit einer Depression. Er hat sich deswegen selbst stationär in einer Klinik aufnehmen lassen. Die Wochen vor der Aufnahme waren der reinste Alptraum, denn er war ständig irgendwie wütend und sprach mit niemandem mehr als Ja und Nein und hat ansonsten immer nur sehr böse geschaut. Nun ist er nach 2 Wochen Therapie für einen Tag raus gekommen und sein Verhalten ist exakt das selbe - obwohl er ja freiwillig vorbeigekommen ist. Keiner in meiner Familie weiß sich mehr zu helfen. Wie reagieren? Einerseits wissen wir, dass er krank ist und für vieles vermutlich nichts kann. Andererseits frage ich mich, ob dieses Verhalten "normal" für jemanden mit Sozialphobie und Depression Ist? Jeder in meiner Familie hat Angst, etwas falsch zu machen aber diese ständige Aggression macht uns zunehmend fertig. Wäre er gesund, hätten wir ihn heute rausgeworfen. Ist es in Ordnung, Grenzen aufzuzeigen? Wie weit muss Rücksicht gehen?

Ich hoffe, ihr wisst einen Rat. Könnte nur noch weinen.

eure Paula

11.02.2017 21:35 • 25.03.2017 #1


16 Antworten ↓


Brandungsburg

Brandungsburg


436
10
268
Hallo Paula
Ich finde es sehr gut, dass dein Bruder sein Problem erkannt hat und sich selbst stationär in Therapie begeben hat.
Wichtig ist aber, dass ihr nichts für sein Verhalten könnt und in dem Sinne auch nichts falsch macht, er braucht Grenzen und man kann auch nicht ewig Rücksicht nehmen. Mit einem Menschen zusammen zu leben, der Depressionen und Aggressionen hat ist sehr schwierig, da spreche ich aus eigener Erfahrung, aber ihr könnt jetzt nicht euer ganzes Leben nach ihm richten. 2 Wochen sind ja noch nicht wirklich lange, Fortschritte brauchen seine Zeit, habt Geduld mit ihm. Wie alt ist er denn?

Grüße von Jamie

11.02.2017 21:47 • x 1 #2


Paula_Sonnensch.


7
1
Hallo Jamie,

danke für deine liebe Antwort. Zwei Wochen sind tatsächlich noch nicht lange und wir waren auch überrascht, als er plötzlich schon nach Hause kam. Uns war klar, dass er jetzt nicht völlig anders sein kann, jedoch hatten wir Hoffnung, weil er von selbst kam. Mein Bruder ist 28.

Unsere Angst ist auch, dass er sich was antut, wenn wir ihm jetzt sagen, dass er mit diesem Verhalten nicht vorbeikommen muss. Es schien auch so, als wäre er eher wegen seiner Wüstenspringmäuse vorbeigekommen - nicht weil er uns sehen wollte.

11.02.2017 21:53 • #3


cube_melon

cube_melon


932
4
536
Hallo Paula,

Grenzen aufzuzeigen ist legitim. Wo diese Grenzen sind ist individuell.

Ob das beschriebene Verhalten zu einer sozialen Phobie passt kann man auf die Ferne nicht beurteilen.
So kann ich dir nur Denkansätze geben und dir sagen was sich mir für Fragen stellen.

Ich halte es für gut möglich das da mehr dahinter steckt. Ich würde das Ergebnis der Klinik abwarten.
Nach zwei Wochen ist ein Fehlverhalten und eine Symptomatik wie er es vorher hatte mit Sicherheit nach zwei Wochen nicht weg.

Was für Symptome hat er denn und wie alt ist er?

Gruß
Cube

11.02.2017 21:53 • #4


Paula_Sonnensch.


7
1
Hi Cube,

vielen Dank. Also er ist 28. Er hat schon immer Probleme, mit Menschen zu sprechen und auch im Umgang mit Ihnen. Beispielsweise kann er nicht telefonieren, hat panische Angst vor Menschen zu sprechen und wenn er zu Feiern eingeladen wird, ist er eigentlich nur sehr angespannt und will nicht hin. Früher war das alles nur sehr latent da. Da haben wir nur gemerkt, dass er keine Gefühle zeigen und nicht über Probleme sprechen konnte. Er ist dann immer wütend geworden, hat geweint und ist abgehauen.
Seit etwa einem halben Jahr hat sich alles aber dramatisch verschlimmert. Er hat seine Ausbildung geschmissen, weil er Angst hatte, saß nur noch zu Hause, hat sich um nichts mehr gekümmert und bei den kleinsten Aufgaben, die er im Haushalt erledigen sollte, ist er total wütend geworden. Dann hörte er auf zu sprechen und aß auch nur noch wenig. Das war dann der Punkt, wo wir für ihn einen Psychologentermin gemacht haben. Der hat ihm nahegelegt, eine Klinik aufzusuchen. So ist das jetzt gekommen.

11.02.2017 22:02 • #5


Dandysaurus Rex


27
3
5
@Paula

du scheinst eine wirklich nette schwester zu sein. nicht so wie meine die mir vorwirft dass ich mir meine depressionen und angstzustände nur einrede. bleib so,dein bruder wird es dir irgendwann danken.

11.02.2017 22:07 • x 1 #6


Paula_Sonnensch.


7
1
Hallo Dandysaurus,

das ist so lieb von dir. Ich möchte momentan nur, dass es ihm wieder besser geht. Ich war auch froh, als er freiwillig in die Klinik gegangen ist und hätte es auch ok gefunden, wenn er sich während der Therapie nicht meldet.

Du solltest nicht auf andere hören. Wenn du an dir feststellt, dass du Angstzustände und eine Depression hast, dann hole dir Hilfe (falls es dir möglich Ist). Das habe ich ihm auch gesagt: Es geht erstmal um dich und darum, dass es dir wieder besser geht. Was andere davon halten, ist jetzt egal.

11.02.2017 22:16 • #7


cube_melon

cube_melon


932
4
536
Bei dem was Du beschreibst muss sein Leidensdruck in ihm extrem hoch sein. Das hat sich über viele Jahre aufgestaut.
Die Folgen einer solchen unbehandelten Phobie können vielfältig sein. Ausgrenzung, Versagensänste, ein mangelhaftes Selbstbild sind nur ein paar Beispiele. Sogar eine sich daraus entwickelte Persönlichkeitsstörung ist möglich. Keine Emotionen zu zeigen ist ein Abwehr- und Schutzmechanismus. Die Aggressionen könn durch die das aufstauen der Emotionen kommen, aber auch ebenso ein Mechanismus wie bei den Emotionen sein.

Es ist gut das er freiwillig in Therapie geht. Da hat er und auch ihr schon viel gewonnen. Ohne eine therapiebereitschaft ist das sehr schwierig und langfristig gesehen geht das schief.

Liebevoll fordern, aber Grenzen setzen. Es ist absolut wichtig, dass er seine Therapiebereitschaft erhält. Es kann gut sein, dass er die Therapie abbricht. Aber er sollte wieder nach einer kurzen Phase wieder rein. Auch solltet ihr euch Gedanken über eine ambulante Therapie nach der Klinik machen. Wenn die Klinik euch in die Therapie mit einbinden will, tut das. Es gibt auch Dienste wie den Sozial Psychiatrischen Dienst. Googelt das mal in eurem Landkreis. Die bieten Unterstützung und Familieninterventionen vor Ort an.

Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch kranker Menschen. Auch da - schaut bitte nach ob es welche in eurer Nähe gibt.

11.02.2017 22:23 • x 1 #8


Paula_Sonnensch.


7
1
Ich glaube auch, dass es sich über die Jahre aufgestaut hat. Würdest du denn sagen dass es ok ist, ihm zu sagen, dass er nicht bei uns vorbeikommen muss, wenn er sich so verhält? Oder ist das zu hart?
Momentan haben wir noch gar nichts aus der Klinik gehört, würden aber natürlich alles mitmachen.
Das von dir angesprochene zerstörte Selbstbewußtsein stimmt auf jeden Fall. Meine Familie übernimmt sehr viel für ihn. Ich weiß nicht, ob dass das Problem noch verstärkt.
Ich sehe aber auch, wie sehr unsere Eltern unter der Situation leiden. Sie haben über Jahre aus ihrer Sicht alles gemacht und nun ist er so aggressiv zu ihnen. Ich kann mir vor allem das nicht erklären.

11.02.2017 22:37 • #9


cube_melon

cube_melon


932
4
536
Also das ist eine sehr schwierige Frage, die ich dir nicht beantworten kann. Es ist die Frage wieviel Geduld ihr habt. Tendenziell ist es besser er ist in der Klinik, da die Konfrontationen weder für ihn noch für euch gut sind.
Auf der anderen Seite weiß ich nicht wieviel Halt ihr ihm nehmt. Die Tiere sind evtl. eine wichige Ressource für ihn.

Eine psychische Krankheit zu verstehen ist für Aussenstehende oder ungeschulte Menschen schwierig. Einen Menschen den man liebt etwas abzunehmen ist völlig normal. Aber in der Konstellation eher ungünstig ihm alles abzunehmen. Wenn er sich absolut null konfrontieren muss, ist das für seine Symptomatik sicherlich ungünstig. Die Schritte der Konfrontation sind jedoch absolut wichtig. Auch muss er darauf vertrauen können, dass man ihn im schlimmsten Fall aus der Situation nimmt. Es ist ein liebevolles fördern und fordern wichtig.

Bitte verstehe mich richtig. Das soll keine Kritik sein. Es ist halt schade, dass erst jetzt eine Therapie erfolgt.

11.02.2017 23:09 • x 1 #10


Paula_Sonnensch.


7
1
Ich verstehe, was du sagst und sehe das ja ähnlich. Es sind unsere Eltern, die ihm einfach zu viel abnehmen.

11.02.2017 23:31 • #11


cube_melon

cube_melon


932
4
536
Trefft eure Entscheidung, seit so diplometisch wie möglich. Wartet die Diagnose ab. Dann solltet ihr entsprechend handeln.

Wenn ihr später noch weitere Fragen habt, fühlt euch frei und stellt sie.

11.02.2017 23:42 • #12


Schlaflose

Schlaflose


18754
6
6774
Er wird in der Klinik wahrscheinlich auf Medikamente (Antidepressiva) eingestellt und die brauchen mindestens 3 Wochen, bis eine Wirkung einsetzt.

12.02.2017 15:39 • #13


alfred

alfred


2888
18
2541
Hallo1
Hat dein Bruder denn mal gesagt warum er so ist und denkt.
Oder hat er darüber nie gesprochen.
Es müßte ja einen Gund dafür geben.
Ein Erlebniss war er nicht verarbeitet hat oder etwas anderes.

12.02.2017 16:00 • #14


schokobroetchen


Hi Paula,

ich möchte meinen Blickwinkel einfach mal hinzufügen:

Eine abhängige Verstrickung mit dem Elternhaus, der Familie, kann dazu führen, dass das Leben nicht mehr als selbstbestimmt wahrgenommen wird. Es werden ihm aus Rücksichtsnahme Situationen erspart, die ihn zur Auseinandersetzung mit seinen Problemen zwingen würden. Das fühlt sich als Niederlage an, wertet das Selbstbewußtsein ab und nimmt die Möglichkeit an einer kontrollierten Bearbeitung der Probleme zu wachsen. Ist das Selbstbewußtsein weit genug im Keller, werden dann die Beteiligten als Schuldige "erkannt". Der Hass richtet sich nicht mehr nur nach innen, sondern auch nach außen. Ich sehe dies als Impuls, die für ihn notwendige Loslösung einzuleiten. Vielleicht ist da schon unbewusst einkalkuliert, dass man ihm endlich nicht mehr hilft, wenn er sich unakzeptabel verhält. Sich helfen lassen ist genauso verführerisch (Hach, ich kann mich der Angstsituation entziehen.), wie demoralisierend (Verdammt, wieder nicht gepackt.). Wem zu viel geholfen wird, der verfügt irgendwann nicht mehr über das Selbstbewußstsein (Woher den auch, wenn er nichts erkämpft?) um im Alltag zu bestehen.

Die größte Hilfe wäre in einer solchen Konstellation nach einer ersten Stabilisierung eine Familie die ihn dabei unterstützt, dass er ein wirklich eigenes Leben aufbaut, mit angemessener Distanz zum Elternhaus. Ich meine unterstützen dabei nicht als übernehmen. Sondern eher als sorgsam anschiebend. Dann besteht für ihn auch die Chance über das aus eigener Leistung erreichte Selbstwert aufzubauen. Dazu ist dann aber erstmal ein gewisser emotionaler Abstand zu deinem Bruder erforderlich. Schon allein damit niemand in Versuchung kommt in das alte ungünstige Verhalten abzugleiten, das für ihn in eine Sackgasse geführt hat.

Das ist natürlich nur meine unprofessionelle Vorstellung, die sich bei mir beim Lesen deines Berichts geformt hat. Unter der Voraussetzung, dass dein Bruder wirklich unter etwas leidet, bei dem es im wesentlichen um soziale Phobie/vermeidendes Verhalten geht. Mit der Depression als Folgeerkrankung. Ohne Trübung der Realitätswahrnehmung. Es gibt sicher noch einige andere seelische Erkrankungen, die das von dir geschilderte erklären könnten. So wirklich weiterplanen könnt ihr als Familie erst, wenn Diagnose und Therapieempfehlung der Klinik stehen.

Ich kann ihm und euch als Familienverbund nur wünschen, dass er A) den Klinikaufenthalt und B) die anschließende langfristige ambulante Therapie(n) durchzieht. Das ihr ihn in Richtung Therapie und somit Klinikaufenthalt geführt habt, das war das beste, was ihr für ihn in der Situation leisten konntet. Innerhalb von zwei Wochen ändert sich seelisch leider noch nicht viel. Bedenke bitte, wie lange sich das Ganze entwickelt hat.

Viele Grüße

12.02.2017 20:17 • x 1 #15


Paula_Sonnensch.


7
1
Hallo Ihr Lieben,

seit dem Beginn der Therapie sind nun schon bald 2 Monate vergangen. Meine Bruder (muss) jedes Wochenende nach Hause kommen und hat dann häufig richtig schlechte Laune. Zwar sagt er jetzt wenigstens Hallo und Tschüß und kocht manchmal sogar mit, jedoch ist die Grundstimmung echt schlecht. Er redet kaum, schaut meine Mutter nie an und redet natürlich auch nicht darüber, weshalb er solche Laune hat.
Nun stellen wir immer öfter fest, dass er sich Dinge einbildet. Beispielsweise ist er meine Mutter total angegangen, weil er angeblich eine WhatsApp geschrieben hat und von seinen Wochenendplänen berichtet hat, sie eine solche Nachricht aber nie erhalten hat. Dann wollte er mit meinem Vater zu einer Veranstaltung gehen, mein Vater sagt zu, dann sagt er 5 Minuten später, dass er noch nicht wisse, ob er hingeht. Mein Vater sagt ihm daraufhin das er einfach Bescheid sagen soll und einen Tag davor schreibt er ihm, dass es ihm schei. ist, ob er mitgeht und das er auch alleine Spaß haben könnte. Später kam heraus, dass er auf eine Meldung von meinem Vater gewartet hätte und dann der Meinung war, dass er sich nicht entscheiden könnte und nun deshalb alleine fährt.
Woher kommt das denn plötzlich? Ich habe das Gefühl, die Therapie macht es nur noch schlimmer. Könnt ihr euch das erklären?

Liebe Grüße
Paula_Sonnenschein

25.03.2017 10:06 • #16


Tiberias


Zitat von Paula_Sonnenschein:
Hallo Ihr Lieben,

seit dem Beginn der Therapie sind nun schon bald 2 Monate vergangen. Meine Bruder (muss) jedes Wochenende nach Hause kommen und hat dann häufig richtig schlechte Laune. Zwar sagt er jetzt wenigstens Hallo und Tschüß und kocht manchmal sogar mit, jedoch ist die Grundstimmung echt schlecht. Er redet kaum, schaut meine Mutter nie an und redet natürlich auch nicht darüber, weshalb er solche Laune hat.
Nun stellen wir immer öfter fest, dass er sich Dinge einbildet. Beispielsweise ist er meine Mutter total angegangen, weil er angeblich eine WhatsApp geschrieben hat und von seinen Wochenendplänen berichtet hat, sie eine solche Nachricht aber nie erhalten hat. Dann wollte er mit meinem Vater zu einer Veranstaltung gehen, mein Vater sagt zu, dann sagt er 5 Minuten später, dass er noch nicht wisse, ob er hingeht. Mein Vater sagt ihm daraufhin das er einfach Bescheid sagen soll und einen Tag davor schreibt er ihm, dass es ihm schei. ist, ob er mitgeht und das er auch alleine Spaß haben könnte. Später kam heraus, dass er auf eine Meldung von meinem Vater gewartet hätte und dann der Meinung war, dass er sich nicht entscheiden könnte und nun deshalb alleine fährt.
Woher kommt das denn plötzlich? Ich habe das Gefühl, die Therapie macht es nur noch schlimmer. Könnt ihr euch das erklären?

Liebe Grüße
Paula_Sonnenschein


Hast du ihn denn mal direkt gefragt warum er so schlechte Laune hat wenn die Situation vorbei war? So eine Art Nachgespräch? Das mit Whatsapp hört sich komisch an, aber das jetzt genau nachzuvollziehen wäre zuviel Technik gedöns.

Wie steht er den allgemein zu eurem Vater? Wie ist das Verhältnis so?

Wenn ich zb. zu jmd gehe und sage ich möchte mit dir zu Veranstaltung XY und die Reaktion meines Gegenübers eher verhalten bis gleichgültig rüberkommt dann würde ich mir auch denken Scheizz auf dich. Wenn du nicht willst dann gehe ich halt allein. Das könnte ich zb absolut verstehen. Aber naja ist halt immer so ein Ding.

Gruß Tibet

25.03.2017 10:31 • #17



Dr. Reinhard Pichler


Auch interessant

Hits

Antworten

Letzter Beitrag