Ich habe mich hier sehr lange nicht mehr gemeldet. Ehrlich gesagt hatte ich in den vergangenen Monaten einfach sehr viel mit mir selbst und meiner Aufarbeitung zu tun. Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich bei meinem letzten Beitrag geschrieben habe, und ich wollte es jetzt auch bewusst nicht noch einmal nachlesen. Vom Forenteam kam allerdings die Nachricht, dass es schön bzw. hilfreich wäre, wenn ich mich noch einmal melden und ein bisschen erzählen würde, wie es weitergegangen ist.
Also: Hier bin ich. Und ich lebe.
Mein Prozess geht weiter, und wenn ich zurückblicke, merke ich, dass sich tatsächlich einiges verändert hat. Ich fühle mich heute auf jeden Fall deutlich stabiler als noch vor sechs Monaten – und auch stabiler als noch vor drei Monaten.
Nach wie vor kommen täglich starke Gefühlswellen. Auch die körperlichen Reaktionen und Entladungen sind noch da, aber sie haben sich verändert und sind insgesamt etwas sanfter geworden. Ich glaube, viele können sich unter „körperlicher Entladung“ nicht wirklich etwas vorstellen. Am Anfang war das bei mir teilweise ein Schlagen, Treten oder Schreien. Heute äußert es sich eher durch Dehnen und Strecken, Verkrampfungen, Zittern oder Schütteln. Für mich fühlt es sich so an, als müsse Spannung, die sich in meinem Körper angesammelt hat, einen Weg nach draußen finden. Wenn ich diese Reaktionen unterdrücke, merke ich dagegen sehr deutlich, wie sich die Spannung in mir aufstaut.
Deshalb bin ich inzwischen froh darüber, dass ich diese Vorgänge wahrnehmen und in einem sicheren Rahmen zulassen kann, auch wenn sie weiterhin sehr anstrengend sind. In meiner therapeutischen Begleitung habe ich gelernt, meinem Körper dabei zunehmend zu vertrauen und diese Reaktionen nicht sofort als etwas Bedrohliches oder „Falsches“ zu betrachten.
Auch die Gefühlswellen selbst haben sich verändert. Früher waren sie oft sehr diffus. Ich wurde beispielsweise von Angst und schlimmen Vorstellungen überschwemmt und konnte kaum verstehen, was eigentlich mit mir geschieht. Heute sind die Wellen sehr viel konkreter. Häufig kommen tatsächliche Erinnerungen, Zusammenhänge oder bestimmte Themen hoch, und ich kann viel besser greifen, worum es gerade geht.
Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die dabei auftauchen, und natürlich gibt es weiterhin viele Trigger. Besonders der Kontakt beziehungsweise alles, was mit meiner Familie zusammenhängt, kann sehr viel in Bewegung bringen.
Auch die Art, wie ich mit diesen Wellen umgehen kann, ist heute eine andere. Früher bestand ein großer Teil meines Tages eigentlich nur darin, irgendwie zu überleben und die nächste Welle durchzustehen. Abends war ich vollkommen erschöpft und froh, wenn endlich ein bisschen Ruhe eingekehrt ist.
Heute findet sehr viel mehr Verarbeitung statt. Ich rede unglaublich viel über das, was hochkommt. Zurzeit habe ich zwei therapeutische Sitzungen pro Woche und zusätzlich zwei Selbsthilfegruppen, und ich merke, dass ich diesen Austausch momentan wirklich brauche. Ich versuche nicht mehr nur, die Gefühle auszuhalten, sondern auch zu verstehen: Was ist damals passiert? Was habe ich daraus über mich selbst gelernt? Welche Gefühle gehören dazu? Was davon begleitet mich bis heute?
Das ist weiterhin ein sehr anstrengender Prozess.
Und trotzdem gibt es inzwischen etwas, das früher kaum vorstellbar gewesen wäre: Es gibt gute Phasen.
Einen ganzen Tag ohne eine Gefühlswelle gibt es bei mir bisher noch nicht. Aber zwischen diesen Wellen entstehen immer größere Räume. Und manchmal fühle ich mich in diesen Räumen tatsächlich fast gesund. Dann bin ich einfach da und lebe mein Leben.
Ich habe wieder einige Hobbys, denen ich zumindest zeitweise nachgehen kann. Gerade jetzt im Sommer hält mich meine Gartenarbeit sehr am Leben und macht mir unglaublich viel Freude. Ich merke wieder mehr Energie in mir und auch mehr Kreativität. Im Moment beginne ich sogar vorsichtig darüber nachzudenken, wieder etwas mehr sozialen Kontakt zu suchen.
Das sind für mich große Veränderungen.
Ich weiß natürlich nicht, wie lange mein Weg noch dauern wird. Und ich habe inzwischen auch gelernt, dass es vermutlich gar nicht den einen Weg gibt, der für alle Menschen richtig ist – gerade bei psychischen Erkrankungen und traumatischen Erfahrungen. Jeder Mensch muss seinen eigenen Zugang finden und herausfinden, was ihm wirklich hilft.
Für mich fühlt sich dieser Weg trotz aller Anstrengung weiterhin richtig an.
Es ist kein gerader Weg. Es gibt sehr schwere Wochen und wieder leichtere Tage. Es gibt Fortschritte und Phasen, in denen ich das Gefühl habe, überhaupt nicht voranzukommen. Aber wenn ich heute auf die vergangenen Monate zurückblicke, kann ich sehen, dass sich etwas bewegt hat.
Und vielleicht ist genau das im Moment das Wichtigste, was ich nach all den Monaten hier schreiben kann:
Ich bin noch da. Ich arbeite weiter. Und zwischen all der Aufarbeitung kommt langsam immer mehr Leben zurück.
Wenn man sich vorstellt wie lange ich jedentag traumatische Erfahrungen gemacht habe, dann ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass die Aufarbeitung so lange dauert. Darum heißt es wohl auch komplexes Trauma.
Es gibt Zeiten in denen ich keine Hoffnung mehr habe und das Gefühl habe ich kann es nicht mehr ertragen, doch ich Kämpfe weiter und plötzlich kommt wieder eine bessere Phase.
Auch wenn ich es manchmal nicht glauben kann, alle diese Gefühle kommen aus meiner Vergangenheit auch wenn sie sich so anfühlen als wären sie jetzt. Ich fühle nach was damals nicht gefühlt werden konnte. Ich versuche zu verstehen was ich damals nicht verstehen konnte. Ich gebe Raum und Halt für das Kind das ich einmal war und nähre nach.
Ich das dieser Thread jemandem Hilfreich sein kann.