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Hallo @Phoebe2022 ,
Es ist zwar weitverbreitet und entsprechend nachvollziehbar, dass man eine Beziehung im Rückblick etwas "ökonomisch" betrachtet. Man setzt Geben und Neben in ein Verhältnis, rechnet Jahre und Investitionen (insbesondere emotionale), gemeinsam Geschaffenes, Verlorenes und Überstandenes gegeneinander auf und "kalkuliert" von dieser Basis ausgehend in die Zukunft.
Das Problem dabei ist: das
gegenwärtige Erleben hält sich erfahrungsgemäß nicht an derlei Maßstäbe. Unser Ego ist stets "akut" (von "aktuell") und kann von den
thematisch winzigsten Aspekten abhängen. Obschon wir das vielleicht auch mitbekommen, schaffen wir es nicht, der sogenannten "Vernunft" Entscheidungen zu überlassen.
Der "funktionelle Konflikt" ist m. E. dieser: obwohl wir
emotional erleben, glauben wir,
rational handeln zu können oder gar zu müssen. Da wir hier in den meisten Fällen "unterliegen", hadern wir mit uns und geben uns die Schuld für ein
"inkonsequentes" Leben. Das wiederum verstärkt den Konflikt zusätzlich.
Dieser Konflikt funktioniert übrigens auch entgegengesetzt:
"vernünftige" Erwägungen lassen uns
gegen unsere Emotionen handeln - mit ähnlichem Ergebnis: ein
"gefühlt falsches" Leben.
Beide Varianten des Konflikts können Depressionen entwickeln. Wenn sie eintritt können wir uns fragen, welche Variante bei uns vorherrscht und die Ursachen dieser Wirkrichtung ermitteln (Erfahrenes, Elternhaus, Soziales Umfeld, Glaubenssätze). Natürlich wirken stets beide "Kräfte" in unserem Geist, eine jedoch dürfte als dominant erkennbar sein; nämlich insofern, als sie meist die Oberhand gewinnt.
Man darf nun nicht den Fehler machen, die beiden (Ratio und Emotio) gegeneinander auszuspielen und so einen neuen Konflikt zu schaffen. Vielmehr sollte ein harmonisches Verhältnis der beiden zueinander entstehen:
die Vernunft sollte unsere Gefühlslage unterstützen (Mitgefühl und Förderung) und umgekehrt (Bauchgefühl wird zu "Bauchvernunft").
Hierbei ist es extrem wichtig zu bedenken, dass z. B. ein erlebtes
Übermaß an Emotion nicht dadurch ausgeglichen wird, indem eine
verstärkte Portion Vernunft "durchgezogen" wird! Ganz oft ist eher eine
Minderung des empfundenen Übermaßes vonnöten statt eine
Steigerung des Gegenteils davon.
Eine "Justage" des "Erlebenswertes" ist v. a. durch eine Untersuchung unserer
Bewertungen möglich. Je klarer wir unsere mentalen Bewertungsvorgänge erkennen, umso natürlicher reguliert sich ihr Übermaß auf ein angemessenes Niveau ein. Kurz gesagt:
Verständnis führt zu Ausgeglichenheit.
Im Konflikt mit anderen Menschen, also z. B. dem Lebenspartner, muss natürlich bedacht werden, dass
auch bei ihm dessen Bewertungen und die daraus entstandenen Erlebenswerte wirken. Sie beeinflussen sowohl unser Erleben wie auch unsere die seinen. Jegliche Veränderung durch eine "Klärung unserer Bewertungen" muss sich notwendigerweise auch auf sein (Er)leben auswirken.
So trocken und theoretisch sich das lesen mag, so lebendig und interessant wird es, wenn man ein gerade akutes Beispiel damit behandelt.