Zitat von Ja02: Doch Hume übersieht dabei, so finde ich, die Rolle des Subjekts in der Erkenntnis. Wir sehen schließlich nicht einfach, was ist, sondern strukturieren die Welt aktiv mit unseren Kategorien - und ohne diese Strukturen gäbe es keine kohärente Erfahrung.
Ja, das kann man so sehen, den Vorstoß wagte dann Kant, wobei ich über Hume zu wenig weiß. Ah, sehe gerade, dass Du es auch schreibst.
Zitat von Ja02: Wissen ist demnach nicht nur ein Produkt dessen, was passiert, sondern allen voran auch durch die Art und Weise geprägt, wie wir es begreifen.
Ja.
Zitat von Ja02: Nehmen wir uns z.B. mal ein Flugzeug oder gar ein Raumschiff vor. Die Fähigkeit, ein Luftfahrzeug abheben zu lassen, basiert ja nicht nur auf Erfahrung, sondern auf einem tiefen Wissen um sogenannte physikalische Gesetzmäßigkeiten, welche wir mit unseren Konzepten begreifen. Ohne dieses Wissen könnte das Flugzeug nicht abheben. Und ein fehlerhafter Umgang mit jeweiligen Konzepten führt potentiell zu Störungen im System, die, in ihrer Eskalation, zum Absturz des Flugzeugs führen könnten - heißt, das Missachten dieser fundamentalen, durch den menschlichen Verstand generierten Prinzipien kann einen Zustand bei uns herbeiführen, den wir als „tot“ bezeichnen.
Klar, das hat uns ja schrittweise dazu gebracht von einer, im physikalischen Sinne, realistischen Welt auszugehen und die setzen wir ja heute voraus. Dass das im Grunde alles nur durch unser Bewusstsein gehalten wird, ist noch immer der große Gegenentwurf, getragen von Kant, Ramana oder Kastrup.
Aber die Philosophie in Gänze ist ebenso ein Spiegel dieser Idee. Die Naturwissenschaft setzt ihren Anfang historisch, sagen wir beim Urknall und erzählt ihre Geschichte von dort, die Philosophie beginnt im Grunde mit der ersten Reflexion, die immer Voraussetzung ist, auch für die Geschichte vom Urknall.
Ein anderer Anfang, die Frage, welcher welchen dominiert scheint uns klar, weil wir entsprechend trainiert sind, aber je näher wir mit der historischen Entstehung das Bewusstsein erklären wollen, umso mehr entzieht es sich. Bis eben in jene kuriosen Bereiche der Messung physikalisch toter Gegenstände, bei denen wir uns dann alle, außer Dir vielleicht, die Augen reiben.
Mein Punkt ist aber, dass ich bei der Gewichtung Zeit vs. Logik tendenziell ein Patt sehe, obwohl ... auch das ein wirklich kompliziertes Thema ist.
Zitat von Ja02: Damit meine ich, dass die Hypothesen, welche wir aufstellen, die Messinstrumente, die wir wählen, und die Modelle, die wir zur Erklärung heranziehen, nicht nur Mittel zur Entdeckung der Wahrheit sind, sondern selbst schon mit in der Konstruktion dessen wirken, was als wahr oder gültig betrachtet wird.
Ja, der Punkt ist mir inzwischen völlig klar, allgemein wird er aber nicht verstanden, was ich gut verstehen kann, weil man sich da durchaus eingraben muss. Kant, Fleck, Kuhn, Sellars, Brandom, sie alle stehen da Pate.
Zitat von Ja02: Humes Skepsis bleibt damit für mich also prinzipiell gültig, sofern der aktive Prozess von Erkenntnis mit Berücksichtigung findet.
Humes Argument ist im Grunde ontologisch, Kants erkenntnistheoretisch. Aus einer erneuten Gewohnheit, die aber auch nicht mehr ist, würden wir mutmaßen, dass die Ontologie (= wie es ist) gewichtiger ist, als als die Erkenntnistheorie (= Theorien von dem, wie und als was uns etwas erscheint), aber wenn man ehrlich ist hat man zur Realität nur einen eingeschränkten, perspektivischen Zustand, das meint glaube ich auch @illum.
Zitat von Ja02: Subjekt und Welt interagieren halt miteinander - und dieses dynamische Zusammenspiel zeigt uns praktisch auf, dass die Generierung fundierten Wissens zwangsläufig jenseits der simplen Induktion und der schlichten Erfahrung liegen muss. Anders kann Wissenschaft nicht funktionieren.
Wie kann man eine solche Konstruktion jenseits des Realismus entstehen lassen?
Der milde Konstruktivismus ist ja längst überall eingepreist, aber was, wenn Welt wirklich nur für uns (als Spezies) so existiert oder wirklich aus Geist/Bewusstsein ist? Oder anders, wie und warum entsteht Welt jenseits der biologischen Erzählung?
Vollkommen klar ist mir die Gleichursprünglichkeit (um das schöne Wort mal zu verwenden) von Ich und Welt. In dem Moment wo ich mich als Ich irgendwo verorte (und deiktisch verzeitliche: ich, hier, jetzt) erschaffe ich eine Welt, die m.E. auch noch realistisch sein muss.
Ein subjektiver Solipsismus läuft sich an seinen eigenen Selbstwidersprüchen tot. Warum ich jemanden brauche um Finnisch zu lernen, wenn ich zugleich behaupte, ich hätte diesen selbst erzeugt, kommt mir unüberzeugend vor. Theorien des Unbewussten haben ja durchaus was Angebot, aber dieses, 'ich war es, weiß aber gerade auch nicht mehr wie und warum' ist doch sehr leer. Da bin ich rauis,
Wenn die Welt also nicht bereits für alle fertig da ist und so kann man es ja lesen, ohne sich schämen zu müssen, tja, was ist dann der Stoff, aus dem das ist? Oder ist die Frage tatsächlich nur etwas, was das Ich noch ein wenig länger im Spiel hält, weil es ja so viele, so faszinierende Fragen gibt, dass man die Kernaufgabe, die das hieße es abzustreifen, übersieht?