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Hallo,

ich bräuchte mal euren Rat. Und zwar leider ich an einer Dissoziationsstörung und bin momentan auch in einer Tagesklinik. Habe starke Ängste, Panikattacken und Depressionen.

Ich fühle mich permanent Fremd, wenn ich in den Spiegel schaue frage ich mich ob ich das bin und ob das meine Stimme ist. Wenn ich das Haus verlasse und mich draußen aufhalte kommt mir alles so vor als wäre ich in einem Film am schlimmsten ist es beim Einkaufen oder in den Innenstädten. Ich kann mich nicht mal richtig mit Leuten unterhalten, bringe keinen Ton raus und verfalle dann in schlimmen dissoziationen wenn ich der Person zu lang in die Augen schauen muss. Und mein Zeitgefühl ist auch extrem gestört, wenn ich Mittags irgend ein Termin hatte dann kommt der Termin mir am Abend schon wieder so ewig lang vor wie wenn es schon ewig lang zurück liegt. Desweiteren hab ich sehr oft ein Druckgefühl auf den Ohren und hin und wieder macht das rechte Ohr geräusche wie wenn Wasser drinnen wäre. Und ein eckelhaftes wie durch Watte hören habe ich so dumpf irgendwie. Kein Gedächtnis, keine Freude, Herzrasen, keine Lust auf gar nix, keine Kraft, Selbstwertgefühl nicht vorhanden. sooo viele Symptome.

Meine Medikation ist momentan 600 mg Moclobemid/Aurorix und Risperidon 1 mg. Das Aurorix hat nach fast 4 Wochen angefangen zu wirken jedoch nach paar Tagen wieder die Wirkung verloren.

Nun wollte ich evtl. auf Fluvoxamin umsteigen und meinen OA fragen was er davon hält. Hat da jemand erfahren damit? Wirkt das besser gegen meine Symptome als das Aurorix?


Ich bin ziemlich am Ende und weiß nicht mehr weiter bin schon seit einem halben Jahr krank geschrieben.

08.07.2019 20:27 • 11.07.2019 #1


2 Antworten ↓


Hi du, was du beschreibst klingt sehr nach Derealisation/Depersonalisation. Das kann die Ursache für deine Ängste und Depression sein. Andersherum können diese auch die DR/DP verursachen. Egal wie rum, eine gute Chance auf Heilung hast du allemal. Ich kenne diesen Zustand nur zu gut wenn man gerade absolut keinen Durchblick hat, was da alles in einem drin gerade passiert, bzw. wie fern und fremd die Außenwelt dann wirkt. Beispielsweise das Spiegel-Symptom hatte ich auch einige Zeit, ist dann aber einfach wieder verschwunden. Das wichtigste ist schonmal, dass du in Behandlung bist. Leider kennen noch nicht viele Ärzte in Deutschland Derealisation und Depersonalisation und verwechseln dies oft mit psychotischen Krankheitsformen. Mir persönlich hat das Escitalopram sehr eher weiter geholfen damals, war eben ein sehr schleichender Prozess. Um dir das ganze Mal genauer zu beschreiben was dich plagt:
Diese dissoziativen Zustände erlebt jeder normale Mensch immer wieder in seinem Leben. Leute, die beispielsweise gerade einen Unfall hatten und sich aus einem Auto befreien müssen, können sich nicht auf die Rationalität ihres oberflächlichen Bewusstseins verlassen, da dieses sehr emotionsgesteuert ist. Deshalb schaltet der Kopf den Autopiloten an. Die Person kann handeln ohne groß zu überlegen oder abzuwägen. Während dieser Zustand in Extremsituationen vollkommen normal ist, ist er umso furchteinflößender wenn er ohne offensichtlichen Grund besteht. Auslöser können hier oft Traumata (bzw. die Erinnerung daran) oder eine Dro. induzierte Panikattacke sein. Wenn dieser Zustand dann in diesen Situationen von Betroffenen wahrgenommen wird, jagt es ihnen eine Heidenangst ein. Das Resultat: Das Hirn stellt auf Alarmmodus und dissoziert weiter. Du siehst wo das hinführt. In einen Teufelskreis. Der erste Schritt zur Heilung ist also dieses ekelhafte Gefühl zu akzeptieren, zu wissen warum es da ist und das dies eigentlich eine normale Schutzfunktion des Körpers ist. Ich weiß, dass das bei Gott nicht leicht ist, am liebsten würde man sich manchmal einfach den Kopf abreißen, aber glaub mir, es geht weg mit der Zeit. Und lass dich nicht entmutigen wenn das nicht von heut auf morgen passiert. Die Schwelle hast du überschritten, wenn dich die dissoziativen Zustände nicht mehr oder kaum stören, dann beginnt nämlich der Heilungsprozess. Dies kann selbstverständlich auch medikamentös unterstützt werden, aber da ich damit selber wenig Erfahrung habe, solltest du da vielleicht auf andere Meinungen warten.
Wenn du dich weiter einlesen möchtest empfehle ich dir die Seite /dpdr auf Reddit. Da finden sich viele die das gleiche durchmachen/durchgemacht haben wie du.
Achja und mach dir nicht über jedes einzelne Symptom nen Kopf. Das gehört alles in die gleiche Symptomatik rein. Du wirst sehen, dass eins nachdem anderen verschwindet, ohne dass du das überhaupt mitbekommst
Zu guter Letzt:
Großes Lob dass du so mutig warst in die Klinik zu gehen. Für uns Angsthasen ist das nicht immer selbstverständlich diesen Schritt zu machen.
Bis bald!

11.07.2019 18:53 • x 1 #2


Machst Du eine Therapie? falls nicht, suche dir Therapeuten, die sich mit Dissos auskennen. Ich würde da auch eher an Verhaltenstherapeuten mit Traumaweiterbildung denken. Leider kennen sich nicht alle Theras damit aus. Heute nach 4 Therapiejahren habe ich z.B eine körperorientierte Therapeutin und Osteopathin kennengelernt, die so feine Antennen hat, dass sie meine Dissos direkt merkt und stoppt. Also ein Glücksgriff. 4 Therapeuten vorher haben das gar nicht erkannt.
Alleine solltest Du den Weg nicht gehen...ich habe 8 Jahre stark dissoziiert und seit 2 Jahren mit den richtigen Therapien komme ich in der Realität an. Auch sehr schmerzlich..

11.07.2019 20:59 • #3





Dr. med. Andreas Schöpf