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MxMellie
Hallo,
Ich bin Mel (18). Ich würde gerne wissen von denjenigen, die Selbstverletzung selbst mal "betrieben" haben wie euer Umfeld reagiert hat. Triggerwarnung versteht sich von selbst, nur weiterlesen, wenn euch das nichts ausmacht.

Ich frage deshalb, weil ich die Reaktion meiner Mutter darauf, dass ich mich früher geritzt habe, für falsch halte. Mittlerweile hab ich es geschafft, damit aufzuhören, aber bis vor zwei Jahren waren meine Arme und Beine regelmäßig voll mit Verletzungen. Aus meinem Freundeskreis hat es niemand bemerkt, da hab ich mir aber auch größte Mühe gegeben (mit Make Up, lange Ärmel, usw.).
Irgendwann hat meine Mutter es dann aber doch mitbekommen. Wir waren gerade unterwegs und sie sagte nur, sie müsse später am Abend mit mir darüber reden.
Dann, am Abend, kommt mein Stiefvater (der ein sehr, sehr lieber Mensch ist) in mein Zimmer um mir mitzuteilen, dass meine Mutter weinend im Bett sitzt und sich schlecht fühlt. Daraufhin hab ich mich irgendwie in ihr Schlafzimmer geschleppt, wo ich ihr dann hoch und heilig versprechen musste, damit aufzuhören. Stiefvater hat später nochmal sehr einfühlsam und beruhigend mit mir geredet, aber das Gefühl, das meine Mutter mir mit ihrer Reaktion gegeben hat, war furchtbar.
Es klang so, als ob sie nur sicher sein wollte, dass sie nicht die "Schuldige" ist, und das Thema wurde bis heute nicht wieder angeschnitten. *Sie* fühlte sich schlecht obwohl ich doch diejenige war, die deutliche Anzeichen dafür zeigte, dass was nicht stimmt. Ich konnte natürlich nicht einfach so aufhören, aber das hat sie nicht mitbekommen. Irgendwann hab ich es dann mit viel Selbstdisziplin geschafft.

Zwischendurch habe ich nach mehreren Panikattacken mal darauf hingewiesen, dass ich ja mal zum Therapeuten gehen könnte. Aber obwohl sie ja die ganze Geschichte mit Ritzen, depressiven Phasen (Phasen, hahahaha) und jetzt eben Panikattacken kennt, "bilde ich mir das ein" und "muss einfach mal nach draußen und Sport machen". Unnötig zu sagen, dass es mir bis heute nicht wirklich gut damit geht.

22.08.2021 23:48 • 31.08.2021 #1


4 Antworten ↓


cube_melon
Zitat von MxMellie:
Ich frage deshalb, weil ich die Reaktion meiner Mutter darauf, dass ich mich früher geritzt habe, für falsch halte.

Es gibt hier eine Triggerfunktion, wo der Text nur eingeblendet wird, wenn man auf den blauen Triggerbutton drückt. Das sollte man verwenden. Ein reines darauf hinweise vor dem Text halte ich für ungeeignet.

Die Welt in der ein psychisch verhaltensauffälliger Mensch lebt kann kein Gesunder nachvollziehen. Psychische Erkrankungen sind quasi unsichtbar für die Gesellschaft. SVV ist Gewalt gegen sich selbst und daher für die meisten im Umfeld unverständlich bis schockierend.

SVV kann verschiedene Ursachen haben. Bei einer Form ist es sogar absolut unzuträglich das zu verbieten ohne den Betroffenen einen anderen Reiz als Ersatz beizubringen.

Eine Therapie ist in so einen Fall absolut anzuraten. In der Regel wird die engere Familie / Partner etwas mit eingebunden.
Dann kann auch vom Umfeld eine bessere Akzeptanz damit erlernt werden.

23.08.2021 07:57 • x 4 #2



Reaktion auf SVV

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Icefalki
Hallo Mel, deine Mutter ist damit überfordert. Dass das eigentlich nicht dem Wesen einer Mutter entsprechen sollte, auch klar.

Du bist 18, kannst alleine zum Arzt, kannst schauen, dass du die Hilfe bekommst, die dir zusteht. Mach es einfach..

23.08.2021 12:45 • x 2 #3


silverleaf
Hallo Mel,

ich kann gut verstehen, dass Du mit der Reaktion Deiner Mutter Probleme hattest. Aus Deiner Perspektive war es eine recht unsensible und auch egoistische Reaktion von ihr, es ist verständlich, dass Du das so empfunden hast.
Ich finde es toll, dass zumindest Dein Stiefvater so gut reagiert hat! Und Respekt, dass Du es alleine geschafft hast, damit aufzuhören !

So wie @cube_melon und @Icefalki es auch sagten: Menschen, die mit einem Verhalten wie SVV keine Berührung haben, verstehen es oftmals nicht und sind damit vollkommen überfordert. Das gilt nicht nur für SVV, psychische Probleme an sich wirken auf Menschen befremdlich, die sich damit nicht beschäftigen oder nicht betroffen sind. Auch der Spruch mit dem "Mach' doch einfach mal draussen Sport" war vielleicht einfach aus Unsicherheit heraus. Du bist ihre Tochter, Du hast ein Problem, bei dem sie Dir nicht helfen kann, das können Menschen schlecht aushalten. Und da hat sie vielleicht einfach das Erstbeste gesagt, das ihr eingefallen ist.

Ich habe bis heute ein Problem mit SVV und kann nur sagen: Meinem Mann will ich es auch nicht zumuten. Ich weiß, dass ihm das wehtut, wenn er es bei mir bemerkt, darum achte ich sehr darauf, dass er es nicht mitbekommt. Er weiß dann einfach nicht, was er machen soll. Es sieht ja auch für Außenstehende oftmals beängstigend aus. Was genau es bedeutet, wie es genau wirkt und was die Ursachen sind verstehen sie oft nicht. Und inzwischen sage ich: Das müssen sie auch nicht. Akzeptieren und nicht mit negativen Bemerkungen bewerten langt mir inzwischen vollkommen aus.

Ich handhabe es inzwischen so: Ich bespreche dieses Thema nur noch mit Menschen, die entweder professionell in diesen Bereichen arbeiten oder die selber betroffen sind (oder zumindest schonmal mit psychischen Problemen Berührung hatten). Man sollte vielleicht auch bedenken: Viele Menschen kriegen ja schon Probleme, wenn man mit ihnen "nur" über Depressionen sprechen möchte. Und da ist ein Thema wie SVV natürlich eine heillose Überforderung. Seien wir ehrlich: Es gibt sogar ausgebildete Psychotherapeuten, die mit diesem Thema nicht umgehen können und sehr merkwürdig reagieren. Es ist wirklich nicht jedermanns Sache.
Ich möchte Menschen nicht mehr in diese unangenehme Situation bringen, dass ich in ihren Augen förmlich sehen kann, wie sie Angst bekommen, etwas Falsches zu sagen. Und seien wir nochmal ehrlich: Es ist leicht, in diesem Bereich etwas Falsches zu sagen. Selbst unter betroffenen SVVlern habe ich es schon erlebt, dass jemand einen echt unpassenden Kommentar gebracht hat.

Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass es in Kliniken unter Betroffenen sehr, sehr strenge Regeln gibt, was den Umgang mit SVV betrifft. Auf den dementsprechenden Stationen ist es verboten, darüber zu sprechen, außer mit den Therapeuten. Unter den Patienten ist es ein riesengroßes No-Go. Wegen der Trigger-Gefahr. Weitere Regeln:
Trigger

- frische Wunden müssen gemeldet und verbunden werden lassen
- frische Wunden dürfen niemals unbedeckt sein
- absolut verheilte Narben dürfen sichtbar sein
- Schneidedruck darf nicht mit Mitpatienten besprochen werden
- über SVV darf grundsätzlich nicht gesprochen werden, außer wenn es darum geht, Alternativen zu besprechen



Was ich damit sagen will: Es ist schon unter Leuten, die sich (professionell oder persönlich) damit auskennen ein sehr schwieriges Thema mit vielen Fallen und Stolpersteinen.
Daher finde ich es verständlich, wenn nicht-Betroffene ein Problem im Umgang damit haben. Es ist nicht immer böse gemeint.
Ein Therapeut, der in dem Bereich ausgebildet ist und kein Problem mit dem Thema hat, ist da der richtige Ansprechpartner, Unbeteiligte sollte man da vielleicht einfach raushalten, zum Schutz beider Seiten. Das Thema ist einfach zu vielschichtig.
Und falls man keinen Therapeuten hat, gibt es Telefonnummern, die man anrufen kann.

Seitdem ich es so handhabe, kann ich insgesamt besser und entspannter mit der Thematik umgehen. Wenn ich wieder Probleme bekomme, wende ich mich an professionelle Helfer, so bin ich auf der sicheren Seite.

Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute und hoffe, dass Du es auch langfristig schaffst, vom SVV wegzubleiben!

LG Silver

27.08.2021 02:56 • x 1 #4


Meteora
Meine Mutter hat genauso reagiert. Als Eltern macht man sich da Sorgen. Da meine Mutter extrem sensibel ist, hat sie auch viel mit Wut und emotionalem Missbrauch darauf reagiert, was zu noch mehr SVV geführt hat. Da solche Worte und Wut triggern können, gerät man dann in einen Teufelskreis.
Trigger

Mein Verhalten, das darin bestand, mich selbst zu schlagen, wurde scharf kritisiert und mir wurde eine düstere Zukunft vor Augen gemalt: "Du bist voll daneben.Du spinnst doch. So ein Verhalten geht nicht, das wird in der Gesellschaft nicht toleriert. Ich will, dass du einfach nur funktionierst." Ich habe es absichtlich offen vor anderen gemacht, damit sie mich nicht schlugen oder bestraften.


Aber sie hat auch mal geweint, dass das anderen Menschen wehtut, und dass ich nicht richtig leben würde, weil ich mich selbst so hasste. Sie ist mit Sicherheit selbst psychisch krank, aber genauso wie ein neurotypischer Mensch davon überfordert. Mein Vater hat es einfach geschehen lassen.

Ich weiß nicht, ob der Gedanke falsch ist, aber vielleicht erinnert so offenkundiger Selbsthass viele Menschen daran, dass sie gewisse Dinge an sich selbst auch hassen?

31.08.2021 15:20 • #5




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Univ.-Prof. Dr. med. Isabella Heuser