@sandracookie ich persönlich wurde erst von meiner ambulanten Therapeutin, dann von einem privaten Zentrum für ADHS/Autismus diagnostiziert.
Mein Hauptgrund für die private Diagnostik waren die geschlossenen (über Jahre hinweg) Wartelisten in meiner Region. Allerdings sollte man sich da vorher sehr gut informieren, weil es auch Stellen gibt, die nicht nach Leitlinien arbeiten, was dann sehr problematisch sein könnte und eine gute Differenzialdiagnostik ist ebenfalls echt wichtig, ganz besonders auch im Erwachsenenalter.
Bei mir hatten die Lehrer immer wieder einen Verdacht auf Autismus, das war in der Grundschule. Allerdings waren ADHS/Autismus damals noch nicht so das Thema, grade bei Frauen und Mädchen nicht. Ich habe viel Zeit meiner Kindheit bei meinen Großeltern verbracht und die Kriegsgeneration hatte auch andere Themen…
Ich wurde dann halt immer wieder als „komisch“/ „das verwächst sich noch“ einsortiert und meine Mutter und mein Vater waren entsetzt über den Autismus-Verdacht und wollten keine Testungen veranlassen. So drehte sich das Ding dann im Kreis.
Irgendwann habe ich dann eine heftige soziale Phobie entwickelt, sodass ich mit 16 das erste Mal selbstständig beim Therapeuten saß. Eine Schande für meine Mutter, der Ruf der Familie und so. 😉
Wir haben auf dem Land gelebt, aber es hätte sich gar nicht rumgesprochen, hätte sie es nicht jedem ans Bein gebunden und leider war meine Oma irgendwann gesundheitlich nicht mehr so in der Lage, mich versorgen zu können. Wir sind auch zwischenzeitlich umgezogen, von der Großstadt aufs Land und an der Schule, wo ich dann war, waren ADHS und Autismus unfassbar stigmatisiert.
Der Therapeut hat dann endlich mit mir eine Dyskalkulie-Testung veranlasst. Ich war schon immer schlecht in Mathe, aber die Dyskalkulie ist so viel mehr als nur das und dann wurde ich im Alter von 17(!) mit Dyskalkulie diagnostiziert. Auch das wollte meine Mutter in der Grundschule nicht, meine Lehrerin hatte damals auch einen Verdacht auf LRS und ich war im Föderunterricht für Mathe/ Deutsch. Mit geringen Fortschritten… Das wird später noch wichtig, weil Menschen mit Autismus/ ADHS auch häufiger eine Dyskalkulie oder LRS haben und in der Diagnostik wird u. a. nach solchen Hinweisen gesucht.
Im Verlauf der Therapie wechselte ich in eine Wohngruppe, weil ich offensichtlich große Probleme mit meiner Herkunftsfamilie hatte und irgendwie sprach man dann von einer „Entwicklungverzögerung“. Die war schon immer irgendwie Thema, aber keiner erklärte mir, warum.
Mein Therapeut wollte mich auch auf ADHS testen, musste meinen Fall dann aber abgeben, da die Schule sich weigerte, mich für die Therapiestunden freizustellen und er mir nichts anderes anbieten konnte. So musste ich das erste Mal zum Erwachsentherapeuten.
Da war die Therapeutin nach 20 min Erstgespräch der Meinung, dass ich aufgrund meiner Biografie Boderline haben müsste. Mir haben viele Merkmale gefehlt. Das, was da war, war halt die Impulsivität. Aber meine zwischenmenschlichen Beziehungen waren nicht instabil, Suizidalität war kein Thema, ich habe eigentlich nicht das nötige Maß an Mindestkriterien erfüllt und war noch jugendlich… Aber ich wollte an mir arbeiten und dachte damals, dass mir die Einsicht fehlen müsste und es vielleicht daran läge.
Allerdings hat die selbe Therapeutin auch behauptet, dass ich keine PTBS haben könne, weil ich nicht in Krieg war… War irgendwie schwierig und ich hätte mir das besser überlegen sollen.
Ich bin dann weggezogen und war vorher nochmal eine Weile bei dem Therapeuten davor, der die Hände über dem Kopf zusammenschlug und mit mir die Boderline-Diagnostik nochmal nach Leitlinien durchging und diese bestätigte sich dann nicht, aber die PTBS.
In meiner neuen Stadt suchte ich dann einen Therapieplatz, um das behandeln zu lassen und machte dann unfassbar große Fortschritte. Nur… die Probleme im Sozialen blieben. Die Reizüberflutungen blieben. Die Impulsivität blieb. Die Hyperaktivität, die ich mit viel Sport versuchte zu kompensieren, blieb. Und für mich war es auch gar nicht logisch, dass das verschwinden könnte. Wie, wenn es schon immer da war?
Dann ging meine Therapeutin mit mir meine Biografie nochmal mit anderen Aspekten durch. Wieder Differenzialdiagnostik, wieder erstmal keine Antwort. Dann der Verdacht Autismus/ADHS, nachdem wir uns länger darüber unterhalten hatten.
Die Prokrastination, die Desorganisation, die fehlende Möglichkeit, mich zu fokussieren, sollte einen Namen haben? Der Fakt, dass ich durch die Geräuschkulisse unsere Mensa in der Uni nicht ertrage, dass ich das Essen sensorisch nicht packe, könnte tiefergehend sein? (Das sind alles nur Beispiele, der Text wird sonst heftig lang.)
Meine Zeugnisse waren dann total auffällig und auch die Angehörigenbefragungen (in meinem Fall meine Oma und ein ehemaliger Lebenspartner meiner Mutter) hatten dann einen AHA-Moment.
Mein Stiefvater hat selbst Autismus, wurde aber noch später diagnostiziert.
So entschloss ich mich, nochmal diese ausführliche Diagnostik bei dem Zentrum zu machen, denn das ist in dem Fall wichtig. Ich wollte mich nicht wieder in was verrennen.
Und da war das Bild auch so. Auf einmal machten meine massiven Probleme im Alltag einen Sinn und da ich zu dem Zeitpunkt meine Traumatisierung ausreichend bearbeitet hatte, war es auch möglich, die Diagnostik durchzuführen. Die soziale Phobie habe ich schon seit einer Weile überwunden.
Wenn es das nicht gewesen wäre, wäre es etwas anderes gewesen. Ich habe selbst nach der langen Therapiereise nicht geglaubt, dass ich eine Antwort finden würde und hatte oft den Eindruck, dass man aufgrund meiner Biografie manchmal vorschnell geurteilt hat. Und ich habe erst sogar gehofft, dass es nicht das ist, weil es eben nicht wie mit der sozialen Phobie ist, die ich überwinden konnte.
So kam ich mit 21 zu den Diagnosen…