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Hallo erstmal.

Ich habe das Gefühl, dass ich mich selbst in meiner Sehnsucht; in meiner Einsamkeit verliere. Aus Angst vor weiterer Ablehnung isoliere ich mich fast komplett von meiner Außenwelt. Ich habe nur wenige Bezugspersonen oder soziale Kontakte, alle darunter Fernbeziehungen.
Zurzeit geht meine anderthalb jährige Beziehung bergab, wir standen schon oft vor der entscheidenden Trennungsfrage, haben uns jedesmal zusammengerauft, doch so langsam schwindet die Hoffnung. Und so überlässt er mich der Einsamkeit und der Zweifel an seiner Liebe. Das ist eine relativ explosive Mischung, die mich an einigen Abenden innerlich fast zerrissen hätte. Tag für Tag der Kampf. Täglich verschwende ich unnötigerweise Tränen als zu agieren.
Er behauptet zwar standfest, mich über alles zu lieben, aber lässt er mich das auch fühlen? Gerade in einer Telefonbeziehung ist Kommunikation unglaublich wichtig. Wir können einfach nicht auf die Physis bauen, weil wir uns nur etwa alle 2 Monate sehen und auch körperlich spüren können. Vor einem Jahr war uns noch kein Hindernis zu groß, doch nun scheine ich daran zu Grunde zu gehen...aber ich werde für diese Liebe kämpfen, bis zum bitteren Ende. Er ist meine erste wirkliche Liebe, der einzige Tiefsinn in meinem Leben und der gesamte Halt - meine Heimat, mein Zuflucht.
Nur bräuchte ich einfach soziale Kontakte, die mich auch emotional unterstützen. Kurz gesagt Freundschaften.
Man sollte außerdem erwähnen, dass ich 15 bin und falls sich "Freundschaften" entwickeln, dann meist sehr oberflächliche und welche, die sich hauptsächlich mit Mode, Jungs oder anderem puberäten Krams beschäftigen. Kein Vergleich zu einer tiefgründigen Freundschaft, die ich so sehr ersehne.
Momentan habe ich einfach den Lebenswillen und die Stärke verloren, bin geprägt von Verlust, Tränen und Enttäuschungen, habe nur noch mich Selbst. Ich finde keinen Ausweg.
Suizidgedanken habe ich mittlerweile glücklicherweise hinter mir gelassen, ich muss mein Versagen ja nicht perfektionieren.
Ich fühle mich einfach komplett verloren - und verwirrt, einsam, nicht standhaft, schwach und hilflos.
Zudem hab ich kürzlich - als sich eine wirklich feste Freundschaft anbahnte - die Orientierung verloren. Nur ein Lächeln dieses Mädchens und mir stockte der Atmen, ein Blick und ich brauchte Minuten um das zu realisieren. Tag und Nacht Schwärmereien. Wir haben unsere Gedanken geteilt, Leid und Freude, Erfahrungen...es war wunderbar, zu schön, aber leider nur eine Urlaubsbekannschaft, ich habe sie nie wieder gesehen und ich hab sehr mit dem Verlust zu kämpfen, aber auch sicher viel aus dieser kurzen Freundschaft mitgenommen. Die letzte Kraft, die es mir erlaubt, hier Hilfe zu suchen, der letzte Funke Hoffnung, die letzte Hand voll Liebe...
Es muss doch einen Weg aus der Einsamkeit geben? Gerade bei nicht allzu beschränkten (schulischen) Möglichkeiten? Nur sehe ich wirklich nur oberflächliche Freundschaften in meinem Umfeld, und das muss ich mir wirklich nicht antun, das ist sicher zeitweise gut, aber im Nachhinein umso frustrierender.
Ich bin dankbar für jedes aufbauende Wort, da es sicher kein Wunderrezept für ein so individuelles Problem gibt.

18.08.2008 23:34 • 28.04.2014 #1


15 Antworten ↓


Wow,

vielen Dank für Deine Worte. Ich bin sprachlos, und das passiert nicht oft.
Du bist doch nicht erst 15!? - So schreibt heutzutage doch niemand, der erst 15 ist!
Es tut mir so leid für Dich, dass Du Dich in den jungen Jahren schon so quälen musst, aber die sensiblen und tiefsinnigen Menschen haben es halt immer ein bisschen schwerer. Diejenigen, die sich um wenig Gedanken machen, leben vielleicht ein bisschen unbeschwerter, aber ich glaube denen entgehen auch viele wertvolle intensive Empfindungen. Auch wenn Du verständlicherweise auf Deine Art Empfindungen im Moment verzichten möchtest. Aber ich bin sicher, auch sie sind ein wichtiger Teil Deiner Entwicklung. Es ist zwar schon lange her, aber ich weiß noch, wie furchtbar die Ungewissheit im Bezug auf die erste große Liebe ist und wie lange man braucht um sich wieder zu fangen. Ich schaue mit vielen Jahren Abstand auf meine Jugend und auch die schweren Zeiten, welche ich als unüberwindbar empfunden habe, als ich noch "live" dabei war, habe ich im Rückblick gerne gelebt.
Ich wünsche Dir ganz viel Glück auf Deinem Weg Deine erste Liebe zu erhalten und zu festigen.
So oder so bist Du ein wertvoller Mensch und kein "Versager" - was auch kommen mag, das darfst Du nie vergessen.

Mir jedenfalls hast Du schon mal die Hoffnung auf die kommende Generation gerettet. Danke.

Viele Grüße

Nina

19.08.2008 00:43 • #2



Einsamkeit in der Jugend - kaum Kontakte?

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Hallo Paranoia,

ich bin noch neu hier im Forum und wollte dir gern auf deinen Beitrag antworten, da du schreibst, dass du für jedes aufbauende Wort dankbar bist- ich hoffe, dass ich dich ein bisschen aufbauen kann. Was die Beziehung zu deinem Freund angeht, möchte ich dir gern schreiben, dass ich natürlich hoffe, dass sie nicht scheitert, aber selbst wenn das passieren sollte, solltest du versuche, trotzdem etwas Positives an der Sache zu sehen (auch wenn dir das schwerfällt): Ich lese aus deinem Beitrag heraus, dass ihr zumindest eine zeitlang eine sehr glückliche Beziehung hattet, die dir viel bedeutet hat. Das ist nichts, was man als selbstverständlich ansehen sollte, sondern etwas Besonderes, und die Erinnerung daran wird dir auch in Zukunft bleiben, selbst wenn ihr euch trennen solltet. Was deinen Wunsch nach tiefergehenden, nicht oberflächlichen Kontakten angeht, möchte ich dir gerne sagen, dass ich das gut verstehen kann, da du anscheinend ein sehr tiefgründiger Mensch bist und dich natürlich auch gern mit anderen austauschen möchtest. Ich glaube aber, dass es nicht gut ist, wenn du dich zu sehr einigelst und dich nur auf Fernbeziehungen beschränkst. Manchmal ist ein oberflächlicher Kontakt besser als das Alleinsein, und aus solchen Kontakten können vielleicht auch irgendwann mal engere Freundschaften entstehen, wenn man sich mit der Zeit besser kennenlernt. Ich hoffe, du kannst mit meiner Antwort etwas anfangen und wünsche dir alles Gute!

19.08.2008 01:05 • #3


Halllo, danke euch für die Antworten


Zitat:
Du bist doch nicht erst 15!? - So schreibt heutzutage doch niemand, der erst 15 ist!


Um genau zu sein, hab ich das 15. Lebensjahr noch nicht mal vollendet, aber das tut im Grunde auch nichts zur Sache.

Und eben weil ich in diesem Punkt so aus der Rolle falle, mich nicht in die Masse einfüge, finde ich kaum Anschluss. Ich fühle mich so abartig, wie jemand der komplett anders ist, anders im bedrohlichen Sinne, nicht liebenswert. Durch meinen Freund hab ich glücklicherweise wieder zu mir Selbst gefunden, in seiner Gegenwart kann ich so sein wie ich bin und muss mich nicht unnötigerweise verstellen um nicht komplett am Rande zu stehen.

Zitat:
Diejenigen, die sich um wenig Gedanken machen, leben vielleicht ein bisschen unbeschwerter, aber ich glaube denen entgehen auch viele wertvolle intensive Empfindungen.

Jap, das ist vollkommen richtig, sehe ich genauso. Man lebt sorgloser, doch selbst das Glück ist dann nur ein flüchtiger Moment, so wie jeder andere auch. Und da kann ich einerseits nur froh über tiefe Empfindungen sein, denn es ist wissenschaftlich bewiesen, dass fast jeder zehnte Deutsche ein Gefühlsdefizit hat und/oder kaum Gefühle wahrnehmen kann. Das war eine Schockbotschaft für mich. Umso dankbarer bin ich nun für meine Gefühle - sei es Schmerz und Einsamkeit.

Zitat:
Was die Beziehung zu deinem Freund angeht, möchte ich dir gern schreiben, dass ich natürlich hoffe, dass sie nicht scheitert, aber selbst wenn das passieren sollte, solltest du versuche, trotzdem etwas Positives an der Sache zu sehen (auch wenn dir das schwerfällt): Ich lese aus deinem Beitrag heraus, dass ihr zumindest eine zeitlang eine sehr glückliche Beziehung hattet, die dir viel bedeutet hat. Das ist nichts, was man als selbstverständlich ansehen sollte, sondern etwas Besonderes, und die Erinnerung daran wird dir auch in Zukunft bleiben, selbst wenn ihr euch trennen solltet.


Danke, aber auch das ist ein Kampf mit den Gefühlen. Einerseits bin ich natürlich danbar, dass ich überhaupt so viel Liebe spüren durfte und konnte, andererseits ist da der Verlust. Aber darüber mach ich mir nun noch keine Gedanken. Hoffnung ist noch da und ich bin zuversichtlich.
Außerdem sollten wir viel mehr im Moment leben, denn der ist es, der letzendlich bleibt. Alles andere wird zur Vergangenheit, aber in der Gegenwart können wir handeln. Und das versuche ich zu beherzigen.

Danke euch beiden;)
Lg Paranoia

19.08.2008 23:38 • #4


Hallo Paranoia,

Deinen Satz kann ich gut nachvollziehen!

"Momentan habe ich einfach den Lebenswillen und die Stärke verloren, bin geprägt von Verlust, Tränen und Enttäuschungen, habe nur noch mich Selbst. Ich finde keinen Ausweg."

Du bist noch unglaublich jung. Du scheinst ein sehr tiefgründiger Mensch zu sein. Dir geht es wahrscheinlich so ein bisschen wie mir. Wenige soziale Kontakte, kein Mensch mit dem Du über die Sache reden kannst und dann scheinst Du auch noch den einzigen Menschen, Deinen Freund, zu verlieren.

Ich wünsche Dir sehr, dass sich Deine Beziehung wieder einrenkt. Ich für meinen Teil musste allerdings feststellen, dass die gleichen Konflikte nach einer bestimmten Dauer immer wieder und wieder hoch kamen. Richtige Veränderung ist schwer – für mich zumindest.

Einen guten Tipp habe ich hier im Forum gelesen: Für jeden Tag einen Zeitplan aufstellen. Den Tag in kleine Einheiten zerlegen und sich beschäftigen.

Vielleicht ist Nachdenken manchmal gar nicht so gut. Aber was rede ich, das ist einfacher gesagt als getan.

Viele Grüße
flo

20.08.2008 02:09 • #5


Hallo Paranoia,


cgenauso beschrieben, wie es mir auf meiner Seele sitzt! Als ich mir Deine Zeilen durchlaß,wurde mir meine Situation wiedermal ganz ih konnte es kaum glauben,aber Du hast genauso geschrieben bzw.es schmerzlich bewusst! Auch ich führe eine Fernbeziehung.Diese "Epoche" in meinem Leben hat mir etwas Aufschwung und Hoffnung gegeben! Doch bald kam das alte Negative Lebensgefühl wieder zurück! Begleitet von dem schlechten Gewissen meinen Freund zu überfordern! Ich setze ihn ,glaube ich ziemlich damit unter Druck, wenn ich ihm das Gefühl gebe,das nur er für mein Glück verantwortlich ist! Diese Erkenntniss ändert aber nichts an der Tatsache,das ich meinen "Frieden"nur bei ihm finde!
Ich füle mich mit meinen Gedanken ebenfalls verloren und empfinde grenzenlose immerwiederkehrende Verzweiflung!
Bevor ich meinen jetzigen Freund kennenlernte,lebte ich schon 14 jahre mit diesem Zustand! Du siehst also, ich bin schon einige Jahre älter als Du und deshalb hoffe ich von ganzem Herzen,da? Du schon sehr bald einen Ausweg findest und diese Empfindungen nie wieder spüren mußt!!


LG. Penelope

21.08.2008 13:28 • #6


Hallo flo,

Ich kann diese Situation gut nachvollziehen. Auch in meiner Beziehung kommt es hin und wieder zu kleinen Konflikten oder Unstimmigkeiten, die die Atmosphäre stören und eine gewisse Distanz schaffen. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die sich aber fortan wiederholen und kein Ende finden. Wir hatten schon oft sogenannte Krisensitzungen, in denen wir alles detailliert ausdiskutiert haben, versprochen haben mit Feingefühl an unser Problemthema zu gehen. Das waren alles sehr hoffnungsvolle Gespräche. Trotzdem treten derartige Konflikte immer öfter auf, wir können sie einfach nicht vermeiden. Letzendlich driften wir aufgewühlt, verzweifelt und verletzt auseinander. Teilweise sogar gedemütigt, wie es mein Freund beschreibt. Und so schwindet die Hoffnung, aber wir raufen uns jedesmal wieder zusammen.

Hallo Penelope,
Zitat:
Doch bald kam das alte Negative Lebensgefühl wieder zurück! Begleitet von dem schlechten Gewissen meinen Freund zu überfordern! Ich setze ihn ,glaube ich ziemlich damit unter Druck, wenn ich ihm das Gefühl gebe,das nur er für mein Glück verantwortlich ist! Diese Erkenntniss ändert aber nichts an der Tatsache,das ich meinen "Frieden"nur bei ihm finde!


Ganz ähnlich geht es mir auch. Da ich nur wenige soziale Kontakte habe, beschränkt sich meine ganze Gefühlswelt auf eine Person, er ist meine einzige Bezugsperson und muss die ganze Last tragen. Damit stelle ich ihm indirekt hohe Erwartungen, was ihn wiederum unter Druck setzt.
Wenn er sich dann mal minder liebevoll verhält (was er in letzter Zeit oft tut), schalten sich bei mir wieder Warnsignale ein und ich zweifle an seiner Liebe. Momentan hat er Hemmungen, seine Gefühle auszudrücken, worunter ich sehr leide. Ich frage mich dann, wie ich ihm helfen kann, doch er lässt sich scheinbar auch nicht helfen. Letztens wurde mit meine Problemlast dann zu groß und ich habe ihm heulend am Telefon gebeichtet, welche Schmerzen er mir Tag für Tag bereitet. Er hat daraufhin schon wieder überlegt, sich zu trennen, weil er mich nicht täglich verletzen möchte. Das ging ihm doch schon sehr nahe, aber bereitet ihm auch sicher wieder ungeheuren Druck, dem ich ihm nicht aussetzen möchte. Momentan pendelt sich die Situation langsam wieder ein. Aus der Einsmakeit in die Ablenkung lautet die Devise. Das löst sicher nicht unser Beziehungsproblem. Ich werde die Situation noch ne Weile beoachten und vor allem das Thema ruhen lassen, bis ich wieder darauf zu sprechen komme...

Danke, ich werde auf jeden Fall um ein "gutes Ende" kämpfen. Ich kann - und will nicht ohne ihn - und das nicht nur aus Gründen der Einsamkeit.

21.08.2008 23:52 • #7


hallo,

ich weiß, der beitrag ist jetzt schon einige jahre alt, aber ich möchte dennoch meinen kommentar dazu schreien.

ich glaue das du unglaublich inteligent und reif bist. vielleicht zu reif.
in einigen punkten ist das bei mir auch so. auf der einen seite bin ich zu reif auf der anderen zu unreif. das ist dann in sachen freundschaft und beziehung wirklich sehr schwer. weil die menschen die einen ansprechen spricht man nicht an.
ander formuliert. die menschen die man mag mögen einen nicht weil ihnen die "unreife" nicht zusagt.

mein hintergrund ist sicher ein ein anderer als deiner aber ich kann dir nur raten stolz auf dich zu sein und dich wegen menschen nicht aufzugeben.

ich bin auch seit jahren "vereinsamt". hatte vor einem jahr eine freundin (bin eine frau) die mir dann ohne angaben von gründen die freundschaft kündigte. ich habe aber schon gespürt das es mit uns nicht lange halten wird.

ich bin mir fast sicher wenn du älter bist oder es ist jetzt schon so eingetroffen wirst du es möglicherweise etwas leichter haben. auf der uni oder irgend wo anders, sind bestimmt vereinzelnd menschen die sich nach mehr sehnen als nur spaßfreunde die man nur um sich hat um einen geselligen abend zu haben aber einem die menschen nicht wirklich was bedeuten.
das leben für tiefgründige menschen ist nicht einfach. aber wenn man menschen gefunden hat, die gleichgesinnt sind hat man sicher viel mehr gewonnen als andere die unglaublich viele wie sie sie nennen freunde haben, aber letztendlich mit den menschen nur probleme bekommen früher oder später, da man ihnen zuviel erzählt und das beim streit zum verhängnis werden kann.

wie gesagt lass dich nicht fallen. ich kenne das gefühl und baue mich immer wider auf. es ist nicht einfach aber man kann es schaffen. ich hatte auch mal eine tief deprissive phase, die wirklich schlimm war. nun ist sie schon seit fast einem jahr vorbei und ich danke gott aus tiefstem herzen dafür, das ich wenigstens von dieser last befreit bin, auch wenn nicht alles in meinem leben ein tolles ende genommen hat.

sei stolz auf deine andersartigkeit, denn sie macht dich zu was besonderem. die anderen sind alle 08/15 menschen. hört sich sehr abwertend an, meine ich aber nicht so. unter der masse gibt es besondere menschen und du bist einer von ihnen und findest bald hoffendlich andere die auch besonders sind.

viel glück und alles gute.

18.12.2011 23:49 • #8


Hallo kasablanca, danke für deine Antwort und Anteilnahme.

Ich muss gestehen, dass ich den Thread hier aus den Augen verloren hab (wurde per Mail auf deine Antwort aufmerksam gemacht), die Problematik, meine mangelnde Anpassungsfähigkeit, meine Isolation ist jedoch noch aktuell.
Ich bin mittlerweile 17 Jahre alt und habe in einer Phase der gesellschaftlichen Ablehnung, meine soziale Verarmung intensiver als zuvor erleben dürfen.
Ein Schulwechsel riss mich aus meinem vertrauten Umfeld, die erkämpfte Akzeptanz und die paar sozialen Kontakte, die ich geknüpft hatte, schwanden dahin.
Der erhoffte Neuanfang glich einem täglichen Kampf um Integration und Selbstachtung, der damit endete, dass ich von der Schule fernblieb und durch diverse psychologische Maßnahmen gereicht wurde. Man sagte mir, ich sei distanziert und emotionslos, meine Ausdrucksweise sei seltsam, ich würde eine Art emotionale Kälte ausstrahlen. Ich fühlte, wie sie in meiner Nähe unsicher würden, meinem Blick nicht standhalten konnten.
Ich balancierte fortan auf einem schmalen Grat zwischen Verdrängung und Selbsttäuschung.
Ich integrierte mich künstlich in ihre Gespräche und konnte immerhin erste oberflächliche Erfolg verbuchen - sie akzeptierten meine Gegenwart. Es folgte ein Prozess der Selbstfindung und Umstrukturierung, ich legte mein nihilistisches Wertesystem nieder, mimte die unkomplizierte, aufgeschlossene, empathische Mitschülerin.

Und diese Maske trage ich noch heute, ich trage sie aus Selbstachtung, ich trage sie, weil ich im alltäglichen Chaos funktionieren muss. Und vielleicht ist auch sie ein Teil meiner Persönlichkeit geworden.
Jedenfalls bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass all die ergreifende Melancholie und Nostalgie auf Dauer destruktiv ist, dass kein Mensch sie auf Dauer ertragen kann, ohne dem Wahnsinn zu verfallen.
Tiefsinn allein ist weder sozial erfüllend noch kann man damit seinen Lebensunterhalt finanzieren.

Meine Perspektive hat sich wesentlich gewandelt, ich betrachte mein Problem, mich zu integrieren nun nicht mehr als beziehungsinternen Konflikt, sondern losgelöst von meinem Freund als Bezugsperson.
Seitdem ist unsere Beziehung harmonisch und stabil.
Als ich mir selbst mehr Achtung gewährte, reifte auch unsere Beziehung daran.
Mittlerweile hat sich unsere Beziehungskonstellation umgekehrt, ich bin nicht mehr in der Position der Bedürftigen, die nach Aufmerksamkeit und Liebe lechzt, sondern schaffe mir Freiräume, distanziere mich vom Stellenwert dieser Beziehung. Denn mit fortschreitender Zeit kam auch die elementare Erkenntnis - aufrichtig lieben können werde ich wohl nur Frauen.
Aufgegeben hab ich unsere Beziehung deshalb noch nicht, aber wer weiß, was und wen die Zeit bringt.

Danke, ich bin froh dass ich mich nicht fallen gelassen hab trotz all der Kränkungen und trotz der Tatsache, dass ich letztlich allein dastehe.

21.12.2011 20:36 • #9


guten Abend die Damen und Herren

bin auch gerade erst auf deinen Beitrag gestoßen...und muss sagen, dass ich schon ziemlich beeindruckt bin, wie reif du da schon mit 15 ( zu dem Zeitpunkt sogar weniger), warst...zu der Zeit in der die meisten - soll jetzt nicht klischeehaft klingen, aber wurde durch meine Erfahrung bestätigt - den lieben langen Tag über das lustige Wort "P." lachen...und frage mich ehrlich wie weit du mittlerweile gekommen bist.
Respekt

Habe zwar auch Einsamkeitsprobleme, aber längst nich so schlimm wie es bei dir damals war.
Da freut es mich wirklich dass du das Problem, wenn schon nicht gelöst, dann doch etwas "unter Kontrolle" bekommen hast.
Eine Neigung zu Frauen hatte ich schon "geargwöhnt" als ich von deinen Gefühlen für diese Urlaubsbekanntschaft erzählt hattest...aber was ich mich frage ist, wie du das mit dem Freund handhaben willst, wenn denn mal "die Eine" kommen sollte...

Aber egal was kommt, ich wünsche dir noch viel Glück und viele Leute, die sich die Mühe machen, hinter die "Maske" zu sehen und dich wirklich kennenzulernen!

23.12.2011 21:27 • #10


Hallo Paranoia,
Es ist 4 Uhr nachts, und nachdem ich deinen Beitrag und all die Antworten darauf gelesen habe, konnte ich nicht anders als mich in diesem Forum sofort anzumelden und auch meine Gedanken und Gefühle dazu zu äußern.
Zunächst muss ich sagen, dass ich ziemlich beeindruckt von dir und deiner Persönlichkeit bin.
Besonders fasziniert bin ich von deinem Schreibstil - du scheinst deine Gefühle und Gedanken sehr gut ausformulieren zu können.
Mich überkam das Phänomen Sätze zu lesen, die meine eigenen Gedanken wiedergeben.
Ich muss sagen, besonders deine Transformation bzw. deine Erkenntis, dass man nach außen oberflächlich etc. sein muss, um zu überleben hat mich inspiriert. Es scheint mir,dass jeder tiefgründige Mensch diese Erkenntnis nur selbst durch einen schmerzvollen Weg erlangen kann.

Ich habe grundsätzlich nicht ein allzu großes Problem damit Kontakte zu knüpfen, kommunikativ zu sein, doch trotz Freunden und so vielen anderen Dingen empfinde auch ich das starke Gefühl der Einsamkeit und des Nicht-Verstanden-Werdens.
Ich verspüre eine starke Sehnsucht etwas erleben zu wollen.
Irgendwie ist es das Gefühl am Wochenende abends im Zimmer zu sitzen und alleine zu sein.., .
Eigentlich möchte ich nur raus in die Welt um endlich diesen einen besonderen Menschen zu finden!
--- Die Sache ist die: Ich habe viele Kontakte (Sport,Musik,..) - auch mit Gleichaltrigen - aber wie schon im Beitrag angemerkt wurde, gehen diese meist nicht über das Oberflächliche, übliche hinaus. Es gibt Menschen mit denen man philosophieren etc. kann , aber wo ist der Mensch der einen versteht , zu dem ein endloses Vertrauen vorhanden ist, dem man sich wirlich öffnet/öffnen kann und der einen kennt, die tiefsten Gedanken und Gefühle von einem kennt?
Paranoia, Ist es nicht das Gefühl, seine TIEFSTEN Gedanken mit jdm. teilen zu wollen/können?
Man bewahrt meistens seine Maske.

Genug für heute, ich würde mich über eine Antwort freuen.

22.01.2012 05:34 • x 1 #11


Zitat von chase:
vielen Dank für Deine Worte. Ich bin sprachlos, und das passiert nicht oft.
Du bist doch nicht erst 15!? - So schreibt heutzutage doch niemand, der erst 15 ist!

Ja, eben.

Wenn das nicht ein Wunder ist, dann ist das wieder unsere literarisch ambitionierte Forumsfakerin über 70.

22.01.2012 10:30 • #12


Wie ist es dir ergangen Paranoia?

29.01.2012 20:38 • #13


Zitat:
Wie ist es dir ergangen Paranoia?


Guten Abend allerseits,

Ich werd wohl etwas ausholen müssen...

es sind nun zwei Jahre seit meinem letzten Besuch vergangen und meine Problematik ist immer noch aktuell. Aktueller denn je. Verzweifelt habe ich nach einer Erklärung, einem Störungsbild, einer Diagnose gesucht, um meine Andersartigkeit in Worte zu fassen. In Worte, die für andere verständlich sind. Die Maske der Selbsttäuschung kann ich nicht länger tragen. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich selbst verraten habe, indem ich mich extrovertiert gab, gelacht hab, wenn es angemesen erschien und zugehört hab, wenn es von mir gefordert wurde. Bloß nicht polarisieren, bloß nicht anecken oder durch meine Andersartigkeit auffallen. Ich habe mich krampfhaft versucht zu integrieren, krampfhaft versucht Anerkennung und Bestätigung zu erlangen. Ich habe einen Zugang zur Belanglosigkeit geschaffen, konnte mich in alltägliche Gespräche verwickeln. Ich hab mir eine verständlichere Ausdrucksweise angeeignet. Ich habe jeden Persönlichkeitsanteil in mir, der von der Norm abwicht, ausgeblendet und überspielt. Und so driftete ich in eine Identitätskrise, dessen Entwicklungs sich lange abzeichnete.

Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung

Wer war ich eigentlich, wenn ich alles, was mich auszeichnete, ablehnte? Mein Bedürfnis nach Akzeptanz überstieg mein Bedürfnis nach Individualität. Ich hab mir keine Individualität mehr erlaubt, denn Individualität wird zumindest oberflächlich nicht honoriert. Integrität und Anpassungsfähigkeit wird mit sozialer Akzeptanz belohnt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie leicht es mir fällt, verschiedene Rollen anzunehmen, je nach Situation, Anlass oder Kontext. Wenn sich engere Freundschaften anbahnten, hab ich meist den Rückzieher gemacht. Wenn meine Maskerade fiel, fürchtete ich, niemand sei darunter. Meine Isolation nahm den anderen die Möglichkeit, mich abzulehnen. Ich hab meinen Selbstverrat perfektioniert, aber mein eigentliches Bedürfnis nach tiefer Wertschätzung nicht gestillt.

Nach dieser Erkenntnis geht es mir nun besser. Ich muss meine soziale Unbeholfenheit nicht mehr überspielen, sondern akzeptiere sie als Teil von mir, als logische Folge meiner Entwicklungsgeschichte. Ich kann nun auch wieder das zulassen, was ich lange aus irrationaler Angst vor Ablehnung versteckt hab, und zwar meine eigentliche Identität und meine Weltanschauung. Ich hab ein eigenes Wertesystem erschaffen, was sich nicht nur am gesellschaftlichen Standard orientiert, sondern Ausdruck meiner Persönlichkeit und meiner Lebensgeschichte ist.
Ich habe erkannt, dass die Fernbeziehung zu meinem Freund (die nun schon seit 7 Jahren hält) ein Produkt meiner emotionalen Abhängigkeit ist und, dass ich sie nur erhalte, weil ich fürchte, den Halt und seine Wertschätzung zu verlieren.
Ich hab jemanden gefunden, mit dem ich mich identifizieren kann, und in dessen Gegenwart ich so sein kann, wie ich bin.

Ich hab mein Abitur trotz der vielen Unterrichtsversäumnisse erfolgreich gebastelt und studiere nun, kämpfe aber mit meienr Bequemlichkeit und der mangelnden Motivation, mich täglich aufzuraffen. Die Wahl für den Studiengang traf ich aufgrund der Möglichkeit zur Verbeamtung, obwohl ich mich eigentlich so gar nicht mit dem ganzen Bürokratieapparat identifizieren kann
Mir graut es davor, später Teil desselben Maschinerie zu sein, die symbolisch für das steht, was ich nie vollbracht hab. Und zwar gesellschaftlich zu funktionieren und sich anzupassen, ohne sich selbst zu verlieren. Oder nach Hurrelmann, der Balanceakt zwischen Individuation und Integration. Natürlich muss es irgendwie funktionieren, aber ich bin dankbar, dass andere dafür sorgen.

Wenn ich es gerade mal nicht schaffe, mich zu motivieren, treibe ich mich in Internetforum rum oder verliere mich in den Tiefen irgendwelcher theoretischen Ansätzen zur kognitiven Persönlichkeitsentwicklung.

Zitat:
Paranoia, Ist es nicht das Gefühl, seine TIEFSTEN Gedanken mit jdm. teilen zu wollen/können?
Man bewahrt meistens seine Maske.


Ja, genau. Ich hab das in einem englischsprachigen Forum mal erörtert:

"I want an interpersonal connection, a mutual understanding. Even if it's like "I don't share your point of view but I respect you for it and for what it means to you". I want to construct something in the course of the conversation...let's think of a shared horizon...yes, I'd like to construct a horizon and sit under it with that particular person gazing at the stars. I can endure and even enjoy casual conversations to some extend, but deep inside I wish for someone with a similiar understanding of the world."

So far, so good.

Abschließend bleibt nur die simple Erkenntnis, dass man sich besser nicht für das aufopfern sollte, was man unter gesellschaftlich akzeptiert versteht.

04.03.2014 22:52 • #14


Ich denke, das Optimum liegt in der Mitte. Das Leben funktioniert nur selten mit Schwarz-Weiß.

Dies hier hat mich gleichzeitig erheitert und beeindruckt:
Zitat von Paranoia:
Jedenfalls bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass all die ergreifende Melancholie und Nostalgie auf Dauer destruktiv ist, dass kein Mensch sie auf Dauer ertragen kann, ohne dem Wahnsinn zu verfallen.
Tiefsinn allein ist weder sozial erfüllend noch kann man damit seinen Lebensunterhalt finanzieren.

Weder der Tiefsinn allein noch die Umgebungskompatibilität allein funktionieren auf Dauer. Jedes zu seiner Zeit.

Man kann nicht mit jeder Person eine tiefsinnige Beziehung haben. Damit wäre man auch selber total überfordert.
Es geht eigentlich auch gar nicht um "Tiefsinnigkeit", sondern um tiefes Vertrauen. Das ist das, was einen glücklich macht. Eine bis einige wenige Personen, denen man voll vertraut, sind vollkommen ausreichend, um glücklich zu leben.

Zu deiner Berufswahl: In meinen Augen bist du nicht der Typ für eine Beamtenlaufbahn. Da solltest du m.E. deinem Bauchgefühl vertrauen.

Dein Schreibstil spricht für eine starke künstlerische Ader. Zumindest hobbymäßig würde ich das ins Auge fassen.
Zitat von Paranoia:
Verzweifelt habe ich nach einer Erklärung, einem Störungsbild, einer Diagnose gesucht, um meine Andersartigkeit in Worte zu fassen. In Worte, die für andere verständlich sind.
Du bist hochbegabt. Das ist keine "Störung", sondern ein göttlicher Segen.

Dass dieser gleichzeitig eine Last ist, weil "andere", sprich "Normale, Durchschnittliche" dich nicht verstehen KÖNNEN und du andererseits auch sie nicht, ist halt so. Keine Rose ohne Dornen ... Kein Licht ohne Schatten.

http://www.genius-hochbegabung.de/

Mach das Beste daraus, und hör bitte auf, dich deswegen abzuwerten. Das Gegenteil ist richtig. Ohne dass ich dich zu Hochmut anregen will.

05.03.2014 00:20 • x 2 #15


Hallo GastB,

danke für deine Antwort.

Zitat von GastB:
Man kann nicht mit jeder Person eine tiefsinnige Beziehung haben. Damit wäre man auch selber total überfordert.
Es geht eigentlich auch gar nicht um "Tiefsinnigkeit", sondern um tiefes Vertrauen. Das ist das, was einen glücklich macht. Eine bis einige wenige Personen, denen man voll vertraut, sind vollkommen ausreichend, um glücklich zu leben.


Ja, eigentlich braucht man nur nur wenige, aber stabile Bezugspersonen. Ich neige leider dazu, mich zu sehr auf meine (partnerschaftliche) Beziehung zu fixieren, was sie eher belastet als bestärkt.

Beruflich würde mir auch eher was im künstlerischen Bereich vorschweben, aber davon leben lässt sich eben selten leben, zumindest nicht, wenn man niemanden damit erreicht. Also werd ich wohl erstmal ne handfeste Beamtenlaufbahn anstreben und die 5 Semester noch durchziehen.

Zitat von GastB:
Du bist hochbegabt. Das ist keine "Störung", sondern ein göttlicher Segen.


Vielleicht. Ich weiß, dass ich Potential verschüttet hab. Besonders lernfreudig war ich während meiner depressiven Episoden nicht und den sozialen Anschluss hab ich ebenfalls verfehlt. Meine Mathelehrer würden vielleicht mit dem Kopf schütteln, aber Hochbegabung umfasst natürlich mehr, als geometrische Figuren logisch anordnen zu können.

Danke, wirklich beschäftigt hab ich mich mit dem Thema noch nicht, für meine Kindheit sind die Merkmale, die genannt werden, definitiv zutreffend. Was ich draus gemacht hab, ist leider was anderes.

28.04.2014 20:27 • #16



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Dr. Reinhard Pichler